Alzheimer-Medikament: Maximaler Aufwand für relativ geringen Erfolg vertretbar?
Eine 83-jährige Frau erhält im Klinikum Bremen Ost erstmals ein Anti-Alzheimer-Medikament. Die Behandlung dauert 18 Monate lang. Die Schädigung des Gehirns lässt sich dadurch nicht zurückdrehen. Sondern: Der Verlauf der Krankheit wird im Erfolgsfall um maximal 6 Monate hinausgezögert. Ist eine derartige Behandlung (die zwischen 30.000 und 40.000 Euro kosten dürfte) ethisch und, ja, auch vertretbar? Liebe Leserschaft, ich weiß, ich bewege mich gerade auf dünnem Eis. Und: Ja, die Antworten hängen sehr eng mit dem Grad der eigenen Betroffenheit zusammen.
Wie ich auf dieses Thema komme, bei dem man sich speziell in Deutschland die Finger so sehr verbrennen kann?
Der Fall wurde vorige Woche im WK ausführlich beschrieben. Eine Frau berichtete von ihrem bisher wundervollen, langen Leben mit 38 erlebnisreichen Reisen rund um den Globus, das jetzt aber an Qualität verloren habe: Teilweise Orientierungslosigkeit und eingeschränkte Kombinationsfähigkeit von Zusammenhängen schränke sie ein.
Alzheimer, häufigste Form der Demenz – das weiß ich aus meinem Freundeskreis der Ü-70-Generation – ist der blanke Horror. Wer bislang mit seinem „Kopf zufrieden“ ist, aber immer mal wieder „Sachen vergisst“, denkt zwangsläufig darüber nach, ob einen irgendwann der Verstand verlässt. So wie beispielsweise Ex-Wirtschaftssenator Josef Hattig, der als intelligenter Mensch tragisch in der Nacht der Demenz endete.
Gleichwohl muss es möglich sein, über den Sinn von Behandlungen nachzudenken. Sollte das Anti-Alzheimer-Mittel irgendwann den Krankheitsverlauf für eine deutlich längere Zeit (und somit eine Pflegebedürftigkeit) hinauszögern – dann her damit. Aber sechs Monate, damit ich noch eine Reise unternehmen kann?
Die Antwort darauf hängt sicher von der eigenen Betroffenheit ab. Wer jemanden in der Familie mit der gesicherten Diagnose Alzheimer hat, greift verständlicherweise nach jedem Strohhalm.
Noch mal zum Fallbeispiel aus dem Klinikum Bremen Ost: Wäre es nicht glücklicher gewesen, das KBO hätte dem WK einen Erkrankten m/w im mittleren Alter von 50-plus präsentiert? Mit der Aussicht, noch ein wenig mehr Zeit zu haben, die Krankheit zu begreifen und rechtzeitig „alles zu regeln“.
Das Thema, wie sinnvoll und vertretbar Medizin in all ihren Ausprägungen ist, beschäftigt unsere Gesellschaft in Wahrheit mehr als darüber gesprochen wird. Und wenn einer dazu seinen Mund aufmacht, kriegt er umgehend „einen druff“.
Hendrik Streeck, suchtpolitischer Beauftragter der Bundesregierung, wurde jüngst von seiner eigenen CDU-Bundestagsfraktion in den Senkel gestellt. Streeck hatte die Frage aufgeworfenen, ob man betagten, sehr alten Menschen noch extrem teure Medikamente verabreichen solle.
Seine Überzeugung: Die medizinischen Selbstverwaltung (Ärzte, Krankenkassen, Krankenhäuser) benötige„klarere und verbindliche Leitlinien, dass bestimmte Medikamente nicht immer ausprobiert werden sollten – es gibt einfach Phasen im Leben, wo man bestimmte Medikamente auch nicht mehr einfach so benutzen sollte“, sagte Streeck bei Welt-TV.
