Gastkommentar: „Deutschland kann Veränderung“ / UND: Bemerkungen zur gelungenen Einheitsfeier
Der Tag der Deutschen Einheit wirkt, regt an: innezuhalten, zu bilanzieren und, um nach vorne zu schauen. Mein heutiger Gastkommentator Dr. Volker Redder (67) vertritt die These: „Wir müssen nicht beweisen, dass Deutschland Veränderung kann. Wir haben es längst bewiesen. Wir müssen uns nur wieder daran erinnern.“ Redder hat mehrere IT-Firmen gegründet, war als FDP-Abgeordneter für Bremen im Bundestag. Im P.S.: eine kurze Würdigung des. 3. Oktober. Jetzt hat aber der Gastkommentator das Wort.

Dr. Volker Redder schreibt:
„Ich bin ja Biologe und Informatiker. Das könnte eine ungünstige Kombination sein, wenn man über Gesellschaften nachdenkt: Biologen haben seit Carl von Linné einen ausgeprägten Hang dazu, die Welt in Systeme, Klassen und Kategorien zu sortieren. Reich, Stamm, Klasse, Ordnung, Familie, Gattung, Art. Und schon sieht das unübersichtliche Leben erstaunlich ordentlich aus.
Informatiker gehen noch einen Schritt weiter. Sie bauen die Systeme gleich selbst und wundern sich anschließend darüber, dass sie nicht so funktionieren wie geplant.
Beide Berufe vermitteln jedenfalls ein gewisses Vertrauen in Ordnungssysteme. Und eine gesunde Skepsis gegenüber ihnen.
Denn das Leben hält sich nicht immer an unsere Kategorien. Und komplexe Software nicht immer an ihre Spezifikation.
Vielleicht ist das also gar kein so schlechter Ausgangspunkt, über die Deutsche Einheit nachzudenken.
Denn die Deutsche Einheit war, despektierlich formuliert, das größte System-Update, das dieses Land je durchgeführt hat.
Und zwar nicht nach fünf Jahren Planung, drei Machbarkeitsstudien, zwei Pilotprojekten und mehreren ressortübergreifenden Steuerungsgruppen!
Die Mauer fiel am 9. November 1989. Nicht einmal elf Monate später, am 3. Oktober 1990, war das Land wiedervereinigt.
Dazwischen lagen freie Wahlen in der DDR, die Wirtschafts-, Währungs- und Sozialunion, der Zwei-plus-Vier-Vertrag und ein Einigungsvertrag von rund tausend Seiten.
Rechtsordnung, Verwaltung, Sozialversicherung, Eigentumsverhältnisse, Infrastruktur, Wirtschaftssystem, fast alles änderte sich gleichzeitig, auch unsere damals unschlagbare Fußballnationalmannschaft.
Wer schon einmal versucht hat, in einem deutschen Amt eine neue Fachsoftware einzuführen, bekommt ungefähr eine Vorstellung davon, wie absurd ehrgeizig das war.
Natürlich lief dieses Update nicht fehlerfrei: Es gab Abstürze. Es gingen Jobs verloren, Unternehmen verschwanden, Biografien wurden entwertet, Erwartungen enttäuscht. Vieles wurde unterschätzt, manches schlecht gemacht. Und das neue Betriebssystem kam im Wesentlichen aus dem Westen. Für Millionen Menschen im Osten bedeutete die Einheit deshalb nicht nur gewonnene Freiheit, sondern gleichzeitig einen tiefen Umbau ihres gesamten Lebens.
Der Biologe würde sagen: Man kann ein lebendes System eben nicht einfach umklassifizieren und erwarten, dass sich damit auch seine gesamte innere Struktur verändert. Und vermutlich war genau das einer der Irrtümer jener Zeit.
Staaten kann man durch Verträge vereinigen. Rechtsordnungen kann man übertragen. Institutionen kann man umbauen.
Menschen, ihre Erfahrungen, sozialen Beziehungen und Lebensgeschichten lassen sich dagegen nicht per Stichtag migrieren.
Evolution ist eben etwas anderes als Installation.
Das sollte man nicht romantisieren, aber auch nicht übersehen – was damals innerhalb kürzester Zeit möglich war. 1990 hat Deutschland bewiesen, dass es sich radikal verändern kann.
2026 zweifeln wir daran, ob wir überhaupt noch einen Verwaltungsprozess digitalisieren, eine Bahnstrecke bauen oder eine Unternehmensgründung beschleunigen können.
Das ist schon bemerkenswert.
Ich habe einen Teil meines Berufslebens in der Forschung, einen Teil in der IT und einen weiteren Teil davon in der Politik verbracht.
Alle drei Teile zusammen waren eine gute Schule für Demut.
In der Forschung lernt man, dass man oft genug den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht. In der Informatik lernt man, dass Systeme irgendwann so komplex werden, dass niemand mehr genau weiß, warum sie eigentlich funktionieren. In der Politik lernt man, dass dieser Zustand keineswegs als Problem empfunden werden darf.
Wir haben uns daran gewöhnt, Komplexität mit weiteren Regeln zu beantworten.
Für jedes Risiko gibt es ein Verfahren, für jedes Verfahren eine Zuständigkeit und für jede Zuständigkeit vorsichtshalber noch eine zweite Zuständigkeit.
Der Biologe erkennt darin übrigens ein vertrautes Muster: Systeme entwickeln mit der Zeit immer neue Spezialisierungen. Das kann ihre Leistungsfähigkeit erhöhen. Es kann aber auch dazu führen, dass sie hervorragend an Bedingungen angepasst sind, die längst nicht mehr existieren.
Irgendwann entsteht ein System, in dem jeder für einen kleinen Teil verantwortlich ist, aber kaum noch jemand dafür, dass am Ende tatsächlich etwas passiert.
Genau das ist eine der vergessenen Lektionen der Deutschen Einheit.
Damals gab es ein Ziel, das größer war als die bestehenden Verfahren.
Das heißt natürlich nicht, dass wir heute rechtsstaatliche Sicherungen ausschalten, Beteiligung abschaffen oder komplizierte Probleme einfach mit dem Hinweis erledigen sollten, früher sei das schließlich auch irgendwie gegangen; die Transformation nach 1990 zeigt ja gerade, welchen Preis Veränderungen haben können, wenn Menschen das Gefühl bekommen, dass über sie und nicht mit ihnen entschieden wird.
Aber sie zeigt auch das Gegenteil: Stillstand ist eben keine Naturkonstante.
Deutschland war einmal bereit, unter gewaltigem Zeitdruck Entscheidungen zu treffen, obwohl nicht jede Folge bekannt, nicht jedes Detail geregelt und nicht jedes Risiko ausgeschlossen war.
Heute versuchen wir häufig, vor einer Entscheidung zunächst sämtliche denkbaren Folgen zu kennen. Das klingt vernünftig. Es hat nur einen kleinen Konstruktionsfehler: Bei wirklichen Veränderungen funktioniert es nicht.
Kein Informatiker würde eine neue Software in Betrieb nehmen, wenn er vorher garantieren müsste, dass darin niemals ein Fehler auftreten wird.
Man testet. Man sichert ab. Man beginnt. Man entdeckt Fehler. Man korrigiert sie. Und gelegentlich sitzt man nachts um zwei vor einem Monitor und fragt sich, warum man nicht einen vernünftigen Beruf gelernt hat.
Das nennt man Entwicklung.
Der Biologe würde ergänzen: Auch die Natur arbeitet nicht mit einem Masterplan. Variation, Selektion und Anpassung produzieren keine perfekte Welt. Aber sie produzieren und reagieren auf Veränderungen.
Beim Staat erwarten wir dagegen zunehmend ein Update ohne Neustart, ohne Fehlermeldung, ohne veränderte Benutzeroberfläche und selbstverständlich ohne dass irgendeine lieb gewonnene Funktion an einer anderen Stelle zu finden ist.
Davon müssen wir uns verabschieden.
Digitalisierung, künstliche Intelligenz, demographischer Wandel, Infrastruktur, Energieversorgung und die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft werden Deutschland verändern. Die Frage ist nicht, ob wir das wollen, sondern wie wir mit dieser Veränderung umgehen.
Deshalb würde ich am Tag der Deutschen Einheit weniger darüber sprechen, ob Ost und West nach 36 Jahren endlich überall gleich sind.
Sie müssen es nicht.
Bremen ist schließlich auch nicht Bayern, und bislang hat noch niemand ein milliardenschweres Aufbauprogramm gestartet, um diesen bedauerlichen Zustand zu beheben.
Mein persönlicher Lebensleitspruch stammt übrigens aus einem Roman, der so alt ist wie ich. In Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Der Leopard“ sagt Tancredi angesichts des politischen Umbruchs in Italien: „Wenn wir wollen, dass alles bleibt, wie es ist, muss sich alles ändern.“
Der Satz ist eigentlich viel zynischer gemeint, als ich ihn für mich benutze. Bei Lampedusa geht es auch darum, durch Veränderung möglichst viel vom Bestehenden zu retten. Ich lese ihn trotzdem gerne anders: Wer bewahren will, was ihm wichtig ist, darf nicht versuchen, alles festzuhalten.
Das gilt für Unternehmen, für Gesellschaften und für Staaten.
Daran sollten wir uns am 3. Oktober erinnern. Nicht aus Nostalgie und auch nicht, weil 1990 alles richtig gemacht worden wäre. Sondern weil Deutschland damals etwas bewiesen hat, das wir uns heute manchmal selbst nicht mehr zutrauen:
Wir können Veränderung.
Die Deutsche Einheit war kein Beweis dafür, dass Transformation einfach ist, dass sie gerecht verläuft oder dass schnelle Entscheidungen automatisch gute Entscheidungen sind. Aber sie war der Beweis dafür, dass ein Land seine Strukturen grundlegend verändern kann, wenn das Ziel klar ist und der Wille zur Veränderung größer als die Angst vor Nebenwirkungen.
Biologen wissen, dass Anpassungsfähigkeit eine der erstaunlichsten Eigenschaften des Lebens ist. Organismen überleben nicht deshalb, weil sie unverändert bleiben, sondern weil sie auf veränderte Umweltbedingungen reagieren.
Nicht jede Mutation ist erfolgreich und nicht jede Anpassung funktioniert. Evolution produziert eben keine Perfektion. Aber sie produziert immer wieder neue Möglichkeiten.
Informatiker kennen das Problem von der anderen Seite. Systeme, die über Jahrzehnte nicht grundlegend verändert werden, heißen irgendwann „Legacy Systems“. In der Finanzwirtschaft laufen noch heute Anwendungen, deren Ursprünge in Zeiten liegen, als COBOL (Programmiersprache von 1959; Anm. d. Red.) modern war und Telefone an Kabeln hingen.
Solche Systeme funktionieren oft erstaunlich zuverlässig. Gerade deshalb wagt niemand, sie anzufassen. „Never touch a running system“ heißt die dazugehörige Lebensphilosophie. Bis irgendwann niemand mehr da ist, der weiß, warum es überhaupt noch läuft.
Ein Land sollte es nicht so weit kommen lassen.
Die gute Nachricht ist: Deutschland ist kein Legacy System. Deutschland ist ein lebendes System, das lernt, sich verändert und sich an neue Bedingungen anpasst. Und man sollte dafür nicht alles verwerfen, was funktioniert.
Im Gegenteil: Gute Veränderung bedeutet gerade, zu wissen, was man bewahren möchte und deshalb den Mut zu haben, das andere zu verändern.
1990 haben Millionen Menschen einen ungleich größeren Umbruch bewältigt als alles, was wir heute unter den Überschriften Digitalisierung, Staatsmodernisierung oder Bürokratieabbau diskutieren. Nicht fehler- oder schmerzfrei. Aber am Ende erfolgreich genug, dass uns die Einheit heute selbstverständlich erscheint.
Vielleicht ist das die optimistische Botschaft dieses 3. Oktober:
Wir müssen nicht beweisen, dass Deutschland Veränderung kann.
Wir haben es längst bewiesen.
Wir müssen uns nur wieder daran erinnern.“
Ende des Gastkommentars
Liebe Leserschaft, ich wünsche Ihnen ein nachdenkliches Rest-Einheits-Wochenende.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
ZUR EINHEITSFEIER:
Ich bin so froh, dass das Wetter an diesem Wochenende mitspielt. Endlich kein Gemaule von Auswärtigen, dass es bei uns stets regne. Und die Tide half ebenso. Nachmittag uns abends bot die Weser den perfekten Rahmen für die Ländermeile. Der Festakt, an dem ich dank der RB-Streaming teilhaben konnte, wird mir in guter Erinnerung bleiben: Eine frische, strahlende und stolze Bremerin Katja Riemann als Moderatorin, ein mitreißendes Rahmenprogramm und eine nachdenkliche Rede des Bundespräsidenten. Alles stimmte. Auch Dr. Andreas Bovenschulte, an dessen Regierungshandeln ich häufig genug Kritik übe, schlug sich als Gastgeber sehr souverän. In der gestrigen Repräsentations-Rolle konnte man sich seine aktuellen Herausforderer – ehrlich gesagt – nur sehr schwer vorstellen.
Und noch zwei „Dankeschön“: An WK-Chefredakteur Benjamin Piel und seine Redaktion für die e-paper-Sonderausgabe zum 3.10. So muss Zeitung sein. 🙂 Radio Bremen hat die Feier und das Bürgerfest ebenfalls bestens begleitet. Beide Medien trugen dazu bei, dass man denken, und auch sagen konnte: Ich lebe in einer tollen Stadt.
Was mich betrübte: Dass offenbar ein derart großes Polizeiaufgebot (gefühlt: 10.000 Uniformierte) notwendig war, um Extremisten im Zaum zu halten und abzuschrecken.
Ich freue mich über den positiven Beitrag!
Weiter so!!
Ihr
Frank Bauchwitz
Bislang habe ich auch den fantastischen (Fanta 4) Eindruck,
daß Bremen “ Einheitsfeier“ kann!
Alles hat gepasst und auch das Wetter hat mitgespielt.
Das hat natürlich seinen Preis.
Die Innen und Außensicherheit kann nur durch ein so massives Polizeiaufgebot hergestellt werden.
Es war ja auch immerhin fast die gesamte politische Prominenz des Bundes vor Ort.
Die Reden von Herrn Frank Walter Steinmeier und auch von Herrn Dr.Andreas Bovenschulte haben mich überrascht.
Beide haben ausgeteilt in Richtung „Extremismus“!
Aber warum bedarf es erst eines solchen Anlasses(Tag der Deutschen Einheit), um in diese Richtung zu denken und zu sprechen?
Auch, und darin stimme ich mit Herrn Schuller überein, war die Berichterstattung von Radio Bremen und die Sonderausgabe des Weser-Kuriers einfach nur „klasse“!
Dr Volker Redder bringt es in seinem Gastkommentar auf den Punkt:
„Wir können Veränderung, wir müssen uns nur wieder daran erinnern“..
Ich stimme Dr. Redder in vielem zu. Ja, wir können Veränderungen, wenn wir müssen und wenn es keine Alternative mehr gibt. Das haben wir in Deutschland mehrfach bewiesen. Unser Problem ist nur: Solange der Druck noch nicht groß genug ist, tun wir uns mit Veränderungen verdammt schwer.
In einem Punkt möchte ich den verehrten Herrn Dr. Redder allerdings ein wenig widersprechen.Sie haben von der großen Transformation gesprochen. Aber für den überwiegenden Teil der alten Bundesrepublik war die Wiedervereinigung keine Transformation des eigenen Lebens. Natürlich gab es den Solidaritätsbeitrag und finanzielle Belastungen. Aber der Alltag, die Institutionen und die gesellschaftlichen Strukturen im Westen blieben weitgehend bestehen.
Im Osten war das vollkommen anders. Dort wurde innerhalb kürzester Zeit nahezu alles verändert: Verwaltungen wurden neu aufgebaut, Infrastruktur modernisiert, Autobahnen gebaut, ganze Industrien abgewickelt und neue geschaffen. Das war eine gewaltige Transformation.
Und genau deshalb stelle ich mir bis heute die Frage: Warum haben wir diese Dynamik anschließend für Gesamtdeutschland verloren?
Denn schon 1990 wussten wir, dass auch unser Rentensystem, unser Sozialsystem und unsere Verwaltung grundlegend reformiert werden müssen, wenn ein neues Deutschland in einem neuen Europa und einer veränderten Weltordnung dauerhaft bestehen will. Aber was ist danach eigentlich passiert? Viel zu oft haben wir bestehende Strukturen einfach fortgeschrieben.
Deshalb ist mir der Blickwinkel auf die Transformation manchmal etwas zu einseitig.
Im Ergebnis bin ich aber völlig bei Ihnen: Der Beitritt der neuen Länder zur Bundesrepublik war ein riesiger Erfolg. Die Wiedervereinigung unseres Vaterlandes war ein historischer Glücksfall, auf den wir mit Stolz zurückblicken dürfen.
Und nach diesem Wochenende darf man als Bremer auch ein bisschen stolz sagen: Wir können Einheitsfeier.
Das war ein grandioser Festakt. Ich kann mich jedenfalls in den vergangenen Jahren an keinen Festakt zum Tag der Deutschen Einheit erinnern, der so fröhlich, dynamisch und vielfältig war, gerade auch in seinen Programmpunkten. Das war keine steife Pflichtveranstaltung, sondern eine Feier, die der Deutschen Einheit gerecht wurde.
Und Sie wissen: Es fällt mir nicht ganz leicht, das zu sagen. Aber auch Bundesratspräsident Dr. Andreas Bovenschulte hat eine sehr gute Rede gehalten. Eine Rede, die mich mitgenommen hat. Besonders dankbar bin ich für seinen Dank an die Polen. Dies wird in der deutschen Nabelschau oft vergessen.
Auch der Bundespräsident hat eine gute Rede gehalten, vielleicht ein wenig zu lang. Seine klaren Aussagen gegen Extremismus in alle Richtungen waren richtig und wichtig.
Beim entscheidenden Zukunftsthema hätte ich mir allerdings mehr Mut gewünscht. Gerade von einem scheidenden Bundespräsidenten hätte eine solche Rede die Gelegenheit geboten, den versammelten politisch Verantwortlichen noch einmal deutlich die Leviten zu lesen: Deutschland steht unter enormem Reformdruck. Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, müssen wir in den kommenden Jahren Entscheidungen treffen, die unbequem sein werden. Bei Rente, Sozialstaat, Verwaltung, Infrastruktur und der Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes.
Genau diese Botschaft hätte für mich zu diesem Tag gepasst: Wir haben 1990 bewiesen, dass Deutschland große Veränderungen kann. Jetzt müssen wir beweisen, dass wir sie auch können, bevor uns die Not dazu zwingt.
Und selbst bei der Wahl des Datums hatte Helmut Kohl offenbar recht: Der 3. Oktober hat statistisch ziemlich gute Chancen auf schönes Wetter.
Lieber Volker Redder,
Ihrem sehr gelungenen Kommentar ist NICHTS hinzuzufügen. Châpeau
Möchte hier kein Erbsenzähler sein und auch nicht Helmut Kohls Einfluss bzgl. der Wiedervereinigung schmälern, aber entgegen der weit verbreiteten Annahme, die auch Herr Strohmann wiedergibt, legte nicht Bundeskanzler Kohl oder der Bonner Bundestag das Datum 3.10. fest, sondern die erste frei gewählte Volkskammer der DDR in Ost-Berlin.
Die Festlegung auf den 3. Oktober entstand in einer dramatischen Nachtsitzung vom 22. auf den 23. August 1990 als politischer Kompromiss unter erheblichem Zeitdruck. Der eigentlich „logische“ Termin des Mauerfalls, der 9.11., kam aus historischen Gründen nicht in Frage: Hitlerputsch 1923 und Reichsprogromnacht 1938. Entscheidend für das Datum war das KSZE-Treffen am 1. und 2.10.90 in New York, wo die vier Siegermächte im Rahmen des Zwei-plus-Vier-Vertrags auf ihre Vorbehaltsrechte gegenüber Deutschland verzichteten. Somit hatte Deutschland am 3.10.90 wieder völkerrechtlich volle Souveränität. Außerdem waren die ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen für den 2.12.90 angesetzt und damit die Bürger der neuen Bundesländer teilnehmen konnten, musste die Einheit acht Wochen vor dem Wahltermin erfolgen. Und es gab noch viele andere Gründe, online nachzulesen im Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung.
Der 3.10. war der einzige Termin, der unter diesen vielen Bedingungen passte.
Danke für diesen Kommentar! „Stillstand ist eben keine Naturkonstante“ – umso bedauerlicher, dass so viele Menschen einen Rückschritt in eine gefühlt bessere Vergangenheit fordern. Und unsere Politik nur Beruhigungsmittel a la Tankrabatt oder am anderen Ende Extremismus/Populismus bietet. Echte Politik hat uns etwa die Rentenversicherung gebracht und die Gurtpflicht (die große Mehrheit denkt nicht in die Zukunft, leider belegt). Sie kann uns aber die nötige Rentenreform nicht verkaufen. DAS ist die Krise der Demokratie.
Ein großes Dankeschön an Herrn Dr. Redder. Ein nachdenklicher Text und eine neue Perspektive für Diskussionen. Grundlage jeder Überlegung ist das persönlicher Erleben und eine Reflexion, die ich mir bei vielen wünschen würde, gerade in der Politik. Das alles in einem spannenden Schreibstil gefasst. Toll!
„Wer bewahren will, was ihm wichtig ist, darf nicht versuchen, alles festzuhalten.“ – Ja, da ist etwas dran, aber nicht viel. Vor allem muss man sich von Zeit zu Zeit daran zurückbesinnen, was man bereits verloren hat, damit der Maßstab nicht zusammen mit den Dingen erodiert.
