Peitgen: Politik verharmlost Mega-Investitionen für die Energiewende / Stures Bremen

23.12.2025 17 Von Axel Schuller

Bremen will besser sein als andere. Während die EU die CO2-Losigkeit für 2050 proklamiert, peilt der Bund das Jahr 2045 an. Bremen, so will es die Bürgerschafts-Mehrheit, soll bereits 2038 Klima-neutral sein. Die swb AG richtet sich darauf ein, den Bremer Gaskunden 2038 knallhart den Gashahn zuzudrehen. Haben die handelnden Bremer Politiker auch nur einen Gedanken darauf verschwendet, was dies real für die Bevölkerung bedeutet? 

bremensogesehenhat (erneut) Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen um eine Einschätzung gebeten. Sein erschütterndes Fazit: „Es ist unbegreiflich, dass Bremen als ärmstes Bundesland stur an dem Ziel festhält, bereits 2038 klimaneutral zu sein, statt zu energiepolitischer Vernunft zu finden.“

Liebe Leserschaft, ich hatte Ihnen Peitgen bei Erscheinen seines viel beachteten Beitrages zum Thema Wasserstoff/grüner Stahl vorgestellt. Der emeritierte Bremer Prof. gehört inzwischen in einer angesehenen Gruppe von Wissenschaftlern und Unternehmern aus Österreich, der Schweiz und Deutschland an. Der Kreis nennt sich „4Pi Solutions“,er tritt vehement für die Energiewende ein, sucht aber nach praktikablen Wegen der Umsetzung. 

Liebe Leserinnen und Leser, nachfolgend Peitgens Text, in dem er nachweist, dass die von Bürgerschaft und Senat beschlossene Klimaneuralität rechnerisch und damit auch praktisch nicht möglich ist.

Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen schreibt

Abschied vom Gasnetz – aber wie?

„Abschied vom Gasnetz zeichnet sich ab“, titelte der Weser-Kurier am 23. Dezember. Eine frohe Botschaft für alle, die noch an die deutsche Energiewende glauben. Gemeint ist: Gasnetzbetreiber sollen ihren Kundinnen und Kunden zehn Jahre vorher mitteilen, wann die Gasversorgung endet – damit diese rechtzeitig umsteigen können.

Da Bremen bereits 2038 klimaneutral wirtschaften will, wird es also höchste Zeit, mit der Abschiedsplanung in die Puschen zu kommen.

Wie realistisch ist ein Ausstieg aus Gas bis 2038?

Schauen wir nur auf die Wärmeversorgung im privaten Gebäudebestand in Bremen. Meine Zahlen sind grobe Überschläge, aber sie treffen die Größenordnung.

  • Private Haushalte in Bremen verbrauchen heute insgesamt etwa 1 TWh (Terrawattstunden) Strom pro Jahr.
  • Wenn man die wenigen Stadtteile mit Fernwärme und die mit  Ölheizungen ausklammert, müssten in einem konsequenten „Abschiedsszenario“ wohl rund 50 % der Häuser und Wohnungen von Gas auf Wärmepumpen umstellen.

Wärmepumpen heißen so, weil aus 1 kWh (Kilowattstunden)  Strom mehrere kWh Wärme erzeugt werden. Rechnen wir grob vereinfachend:

  • 50 % der Bremer Haushalte entsprechen etwa 187.000 Haushalten.
  • Durchschnittlicher Wärmebedarf: rund 15.000 kWh pro Jahr und Haushalt.
  • Das ergibt einen jährlichen Wärmebedarf von etwa 2,8 TWh. (Dazu kommen natürlich noch Gewerbe- und Industriekunden, die ich außen vor lasse.)
  • Unterstellen wir eine Jahresarbeitszahl von 3 (also 1 kWh Strom → 3 kWh Wärme), dann bräuchten die Wärmepumpen fast 1 TWh Strom.

Mit anderen Worten:
Allein die Wärmepumpen würden den Stromverbrauch der Bremer Haushalte ungefähr verdoppeln. Energetisch gesehen wäre Gas ersetzt, aber der elektrische Energiebedarf und das Stromsystem würden massiv wachsen.

Das eigentliche Problem: Leistung, nicht nur Energie

Noch kritischer ist die Leistungsseite – also die Frage: Wie viel Strom muss gleichzeitig bereitstehen?

An kalten Wintertagen laufen Wärmepumpen in vielen Haushalten gleichzeitig und zudem bei schlechterem Wirkungsgrad. Für diese Situationen muss das Netz dimensioniert werden.

Meine grobe Abschätzung:
Die bisher benötigte maximale Leistung von etwa 800 MW müsste auf rund 1.800 MW anwachsen – also mehr als eine Verdopplung.

Photovoltaik auf den Dächern hilft in dieser Situation nur sehr begrenzt:

  • nachts scheint keine Sonne
  • an kalten, trüben Wintertagen liefern PV-Anlagen nur wenig Strom
  • Batteriespeicher im nötigen Maßstab wären extrem teuer und für saisonale Speicherung ungeeignet.

Und das ist noch nicht alles:
Um das Verbrenner-Aus zu erfüllen, werden in diesen Jahren zusätzlich sehr viele batterieelektrische Fahrzeuge unterwegs sein – ein weiterer dicker Brocken für das Stromnetz.

Das heutige Verteilnetz in Bremen ist für solche Spitzenleistungen schlicht nicht ausgelegt. Es müsste komplett bis in die Hausanschlüsse hinein verstärkt werden. Das würde gigantische Investitionen erfordern, die letztlich über stark steigende Netzentgelte bei den Haushalten landen.

„Das macht das Lastmanagement?

Grüne Expertinnen und Experten werden kontern, man könne all das durch intelligentes Lastmanagement lösen. Ich möchte nicht derjenige sein, der 2038 in einer eisigen Februarnacht erklärt, warum Tausende Bremerinnen und Bremer in einer Art „Stromschlange“ stehen, um abwechselnd heizen oder laden zu dürfen, oder im Kalten einige Nächte verbringen.

Parallel dazu wird häufig die Fernwärme als Heilsversprechen präsentiert – ohne zu erwähnen, dass sie heute überwiegend aus Müllverbrennung mit erheblichem CO₂-Ausstoß stammt. Künftig müsste auch Fernwärme nahezu CO₂-frei sein. Wodurch? Durch Großwärmepumpen, natürlich. Das verschiebt das Problem nicht, es verstärkt es zusätzlich. Fernwärmekundinnen und -kunden dürften sich bei Netzausbau und Umstellung auf Großwärmepumpen auf deutliche Preissteigerungen einstellen.

Fazit:

Die Planung, das städtische Gasnetz abzuschalten, ist ein weiteres Beispiel für eine planwirtschaftlich gedachte Energiewende, die – je weiter sie voranschreitet – den Bürgerinnen und Bürgern immer höhere Lasten aufbürdet. Wie man das bei der aktuellen, öffentlichen Haushaltslage sozial austarieren will, ist mir völlig rätselhaft. Warum Bremen als ärmstes Bundesland dennoch stur an dem Ziel festhält, bereits 2038 klimaneutral zu sein, statt zu energiepolitischer Vernunft zu finden, bleibt unbegreiflich – zumal absehbar ist, dass dadurch private wie öffentliche Haushalte zusätzlich und vermeidbar belastet werden, mit der Folge, dass die Defizite in Bildung, Infrastruktur und Gesundheit sich unnötig verschärfen.

Prognose:

Ich glaube nicht, dass es so kommt, wie es heute auf dem Papier steht. Und ich habe den Eindruck, dass die Verantwortlichen das insgeheim wissen. Sie scheuen aber davor zurück, offen einzugestehen, dass ihre Energiepolitik, je konsequenter sie umgesetzt wird, immer stärker ins Straucheln gerät.

Viele Bürgerinnen und Bürger spüren das längst und fragen sich, warum die Politik hier nicht ehrlich ist. Ich sehe eine Parallele zur Migrationspolitik, in der über mehr als ein Jahrzehnt Probleme verharmlost oder geleugnet wurden – mit dem Ergebnis, dass sich ein erheblicher Teil der Wählerschaft nach rechts abgewandt hat.

Ich fürchte, eine völlig unrealistische Energiepolitik kann ähnliche Dynamiken auslösen.

Schlußbemerkung: 

An einem eisigen Wintertag liefert das Bremer Gasnetz eine Leistung von rund 2.500 Megawatt, das Stromnetz dagegen nur etwa 800 Megawatt. So stark sind Moleküle, wenn es um Transportfähigkeit geht. Besonders drastisch wird das im Vergleich von Pipeline und Hochspannungsleitung: Eine Gasleitung mit einem Durchmesser von einem Meter kann mehr als das Zwanzigfache der Energiemenge transportieren wie eine 380-kV-Höchstspannungsleitung mit 3-GW-Kapazität. Das macht deutlich: Der notwendige Ausbau der Stromnetze verursacht ein Vielfaches der Infrastrukturkosten im Vergleich zur Versorgung mit Molekülen. Wer sich für ein „all electric“-System entscheidet, muss sich dieser physikalischen Realität stellen – die politischen Konsequenzen offen benennen und bereit sein, sie zu verantworten. 

Meine stille Hoffnung ist, dass jene, die sich traditionell für die Interessen der arbeitenden Bevölkerung verantwortlich fühlen, sich dieser Verantwortung wieder bewusst werden – denn diese Energiewende trifft die Menschen nicht nur hart in ihren Haushalten, sondern ebenso an ihren Arbeitsplätzen.“

Liebe Leserschaft, das waren jetzt keinesfalls besinnliche Gedanken zu Weihnachten, sondern knallharte Fakten. Mögen diese die zuständigen Politiker zur Besinnung bringen.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Bitte schauen Sie sich auch die Dokumentation „WK-Betriebsrat…“ vom heutigen Tag an. Steht direkt unter diesem Blog-Stück.