Exklusiv: Alle 84 neuen Straßenbahnen benötigen neue Seitenscheiben – zusammen 2.520 Stück

05.03.2026 7 Von Axel Schuller

Erst haben die neuen Straßenbahnen namens „Nordlicht“ in engen Kurven entsetzlich gequietscht. Jetzt stellt sich heraus: Alle 84 Siemens-Bahnen vom Typ „Avenio“ müssen nach Sebaldsbrück in die Werkstatt, benötigen neue Seitenscheiben. „Aufgrund eines Konstruktionsfehlers“, so die BSAG auf Anfrage. Das Regenwasser laufe nicht komplett ab, was zu Rost an den neuen Fahrzeugen führen könne. Dies bedeutet: Alle insgesamt 30 Fenster pro GT8N2-Bahn werden ausgebaut und durch neue ersetzt. Dafür muss jede einzelne Bahn für 14 Tage in die Werkstatt. Einziges Glück: Die Arbeiten und die Kosten inklusive Strafzahlungen übernimmt Siemens. 

Die Firma Siemens Mobility hat aktuell nicht so richtig Freude an dem Vertrag mit der Bremer Straßenbahn AG. 

Es gibt nämlich weiterhin Mängel zu beheben. Erst musste man das teilweise entsetzliche Kurven-Gequietsche in den Griff bekommen. Nun steht der Wechsel von insgesamt 2.520 Seitenscheiben an. Und, nicht zu vergessen: Die BSAG und Siemens schlagen sich weiter mit dem Thema vorzeitige Abnutzung der Radreifen herum.

Im sogenannten Lasten- und Pflichtenheft für den Bau der neuen Straßenbahnen musste der Hersteller eine bestimmte Laufleistung der Räder zusagen. Thorsten Harder, BSAG-Technik-Vorstand, mochte bremensogesehen keine Zahlen nennen. Dies verbiete der Vertrag.

Aus Insiderkreisen ist freilich zu hören, dass ÖPNV-Unternehmen bundesweit mit Laufleistungen von 200.000 Kilometern pro Radsatz von städtischen Straßenbahnen rechnen. Diese Zahl wird in Bremen dem Vernehmen nach bei weitem nicht erreicht. Angeblich halten die „Nordlicht“-Räder bloß rund 130.000 Kilometer aus.

Der frühzeitige Verschleiß geht brutal ins Geld. Ein GT8N2-Fahrzeug verfügt über 6 Fahrwerke á 4 Räder, also über 24 Radreifen, die vorzeitig nachgeschliffen oder gar erneuert werden müssen. Bislang zeigt sich Siemens kulant, übernimmt – wie ich höre – größtenteils die Kosten.

Aber wie lange noch? 

Ein Straßenbahn-Leben wird mit rund 30 Jahren veranschlagt. Die BSAG hat die ersten neuen Siemens-Fahrzeuge vor 6 Jahren erhalten. Und dennoch gibt es immer noch Probleme mit der Material-Beständigkeit der Fahrwerk-Komponente.

Allerdings: Der Abrieb der Räder ist auch abhängig vom Kurventempo. Die Fahrerinnen und Fahrer verfügen in ihrem Fahrerstand zwar über „Geschwindigkeitstabellen“ für jede Kurve des Bremer Gleisnetzes. Und dennoch fällt Fahrgästen immer mal  wieder auf, dass Bahnen mit relativ viel Schmackes durch die Kurven preschen. Auffällig: Frauen fahren – kleine Empirie meinerseits – zurückhaltender als ihre männlichen Kollegen.

Ein Blick in die eigene Auto-Welt belegt mögliche Auswirkungen: Die Fahrweise wirkt sich erheblich auf den Reifenverbrauch aus. Es macht einen großen Unterschied aus, ob ich mich auf der Landstraße oder in Autobahn Auf- und Abfahrten gemäßigt oder rasant durch Kurven bewege. 

