Bayerns Zorn auf zu viele (teure) Länder ist durchaus nachvollziehbar

15.01.2026 19 Von Axel Schuller

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder fordert, die Zahl der Bundesländer zu reduzieren. Söder hat zwar Recht, desavouiert sein Bemühen aber selbst, indem er dies wiederkehrend fordert, statt sein Ziel politisch stringent zu verfolgen. Die Gegenwehr von Bremens Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) entbehrt nicht einer gewissen Komik. Er führte den Faktor „Heimat“ in die Debatte ein. Damit dürfe man nicht spielen. Nur mal nebenbei: Dem zehnköpfigen Bremer Senat gehört mit Finanzsenator Björn Fecker gerade mal ein geborener Bremer an.

Söder wird in diesen Tagen mit seiner Forderung zitiert, kleine und nicht aus eigener Kraft lebensfähige Bundesländer müssten in größeren Einheiten aufgehen. So wie es bereits in Bayerns Klage gegen den Länderfinanzausgleich eingeflossen ist.

Der Regierungschef hat bei der CSU-Klausurtagung aber mehr vorgeschlagen. So fordert er die Einrichtung einer Förderalismus-Kommission, welche die föderale Konstruktion der Bundesrepublik unter die Lupe nehmen soll. Außerdem wünscht er mehr Steuer-Autonomie für die Länder: Sie solle jedes Land die Höhe der Erbschaftssteuer selbst festlegen dürfen. Und bei der Einkommensteuer solle jedes Land zwei Prozent „mehr oder weniger“ verlangen können. Söders Ziel: Stärkung des Standortwettbewerbs. 

Wie in den Schweizer Kantonen müssten dann Politik und Verwaltung um die günstigsten Rahmenbedingungen für die Bürger wetteifern.

Liebe Leserschaft, das Thema ist schwierig, weil überwiegend nur für Experten durchdringbar. Und dennoch ist es wichtig.

Denn was nützen das von Bovenschulte bemühte Heimatgefühl und die Identifizierung der Bevölkerung mit ihrem jeweiligen Bundesland, wenn es hinten und vorne nicht reicht.

Wofür kämpfen wir (auch ich bin nur ein Zugereister) Bremer eigentlich?

Dass wir weiterhin das (maßgeblich von den jeweiligen  Bundesländern bestimmte) Schulsystem mit den schlechtesten Ergebnissen behalten?

Dass wir als Land eine Arbeitslosigkeit weit über dem Bundesdurchschnitt haben?

Dass wir mit die meisten Straftaten im Land haben – obwohl die Polizei -zigtausend Überstunden vor sich herschiebt?

Dass unsere Verwaltung aufgebläht und vermutlich schlecht organisiert ist?

Apropos Bürokratie: Die „Verwaltung“ der Bremischen Bürgerschaft ist mittlerweile auf über 70 Stellen Vollzeitstellen angewachsen. Das (nach meiner Erinnerung) erst unter Präsidentin Antje Grotheer eingerichtete Referat „politische Bildung“ (zur Betreuung von Schulklassen) sucht aktuell Verstärkung. „Zur Unterstützung“ der Referentin wird unbefristet mit voller Stelle ein „pädagogischer Mitarbeiter“ gesucht. Bezahlt – Achtung: festhalten – wie ein Gymnasiallehrer (A 13).

Da bleibt einem „die Spucke weg“. Die Abgeordneten genehmigen sich für den eigenen Apparat Mittel nach dem Motto: Wir haben zwar kein Geld, aber das geben wir fröhlich aus.

Die Kontrolleure der Regierung eifern da leider der Regierung nach. 

Stellen-Wachstum kennt man – beispielsweise – im Rathaus und im Arbeitsressort gut. Ich erinnere nur an die zusätzlichen Stellen für die FreiKarte und den Ausbildungsfonds.

Kommen wir aber zum Kern zurück.

Bremen wäre aufgrund seiner Kleinheit und die Art der Steuerverteilung ohne Hilfe von Außen nicht lebensfähig.

Was wir alles von anderen erhalten:

Aus dem „Finanzkraft-Ausgleich“ (früher Länderfinanzausgleich genannt) flossen 2024 exakt 924,7 Millionen Euro an die Weser. 

Dies ist der Topf, in den Bayern 9,78 Milliarden Euro, Baden-Württemberg 5 Milliarden, Hessen 3,74 Milliarden und Hamburg 106 Millionen Euro 2024 eingezahlt haben.

(Welche Länder neben Bremen in welcher Höhe davon profitierten, erläutere ich weiter unten.)

Bremen erhielt im genannten Jahr außerdem: 423,9 Millionen aus der „Allgemeinen Bundesergänzungszuweisung (BEZ)“.

60,3 Millionen Euro aus einem Sondertopf der BEZ – „Kosten der politischen Führung“.

Macht unterm Strich: 1,408,9 Milliarden Euro.

Weil es Bremen mit seiner Verschuldung in Höhe von fas 25 Milliarden Euro (pro Kopf: rd. 35.000 Euro) finanziell weiter schlecht geht, überweisen Bund und Länder sogenannte „Sanierungshilfen“ jährlich in Höhe von 400 Millionen Euro.

Trotz alledem benötigt Bremen jedes Jahr neue Kredite, um den Haushalt von rund 6 Milliarden Euro auszugleichen.

Dass Söder da auf den Gedanken kommt, Bremen (und das Saarland) abschaffen zu wollen – ist nicht ganz überraschend. Immerhin bringt Bayern (bei einem eigenen Landeshaushalt von rund 77 Milliarden Euro) etwa die Hälfte der gesamten „Finanzkraft-Ausgleichssumme“ auf.

Das ist die eine Seite der Medaille.

Nun die andere: Würde Bremen seine Selbstständigkeit aufgeben und im Land Niedersachsen aufgehen, dann würde das – so das Finanzressort auf meine Anfrage – viel Geld kosten.

Ich zitiere die Antwort der Finanzbehörde auf meine entsprechende Anfrage:

„Mit einem Verlust der Selbständigkeit würden die finanziellen Probleme auf Grund der Wirkungen im Finanzausgleich größer. Eine Zusammenfassung Niedersachsens mit der Freien Hansestadt Bremen in einem Nordweststaat hätte erhebliche Auswirkungen auf die Ergebnisse des Finanzausgleichs. Für einen neuen Nordweststaat ergäben sich Verluste gegenüber der bisherigen Trennung in die eigenständigen Länder. 

Insgesamt hätten einem Nordweststadt 2024 unter der geltenden Rechtslage rund 1,264 Milliarden Euro weniger zur Verfügung gestanden als den beiden Ländern Niedersachsen und Bremen aktuell zusammen.“

(…)

Die Kosten der Bremer Kleinheit betragen laut Finanzressort derzeit „etwa 75 Millionen Euro, die bei einer Zusammenfassung der Freien Hansestadt Bremen mit Niedersachsen in einem Nordweststaat verlustmindernd zu berücksichtigen wären. Dadurch würde sich der jährliche Verlust für ein gemeinsames Land auf 1,188 Milliarden Euro reduzieren.“

Und die Finanzbehörde weist noch auf einen anderen Aspekt hin:

 „Ein Verlust der Selbständigkeit Bremens würde für Norddeutschland auch den Verlust von 3 Stimmen im Bundesrat bedeuten und damit einen geringeren politischen Einfluss zur Folge haben.“

Wie versprochen hier die Bundesländer und Summen (in 2024), die neben Bremen vom Finanzausgleich der Länder profitieren:

Berlin erhielt 3,943 Milliarden; Sachsen 3,252 Milliarden; Thüringen 2,043 Milliarden; Sachsen-Anhalt 1,816 Mrd; Niedersachsen 1,537 Mrd; Brandenburg 1,442 Mrd; Mecklenburg-Vorpommern 1,428 Mrd;Nordrhein-Westfalen 847 Millionen Euro; Saarland 630 Millionen; Rheinland-Pfalz 524 Mio; Schleswig-Holstein 267 Mio.

Noch einmal: Dass insbesondere Bayern mit diesem System unzufrieden ist, kann man – nüchtern betrachtet – nachvollziehen. Zumal, wenn sich Länder wie Bremen Extras wie die FreiKarte für alle 0- bis 18-Jährigen (pro Nase und Jahr 60 Euro) leistet – die bayrischen Kinder und Jugendlichen indes leer ausgehen.

Was ich nicht unterschlagen will. Unser Bürgermeister lobt in seinem Contra zu Söders Vorstoß, Bremen sei keineswegs  schwach. Dem WK sagte er: „Wir sind Space City Nr. 1 in Deutschland, liegen beim Bruttoinlandsprodukt hinter Hamburg auf Platz zwei der Bundesländer und über unsere Häfen würden viele Produkte auch aus Bayern exportiert.

Korrekt. Seit der Änderung der Lohnsteuerverteilung in 1970 (sorry: hier stand zunächst versehentlich 1978) verliert Bremen viel Geld durch die 120.000 Pendler (überwiegend aus dem Umland), die ihre Lohn- und Einkommenssteuer am Wohnort entrichten. Allerdings hatte Bremen in den Nachkriegsjahren viele ärmere Menschen angezogen, indem damals vorrangig Sozialwohnungen gebaut wurden. Frei nach dem Motto: „Mit heißem Herzen in die Pleite“. Und: Nach der Öffnung der Grenzen durch die Regierung Merkel hat Bremen deutlich mehr Migranten, insbesondere unbegleitete Minderjährige aufgenommen und hier behalten. Was immer noch horrende Kosten verursacht. Speziell der letzte Punkt fällt unter „hausgemachte Probleme“. 

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Aktuell kann ich nicht ausschließen, dass ich Sie bereits am Wochenende mit einer erhellenden Dokumentation behelligen werde. 🙂