Bremer Prof.: Grüner Wasserstoff für Stahl-Produktion zu teuer und nicht verfügbar

27.11.2025 23 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, bremensogesehen hat ein Gespräch mit einem der bekanntesten Bremer Wissenschaftler, Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen, zum Thema Wasserstoff, speziell im Hinblick auf die Stahlbranche, geführt und gebeten, seine Gedanken zu H2 darzustellen. Ich ziehe Peitgens Fazit vor: „Die verbreitete Vorstellung eines bald kostengünstigen Wasserstoffzeitalters ist – nach heutigem Stand der Technik – nicht haltbar.“ Zur Entscheidung von ArcelorMittal gegen Wasserstoff sagt er: „Das ist wirtschaftlich rational.“

Liebe Leserinnen und Leser, Politiker, insbesondere Bürgermeister. Dr. Andreas Bovenschulte (SPD), IG Metall und Wissenschaftler wie der Bremer Ökonom Prof. Dr. Rudolf Hickel, singen immer wieder das hohe Lied der Transformation. Also der Umwandlung der  herkömmlichen Stahlerzeugung mittels Koks auf Wasserstoff. Die Ampel-Regierung und deren Wirtschaftsminister Robert Habeck hatten der Industrie Zuschüsse in Milliarden-Höhe zugesagt. Das Ziel: Heftige Reduktion des CO2-Ausstoßes. Allein das Stahlwerk an der Weser „produziert“ die Hälfte der gesamten Bremer CO2-Emission.

Ich biete Ihnen heute „schwere Kost“. Aber: Sie werden Fakten erfahren, über die sonst nur in der Fachwelt gesprochen wird. In Politiker-Kreisen oder gar in Medien finden Sie dazu wenig bis nichts. Sollte Ihnen das heutige Stück zu lang erscheinen – bleiben Sie trotzdem dran. Ich verspreche Ihnen: Es lohnt sich. 

HIER DER TEXT von Prof. Dr. Heinz-Otto Peitgen für bremensogesehen:

Die Hoffnung von Politik und Industrie – insbesondere der Stahlbranche – ruht weiterhin auf dem Energieträger Wasserstoff.
Gleichzeitig meldet der Bundesrechnungshof, vertreten durch Präsident Kay Scheller, erhebliche Zweifel am Gelingen der deutschen Wasserstoffstrategie an. Seine Behörde gilt seit Jahrzehnten als nüchterner, unabhängiger Prüfer der Wirtschaftlichkeit staatlicher Großprojekte. Was könnten die Gründe für diese Bewertung sein?
Ein global führender Industriekonzern wie Air Products, hat seinen CEO Seifi Ghasemi abgesetzt, weil der zu engagiert auf grünen Wasserstoff gesetzt hatte. Ein Signal, das weltweit zu wachsender Zurückhaltung führen dürfte.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die Erfolgschancen der deutschen Wasserstoffstrategie einzuschätzen sind.

Vorbemerkung: Volllaststunden und Kapazitätsfaktor

Wer über Wasserstoff spricht, muss die Funktionslogik der Stromerzeugung verstehen.
Eine Solar(PV)-Anlage mit 100 Kilowatt-Peak (kWp) (max. Leistung) liefert nur bei optimaler Sonneneinstrahlung 100 kW. Über den Tag und die Jahreszeiten verteilt schwankt die Leistung stark; nachts sinkt sie auf Null.
In Deutschland erreicht Photovoltaik im Jahresmittel deshalb lediglich einen Kapazitätsfaktor von rund 8 %.
Theoretische 876.000 Kilowattstunden (kWh) Jahresproduktion schrumpfen so auf rund 70.000 kWh.

Windkraft liefert stabilere Werte, aber auch hier gilt:

  • Onshore: ca. 20,5 % Kapazitätsfaktor
  • Offshore: ca. 33,1 %

Diese Zahlen bestimmen, wie viel Strom in der Realität überhaupt für Elektrolyse zur Verfügung steht.

Elektrolyseure für Wasserstoff

Ein Elektrolyseur funktioniert nach dem gleichen Prinzip: entscheidend sind Volllaststunden.
Ein 1-Megawatt(MW)-System produziert unter optimaler Versorgung etwa 18 kg Wasserstoff pro Stunde, rund 157 Tonnen pro Jahr – aber nur bei 8.760 Betriebsstunden.
Bei realistischen 3.000 Volllaststunden sinkt die Produktion auf 54 Tonnen.

Diese simple Rechnung zeigt: Wasserstoffproduktion hängt nicht nur von installierter Leistung ab, sondern vor allem von Auslastung.
In Nordafrika – mit über 20 % Kapazitätsfaktor für PV-Anlagen – sieht die Bilanz deutlich besser aus als in Deutschland. Aber auch dort kann man Wasserstoff nicht ökonomisch nur mit PV-Anlagen herstellen, weil die Volllaststunden der Elektrolyseure selbst bei Überdimensionierung der PV-Anlagen zu gering wären. 

