Dreitägiger Warnstreik von Bus- und Bahnfahrern ist – sorry – eine Frechheit

25.02.2026 13 Von Axel Schuller

Was um Himmels Willen ist in Bremens Bus- und Straßenbahnfahrer m/w gefahren? ver.di ruft für Freitag, 27. Februar, erneut zum Streik auf – und in Bremen wird nicht ein, nicht zwei, sondern gleich drei Tage lang gestreikt. Leute, geht’s noch? Die Ausweitung des ÖPNV-Streiks in Bremen auf drei Arbeitstage ist – ich kann es nur so formulieren – eine Frechheit. Noch unverständlicher ist, dass kein Bremer Politiker, keine Institution (Hej, Handelskammer, Handwerkskammer und Arbeitnehmerkammer – für wen arbeiten Sie eigentlich?) und kein Medium Stellung bezieht oder zumindest mal Fragen stellt. ver.di gefällt sich in Bremen offenbar in der Rolle als kleine GdL (das war die einst berüchtigte Lokführer-Gewerkschaft.)

Politiker von SPD und Linken – am „Tag der Arbeit“ stets fotoheischend in der ersten Reihe der DGB-Umzüge – haben seit jeher Probleme, Position gegen die DGB-Gewerkschaft ver.di zu beziehen. Ein Beispiel: Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) gehört der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes seit -zig Jahren an. Obwohl er ganz eindeutig die Rolle des obersten Arbeitgeber des Landes einnimmt, ist er in der Gewerkschaft geblieben. Viele andere Senatoren sind ebenfalls „Ver.disten“. Beim Linken Skandal-Parteitag am vorigen Wochenende war es auch kein Zufall, dass Bremens neuer DGB-Chef Christian Wechselbaum für ein Grußwort eine Megaredezeit von fast 13 Minuten eingeräumt wurde.

Und die Grünen? Die verschieben jetzt sogar die für kommendes Wochenende geplante Landesmitglieder-Versammlung – weil der ÖPNV ausfällt. 

Besonders bemerkenswert an dem Zurückzucken der Grünen vor der Gewerkschaft ist, dass der Grüne Landesvorstand nicht ein auch nur ansatzweise kritisches Wort zu dem dreitägigen Streik äußert. Auch CDU, FDP und BD halten sich „vornehm“ zurück.

Dabei könnte man zu dem Warnstreik eine ganze Menge sagen. Da sich meine – vielfach gewerkschaftlich gebundenen – Kollegen von Radio Bremen und Weser-Kurier kritische Fragen verkneifen, schlüpfe ich – notgedrungen – in deren originäre Rolle.

Weshalb schickt ver.di ausgerechnet die Bremer Fahrer und Fahrerinnen gleich für drei Tage auf die Straße. Von Freitag früh bis Montag, drei Uhr morgens? Wird das Bremer Fahrpersonal besonders schlecht behandelt?

Oder will Verdi in Bremen auf Kosten der Fahrgäste – angeblich 300.000 Frauen, Männern und Kinder pro Tag – mit Brachialgewalt um neue Mitglieder werben?

Wie können es Gewerkschafter mit ihrem Gewissen vereinbaren, Freitag viele Schulkinder am Straßenrand stehen zu lassen?

Weshalb wird jetzt bereits zum zweiten mehrtägigen Streik geblasen, obwohl erst zwei Tarifgespräche (am 14.1. und 20.2) stattgefunden und die nächste Runde bereits für Montag, 2.3.2026 terminiert ist?

Weshalb erfährt die Öffentlichkeit so wenig von den Verhandlungsinhalten? Viele Bürger glauben, es gehe um höhere Löhne. Mitnichten. Die sind in den vergangenen Jahren heftig gestiegen. Nein, es geht um Zuschläge für Wochenend- und Nachtarbeit. Und es geht, wie zu hören ist, um LebensarbeitszeitKonten.

Ja, es gibt Branchen, da darf man Überstunden dauerhaft ansammeln, um im Alter früher in Rente zu gehen. Dieses Instrument wird bevorzugt in besonders konjunkturabhängigen Branchen, wie aktuell in der Automobilindustrie, genutzt. Letztlich, um  Personal abzubauen.

Aber, der ÖPNV ist keine aussterbende, sondern aufgrund politischer Vorgabe eine aufstrebende Branche. Das heißt: Je mehr Straßenbahnen auf die Schienen und je mehr Busse auf die Straßen geschickt werden, um so mehr Fahrpersonal wird benötigt. 

Zumindest aktuell noch. Es gibt aber bereits heute zu wenige Menschen, die Busse oder Straßenbahnen lenken wollen. Das beginnende Ausscheiden der Babyboomer aus dem Job und die geringere Zahl an Nachfolgepersonal stellt die ÖPNV-Unternehmer bereits jetzt vor riesige Probleme.

Es sei denn, die ÖPNV-Unternehmen schlagen einen völlig anderen Kurs ein und setzen fortan auf autonome Fahrzeuge, die ohne Fahrer auskommen.

Zurück zu den Tarifverhandlungen und dem bevorstehenden Streik: Wie ich höre, war der Kommunale Arbeitgeberverband (KAV) Bremen – sitzt im Finanzressort von Senator Björn Fecker (Grüne) – durchaus bereit, mit ver.di über einzelne Punkte des gewerkschaftlichen Forderungskataloges zu sprechen und zu verhandeln – sich also auf Kompromiss-Suche zu begeben.

ver.di hat es zwar geschafft, bundesweit die Verhandlungs-Termine zu harmonisieren (bis auf Niedersachsen). Dies führt aber dazu, dass die Damen und Herren Gewerkschafter in den vielen gleichzeitig an unterschiedlichen Orten tagenden Runden sich zu wenig mit ihren „Oberen“ zurückkoppeln können – und plötzlich in Gesprächen wie in München, Frankfurt oder Bremen nicht mehr in der Lage sind, sich konkret und verbindlich zu äußern, also zu „verhandeln“.

Zum Schluss eine Frage an denkende ver.di-Mitglieder: Ist es wirklich angemessen, erneut einen dreitägigen Warnstreik zu veranstalten, obwohl zwischen der vorigen und der für Montag angesetzten Verhandlung nicht einmal zwei Wochen vergangen sind? Jetzt mal ganz ehrlich.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Liebe Leserschaft, ursprünglich wollte ich hier über den Ausgang der Misstrauensanträge gegen Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard und WirtschaftssenatorinKristina Vogt (beide Linke) berichten. Aber: Machen Sie sich am besten selbst ein Bild. (Link anbei.) Ich fand die Argumente der Parlamentsmehrheit von SPD, Linke und Grünen – einschließlich von Bürgermeister Bovenschulteunfassbar schwach.  Ach ja, viel „Spaß“ mit der Bürger:innenschaftspräsident:in Antje Grotheer.