Gastkommentar: Deutschlands Energie-Blindflug / Unter Niedersachsen lagert Gas für 30 Jahre

14.03.2026 32 Von Axel Schuller

Und wieder ein strittiges Thema im Gastkommentar: Volker Redder (66), IT-Unternehmer, studierter Biologe und Informatiker sowie von 2021 bis 2025 Bremer Bundestagsabgeordneter der FDP, beleuchtet das in dieser Woche plötzlich wieder brandaktuelle Thema Atomenergie, Klein-Kraftwerke und „Energie für 30 Jahre unter Niedersachsens Boden“. Super spannend. Liebe Leserschaft, ich vermute sehr stark, dass Sie heute ins Grübeln geraten werden…

Volker Redder:

„Es ist eine spektakuläre Volte der Vernunft: EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat am Dienstag ihren historischen Irrtum eingeräumt und die Abkehr von der Kernkraft als „strategischen Fehler“ bezeichnet. Während geopolitische Erdbeben – vom Ukraine- bis zum aktuellen Iran-Krieg – die Welt erschüttern und die Benzinpreise an deutschen Zapfsäulen Rekorde jagen, erkennt Brüssel endlich, dass Klimaneutralität und Energiesicherheit nur durch einen Mix aus atomarer und erneuerbarer Energie zu garantieren sind.

In Deutschland hingegen verharren wir in einer Art ideologischem Wachkoma. Bundeskanzler Friedrich Merz begrüßt den Kurswechsel zwar verbal, hat aber anscheinend vergessen, wer in diesem Land gerade die Legislative stellt und flüchtet sich lieber hinter das vermeintliche Dickicht deutscher Gesetze, die ein Wiederanfahren der Kernkraft unmöglich machen würden. Dabei zeigt ein Blick in die Realität: Wo ein politischer Wille ist, ist auch ein Gesetz – erst recht, wenn der industrielle Ruin droht.

Die Märchenstunde der „Grünen Professoren“

Besonders perfide ist die Desinformation, die derzeit wieder durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk und Teile der Regierung geistert. SPD-Umweltminister Carsten Schneider behauptet allen Ernstes, Mini-Kernkraftwerke seien keine Lösung und weltweit werde nicht in Kernenergie investiert. Die Realität? China baut massiv aus, die USA starten Initiativen zur Kommerzialisierung neuer Kernkraft-Technologien, und 33 Staaten weltweit haben sich zusammengeschlossen, um die Kernkraftkapazitäten bis 2050 zu verdreifachen.

Auch die „Halbwahrheiten“ von Experten wie Volker Quaschning im ÖRR sind brandgefährlich. Wer behauptet, Kernkraft sei unbedeutend oder dreimal teurer als Wind und Sonne, unterschlägt die physikalische Grundgesetzlichkeit. Photovoltaik liefert nur in etwa 1.000 Volllaststunden im Jahr Strom. Ohne gesicherte Grundlast bricht das 50-Hertz-Netz zusammen und wir riskieren einen Riesen-Blackout. Wir leisten uns teure Doppelstrukturen aus hochsubventionierter „Zufallsenergie“ und fossilen Backups, weil wir keine bezahlbaren Speicher haben – und vermutlich nie haben werden, da die Kosten für eine zweiwöchige Dunkelflauten-Absicherung mittels Batterien das deutsche BIP übersteigen würden.

Ressourcen unter unseren Füßen

Was mich als Liberalen besonders fassungslos macht: Wir sitzen auf Schätzen, die wir aus ideologischer Verblendung vergraben.

  1. Erdgas-Souveränität: Unter Niedersachsen lagern bis zu 2,3 Billionen Kubikmeter Schiefergas. Damit könnten wir Deutschland 30 Jahre lang KOMPLETT eigenständig versorgen. Stattdessen importieren wir teures US-LNG mit 30% Aufschlag für Transport und Verflüssigung.
  2. Atommüll-Recycling: In unseren Zwischenlagern liegen 15.000 Tonnen nuklearer Reststoffe. Mit deutschen Technologien der Generation IV, wie dem Dual Fluid Reaktor, könnten wir daraus Strom für 300 Jahre gewinnen und die Endlagerfrage technisch lösen.

Das Resilienz-Drama

Der Berliner Blackout im Januar hat es uns drastisch vor Augen geführt: Einseitige Abhängigkeit von nur einem Energieträger (Strom) ist fatal. Der alte Habeck-Graichen-Plan zum Rückbau des Gasnetzes, den wir Liberale in der Ampel glücklicherweise ausbremsen konnten, würde uns in die totale Erpressbarkeit führen. Wer nur auf Strom setzt, ignoriert zudem den massiven Kupferbedarf für die notwendige Verkabelung, der am Weltmarkt kaum zu decken ist.

Ein souveräner Staat vergräbt seine Ressourcen nicht – er nutzt sie. Wir brauchen den „Souveränitäts-Mix“. Mit realen Industriestrompreisen von 2 Cent/kWh, wie sie durch nukleares Recycling und heimisches Gas möglich wären, würde Deutschland nicht nur geopolitisch unbesiegbar, sondern wieder zum attraktivsten Investitionsstandort der Welt werden. 

Es ist Zeit, die Märchenstunde zu beenden und zur physikalischen Realpolitik zurückzukehren.“

Text Ende

Liebe Leserschaft, und, was sagen Sie dazu? Ihre Meinung – wie immer – gerne als Leserkommentar schicken. Und sehr gerne weiterhin in der üblich sachlichen und bitte nicht beleidigenden, Form. Auch, wenn die Meinungen bei den Themen Kernenergie und Erdgas-Fracking vermutlich rasch auseinander gehen.

Übrigens: Die Online-Meinungsforscher von Civey haben sich diese Woche nach der Meinung der Deutschen zum Kurswechsel von Ursula von der Leyen pro Atomenergie erkundigt.

„Wie bewerten Sie die Aussage der EU-Kommissionspräsidentin, dass die Abkehr von der Atomkraft als Energiequelle ein strategischer Fehler sei?“ Ergebnis: 59 Prozent der Bevölkerung bezeichnen von der Leyens Einschätzung als richtig, 34 Prozent halten diese für falsch.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Leserkommentare lesen! Das Thema „aufgesetztes Parken“ treibt die Leserschaft mächtig um. Ebenfalls die Stücke zu den Auswirkungen der Baden-Württemberg-Wahl auf Bremen und zum „Sitzfleisch“ des Koffer-Duos Görgü-Philips/Kähler. Der nachträgliche Blick in Kommentare vorausgegangener Stücke ist für mich stets ein wahrer Erkenntnis-Quell.