Als Beispiel führte er seinen Vater an, der an Krebs gestorben war. Streeck: „Es wurde in den letzten Wochen, als er gestorben ist, so viel Geld ausgegeben. Und es hat nichts gebracht. Es wurden die neuesten Therapien aufgefahren. Es hat nichts gebracht.“
Die CDU erstickte die Debatte umgehend. Vertreter anderer Parteien hatte gerade begonnen, ihre verbalen Fallbeile auszupacken. Der Bremer Linken-Bürgerschaftsabgeordnete Olaf Zimmer beschimpfte den Christdemokraten umgehend als „Widerling“.
Das Thema, wann der Einsatz von extrem teurerer Medizin sinnvoll und vertretbar ist, findet (wenn überhaupt) in Deutschland stets vor dem gedanklichen Hintergrund der Nazi-„Medizin“ statt – mit Medikamenten-Versuchen an KZ-Insassen und dem Töten behinderter Menschen („Vernichtung lebensunwerten Lebens“).
Diese Vorbelastung steht einer rationalen Debatte im Weg, ob und wann es sinnvoll ist, bestimmte Behandlungen vorzunehmen.
Krankenkassen (und die Versicherten über ihre Beitrags-Zahlungen) leiden beispielsweise unter der teuren „Überversorgung am Lebensende“, soll meinen: Schlimmst Verletzte und auch hoch betagte Menschen werden häufig künstlich durch Maschinen am Leben erhalten, obwohl nur noch die körperliche Hülle versorgt wird. Ohne jede Aussicht auf irgendeinen Fortschritt oder gar auf Genesung.
Aber: Ohne eindeutige Patientenverfügung und/oder Einigkeit der Angehörigen, dürfen Ärzte die Maschinen nicht abstellen.
Ein anderes Feld, auf dem immense Kosten anfallen:
Die Allgemeinheit, also die Krankenkassen, übernehmen selbstverständlich die Behandlungs-Kosten für COPD-Lungenkranke. COPD bewirkt teils heftige Luftnot. Ist es akzeptabel, dass einige dieser Erkrankten trotzdem weiterhin rauchen?
Manche Behandlungen und Medikamente sind mittlerweile derart teuer, dass die Krankenkassen einen „Risikopool“ gebildet haben. In diesen zahlen alle ein, um super-teure Behandlungen gemeinsam zu tragen; beispielsweise eine individuell hergestellte Spritze gegen einen Gendefekt (wie Spinale Muskelatrophie) für über zwei Millionen Euro.
Falls Sie, liebe Leserschaft, sich jetzt fragen: Was will uns der Autor sagen?
Trotz aller ethischen Schwierigkeiten mit dem Thema, muss es möglich sein, über die Grenzen der Medizin in bestimmten Situationen nachzudenken und sich an Lösungen heranzutasten, ohne gleich als Widerling, Menschenfeind oder sonst wie geschmäht zu werden.
Hendrik Streeck hat es vergeblich versucht, obwohl er – vorsichtshalber(?) – auf seinen verstorbenen Vater verwiesen hatte.
Für den eigenen unausweichlichen Todesfall kann man übrigens (auch bereits in jungen Jahren) per eindeutiger Patientenverfügung vorsorgen; inklusive der Verfügung, Durst und Schmerzen auf jeden Fall zu unterbinden.
Liebe Leserinnen und Leser, ich freue mich auf Ihre Gedanken zum Thema (auch zum Missbrauch der „Abnehmspritze“) in – wie immer 🙂 – sachlichen Kommentaren.
Trotz alledem: Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
Lieber Axel Schuller, Dank und Respekt, dass Sie sich dieses Themas angenommen haben! Auch zu meinem eigenen Leben (Krebskrank mit maximalen gesundheitlichen „Nebenerfolgen“ der Chemo- und Strahlenterapie) gehört eine gute medizinische Versorgung. Ob oder ab wann ich diese Tortouren nicht weiter ertragen möchte, weiß ich nicht. Vielleicht hilft das „Vergessen“ dann eben doch. Ich habe es zwei 1/2 Jahre bei meinem Vater miterleben können/müssen.
Natürlich freut es Mediziner, Fortschritte in den diversen Disziplinen verkünden zu dürfen. Der eine oder andere hat es damit sogar bis zum Nobelpreis gebracht. Aber ist dieses auch sinnvoll? Vor einigen Jahrzehnten starben Menschen häufig an sog. „Herzversagen“. Ist es heute besser oder anders? Viele Todesfälle berichten darüber selten.
Andere Mediziner freuen sich über „kleine Erfolge“. Denen wünsche ich weiterhin sehr viel Erfolg. Insbesondere in den Fachbereichen Demenz und Alzheimer. Alleine, meine bisherigen Recherchen und persönlichen Beobachtungen lassen daran zweifeln.
Final: Gibt es hierzu eine finanzielle Bewertungsbeurteilung? Nein! Jedes menschlche Leben zählt. Möge es den Mediziner/inen gelingen, größere nachhaltige Erfolgsaussichten zu benennen.
Über die Kostenfrage kann sich diesem Thema kaum genähert werden. Wir sind dann rasch in der Debatte: Drogen- und Alkoholkranke, sind das Kranke? Oder stark Übergewichtige, Erstremsportler, Raucher…… Also, die Betrachtung über die eigene „Schuld“ an der Erkrankung. Davor würde ich immer warnen. Ruck zuck ist man dann bei der Betrachtung der kostenlosen Kinderversorgung im Krankheitsfalls, auch für sehr gut Verdienende. Das Neidpotential der Gesellschaft ist leider groß und wird von einigen Politkern gerne verstärkt.
Erst vor einigen Tage hat sich ein ehemaliger Journalist über die prozentuale Anhebung der Rentenbezüge ausgelassen. Gefordert wurde Gleichmacherei und gefördert wurde die Neiddebatte.
Leider versperrt sich die Politik seit Jahrzehnten der Debatte um Priorisierung und läd das Problem über Budgetierung hintenrum bei den Leistungserbringern ab. Das ist versteckte Rationierung zu Lasten der schwachen und DAS ist unethisch. Medikamente mit Minimalnutzen und Mondpreisen natürlich auch. Danke für die Debatte.
In unserem sozialstaatlichen solidarischen Gesundheitssystem, das ich sehr schätze, steckt ein grundlegendes sozialökonomisches Dilemma, die Allmende-Problematik: Eine gemeinsam genutzte begrenzte Ressource (eine „Allmende“) wird durch individuelle Übernutzung erschöpft.. Die Vorteile der Nutzung fallen einzeln an, aber ihre Kosten werden von allen geteilt, Rationale Individuen handeln aus Eigeninteresse übermäßig, was letztendlich zur Zerstörung der Ressource und zum kollektiven Schaden führt. Beispiele sind Überfischung der Meere, Umweltverschmutzung, Nutzung fossiler Brennstoffe aber auch unser Gesundheitssystem.
Der Zerstörung der Ressource kann man entweder durch ihre Privatisierung oder aber durch Regulierung begegnen. Für letzteres ist heute schon der Gemeinsame Bundes-Ausschuss zuständig. Er entscheidet über die Aufnahme neuer Arzneimittel, Behandlungsmethoden und medizinischer Geräte in den Leistungskatalog der GKV. Dabei setzt er heute schon deren Wirksamkeit ins Verhältnis zu ihren Kosten. Auch aus persönlicher Erfahrung weiß ich, dass nicht alles von der GKV bezahlt wird, was seine Wirksamkeit bewiesen hat, aber z.B. nur zu einer schnelleren und komfortableren Genesung beiträgt. Er müsste berechtigt werden, Ärzten auch im individuellen Fall eine solche Abwägung zu ermöglichen.
Auch wenn linke Abgeordnete es nicht wahr haben wollen: Auch medizinische Dienstleistungen sind eine begrenzte Ressource (Allmende), deren Einsatz in irgendeiner Weise gesteuert werden muss. Tut man das nicht, wird sie nach dem Motto verteilt „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“. Dass das zivilisatorisch wünschbar ist, darf bezweifelt werden.
Aber wie hier schon mehrfach besprochen, machen sich die Bremer Bildungsmängel nicht nur bei den Schulabsolventen, sondern auch massiv in der Bürgerschaft bemerkbar. Bei manchen Fraktionen mehr, bei anderen weniger.
Es lohnt sich, zu diesem Thema das Buch „Sterblich sein“ von Atul Gawande zu lesen https://www.fischerverlage.de/buch/atul-gawande-sterblich-sein-9783596034376 Das Original heißt „Being Mortal: Medicin and What Matters in the End“.
Gawande ist selber Arzt und er hat das Buch geschrieben, als er mit dem Lebensende der Eltern konfrontiert war – der Vater war ebenfalls Arzt. Gawande ist ein sehr interessanter und einflussreicher Chirurg, mehr zu ihm auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Atul_Gawande
Lieber Axel Schuller! Vielen Dank, dass dieses sensible Thema einmal aufgegriffen wird.
Ich (86) meine, dass entsprechende Medizin, wie die Anti-Alzheimer-Mittel, auch an älteren Menschen „getestet“ werden sollte, um deren Wirksamkeit und Fortschritt zu erkennen und weiter zu entwickeln. Eine offensichtlich selbstverschuldete Krankheit durch exzessiven Drogen- und Alkoholkonsum, permanentes Kettenrauchen und unkontrolliertes Übergewicht usw. sollte jedoch nicht zu Lasten der Krankenkassen (Versicherten) gehen. Aber womöglich stehen dem bei den Ärzten der Eid des Hippokrates und die christlichen Grundregeln entgegen. Ich habe z.B. eine eindeutige Patientenverfügung, die (hoffentlich) alles optimal regelt!
Ein schwieriges Thema, über das man als Gesunder anders denkt als als Kranker, da man sich als gesunder Mensch oftmals für unverwüstlich hält.
Ich bin selbst an Krebs erkrankt (Multiples Myelom) und mit recht teuren Antikörper-Therapien und nicht ganz so teuren Hochdosistherapien und Stammzelltransplantationen behandelt worden, die mir einige Lebensjahre geschenkt haben. Ich bin der modernen Medizin und der Solidargemeinschaft, die mir diese Behandlungen ermöglicht haben, dankbar. Vor einigen Jahren ist man an einem Multiplen Myelom einfach schnell gestorben.
Es kommt halt immer auf den Standpunkt und die persönlichen Erfahrungen an.
Zu diesem wichtigen Thema gehört für mich unbedingt die Stärkung der Hospizarbeit und der Palliativmedizin. Losgelöst von Kosten-Nutzen-Faktoren begleiten hier Fachleute und gut vorbereitete Ehrenamtliche betroffene Menschen und deren Angehörige bei schwerer Krankheit und in der Sterbephase. Das ist gelebte Menschlichkeit und kann dabei helfen, so schwierige existenzielle Fragen ernst zu nehmen und Leiden zu mildern. Dann steht nach meiner Erfahrung nicht mehr nur die Machbarkeit von medizinischen Maßnahmen im Vordergrund, sondern unser Grundbedürfnis nach Nähe, Zuwendung und Zusammen-Aushalten. Kurz: Leben bis zuletzt.
Auch empfehle ich das Buch der ehemaligen Vorsitzenden des Deutschen Ethikrats Alena Buyx: Leben und Sterben. Die großen Fragen ethisch entscheiden.
https:www-fischerverlage.de/buch/alena-buyx-leben-und-sterben-9783103975239.
Die Frage nach einem optimierten Gesundheitssystem ist wichtig. Aber wo setzt man den Rotstift an bzw. wie generiert man neue Einnahmen?
Ein alter Hut: Der CDU-Politiker Philipp Mißfelder hatte eine Idee und sprach sich 2003 gegen künstliche Hüftgelenke für 85-Jährige aus. Er argumentierte, dass diese Eingriffe nicht „auf Kosten der Solidargemeinschaft“ gehen sollten.,
Stattdessen: Man könnte die Profitrate der Pharma- und sonstigen Gesundheitsfirmen hinterfragen. So soll Gesundheitsminister Spahn zur Corona – Zeit Millionen von FFP2-Masken zu überhöhten Preisen gekauft haben, die nun auf Staatskosten verschrottet werden, weil die Haltbarkeit abgelaufen ist. Bei derartigen Deals haben andere völlig legal dicke Provisionen verdient. EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen hat offenbar ohne vertragliche Grundlage zu überteuerten Preisen Corona-Impfstoffe per Handy bestellt. Brauchen wir private Krankenkassen als Vollversicherung? Ist die Beitragsbemessungsgrenze für die Gesetzliche Krankenversicherung gerecht? Braucht die Bundesmarine 6 neue Fregatten für über 10 Milliarden €, um den Rotschinesen im Südchinesischen Meer mal auf die Füße treten zu können? Brauchen wir hunderte von neuen Leos, um Putin abzuschrecken, wenn doch eine billige Drohne völlig ausreicht, um einen russischen Panzer außer Gefecht zu setzen? Das gesparte Geld könnte man zum Erhalt von Leben einsetzen. . – Über weitere Vorschläge zur Optimierung des Gesundheitssystems würde ich mich freuen.
Lieber Axel Schuller, danke für den Mut, solch ein Thema aufzugreifen. Hendrik Streeck hat es versucht und dabei zur Orientierung der Diskussion leider spät ein Beispiel angegeben. Trotzdem war auch sein Schritt mutig. Zu der sich entwickelnden Diskussion müssen aber noch mehr Fakten angeführt und berücksichtigt werden, da sie nicht nur über menschliches Leid alleine geführt werden darf. Die Diskussion wird nicht zu einem eindeutigen Ergebnis führen, da jeder aus seiner eigenen Erfahrung und Betroffenheit Partei ergreift. Vielleicht sei hier an folgendem Biebelspruch erinnert: „Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, Psalm 90,12.
@Frau Norton, vielen Dank für Ihren Literaturtipp. Nach der Lektüre der Leseprobe habe ich mich zum Kauf entschlossen. Die Leseprobe las sich vielversprechend, zumal ich in einem Alter bin, in dem sich die dort behandelten Themen immer mehr aufdrängen.
Vielen Dank für den Anstoß zu diesem Thema. Und vor allem danke an Ulrich Maas, der in dieser Diskussion einmal die solidarische Seite unseres Gesundheitssystems herausgearbeitet hat. Das ist der gesellschaftliche Grundkonsens, auf dem wir stehen und den man nicht einfach vom Tisch wischen sollte.
Genau diese Debatte zeigt aber, wie schnell wir uns in Nebenschauplätzen verlieren und wie schwer es fällt, strukturelle Probleme ohne Ideologie zu betrachten. Die zentrale Frage ist nicht, ob es „zu viele“ Private gibt oder ob man sie verbieten sollte, sondern warum wir überhaupt zwei Systeme brauchen, die parallel laufen und sich gegenseitig verzerren.
Dass wir es 1990 verpasst haben, das Berufsbeamtentum grundlegend zu reformieren, war eine vertane Chance, mit finanziellen Folgen auch für die gesetzlichen Kassen. Ebenso ignorieren wir seit Jahren die realen Probleme der Pharmaindustrie: Wer ständig von „gierigen Konzernen“ spricht, verschweigt, dass bestimmte Medikamente in Europa schlicht nicht mehr kostendeckend produzierbar sind. Die Konsequenz: Abhängigkeit von Importen, Lieferengpässe und immer derselbe Reflex, wenn China hustet.
Auch die Trennung zwischen ambulant und stationär ist ein Anachronismus, den wir uns nur noch aus Gewohnheit leisten. Der klassische niedergelassene Facharzt, das siloartige Denken, die fehlende Verzahnung der Bereiche – all das macht das System teuer, träge und für Patienten zunehmend frustrierend.
Solange aber die Debatte emotionalisiert wird, Krankenhäuser mit Kampfpanzern verglichen werden und jeder nur seine ideologische Schützengrabentiefe verteidigt, wird sich nichts ändern. Wir zahlen weiter Milliarden in ein System, das zu langsam, zu unflexibel und zu wenig zukunftsfähig ist.
Wer wirklich reformieren will, muss bereit sein, heilige Kühe anzuschauen und notfalls auch zu schlachten. Nur dann kommen wir vom Reden ins Machen. Die gerade geführte Diskussion und Umsetzung der Krankenhausreform läßt mich frustriert zurück.
Wie üblich in Deutschland wird das Thema von hinten aufgezäumt. Warum fragt eigentlich niemand, warum solche Medikamente so teuer sind? Die Grundlagenforschung für alle Medikamente ist ja bereits durch den Staat bezahlt worden – auch wenn das kräftig verschleiert wird. Grundsätzlich finde ich es richtig, dass die Gesellschaft das bezahlt. Denn die Industrie macht keine Grundlagenforschung, weil diese unsicher ist. Unsicherheit ist der Zustand vor dem Risiko, und Unternehmen können nur Risiken, aber keine Unsicherheiten eingehen. Aber wir Bürger haben einen Anspruch darauf, dass alles, was mit staatlichem Geld bezahlt wird, Open Source wird. Und die Industrie nur noch eine Servicegebühr für Herstellung und Logistik bekommt. Und der Preis dafür selbstverständlich durch Konkurrenz am Markt klein gehalten wird. Denn es ist unser Geld!
Warum ist das eigentlich nicht so? Und es ist nicht nur für die Pharmamafia ein Paradies der Selbstbereicherung. Gleiches kann man bei TV-Produktionen des ÖRR sehen, die durch Zwangsgebühren finanziert wurden und doch plötzlich hinter den privaten Bezahlschranken von Amazon oder Netflix landen. Oder in der Rüstungsindustrie, wo erzählt wird, dass ein Stück Artilleriemunition der staatlichen russischen Rüstungsindustrie 500 € kostet, ein Stück im Westen vor dem Ukrainekrieg 1.000 € gekostet hat und der Preis durch die hohe Nachfrage auf 7.000 € gestiegen ist.
Und wenn man den ersten Problemkreis aufgelöst hat, sollte man mal einen Blick auf die Nebenwirkungen von Pharmaprodukten werfen und sich fragen, ob da überhaupt das Nutzen-Risiko-Verhältnis ordentlich nachgewiesen wurde. Eine einfache Frage reicht da schon: „Wie viele Zulassungsstudien sind eigentlich dummerweise abgebrochen worden?“ Und wenn die Antwort eine Zahl ist, die oberhalb von Null liegt, sollte man ganz kritisch werden.
Lieber @Heiko Strohmann, der Ökonom Prof. Michael Hudson hat es auf den Punkt gebracht, als er sagte: „Kein Unternehmen kann es sich leisten, in einem Land zu produzieren, in dem seine Mitarbeiter 40 % fürs Wohnen und 18 % für die Krankenversicherung ausgeben müssen.“ – Dadurch ist in Deutschland die industrielle Basis erodiert und damit der Geldzufluss ins Sozialsystem.
Dieser Missstand ist das Ergebnis von 40 Jahren neoliberaler Politik, die es vorzieht, Einkommen aus unproduktivem Kapital gegenüber Einkommen aus Arbeit und produktivem Kapital steuerlich deutlich zu begünstigen und am liebsten nur Konsum besteuern würde.
Ich halte es für ziemlich verblendet und kleinkariert, nach Ineffizienzen innerhalb des Gesundheitssystems zu suchen. Das wird einfach nicht zum Ziel führen, sondern die ohnehin schlechte Versorgungslage der gesetzlich Versicherten noch verschärfen.
Das Medikament kostet sehr viel Geld,
Die bekannten möglichen Nebenwirkungen sind erheblich, und selbst wenn der erhoffte Nutzen eintreten sollte, dann würde das Fortschreiten der Erkrankung nur für einige Monate verlangsamt.
Ein erheblicher Teil der Patienten würde sich wohl gegen diese Therapie entscheiden.
Wie könnte man ein solches Medikament ins Gespräch bringen?
Würde eine Berichterstattung das Interesse an einer Behandlung mit dem Präparat vergrößern?
Wäre das dann quasi wie Werbung, oder wäre eine potentielle Verkaufsförderung eher ein unerwünschter Nebeneffekt, den sowohl die Zeitung als auch der Hersteller sicher bedauern?
Das Medikament kostet viel Geld!
Mindestens dreimal berichtet der WK:
„Neue Alzheimer-Therapie: Was das für Patienten in Bremen bedeutet“, Weser-Kurier 31.12.24
„Alzheimer-Medikament: Bremer Klinik bereitet Therapiestart vor“, Weser-Kurier, 29.4.25
„Erste Patientin in Bremen erhält neues Alzheimer-Medikament“, Weser-Kurier, 13.11.25
Lieber Herr Schuller,
vielen Dank für die interessante Diskussion, die Sie angestoßen haben. Ich habe den Artikel im WK auch mit einigem Stirnrunzeln gelesen. Aus meiner Sicht handelt es sich hier um eine PR-Aktion der Klinik und vermutlich auch des Arzneimittelherstellers, die sich an Ärzte und Betroffene richtet, um weitere Probanden für die – aus Sicht der Klinik sicherlich durchaus lukrative – Phase IV-Studie oder auch Anwendungsbeobachtung genannt zu rekrutieren. Denn nach der Zulassung eines brandneuen Medikaments beginnt ja erst der eigentliche „Feldversuch an ganz normalen, so genannten multimorbiden Menschen“. Und dafür sucht man sich natürlich eher eine 83-jährige aus, die ihr Leben gelebt hat, als einen 50-jährigen bei dem man noch richtig Schaden anrichten kann.
Die „sechs Monate Überleben“ sind wahrscheinlich sechs Monate progressionsfreies Überleben. Also ohne dass die Krankheit sich verschlimmert. Das ist ein medizinstatistischer Wert aus den Zulassungsstudien. Ich kenne mich mit Demenzerkrankungen nicht aus, aber im Bereich Onkologie sind zwei bis drei Wochen progressionsfreies Überleben schon ein großer Erfolg. Das bedeutet, dass das Medikament vermutlich bei vielen nicht so viel bewirkt, bei anderen aber durchaus ein bis zwei Jahre gewonnene gute Lebenszeit bedeuten kann. Dieser Fehler im WK-Artikel kommt sicherlich dadurch zustande, dass es kein versierter Medizinredakteur war, der das Thema bearbeitet hat.
Mit den besten Grüßen
Judith Schultz
Alter ist eine Frage der Perspektive. Du liest in der Zeitung: „Der 70jährige verwechselte Gas und Bremse und fuhr in die Schaufensterscheibe.“ Und du denkst: „Weshalb muß der Trottel in dem Alter noch Auto fahren?!“ – Und du greifst zum Autoschlüssel mit dem niedlichen Anhänger, den dir deine Enkelin vor 5 Jahren zum 83. Geburtstag geschenkt hat, um ’ne Kiste Bier vom Discounter zu holen. Da muß man doch zugreifen! Egal, wie alt man ist.