Gastkommentar: „Deutschland kann Veränderung“ / UND: Bemerkungen zur gelungenen Einheitsfeier

03.10.2026 11 Von Axel Schuller

Der Tag der Deutschen Einheit wirkt, regt an: innezuhalten, zu bilanzieren und, um nach vorne zu schauen. Mein heutiger Gastkommentator Dr. Volker Redder (67) vertritt die These: „Wir müssen nicht beweisen, dass Deutschland Veränderung kann. Wir haben es längst bewiesen. Wir müssen uns nur wieder daran erinnern.“ Redder hat mehrere IT-Firmen gegründet, war als FDP-Abgeordneter für Bremen im Bundestag. Im P.S.: eine kurze Würdigung des. 3. Oktober. Jetzt hat aber der Gastkommentator das Wort.

Dr. Volker Redder schreibt:

„Ich bin ja Biologe und Informatiker. Das könnte eine ungünstige Kombination sein, wenn man über Gesellschaften nachdenkt: Biologen haben seit Carl von Linné einen ausgeprägten Hang dazu, die Welt in Systeme, Klassen und Kategorien zu sortieren. Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art. Und schon sieht das unübersichtliche Leben erstaunlich ordentlich aus. 

Informatiker gehen noch einen Schritt weiter. Sie bauen die Systeme gleich selbst und wundern sich anschließend darüber, dass sie nicht so funktionieren wie geplant.

Beide Berufe vermitteln jedenfalls ein gewisses Vertrauen in Ordnungssysteme. Und eine gesunde Skepsis gegenüber ihnen.

Denn das Leben hält sich nicht immer an unsere Kategorien. Und komplexe Software nicht immer an ihre Spezifikation.

Vielleicht ist das also gar kein so schlechter Ausgangspunkt, über die Deutsche Einheit nachzudenken.

Denn die Deutsche Einheit war, despektierlich formuliert, das größte System-Update, das dieses Land je durchgeführt hat.

Und zwar nicht nach fünf Jahren Planung, drei Machbarkeitsstudien, zwei Pilotprojekten und mehreren ressortübergreifenden Steuerungsgruppen!

Die Mauer fiel am 9. November 1989. Nicht einmal elf Monate später, am 3. Oktober 1990, war das Land wiedervereinigt.

Dazwischen lagen freie Wahlen in der DDR, die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und ein Einigungsvertrag von rund tausend Seiten. 

Rechtsordnung, Verwaltung, Sozialversicherung, Eigentumsverhältnisse, Infrastruktur, Wirtschaftssystem, fast alles änderte sich gleichzeitig, auch unsere damals unschlagbare Fußballnationalmannschaft.

Wer schon einmal versucht hat, in einem deutschen Amt eine neue Fachsoftware einzuführen, bekommt ungefähr eine Vorstellung davon, wie absurd ehrgeizig das war.

Natürlich lief dieses Update nicht fehlerfrei: Es gab Abstürze. Es gingen Jobs verloren, Unternehmen verschwanden, Biografien wurden entwertet, Erwartungen enttäuscht. Vieles wurde unterschätzt, manches schlecht gemacht. Und das neue Betriebssystem kam im Wesentlichen aus dem Westen. Für Millionen Menschen im Osten bedeutete die Einheit deshalb nicht nur gewonnene Freiheit, sondern gleichzeitig einen tiefen Umbau ihres gesamten Lebens.

Der Biologe würde sagen: Man kann ein lebendes System eben nicht einfach umklassifizieren und erwarten, dass sich damit auch seine gesamte innere Struktur verändert. Und vermutlich war genau das einer der Irrtümer jener Zeit. 

Staaten kann man durch Verträge vereinigen. Rechtsordnungen kann man übertragen. Institutionen kann man umbauen. 

Menschen, ihre Erfahrungen, sozialen Beziehungen und Lebensgeschichten lassen sich dagegen nicht per Stichtag migrieren.

Evolution ist eben etwas anderes als Installation.

Das sollte man nicht romantisieren, aber auch nicht übersehen – was damals innerhalb kürzester Zeit möglich war. 1990 hat Deutschland bewiesen, dass es sich radikal verändern kann.

2026 zweifeln wir daran, ob wir überhaupt noch einen Verwaltungsprozess digitalisieren, eine Bahnstrecke bauen oder eine Unternehmensgründung beschleunigen können.

Das ist schon bemerkenswert.

Ich habe einen Teil meines Berufslebens in der Forschung, einen Teil in der IT und einen weiteren Teil davon in der Politik verbracht. 

Alle drei Teile zusammen waren eine gute Schule für Demut.

In der Forschung lernt man, dass man oft genug den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. In der Informatik lernt man, dass Systeme irgendwann so komplex werden, dass niemand mehr genau weiß, warum sie eigentlich funktionieren. In der Politik lernt man, dass dieser Zustand keineswegs als Problem empfunden werden darf.

Wir haben uns daran gewöhnt, Komplexität mit weiteren Regeln zu beantworten. 

Für jedes Risiko gibt es ein Verfahren, für jedes Verfahren eine Zuständigkeit und für jede Zuständigkeit vorsichtshalber noch eine zweite Zuständigkeit. 

Der Biologe erkennt darin übrigens ein vertrautes Muster: Systeme entwickeln mit der Zeit immer neue Spezialisierungen. Das kann ihre Leistungsfähigkeit erhöhen. Es kann aber auch dazu führen, dass sie hervorragend an Bedingungen angepasst sind, die längst nicht mehr existieren. 

Irgendwann entsteht ein System, in dem jeder für einen kleinen Teil verantwortlich ist, aber kaum noch jemand dafür, dass am Ende tatsächlich etwas passiert.

Genau das ist eine der vergessenen Lektionen der Deutschen Einheit.

Damals gab es ein Ziel, das größer war als die bestehenden Verfahren.

Das heißt natürlich nicht, dass wir heute rechtsstaatliche Sicherungen ausschalten, Beteiligung abschaffen oder komplizierte Probleme einfach mit dem Hinweis erledigen sollten, früher sei das schließlich auch irgendwie gegangen; die Transformation nach 1990 zeigt ja gerade, welchen Preis Veränderungen haben können, wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass über sie und nicht mit ihnen entschieden wird.

Aber sie zeigt auch das Gegenteil: Stillstand ist eben keine Naturkonstante.

Deutschland war einmal bereit, unter gewaltigem Zeitdruck Entscheidungen zu treffen, obwohl nicht jede Folge bekannt, nicht jedes Detail geregelt und nicht jedes Risiko ausgeschlossen war.

Heute versuchen wir häufig, vor einer Entscheidung zunächst sämtliche denkbaren Folgen zu kennen. Das klingt vernünftig. Es hat nur einen kleinen Konstruktionsfehler: Bei wirklichen Veränderungen funktioniert es nicht.

Kein Informatiker würde eine neue Software in Betrieb nehmen, wenn er vorher garantieren müsste, dass darin niemals ein Fehler auftreten wird. 

Man testet. Man sichert ab. Man beginnt. Man entdeckt Fehler. Man korrigiert sie. Und gelegentlich sitzt man nachts um zwei vor einem Monitor und fragt sich, warum man nicht einen vernünftigen Beruf gelernt hat.

Das nennt man Entwicklung.

Der Biologe würde ergänzen: Auch die Natur arbeitet nicht mit einem Masterplan. Variation, Selektion und Anpassung produzieren keine perfekte Welt. Aber sie produzieren und reagieren auf Veränderungen.

Beim Staat erwarten wir dagegen zunehmend ein Update ohne Neustart, ohne Fehlermeldung, ohne veränderte Benutzeroberfläche und selbstverständlich ohne dass irgendeine lieb gewonnene Funktion an einer anderen Stelle zu finden ist.

Davon müssen wir uns verabschieden.

Digitalisierung, künstliche Intelligenz, demographischer Wandel, Infrastruktur, Energieversorgung und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft werden Deutschland verändern. Die Frage ist nicht, ob wir das wollen, sondern wie wir mit dieser Veränderung umgehen.

Deshalb würde ich am Tag der Deutschen Einheit weniger darüber sprechen, ob Ost und West nach 36 Jahren endlich überall gleich sind.

Sie müssen es nicht.

Bremen ist schließlich auch nicht Bayern, und bislang hat noch niemand ein milliardenschweres Aufbauprogramm gestartet, um diesen bedauerlichen Zustand zu beheben.

Mein persönlicher Lebensleitspruch stammt übrigens aus einem Roman, der so alt ist wie ich. In Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Der Leopard“ sagt Tancredi angesichts des politischen Umbruchs in Italien: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“

Der Satz ist eigentlich viel zynischer gemeint, als ich ihn für mich benutze. Bei Lampedusa geht es auch darum, durch Veränderung möglichst viel vom Bestehenden zu retten. Ich lese ihn trotzdem gerne anders: Wer bewahren will, was ihm wichtig ist, darf nicht versuchen, alles festzuhalten.

Das gilt für Unternehmen, für Gesellschaften und für Staaten.

Daran sollten wir uns am 3. Oktober erinnern. Nicht aus Nostalgie und auch nicht, weil 1990 alles richtig gemacht worden wäre. Sondern weil Deutschland damals etwas bewiesen hat, das wir uns heute manchmal selbst nicht mehr zutrauen:

Wir können Veränderung.

Die Deutsche Einheit war kein Beweis dafür, dass Transformation einfach ist,  dass sie gerecht verläuft oder dass schnelle Entscheidungen automatisch gute Entscheidungen sind. Aber sie war der Beweis dafür, dass ein Land seine Strukturen grundlegend verändern kann, wenn das Ziel klar ist und der Wille zur Veränderung größer als die Angst vor Nebenwirkungen.

Biologen wissen, dass Anpassungsfähigkeit eine der erstaunlichsten Eigenschaften des Lebens ist. Organismen überleben nicht deshalb, weil sie unverändert bleiben, sondern weil sie auf veränderte Umweltbedingungen reagieren. 

Nicht jede Mutation ist erfolgreich und nicht jede Anpassung funktioniert. Evolution produziert eben keine Perfektion. Aber sie produziert immer wieder neue Möglichkeiten.

Informatiker kennen das Problem von der anderen Seite. Systeme, die über Jahrzehnte nicht grundlegend verändert werden, heißen irgendwann „Legacy Systems“. In der Finanzwirtschaft laufen noch heute Anwendungen, deren Ursprünge in Zeiten liegen, als COBOL (Programmiersprache von 1959; Anm. d. Red.) modern war und Telefone an Kabeln hingen. 

Solche Systeme funktionieren oft erstaunlich zuverlässig. Gerade deshalb wagt niemand, sie anzufassen. „Never touch a running system“ heißt die dazugehörige Lebensphilosophie. Bis irgendwann niemand mehr da ist, der weiß, warum es überhaupt noch läuft.

Ein Land sollte es nicht so weit kommen lassen.

Die gute Nachricht ist: Deutschland ist kein Legacy System. Deutschland ist ein lebendes System, das lernt, sich verändert und sich an neue Bedingungen anpasst. Und man sollte dafür nicht alles verwerfen, was funktioniert. 

Im Gegenteil: Gute Veränderung bedeutet gerade, zu wissen, was man bewahren möchte und deshalb den Mut zu haben, das andere zu verändern.

1990 haben Millionen Menschen einen ungleich größeren Umbruch bewältigt als alles, was wir heute unter den Überschriften Digitalisierung, Staatsmodernisierung oder Bürokratieabbau diskutieren. Nicht fehler- oder schmerzfrei. Aber am Ende erfolgreich genug, dass uns die Einheit heute selbstverständlich erscheint.

Vielleicht ist das die optimistische Botschaft dieses 3. Oktober:

Wir müssen nicht beweisen, dass Deutschland Veränderung kann.

Wir haben es längst bewiesen.

Wir müssen uns nur wieder daran erinnern.“

Ende des Gastkommentars

Liebe Leserschaft, ich wünsche Ihnen ein nachdenkliches Rest-Einheits-Wochenende.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

ZUR EINHEITSFEIER:

Ich bin so froh, dass das Wetter an diesem Wochenende mitspielt. Endlich kein Gemaule von Auswärtigen, dass es bei uns stets regne. Und die Tide half ebenso. Nachmittag uns abends bot die Weser den perfekten Rahmen für die Ländermeile. Der Festakt, an dem ich dank der RB-Streaming teilhaben konnte, wird mir in guter Erinnerung bleiben: Eine frische, strahlende und stolze Bremerin Katja Riemann als Moderatorin, ein mitreißendes Rahmenprogramm und eine nachdenkliche Rede des Bundespräsidenten. Alles stimmte. Auch Dr. Andreas Bovenschulte, an dessen Regierungshandeln ich häufig genug Kritik übe, schlug sich als Gastgeber sehr souverän. In der gestrigen Repräsentations-Rolle konnte man sich seine aktuellen Herausforderer – ehrlich gesagt – nur sehr schwer vorstellen.

Und noch zwei „Dankeschön“: An WK-Chefredakteur Benjamin Piel und seine Redaktion für die e-paper-Sonderausgabe zum 3.10. So muss Zeitung sein. 🙂 Radio Bremen hat die Feier und das Bürgerfest ebenfalls bestens begleitet. Beide Medien trugen dazu bei, dass man denken, und auch sagen konnte: Ich lebe in einer tollen Stadt.

Was mich betrübte: Dass offenbar ein derart großes Polizeiaufgebot (gefühlt: 10.000 Uniformierte) notwendig war, um Extremisten im Zaum zu halten und abzuschrecken.