Vergleichbares gilt für Räder von Straßenbahnen. Aus diesem Grund organisiert die BSAG-Betriebsleitung zwei Mal im Jahr „Fahr-Begutachtungen“. Die sollen anonym erfolgen, werden dem Fahrer m/w nicht vorab angekündigt. Dabei wird unter anderem auf Einhaltung der Kurventempi als auch auf die stromsparende  bzw. energiefressende Fahrweise geachtet.

By the way: Alle BSAG-Fahrzeuge verfügen über elektronische Fahrtenschreiber, die Auskunft über jeden gefahrenen Meter geben (könnten). Diese Daten darf die Unternehmensleitung aufgrund einer Betriebsvereinbarung mit dem Personalrat aber nicht auslesen. „Qualitätskontrollen“ sind in öffentlichen Unternehmen tabu. Einzig, wenn Bus oder Bahn in einen Unfall verwickelt werden, darf der Erinnerungs-Schatz des Fahrtenschreibers zu Rate gezogen werden. Schwacher Trost: Diese spezielle Auslegung des Datenschutzes gilt angeblich in allen (Ver.di-)mitbestimmten ÖPNV-Betrieben.

Die neuen Bahnen verfügen über deutlich mehr PS als die Vorgängerbahn GT8N1, wovon noch 43 in Betrieb sind. Deshalb verleiten sie zum strammen Beschleunigen und ähnlich heftigem Abbremsen – die Antischlupf- und Brems-Elektronik machen’s möglich. 

Allerdings darf man den Stress des Fahrpersonals nicht unterschätzen. Häufig genug ragen Autos in die Fahrspur; achten ignorante Radfahrer nicht auf die Tram; laufen Fußgänger blindlings vor die fast 48 Tonnen schweren Stahlkolosse.

Dazu kommt, dass dem Fahrer jede Fahrplan-Abweichung per Display im Cockpit angezeigt wird. Sobald Fahrer oder Fahrerin hinter dem Zeitplan herfahren, leuchtet das Display rot auf.

Liebe Leserschaft, „das alles und noch viel mehr“ (hätte Rio Reiser gesungen) habe ich im Verlauf meiner Recherche zur BSAG „erfahren“. 

Das für mich Heftigste hörte ich jedoch im Gespräch mit Technik-Vorstand Thorsten Harder: Alle ÖPNV-Unternehmen – egal ob in Bremen, München oder Budapest – kaufen niemals Busse und Bahnen „von der Stange“. Nein, jede ÖPNV-Firma bestellt individualisierte Fahrzeuge. Da bedeutet in der Praxis, dass die Unternehmen jeweils nicht endgültig fertige Busse und Bahnen an die ÖPNV-Betreiber ausliefern, sondern Fahrzeuge, die letztlich erst im Betrieb den letzten Schliff erhalten.

Bescheidene Fragen eines naiven Journalisten:

Wie wäre es denn, wenn alle ÖPNV-Unternehmen (zumindest in Deutschland) Standard-Busse und Standard-Straßenbahnen kauften? Würde dies womöglich Entwicklungsaufwand und damit Kosten sparen? Ich mein‘ ja nur…

Wobei: Dann hätte Bremen vermutlich ab 1990 nicht alle Bahnen mit Rolli-Lift gekauft und einen Teil des gesparten Geldes in die Barrierefreiheit von Haltestellen investiert. 

Sorry, das ist jetzt wahrscheinlich erneut zu praktisch gedacht.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Für Sonntag, liebe Leserschaft, darf ich Ihnen schon jetzt eine Neuerung auf bremensogesehen (Insider wählen übrigens die gängige Abkürzung bsg) ankündigen: Ich belebe die alte Bremer Rubriken-Tradition „Gastkommentar“ wieder. Sonntags hat man etwas mehr Zeit, kann den Blick auch mal über den eigenen Horizont hinaus schweifen lassen. Schauen Sie gerne kommenden Sonntag mal rein. Ich verspreche: Das Thema betrifft letztlich alle Menschen der Stadt. 

Und: Vorschläge für interessante Themen und Autoren gerne an mich: axel_schuller@gmx.de