Warum so distanz- und kritiklos, wenn’s um Linke und Grüne geht?

17.01.2026 12 Von Axel Schuller

Ganz ehrlich: Manchmal ist es von Vorteil, „Kaltblüter“ zu sein, also über ein ruhiges Gemüt zu verfügen. Ansonsten löst die Lektüre unseres Heimatblattes (Eigensicht: „Unsere geschätzte Qualitätszeitung“) zeitweise eine Spontan-Wandlung zum „HB-Männchen“ aus. Distanzlose Berichte über erkennbar politisch motivierte Umfragen zum ÖPNV etwa sorgen für Blutdruck wie auch kritiklose Erzählungen vom Klimaschutz. Und dann tut sich auch noch der Chefredakteur mit krassen Anti-Leser-Kommentaren hervor. Will man dafür ohne Not 50,90 Euro abdrücken? 

Liebe Leserschaft, eigentlich ödet es mich mittlerweile an, Kollegen der einzigen Tageszeitung immer wieder den Spiegel vorzuhalten. Aber: Radio Bremen, Weser Report und Kreiszeitung versagen sich jeder kritischen Medienbetrachtung. Schade. Dabei kann man aus Fehlern ja durchaus lernen. Das muss man aber wollen. Der neue WK-Chefredakteur Benjamin Piel überschlägt sich schier im neuen Job. Dennoch findet zuweilen haarsträubender Unfug den Weg ins Blatt. Er selbst gibt zuweilen ebenfalls Rätsel auf.

Beispiele:

Der Artikel über eine Pressekonferenz der Linken zum ÖPNV. Zeitweise war ich tatsächlich versucht, Passagen des Artikels über eine Befragung zum ÖPNV mit dem Wortlaut der Presseerklärung der Linken abzugleichen. So copy-and-paste-mäßig. Hab ich mir dann aber doch verkniffen.

Die Überschrift „60 Prozent der Bremer für einen ticketlosen ÖPNV“ weckte sofort Zweifel an der Seriosität des Artikels. Der Bericht ist maximal distanzlos geschrieben. Dabei wirft schon ein kurzer Blick in die Umfrage-Unterlagen Fragen auf. 

Die 1.000 online Befragten ab 16 Jahren mussten sich – beispielsweise – selbst einordnen, ob sie der „Oberschicht, Mittelschicht, Unterschicht“ angehören. Wozu?

Auch wurde nach der Gesinnung gefragt: Verorten Sie sich„rechts der Mitte, Mitte, links der Mitte“?

Wozu?

Bei der „Auswertung“ kann man dann eine politische Stoßrichtung erahnen. Nach der Lesart: Mit dem Auto fahren deutlich mehr alte Männer der Oberschicht, als junge Frauen der Unterschicht.

Das hilft jetzt echt weiter…

In der Anlage zur Linken-Umfrage tauchen außerdem überraschende Zahlen auf, die merkwürdigerweise nicht den Weg in die Berichterstattung fanden.

Demnach hatten 52% noch nix vom „ticketlosen ÖPNV“ gehört. Gleichwohl sprachen sich 60% – dank einer Spontan-Eingebung? – dafür aus. 

Die Linken ließen „INSA“ auch erforschen, ob die Menschen bereit seien, höhere Parkgebühren zu zahlen, damit der ÖPNV ausgebaut werden könne. 

„Überraschendes“ Ergebnis: 62% der befragten Mittelschichtler sagen: Nein. 50% der Unterschichtler lehnen dies ebenfalls ab. In der „Oberschicht“ hielten sich Befürworter und Ablehnen die Waage.

Diese Fakten sind unserer „geschätzten Qualitätszeitung“ leider keine Zeile wert. Das Blatt „bewahrte“ uns ebenfalls vor der sofort laut einsetzenden Kritik von CDU und FDP. Na, schönen Dank auch.

Ein anderes Beispiel:

Der erfahrene ChefreporterJürgen Hinrichs ließ sich jüngst in derart weltfremder Manier über den aus seiner Sicht mangelnden Klimaschutz aus, dass ich kurz überlegt habe, ob der Kollege sich auf seine alten Berufstage den Grünen mehr verpflichtet fühlt als den zahlenden Leserinnen und Lesern des WK.

Grund: Sein Leitartikel über den gescheiterten gemeinsamen Plan von Grünem Umweltressort und HanseWasser, einen ollen Bunker an der Parkallee zu einer Zisterne umzubauen. Senat und (noch)-privatwirtschaftlicher Abwasserbetrieb hatten 2025 den gemeinsamen Plan vorgestellt, künftig Regenwasser im Bunker aufzufangen und anschließend peu à peu ins Netz einzuspeisen.

Der Bund sollte – wie man es in Bremen so gerne hat – einen ordentlichen Batzen der Kosten übernehmen. Doch Bremen stand plötzlich allein auf weiter Flur. Der Bund will nicht zahlen, weil diese Bunker-Zisternen-Idee bundesweit wohl kaum Nachahmer finden würde.

Umweltressort und HanseWasser zogen daraufhin konsequenterweise die Reißleine.

Und der Herr WK-Chefreporter reagierte wie geradezu persönlich beleidigt. Es sei ein Unding, klagte er, dass HanseWasser das Projekt nach anderthalb Jahren einfach „sang- und klanglos“ beerdige. Sein „Auftrag“ lautete: „HanseWasser muss liefern“.

Was er leider zu erwähnen vergaß: Wenn eine Firma, die sich über Abwassergebühren finanziert, einen Millionen-teuren Umbau ohne Zuschüsse wuppen will, geht das nur – ja, richtig – über höhere Gebühren, die den Kunden in Rechnung gestellt werden. Mensch Hinrichs, darüber würden sich die Betroffenen bestimmt tüchtig freuen.

Was der WK-Kollege bei seinem Appell für mehr Klimaschutz in Bremen dagegen völlig außer Acht ließ: Senat und Bürgerschaft träumen zwar vom klimaneutralen Bremen ab 2038 – verfügen bislang aber nicht einmal über konkrete Unterlagen, wie viel Energie, in welchen Zeiträumen und wo in den zahlreichen öffentlichen Gebäuden zum Heizen verbraten wird. Für die Isolierung der städtischen Immobilien samt neuer Fenster fehlt häufig das Geld; für Solaranlagen auf vielen  Dächern sowieso.

Solch weltfremde und Grün-gefärbte Glaubensartikel gehen mir – sorry – einfach nur noch auf den Senkel.

Ja, und dann ist da seit einem Jahr Chefredakteur Benjamin Piel. Sein gestriger Newsletter an die Abonnenten mit Plädoyer fürs Turban-tragen bei der Polizei verdient eine Auszeichnung: „außerordentlich besonders“. 

Während Piel sich tatsächlich dafür ins Zeug legt, Turban und anderen religiösen Kopfbedeckungen im Streifenwagen den Hauch von Normalität zu verleihen, läuft die Leserbriefseite am selben Tag fast über von Äußerungen strikt gegen diesen von Grünen und Linken betriebenen Diversitäts-Unfug. 

Liest der Chef das eigene Blatt nicht? Oder ist Piel so furchtlos? Immerhin dürften die Leserbrief-Schreiber in Bremen zum immer kleiner werdenden „Stamm der Abonnenten“ gehören.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Liebe Leserschaft, ich empfehle, unbedingt die Kommentare zum vorigen Stück über Söders Sicht auf kleine Länder zu lesen. Ich freue mich immer wieder über den regen Austausch zwischen den Kommentatoren.