Wir sind uns als Gesellschaft nicht mehr einig darüber, was bewahrt oder neu erschaffen werden soll. Und die politische Kaste ist von uns Bürgern völlig entkoppelt. Die werden wir nicht austauschen, die werden wir nicht los. Wenn die „Demokratie“ in Bremen funktionieren würde, hätten wir zumindest zeitweise einen Bürgermeister Carsten Meyer-Heder gehabt, denn seine Partei hatte die meisten Stimmen.
„Wir können Veränderung.“ – Auch das stimmt, wenn wir die Erosion der Systeme und einen wachsenden Maßnahmenstaat als Veränderung mitzählen. So wie uns der Begriff „Reform“ statt Kürzung und Beschneidung untergeschoben wurde. Bis 1990 war Deutschland ein Sozialstaat mit demokratischen Prinzipien, und dann ist „unser Staat“ in eine marktliberale noch gerade Republik transformiert worden. 2008 begann die Umwandlung in eine Oligarchie mit technokratischer Staatsdoktrin und demokratischem Anstrich an Fahrt zu gewinnen.
Und ab 2020 wurde die BRD in eine Technokratie verwandelt, die wie eine schlecht konfigurierte KI an schwersten Halluzinationen und Projektionen leidet. Um mal die IT-Analogie aufzunehmen.
Das manifestiert sich an diesem Wochenende auf groteske Art und Weise in der Innenstadt. Merkel-Poller, wohin das Auge blickt, sogar vor dem Bischofsnadel-Tunnel und dem Glockengang. Das kann man sich nicht ausdenken! Eine Polizeipräsenz, die mich in Anzahl und Auftreten eher an eine Besatzungsarmee erinnert als an „demokratische“ Ordnungshüter.
Wer hat das zu verantworten? Auf Basis welcher öffentlich zugänglicher Fakten sind da eigentlich Entscheidungen getroffen worden, oder basiert das nur Narrativen?
Ja, Herr Redder hat in Vielem Recht „wir können verändern“ und ja, Herr Strohmann, leider „nur wenn wir wirklich müssen“.
Bremen kann auch klotzen, wie wir gerade mit Staunen feststellen können. Wenn das Ziel groß genug ist und wenn der politische Wille entsprechend groß ist, dann ist auch genügend Geld da. Wo kommt das plötzlich her, wer hat es wo gefunden? Wenn die Bürgerinnen und Bürger für ihre Belange substantieller Art, und ich meine ausdrücklich nicht konsumtiver Art, dann ist die Suche nach Geld meistens nicht oder fast nicht von Erfolg gekrönt.
Und ja, die Rede von Herrn Bovenschulte hatte Substanz, große Worte vor erlauchtem Publikum und bundesweiter Politprominenz, weiträumig durch massive Abschottung vom Volk getrennt. Letzteres musste sich durch einen schmalen Weg an der ehemaligen Post auf der Domsheide schlängeln, um dann nach links in die Balgebrückstraße und dann durch die Dechanatstraße geführt zu werden. Sicherheitshalber wurde also für größt möglichen Abstand zum Volk gesorgt.
Die großwandige Ausstellung von Aussagen zum Thema „Würde“, gemäß Artikel 1 Grundgesetz, war großartig und weitläufig. Nachdenkenswert und vielfältig. Bei allem Lob muss man sich aber schon fragen, wieviel Einheit erleben wir denn im Alltag? Da ist aus meiner Sicht mehr denn je viel Luft nach oben, weil es sich überall und in allen Lebensbereichen zeigt, dass etwas Wichtiges fehlt.
Insgesamt frage ich mich aber schon auch, ob es in diesen Zeiten und insbesondere im kleinsten und klammsten Bundesland nicht auch etwas kleiner und bescheidener gegangen wäre, was ja durchaus nicht weniger Substanz bedeuten würde? 17 Millionen für 2 1/2 Tage sind für ein Haushaltsnotlageland wie Bremen schon mehr als üppig. Aber wie heißt es so schön:
Bescheidenheit ist eine Zier, in Bremen geht’s auch ohne ihr.
Lieber Herr Redder, sind Sie nicht und haben natürlich Recht. Es klingt nur einfach romantischer.
Der Name Helmut Kohl fiel gestern leider nicht.
Danke für den Gastkommentar zur Deutschen Einheit!
Ja, Bremens Gäste können einen sehr lebendigen Eindruck dieser Alten Hansestadt mit nach Hause nehmen! Auch Bremen kann noch Brücken bauen.