Alzheimer-Medikament: Maximaler Aufwand für relativ geringen Erfolg vertretbar?

15.11.2025 17 Von Axel Schuller

Eine 83-jährige Frau erhält im Klinikum Bremen Ost erstmals ein Anti-Alzheimer-Medikament. Die Behandlung dauert 18 Monate lang. Die Schädigung des Gehirns lässt sich dadurch nicht zurückdrehen. Sondern: Der Verlauf der Krankheit wird im Erfolgsfall um maximal 6 Monate hinausgezögert. Ist eine derartige Behandlung (die zwischen 30.000 und 40.000 Euro kosten dürfte) ethisch und, ja, auch vertretbar? Liebe Leserschaft, ich weiß, ich bewege mich gerade auf dünnem Eis. Und: Ja, die Antworten hängen sehr eng mit dem Grad der eigenen Betroffenheit zusammen.

Wie ich auf dieses Thema komme, bei dem man sich speziell in Deutschland die Finger so sehr verbrennen kann?

Der Fall wurde vorige Woche im WK ausführlich beschrieben. Eine Frau berichtete von ihrem bisher wundervollen, langen Leben mit 38 erlebnisreichen Reisen rund um den Globus, das jetzt aber an Qualität verloren habe: Teilweise Orientierungslosigkeit und eingeschränkte Kombinationsfähigkeit von Zusammenhängen schränke sie ein. 

Alzheimer, häufigste Form der Demenz – das weiß ich aus meinem Freundeskreis der Ü-70-Generation – ist der blanke Horror. Wer bislang mit seinem „Kopf zufrieden“ ist, aber immer mal wieder „Sachen vergisst“, denkt zwangsläufig darüber nach, ob einen irgendwann der Verstand verlässt. So wie beispielsweise Ex-Wirtschaftssenator Josef Hattig, der als intelligenter Mensch tragisch in der Nacht der Demenz endete.

Gleichwohl muss es möglich sein, über den Sinn von Behandlungen nachzudenken. Sollte das Anti-Alzheimer-Mittel irgendwann den Krankheitsverlauf für eine deutlich längere Zeit (und somit eine Pflegebedürftigkeit) hinauszögern – dann her damit. Aber sechs Monate, damit ich noch eine Reise unternehmen kann?

Die Antwort darauf hängt sicher von der eigenen Betroffenheit ab. Wer jemanden in der Familie mit der gesicherten Diagnose Alzheimer hat, greift verständlicherweise nach jedem Strohhalm. 

Noch mal zum Fallbeispiel aus dem Klinikum Bremen Ost: Wäre es nicht glücklicher gewesen, das KBO hätte dem WK einen Erkrankten m/w im mittleren Alter von 50-plus präsentiert? Mit der Aussicht, noch ein wenig mehr Zeit zu haben, die Krankheit zu begreifen und rechtzeitig „alles zu regeln“

Das Thema, wie sinnvoll und vertretbar Medizin in all ihren Ausprägungen ist, beschäftigt unsere Gesellschaft in Wahrheit mehr als darüber gesprochen wird. Und wenn einer dazu seinen Mund aufmacht, kriegt er umgehend „einen druff“.

Hendrik Streeck, suchtpolitischer Beauftragter der Bundesregierung, wurde jüngst von seiner eigenen CDU-Bundestagsfraktion in den Senkel gestellt. Streeck hatte die Frage aufgeworfenen, ob man betagten, sehr alten Menschen noch extrem teure Medikamente verabreichen solle. 

Seine Überzeugung: Die medizinischen Selbstverwaltung (Ärzte, Krankenkassen, Krankenhäuser) benötige„klarere und verbindliche Leitlinien, dass bestimmte Medikamente nicht immer ausprobiert werden sollten – es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte“, sagte Streeck bei Welt-TV. 

Als Beispiel führte er seinen Vater an, der an Krebs gestorben war. Streeck: „Es wurde in den letzten Wochen, als er gestorben ist, so viel Geld ausgegeben. Und es hat nichts gebracht. Es wurden die neuesten Therapien aufgefahren. Es hat nichts gebracht.

Die CDU erstickte die Debatte umgehend. Vertreter anderer Parteien hatte gerade begonnen, ihre verbalen Fallbeile auszupacken. Der Bremer Linken-Bürgerschaftsabgeordnete Olaf Zimmer beschimpfte den Christdemokraten umgehend als „Widerling“

Das Thema, wann der Einsatz von extrem teurerer Medizin sinnvoll und vertretbar ist, findet (wenn überhaupt) in Deutschland stets vor dem gedanklichen Hintergrund der Nazi-„Medizin“ statt – mit Medikamenten-Versuchen an KZ-Insassen und dem Töten behinderter Menschen („Vernichtung lebensunwerten Lebens“).

Diese Vorbelastung steht einer rationalen Debatte im Weg, ob und wann es sinnvoll ist, bestimmte Behandlungen vorzunehmen.

Krankenkassen (und die Versicherten über ihre Beitrags-Zahlungen) leiden beispielsweise unter der teuren „Überversorgung am Lebensende“, soll meinen: Schlimmst Verletzte und auch hoch betagte Menschen werden häufig künstlich durch Maschinen am Leben erhalten, obwohl nur noch die körperliche Hülle versorgt wird. Ohne jede Aussicht auf irgendeinen Fortschritt oder gar auf Genesung. 

Aber: Ohne eindeutige Patientenverfügung und/oder Einigkeit der Angehörigen, dürfen Ärzte die Maschinen nicht abstellen. 

Ein anderes Feld, auf dem immense Kosten anfallen: 

Die Allgemeinheit, also die Krankenkassen, übernehmen selbstverständlich die Behandlungs-Kosten für COPD-Lungenkranke. COPD bewirkt teils heftige Luftnot. Ist es akzeptabel, dass einige dieser Erkrankten trotzdem weiterhin rauchen

Manche Behandlungen und Medikamente sind mittlerweile derart  teuer, dass die Krankenkassen einen „Risikopool“ gebildet haben. In diesen zahlen alle ein, um super-teure Behandlungen gemeinsam zu tragen; beispielsweise eine individuell hergestellte Spritze gegen einen Gendefekt (wie Spinale Muskelatrophie) für über zwei Millionen Euro.

Falls Sie, liebe Leserschaft, sich jetzt fragen: Was will uns der Autor sagen? 

Trotz aller ethischen Schwierigkeiten mit dem Thema, muss es  möglich sein, über die Grenzen der Medizin in bestimmten Situationen nachzudenken und sich an Lösungen heranzutasten, ohne gleich als Widerling, Menschenfeind oder sonst wie geschmäht zu werden.

Hendrik Streeck hat es vergeblich versucht, obwohl er –  vorsichtshalber(?) – auf seinen verstorbenen Vater verwiesen hatte.

Für den eigenen unausweichlichen Todesfall kann man übrigens (auch bereits in jungen Jahren) per eindeutiger Patientenverfügung vorsorgen; inklusive der Verfügung, Durst und Schmerzen auf jeden Fall zu unterbinden.

Liebe Leserinnen und Leser, ich freue mich auf Ihre Gedanken zum Thema (auch zum Missbrauch der „Abnehmspritze“) in – wie immer 🙂 – sachlichen Kommentaren.

Trotz alledem: Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller