Gastkommentar: Was wäre, wenn in Sachsen-Anhalt…

10.10.2026 23 Von Axel Schuller

bremensogesehen mal wieder spontan. Statt des angekündigten Gastkommentars, ein Text von Bremens CDU-Landeschef Heiko Strohmann zur Koalitionsvorbereitung in Berlin und die Frage: Was wäre eigentlich wenn…in Sachsen-Anhalt? Strohmann (58) wurde in Rostock geboren, 1989 von der DDR ausgebürgert, machte sich im Westen als Schausteller selbstständig. Seit 1999 gehört er der Bremischen Bürgerschaft an. Strohmann ist verheiratet und hat vier Töchter.

Heiko Strohmann schreibt:

„Was wäre, wenn…

Ich frage mich, was es für unsere politische Kultur bedeuten würde, wenn die CDU in Sachsen-Anhalt denselben Weg einschlagen würde wie die SPD in Berlin.

Die SPD in Berlin ist bereit, mit der Linkspartei über eine gemeinsame Regierungsverantwortung zu verhandeln. Dafür haben SPD, Grüne und Linke eine Vereinbarung geschlossen. Darin bekennen sie sich zu Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, dem Existenzrecht Israels und zur Bekämpfung des Antisemitismus.

Das ist aus meiner Sicht bemerkenswert. Denn diese Vereinbarung fällt nicht vom Himmel. Sie ist auch 

eine Reaktion auf politische Kontroversen innerhalb der Berliner Linken, 

auf Vorwürfe des Antisemitismus und 

auf Kontakte einzelner Politiker zu Personen aus extremistischen beziehungsweise kriminellen Milieus.

Die SPD geht offenbar davon aus, dass eine solche Vereinbarung eine ausreichende Grundlage für weitere Gesprächesein kann.

Was aber wäre, wenn die CDU in Sachsen-Anhalt nach demselben Prinzip handeln würde?

Was wäre, wenn – im theoretischen Fall – CDU, AfD und FDP zunächst ihre programmatischen Gemeinsamkeiten feststellten und anschließend eine Vereinbarung über Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Menschenwürde und die Abgrenzung gegenüber extremistischen Bestrebungen unterzeichneten?

Die Grundlage für Gespräche wäre auf verschiedenen Politikfeldern durchaus vorhanden. In der Wirtschafts- und Finanzpolitik, beim Bürokratieabbau, in der Bildungspolitik, bei der inneren Sicherheit und teilweise auch in der Migrationspolitik gibt es programmatische Überschneidungen.

Gleichzeitig sehe ich erhebliche Unterschiede, insbesondere beim Verständnis demokratischer Institutionen, beim Umgang mit dem Verfassungsschutz, in der Europapolitik und im Umgang mit extremistischen Positionen.

Aber genau darin liegt für mich der Kern des Vergleichs:

Wenn eine schriftliche Selbstverpflichtung in Berlin dazu dienen soll, politische Widersprüche zwischen SPD, Grünen und Linken zu bearbeiten, muss aus meiner Sicht erklärt werden, nach welchen Maßstäben eine entsprechende Vereinbarung zwischen CDU, AfD und FDP in Sachsen-Anhalt beurteilt würde.

Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass die politischen Positionen der Berliner Linken und der AfD Sachsen-Anhalt identisch wären. Auch die jeweiligen Vorwürfe, ihre rechtliche Bewertung und ihre tatsächliche Beweislage sind unterschiedlich.

Mir geht es vielmehr um eine grundsätzliche Frage:

Was macht eine Partei zu einem demokratisch akzeptablen Regierungspartner? 

Sind es 

ihre bisherigen Beschlüsse, 

ihr Personal, 

ihre tatsächliche politische Praxis oder 

eine neu unterschriebene Vereinbarung?

Und wer entscheidet, wann eine solche Vereinbarung glaubwürdig ist?

Die Berliner Vereinbarung enthält sogar Regelungen für mögliche Verstöße. Ein „Expertengremium“ soll Vorfälle bewerten können. Die Entscheidung über Konsequenzen bleibt allerdings bei der jeweils betroffenen Fraktion.

Wäre ein solches Verfahren auch in Sachsen-Anhalt ausreichend? Oder würden dort andere Anforderungen gelten?

Die Mitte als politischer Maßstab

Für mich ist die politische Mitte mehr als eine rechnerische Mehrheit im Parlament. Sie steht für demokratische Verlässlichkeit, Rechtsstaatlichkeit, politische Verantwortung und die Fähigkeit zum Kompromiss.

Sie kann nicht allein dadurch definiert werden, wer sich selbst zu ihr zählt oder welche Parteien miteinander koalieren.

Wenn politische Parteien ihre bisherigen Abgrenzungen verändern, müssen sie erklären, warum sie das tun und welche Grundsätze dabei unverändert gelten.

Das betrifft 

die SPD in Berlin ebenso wie es 

die CDU in Sachsen-Anhalt betreffen würde.

Gerade als jemand, der politische Verantwortung in Sachsen-Anhalt ernst nimmt, halte ich es für entscheidend, dass solche Maßstäbe nicht je nach Partei unterschiedlich angewendet werden.

Die eigentliche Frage:

Eine Demokratie muss politische Veränderungen und neue Mehrheitsbildungen aushalten können. Zugleich darf die Suche nach parlamentarischen Mehrheiten nicht dazu führen, dass fundamentale demokratische Prinzipien zu bloßen Verhandlungsgegenständen werden.

Deshalb reicht es aus meiner Sicht nicht, eine Vereinbarung zu unterschreiben. Entscheidend ist, ob ihre Inhalte mit dem tatsächlichen Handeln der beteiligten Parteien übereinstimmen und ob Verstöße glaubwürdig sanktioniert werden.

Ist die politische Mitte tot?

Vielleicht liegt die entscheidende Frage noch tiefer: Was bleibt von der politischen Mitte, wenn sie sich zunehmend über die Abgrenzung zu anderen Parteien definiert, statt über eigene verbindliche Grundsätze?

Der Vergleich zwischen Berlin und Sachsen-Anhalt zwingt uns, diese Frage zu beantworten.

Denn demokratische Maßstäbe müssen nachvollziehbar, überprüfbar und unabhängig davon sein, welche Partei sie gerade für sich beansprucht. Genau dafür stehe ich.“

Soweit der Gastkommentar

So, liebe Leserschaft, nun sind Sie – wenn Sie mögen – dran. Der Gastkommentar spricht ein wichtiges Thema an. Soll man Extreme mit unterschiedlichen Maßstäben beurteilen?

Kommentare bitte wie immer: Mit Vor- und Zunamen, sachlich, nicht beleidigend. Herzlichen Dank!

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller