Weglassen, schludern, werben – ist das Qualitätsjournalismus?

24.11.2025 15 Von Axel Schuller

Was will der Weser-Kurier, selbsternannter Vertreter des „Qualitätsjournalismus? Kämpft der Verlag echt gegen den drohenden Bedeutungsverlust – oder hat er sich schon aufgegeben? Unter gelernten Journalisten gilt inzwischen die Gleichung: „Schlag den WK auf, und du hast Blutdruck.“ Na ja, manchmal. Unterbrochen von einigen Highlights wie interessanten Interviews und einigen Leitartikeln, macht sich wiederholt Öde breit. Als alter Print-Journalist droht jetzt mir fast eine Handlähmung, aber: Radio Bremen bietet inzwischen  häufiger interessanteren Lokalstoff. An sieben Tagen in der Woche. Und das für monatlich 18,36 Euro (Zwangsgebühr).

WK-Leser m/w müssen mittlerweile hart im Nehmen sein. Da wird eine Geschichte über den Neustädter Hafen mit einem Foto der Industriehäfen illustriert. By the way: Trotz (endlich erfolgter) „Korrektur“ in der Printausgabe findet man im e-Paper-Archiv weiter das völlig unpassende Foto

Ist das Qualitätsjournalismus?

Das wirft eine Grundsatzfrage auf: Wer redigiert die einzelnen Artikel, überarbeitet sie also, bevor sie online gestellt oder gedruckt werden? Man hat den Eindruck, dass dies sehr nachlässig oder gar nicht mehr geschieht.

Ein Beispiel: In der Montagsausgabe schreibt ein Redaktionsmitglied über das Thema Weihnachtsmärkte. In ersten Absatz finden sich gleich dreimal verwandte Ausdrücke „startet“, „Start“, „startend“. Fällt das niemand auf? Oder ist das der Redaktion einfach nur schnuppe? Früher (ja, ich weiß, alter weißer Mann) wurde der WK im Schulunterricht (auch) beispielhaft für Formulierungskunst gelesen.

Ist das Qualitätsjournalismus? 

Ebenfalls in der Montagsausgabe: Drei Kauffrauen äußern ihren Unmut über die Schnäppchen-Angebote der „Black Week“, rufen eine „Bunte Woche“ aus und verweisen auf ihre Aktivitäten in den „Sozialen Medien“ inklusive einem Filmchen im Internet.

Keinerlei Hinweis auf die genutzten Portale oder gar, wo man das Video finden kann.

Eine Nachfrage in der Redaktion förderte ein verblüffendes, ja umwerfendes Ergebnis zutage: Der Online-Artikel (nicht zu verwechseln mit dem e-Paper) enthalte einen Link zum Video auf  Instagramm.

Da fühlt sich der Leser der gedruckten oder e-Paper-Ausgabe doch so richtig gewertschätzt.

Ist das Qualitätsjournalismus?

Beispiele für Schludereien: Restaurant-Tests (Wochenend-Ausgabe) enthalten seit Wochen keine Preise mehr. Eine Frechheit für jene Leserinnen und  Leser, die zwar gerne mal ausgehen, aber dennoch mit ihrem Geld haushalten müssen.

Liebe Gastro-Tester, wissen Sie, für wen Sie beim WK schreiben? Es sind bei Gott nicht ausschließlich die Schönen und Reichen.

Ist das Qualitätsjournalismus?

Noch so’n Ding: Befragt die Redaktion Menschen auf der Straße zu einem Thema, heißt es nicht selten: Das meinen „die Bremer“. Leute, ihr fragt drei, vielleicht auch mal fünf Menschen – das sind nicht die, also alle Bremer. (Bin ich jetzt zu kleinlich? Nee, finde ich nicht.) 

Ist das Qualitätsjournalismus?

Und dann ist da auch noch die Chefredakteurin Silke Hellwig, die fast immer das Alter ihrer Interviewpartner weglässt. Selbst, wenn die sich über den Umgang mit Hochbetagten äußern.

Ist das – Sie wissen schon – …?  

Alt-Verleger Herbert C. Ordemann müsste sich eigentlich in seinem Grab aktuell im Zustand der Dauer-Rotation befinden. Nahezu wöchentlich (so auch in der aktuellen Dienstagsausgabe) kommen neue Restaurantbetreiber in großen Artikeln zu Wort – früher wurden diese Unternehmer an die Anzeigenabteilung verwiesen. Noch schlimmer: Gastronomen können sich über ihr Scheitern (im Schnoor) öffentlich ausweinen und damit rausreden, dass sie nicht gleichzeitig genug Zeit für Restaurant und Familie gehabt und die Gäste die neuen Gerichte nicht akzeptiert hätten. Kritische Nachfragen: Fehlanzeige.

Ist das…?

Nochmal zur Trennung von redaktionellem Text und Werbung: Schauen Sie mal wochenends auf die neuen Fahrradseiten. Da taucht vor Artikeln schon mal das Kürzel „pd-f“ auf. Ich kenne dies als Abkürzung für den „Pressedienst Fahrrad“. Früher nannte man das schlicht Public-Relations-Texte einer Pressestelle.

Ist das wirklich „Qualitätsjournalismus“?

Die Zukunft lässt leider wenig Gutes erahnen. Ältere, weil höher bezahlte, Mitarbeiter will der Verlag – wie ich höre – mit verlockenden Angebote für Ü-60 loswerden. Blöd nur, dass wichtige Schreiber wie Jürgen Theiner, Joerg-Helge Wagner, Ralf Michel und Jürgen Hinrichs allesamt Ü-60 sind.

Und die Mitglieder der online-Redaktion will man – wie ich ebenfalls im „Flurfunk“ hörte – „ausgliedern“. Ganz bestimmt mit dem hehren Ziel, gute Kräfte mit gutem Lohn anzulocken… 

Liebe Leserschaft, haben Sie sich, bzw. ihre Verärgerung, im heutigen Blog wiedergefunden? Oder lieben Sie „Ihr“ Blatt weiterhin? Ich lade Sie ein, Ihre Meinung als Kommentar kundzutun. 

Die Vielzahl und Vielfalt der Kommentare zum vorigen Blog über den Radio-Bremen-Jugendfunk „NEXT“ war beeindruckend.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller