Können Bremer Regierungs-Linke Reichinnek-Fans „einfangen“?

19.02.2026 8 Von Axel Schuller

Den Bremer Linken steht ein spannendes Wochenende bevor. Die Regierungspartei wählt einen neuen Landesvorstand. Das Besondere: Dr. Christoph Spehr (62) kandidiert – weil über 8 Jahre im Amt – nicht mehr für den Landesvorsitz. Dabei gehört er – möglicherweise auch dank seiner lebenspartnerschaftlichen Verbindung mit Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard – zu den pragmatischeren Kräften in der manchmal sehr fundamentalen Partei. Meine Prognose: Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) wird an seinem Koalitionspartner künftig noch mehr „Freude“ haben. 

Die Linken spielen in der Bremer Politik häufig eine sperrige Rolle. Bei Thema der Asyl- und Migrationspolitik (inkl. Bezahlkarte) hat die Partei mehrfach ein Bremer Ja im Bundesrat durch ihr Veto verhindert. Die vom früheren Innensenator gewünschte Ausstattung jedes Streifenwagens mit Elektro-Schockern – haben die Linken verhindert.

Jüngst fühlte sich Bovenschulte genötigt, die Partei zu einer Distanzierung von linksextremen Kräften aufzufordern. Co-Fraktionschef Nelson Janßen gab zwar die Anti-Gewalt-Erklärung ab. Aber die Fraktion will sich offenbar nicht von einem Mitarbeiter trennen, der der „Interventionistischen Linken“ angehört. Dabei wird dieser dem linksextremen Lager zugerechneten Gruppierung der Farbanschlag auf das Privathaus des obersten Verfassungsschützers angelastet. 

Aber Bovenschulte hält an der Koalition mit den Linken (und Grünen) fest, weil ihm sonst nur die CDU als Partner bliebe. Und die will er partout nicht am Senatstisch haben. Einmal AStA-Vorsitzender, immer AStA-Vorsitzender (vom Sozialistischen Hochschulbund)?

Die Union verstärkt ihren Druck auf die Landesregierung mit Misstrauensvoten gegen die Linken Senatorinnen, weil die Linken nach CDU-Ansicht nicht mehr als Regierungspartei tragbar seien.

Die Linken beginnen allmählich mit ihren teils radikal klingenden Vorbereitungen auf die Bürgerschaftswahl im Mai 2027.

Noch lässt sich schlecht abschätzen, wie sich der vermutlich künftige Co-Landesvorsitzende Max Petermann (neben Anna Fischer) in die Regierungsabläufe einfügen wird. Insider erwarten, dass er den teilweise ausgleichenden Kurs von Spehr nicht in dieser Form fortsetzen wird. 

Dem Vernehmen nach finden in den Reihen der Linken gerade Kämpfe um den künftigen Kurs statt. Heidi Reichinnek, Fraktionschefin im Bundestag, wirkt mit ihrer Art der Oppositionspolitik – Mietendeckel, Umverteilung von Reichtum – auf junge Wähler anziehend. Dies hat den Bremer Linken eine Verdoppelung der Mitgliederzahl auf über 1.800 Köpfe beschert. Eingetreten sind auch junge Leute, die womöglich linker als die Linken denken.

Die Partei ist so groß geworden, dass die nächste Bürgerschaftsliste nicht mehr von allen Mitgliedern, sondern von einem Untergremium aufgestellt wird.

Und diese „Vertreter*innen-Versammlung“ muss bestimmte Partei-Vorgaben einhalten: 

„Wir streben im Wahlbereich Bremen an, auf den vordersten 12 Plätzen mindestens ein Drittel, also vier Nicht-Abgeordnete aufzustellen, maximal ein Drittel Abgeordnete, die schon ein bis zwei Legislaturen dabei sind  und maximal ein Drittel Personen, die schon drei oder mehr Legislaturen Mitglieder der Bürgerschaft sind bzw. waren.“

Ferner heißt es: 

„Bislang bevorteilt das Personenwahlrecht in der Tendenz männliche Bewerber. Um solche Effekte abzumildern, prüfen wir die Unterstützung von klar abgestimmten Personenkampagnen für die vordersten „Kandidat*innen“. FLINTA*-Personen wollen wir besonders fördern.“

(Anm. für Ungeübte: FLINTA bedeutet: Frauen, Lesben, Interpersonen, Nicht-binäre Personen, trans Personen und Agender*Personen. Das * inkludiert weitere geschlechtliche Identitäten).

All diese Vorgaben können dazu führen, die Chancen mehrerer bekannter Abgeordneter (und Senatorinnen?) auf Wiederwahl zu mindern

Man kann sich vorstellen, wie groß hinter den Kulissen das Gerangel um die Einkommen-versprechenden Bürgerschaftsmandate (monatlich rund 6.400 Euro) ist. 

Der Co-Fraktionschef Nelson Janßen (35) sitzt mittlerweile zum dritten Mal in der Bürgerschaft. Seine Co-Vorsitzende Sofia Leonidakis (41) gehört der Bürgerschaft ebenfalls die dritte Legislatur an. Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (60) ist seit 2011 Linke Berufspolitikern, Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (65) ebenfalls. Cindi Tuncel (49) seit 2011 in der Bürgerschaft; Maja Tegeler (51), seit 2019 in der Bürgerschaft; Miriam Strunge (38) seit 2015 im Parlament; Klaus-Rainer Rupp (70) seit 2005; Tim Sültenfuß (32) seit 2023.

 Es wird noch spannend, welche Linken künftig auf der Wahlliste zur Bürgerschaft stehen werden. Mehr Realos oder mehr Fundis (um mal Begrifflichkeit der Grünen anzuwenden). Einige Anträge für den Landesparteitag am Wochenende liefern einen Vorgeschmack darauf, wohin die Reise gehen könnte. Text-Beispiele: „Umverteilung darf keine hohle Phrase bleiben.“ Oder: „Eine Einigung mit SPD und Grünen, geschweige denn mit CDU oder noch schlimmerem, wird nicht möglich sein. Unsere Bündnispartner*innen sind deshalb die Antikriegsbewegung, Gewerkschaften, Antifaschist*innen, die Klimabewegung…“

Viel Freude am Regieren, Herr Dr. Bovenschulte!

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Männer werden es bei der Kandidaten-Aufstellung künftig schwerer haben. Bereits Ende 2025 beschloss der Landesparteitag der Linken, eine „verpflichtende OMK vor jeder Aufstellungsversammlung“ zu erproben. OMK steht für „Organisierte Männerkritik“. Man stelle sich vor dem geistigen Auge einmal die Gründer von SED sowie PDS und eine Pflicht zu einer OMK vor…