Weser-Kurier – Eigentümer sind sich trotz Zoffs um Vorstand nicht immer spinnefeind
Die Situation erinnert an den US-Actionfilm „Unstoppable“ mit zwei aufeinander zurasenden Zügen: Die beiden Weser-Kurier-Eigentümervertreter Dr. Ulrich Hackmack und Christian Güssow sind sich weiter total uneinig, ob sie den Vertrag mit dem Allein-Vorstand der Bremer Tageszeitungen AG, David Koopmann, verlängern, oder zum Jahresende auslaufen lassen. Ohne Einigung auf den Vorstand, müsste ein Gericht einen „Notvorstand“ einsetzen. Für diesen Donnerstag, 20.11., ist eine Aufsichtsratssitzung bei der Tageszeitungen AG anberaumt.
Das Verhältnis zwischen den Eignern Güssow und Hackmack ist äußerst merkwürdig.
Einerseits gehen die Meinungen über die künftige Geschäftspolitik und die weitere Entwicklung des WK offenbar soweit auseinander, dass die Verlängerung des Vorstandsvertrages mit Koopmann aktuell als unwahrscheinlich gilt. Hackmack genießt im Verlag den Ruf des Bewahrers. Er hatte seinerzeit für Koopmanns Wiedereinstellung gesorgt, nachdem ihn Alt-Verleger Herbert C. Ordemann († 2018) rausgeworfen hatte.
Gleichzeitig wurde bekannt, dass die Bremer Tageszeitungen AG (Bretag) sich am Kaufpoker um den Verlag der Nordwest-Zeitung beteiligt hatte. Dazu mussten Hackmack und Güssow am selben Strang – und zwar in eine Richtung – ziehen.
Dafür, dass der Weser-Kurier viele Jahre (offiziell) rote und zuletzt geringe schwarze Zahlen (Gewinn laut Bilanz von 2023: 1,43 Millionen Euro) geschrieben hat, erscheinen die Zahlen, um die es beim möglichen Kauf des Oldenburger Nordwest-Verlages ging, „interessant“.
Laut dem Fachmedium „Kress“ hatte der Nordwest-Mediengruppe 2023 einen Umsatz von 111,7 und einen Jahresüberschuss von 6,86 Millionen Euro erwirtschaftet. In der Branche, so Kress, rechne man heutzutage (da das Zeitungsgeschäft unter Druck steht) mit Verkaufspreisen vom 3,5- bis 5-fachen des Verlagsgewinns. Das würde im Fall des Nordwest-Verlages bedeuten: 24 bis 34 Millionen Euro. Mitbieter waren laut Kress die Neue Osnabrücker Zeitung, Ippen (Kreiszeitung Syke, Münchner Merkur, Frankfurter Rundschau u.a.) und „die Bremer Tageszeitungen, u.a. Weser-Kurier“. Das Rennen hat am Ende der Madsack-Konzern (Hannover) mit einem Angebot von angeblich 50 bis 55 Millionen Euro gemacht.
Die Tatsache, dass sich Hackmack und Güssow im Bieterverfahren offenbar einig waren, lässt für die aktuelle Blockade beim Koopmann-Vertrag nur einen Schluss zu: Der eine (Hackmack) will mit Koopmann weitermachen, der andere (Güssow) ihn loswerden. Offenbar auch um den durchaus Aufsehen-erregenden Preis, interimsmäßig einen gerichtlich eingesetzten Notvorstand im Haus zu haben.
Grundsätzlich stellt sich aktuell freilich die Frage, welcher ernstzunehmende Manager vor dem Hintergrund der internen Auseinandersetzungen um den Vorstandsposten überhaupt bereit wäre, den Job zu übernehmen.
Werfen wir zum Schluss noch einen Blick auf die jüngsten Auflagenzahlen des WK.
Der Verkauf ging im 3. Quartal 2025 auf 96.249 Exemplare zurück (3/2024: 102.152). In dieser Zahl enthalten sind 21.941 e-Paper (20.885 in 3/204) und 5.774 sogenannter „paid content“ (4.790 in 3/2024).
Fazit: Dem WK hätte der Kauf der Nordwest-Zeitung mit einer Auflage von rund 100.000 Exemplaren und der räumlichen Nachbarschaft wohl weiterhelfen können: Beide Verlage sind bereits bei IT-, Controlling- und Personal-Abteilungen eng verbunden. Will der WK nach Verkauf der Nordwest-Zeitung an Madsack seine „Innereien“ nicht dem Konzern in Hannover preisgeben, steht ein aufwendiges Auseinanderflöhen der bislang verbundenen Abteilungen in Bremen und Oldenburg an.
In der Bremer Politik herrscht mittlerweile wachsendes Unverständnis über die internen Querelen beim WK vor. Immerhin verfügt das Blatt in der Hansestadt fast über eine Monopol-Stellung.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Liebe Leserinnen und Leser, ich möchte mich noch bei Ihnen bedanken: Für die vielen, sachlichen und erkenntnisreichen Kommentare aus Ihren Reihen zum vorigen Blog über Alzheimer und die Frage: Welche Behandlung bis zu welchem Zeitpunkt vertretbar erscheint? Ganz ehrlich: Ich hatte beim Schreiben des Textes Schiss, in einer unpassenden Schublade zu landen. Danke, dass Sie mich nicht dorthin verfrachtet haben, sondern sehr konstruktiv kommentiert haben. Als beglückend empfinde ich es, wenn ein Kommentator dem anderen (m/w) konkrete Tipps gibt. Toll: bremensogesehen als interaktives Medium!
Danke für diese interessante Info zum WK-Vorstand. Sehr wichtig, da der WK ja solche Interna nicht über sich selbst berichtet.
Liebe Frau da Rocha, es ist doch vollkommen klar, dass sich die sonst so vielen Kommentatoren bei dem so excellent von Herrn Schuller geschriebenen Blick „durchs Schlüsselloch/hinter die Kulissen“ zurückhalten! Denn die zumindest „politisch Aktiven“ wollen es sich offensichtlich nicht mit dem Weser Kurier „verderben“.
Sind sie doch oft genug Gegenstand der Berichte im WK! Herrn Schuller gebührt Dank für die Offenlegung der Zahlen und Zusammenhänge….
und für seinen Mut, Themen anzugehen, mit denen man durchaus anecken kann! (siehe den vorherigen Block)
„Immerhin verfügt das Blatt in der Hansestadt fast über eine Monopol-Stellung.“ 2009 haben die angeblich noch über 60 % der Bremer erreicht und heute nur noch 16 %. Da gibt es scheinbar attraktivere Medienangebote.
Was bietet der WK dem Leser? dpa-News, die es überall kostenlos gibt, Sport, Propaganda und Werbung. Warum soll man dafür zahlen? Das ist die Frage, die ich mir immer stelle, wenn ich mal am Pressehaus vorbeikomme und in der aktuellen Ausgabe im Schaukasten blättere.
Es ist ja auch nicht anzunehmen, dass es besser wird, denn eine gute Zeitung muss eine kritische, geradezu feindselige Haltung gegenüber Machtstrukturen haben. Wie es zum Beispiel die Zeitung Demokratischer Widerstand aus Berlin macht. Eines ist klar: Diese beiden Besitzer werden nicht zum Neujahrsempfang des Senats eingeladen – die vom WK schon, oder?