Vogts Erzählungen – plötzlich soll das (2 Jahre alte) Protokoll nicht mehr stimmen…

08.11.2025 8 Von Axel Schuller

„Du warst immer für mich da. Du hast mich beschützt. Du hast meine Ideen und meine Agenda nach außen wie innen vertreten, mir den Rücken freigehalten und mich in schwierigen Zeiten bestärkt.“ (…) hatte das „große Glück und die Ehre, nur den letzten berühmten Meter gehen zu müssen, weil du die anderen Meter davor immer mit mir gegangen bist.

Liebe Leserin, liebe Leser, waren Sie schon einmal als Führungskraft tätig? Ja? Können Sie sich vorstellen, einem Ihrer leitenden Mitarbeiter je eine solche Mail geschrieben und ihn dennoch rausgeworfen zu haben? Und: Diese auch noch an alle Mitarbeiter des Betriebes zu verteilen. Nee? Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt hat’s gemacht. An den von ihr gefeuerten Staatsrat Sven Wiebe. 

Vogt hat am Freitag noch etwas getan. Sie hat den Wahrheitsgehalt eines Protokolls der Wirtschaftsdeputation angezweifelt. Zwei Jahre danach! Und drei Wochen, nachdem die Staatsanwaltschaft bei ihr im Büro und zu Hause zur Durchsuchung erschienen war.

Liebe Leserschaft, keine Sorge, ich käue heute nicht wieder, was die Kollegen von WK und RB bereits über die Sitzung des parlamentarischen Haushalts- und Finanzausschusses (HaFa) zur Anhörung von Vogt berichtet haben. Ich konzentriere mich lieber auf jenes, was bislang zu wenig gewürdigt wurde.

Vorab aber doch noch eines. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein Senatsmitglied bislang jemals mit anwaltlichem Beistand vor einem Parlaments-Ausschuss erschienen wäre. Vor einem Untersuchungsausschuss – okay. Aber beim HaFa? 

Vogt hatte gleich zwei Rechtsgelehrte an ihrer Seite. Bange Frage: Bringt sie die jetzt künftig auch zu heiklen Themen ins Parlament mit?

Zur Sache:

Zwei wesentliche Punkte möchte ich zu Vogts Erzählungen ergänzen.

Die Senatorin bemühte sich am Freitag nach Kräften, ihren zunächst hochgelobten und gleichwohl in den einstweiligen Ruhestand versetzten Staatsrat Sven Wiebe nicht mehr so positiv erscheinen zu lassen. Er habe ihr Anfang 2023 mitgeteilt, er benötige mehr Zeit für seine Familie. Dies habe sich dann auch sehr negativ bemerkbar gemacht. Er sei teilweise nachmittags und vor allem an den Wochenenden nicht mehr für sie erreichbar gewesen. Dies passe nicht zur Rolle eines Staatsrates, der oft bis zu 70 Stunden zur Verfügung stehen müsse.

Sven Wiebe habe zwar um mehr Zeit für seine Familie gebeten, wollte laut Vogt dennoch Staatsrat bleiben. Dies sei aber nicht möglich gewesen. Deshalb habe sie ihn in den einstweiligen (hoch bezahlten) Ruhestand versetzt. Dies habe sie gegen seinen Willen getan. 

Vogt malte damit am Freitag ein völlig anderes Bild der Arbeit ihres Staatsrates als in der Vergangenheit. Da hatte sie nur Lobesworte für ihn übrig.

Jetzt die Umkehr und der mehrfache Hinweis, sie habe ihn in den einstweiligen Ruhestand versetzt, weil sie unzufrieden gewesen sei.

Doch da tun sich zwei Widersprüche auf. Erstens der fast schon  „Liebesbrief“ (HaFa-Chef Jens Eckhoff, CDU, während der Befragung), aus dem der WK Ende 2023 zitiert hatte („du warst immer für mich da…“).

Zweiter Widerspruch: Seit Ende September zitierte die Opposition mehrfach ein Protokoll der Wirtschaftsdeputation vom 22.9.2023. Darin heißt es: Senatorin Vogt bestätigt offiziell, dass Staatsrat Wiebe auf eigene Bitte das Ressort zum Oktober 2023 verlassen werde.“ Am Freitag – zwei Jahre danach – zog sich Vogt auf die Position zurück: „Das war kein Wortprotokoll“, sondern bloß eine Zusammenfassung der Sitzungsinhalte. 

Aber: Auch Ergebnisprotokolle werden den Sitzungs-Beteiligten stets für mögliche Korrekturen und zur Freigabe vorgelegt.

Ergebnis: Niemand – weder Vogt, noch ihre Behörde – haben diese Formulierung moniert.

Die Version „auf eigenen Wunsch“ wurde auch ständig im Oktober 2025 zitiert, nachdem es Umweltsenatorin Kathrin Moosdorf „an den Kragen“ gegangen war.  Auch die Grüne hatte ihre Staatsrätin Irene Strebl nach deren Hinweis, sie brauche mehr Zeit für sich selbst, in den Ruhestand geschickt.

Als beide Fälle öffentlich diskutiert wurden, hegte die Staatsanwaltschaft einen so großen Anfangsverdacht der Veruntreuung öffentlicher Mittel, dass sie Durchsuchungen bei Moosdorf und Vogt vornahm.

Aber erst vergangenen Freitag kam Vogt nun in den Sinn, dass das Protokoll vom September 2023 nicht korrekt gewesen sei.

Diese Merkwürdigkeit konnte Kristina Vogt im HaFa selbst unter Anwendung ihres teilweise ruppigen Tonfalls nicht ausräumen.

Die CDU wird am Montag beraten, ob sie jetzt einen teuren Untersuchungsausschuss einsetzt, oder doch – wie die FDP vorschlägt – das Ergebnis der staatsanwaltlichen Ermittlungen abwartet.

Auffällig war am Freitag übrigens, dass zwar (natürlich) die Linke und die SPD Vogt bei der Befragung zur Seite sprangen – die Grünen aber eisern schwiegen.

Eckhoffs Frage an Vogt, weshalb Moosdorf zurückgetreten sei, sie dies aber ablehne, quittierten die Grünen mit starrem Blick.

Vogt blieb eisern dabei: „Es gibt keinen Grund für mich zurückzutreten.“

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Frau Vogt hatte am Freitag auf die zitierten Sätze aus ihrer Mail an Sven Wiebe („Du hast mich beschützt…“) erwidert, Jens Eckhoff müsse dann auch die vorausgegangene Mail von Wiebe an sie bedenken. Ich habe darauf die Senatorin am Freitagabend gebeten, mir diese Wiebe-Mail zur Verfügung stellen, weil ich beide Seiten der Medaille darstellen wolle. Leider ohne Reaktion von Kristina Vogt.