Preise von Wasserstoff I: Strom entscheidet alles

Die Kosten von Wasserstoff hängen direkt vom Preis der erneuerbaren Stromerzeugung ab.
In Deutschland gibt es zwei Optionen:

  1. Inselbetrieb (ohne Netzanschluss)
    – keine Netzentgelte
    – aber hohe Abregelungsverluste bei Leistungsspitzen
    – geringere Auslastung → höherer H₂-(Wasserstoff)-Preis 
  2. Netzgekoppelt
    – Abgabeüberschuss theoretisch möglich
    – praktisch aber kaum Erlöse bei ohnehin voller Netzauslastung
    – häufig sogar negative Preise für den überschüssigen Strom

Batteriespeicher könnten Schwankungen glätten, sind jedoch teuer und treiben die Kosten pro Kilogramm Wasserstoff erheblich nach oben.
Damit wird die Optimierung von Solar, Wind, Elektrolyseur und Speicher zu einem komplexen Systemproblem – in Deutschland mit deutlich schlechteren Ausgangsbedingungen als etwa in Nordafrika.

Transportabler Wasserstoff

Wasserstoff hat eine hohe gravimetrische Energiedichte, aber eine extrem schlechte volumetrische.
1 kg Wasserstoff benötigt 11 m³, Erdgas nur 1,4 m³.
Für den Schiffsverkehr wird Erdgas verflüssigt (LNG) – bei –162 °C und einer Volumenreduktion auf 1/600.
Wasserstoff jedoch muss auf –253 °C gekühlt werden. Das reduziert das Volumen nur auf 1/800 und macht Transport und Lagerung technisch wie ökonomisch höchst anspruchsvoll.

Es existiert weltweit lediglich ein experimenteller LH₂-Tanker.
Ein flächendeckender Transport ist auf absehbare Zeit unrealistisch.

Transportkonzept Ammoniak

Die praktisch gangbare Lösung ist Ammoniak (NH₃) als “Verpackung” von Wasserstoff zu benutzen.
Es lässt sich vergleichsweise einfach verflüssigen und mit vorhandener Infrastruktur transportieren – trotz seiner hohen Toxizität.

Der Wasserstoff wird per Haber-Bosch-Verfahren zu Ammoniak gebunden und am Zielort wieder „gecrackt“.
Doch beide Schritte sind Energie-intensiv:

  • Für 1 Tonne Ammoniak: 1–1,5 Megawattstunden (MWh)
  • Für die Rückgewinnung von 1 Tonne H₂: ca. 5 MWh

Zudem enthält Ammoniak nur 17,6 % Wasserstoff.
Um 1 Tonne Wasserstoff zu importieren, müssen allerdings 5,66 Tonnen Ammoniak transportiert werden.
Die Rückgewinnung ist verlustreich und teuer.

Der Transport von Wasserstoff per Pipeline wäre zwar günstiger, wirft jedoch erhebliche Sicherheitsrisiken auf, die aus heutiger geopolitischer Sicht kaum lösbar erscheinen.

Ammoniak als globaler Schlüsselstoff

Ammoniak ist eine der bedeutendsten Chemikalien überhaupt: Über 80 % dienen der Düngemittel-Produktion und damit der Ernährung der Weltbevölkerung.
Allein für die Herstellung werden heute weltweit 31–35 Mio. Tonnen Wasserstoff benötigt – 2050 vielleicht 88 Mio. Tonnen.

Die Umstellung dieses Sektors von grauem (fossil erzeugten) auf grünen (mit erneuerbarer Energie hergestellten) Wasserstoff wäre bereits eine Mammutaufgabe – und steht in direkter Konkurrenz zu Wasserstoffimporten für Industrieanwendungen wie Stahl.

CO₂-Preis in Europa

Der EU-Emissionshandel (ETS) setzt derzeit 65–75 € pro Tonne CO₂ an – Tendenz steigend.
Damit verteuert sich grauer Wasserstoff jährlich weiter.
Schon heute entstehen 0,50–1,20 € CO₂-Kosten pro Kilogramm H₂.

Preis für Wasserstoff II: die ernüchternde Realität

Grauer Wasserstoff kostet derzeit 1,50–2,50 €/kg.
Grüner Wasserstoff kostet 5–8 €/kg.
Doch ein Detail zeigt das Grundproblem:

Wenn 1 kWh um 1 Cent teurer → 1 kg H₂ um 55 Cent  teurer.

Der politisch angestrebte Industriestrompreis von 6 Cent/kWh führt allein bei der Elektrolyse zu 3,30 €/kg Stromkosten.
Damit wird klar: Grüner Wasserstoff kann in Deutschland nicht billig werden.

H2Global“ – der Brückenmechanismus

H2Global“ (ein Projekt des Bundeswirtschaftsministeriums) soll diese Lücke überbrücken:

  • Der Staat kauft grünen Wasserstoff (bzw. Ammoniak/Methanol) im Ausland teuer ein.
  • Er versteigert ihn in Deutschland günstiger.
  • Die Differenz trägt die öffentliche Hand.

Finanziert wird dies aus dem Klima- und Transformationsfonds, gespeist durch ETS-Einnahmen und die nationale CO₂-Abgabe.

Doch: Wenn grüner Wasserstoff dauerhaft teuer bleibt, wird „H2Global“ zu einem Dauersubventionsmodell, das immer größere Summen verschlingt.
Es kann den Übergang erleichtern, aber keine Strukturprobleme lösen.

Das Projekt NEOM

Das saudische NEOM-Projekt gilt als Blaupause für eine globale Wasserstoffwirtschaft:

  • 2,2 GW Elektrolyseleistung in der AEL-Technologie
  • 3,8 GW erzeugter Hybridstrom aus Solar und Wind mit Batterien für Kurzzeitspeicherung
  • extrem niedrige Stromgestehungskosten 1 – 2 Cent pro KWh
  • Meerwasserentsalzung, Stickstoffgewinnung und Ammoniaksynthese, Exportterminal – alles integriert
  • 30-jähriger Abnahmevertrag mit Air Products

Die Bedingungen sind dort optimal – und grundlegend anders als in Deutschland: Tagsüber liefert die Sonne enorme Energiemengen, und nachts sorgt ein kräftiger thermischer Wind für stabile Leistung. Doch selbst unter diesen Idealbedingungen liegen die zu erwartenden Gestehungskosten nach Export und Rückverwandlung des Ammoniaks in Deutschland deutlich über 5 Euro  pro Kilogramm

Wenn es selbst dort nicht günstiger geht, wird es nirgends günstiger.

Wasserstoffbedarf in Deutschland und Europa

Deutschland benötigt heute 1,5 Mio. Tonnen H₂.
2030 könnten es 2,5–3 Mio. Tonnen sein.

Europa benötigt heute 9 Mio. Tonnen, 2030 etwa 16,5 Mio. Tonnen.

Allein für 1,5 Mio. Tonnen Wasserstoff bräuchte Deutschland 82 Terawattstunden (TWh) Strom – dies wären über 15 % des gesamten heutigen Stromverbrauchs.

Darum plant die Bundesregierung:
30 % Eigenproduktion, 70 % Import.

Vergleich SMR und Elektrolyse

Grauer Wasserstoff wird mit geringem Materialeinsatz erzeugt.
Grüner Wasserstoff hingegen erfordert riesige Mengen von Material mit großem CO₂-Fußabdruck:

  • Solarmodule
  • Windräder
  • Batterien
  • Schiffe
  • Entsalzungsanlagen
  • Ammoniak-Cracker
  • Elektrolyseure

Studien zeigen: Der CO₂-Fußabdruck grüner Wasserstofftechnologien bleibt über Jahrzehnte beträchtlichein Aspekt, der in politischen Strategien kaum berücksichtigt wird. Eine kürzlich veröffentlichte australische Studie kommt zu dem Ergebnis, dass der CO₂-Fußabdruck von grauem und grünem Wasserstoff derzeit in ähnlicher Größenordnung liegt.

Technologische Hürden

PEM-Elektrolyse – die technologische Achillesferse

PEM-Systeme funktionieren gut mit volatilen Erneuerbaren, benötigen jedoch Iridium – eines der seltensten Metalle der Erde.

  • Iridiumbedarf: 300–500 kg pro GW
  • Weltjahresförderung: 7–8 t, davon nur 2 t für Elektrolyse nutzbar
  • → jährlicher Zubau: 4–6 GW weltweit

Selbst 2030 wären so maximal 30 GW möglich – genug für die europäische Stahlindustrie, aber nicht für den globalen Bedarf.

AEL-Elektrolyse

Robust und ohne Iridium, aber nicht geeignet für häufiges An- und Abschalten. Deshalb ist diese Technologie in Deutschland kaum geeignet, um mit PV- und Windstrom betrieben zu werden – zumindest nicht ohne umfangreiche Batteriesysteme für die Langzeitspeicherung, die aber die Kosten extrem in die Höhe treiben würden.

AEM-Elektrolyse

Vielversprechend, aber noch nicht marktreif.

Herstellung von Wasserstoff in Deutschland

Zwei Extreme:

  1. Netzstrom (6 Cent/kWh)
    → etwa 6 €/kg H₂ bei andauernder und erheblicher staatlicher Subventionierung 
  2. Insellösung aus PV + Wind + Kurzzeit-Speicher
    → ebenfalls rund 6 €/kg H₂

Mit Strom aus dem Netz lassen sich zwar die maximal möglichen Volllaststunden für die Elektrolyseure erreichen, doch selbst bei einem subventionierten Industriestrompreis von 6 Cent/kWh lägen die reinen Stromkosten bereits bei rund 3,30 € pro Kilogramm Wasserstoff. In einer Insellösung hingegen kann man die Volllaststunden nur erhöhen, indem man Langzeitspeicher einsetzt, um saisonale Schwankungen von Sonne und Wind auszugleichen und Dunkelflauten zu überbrücken. Doch Batterien scheiden als Langzeitspeicher aus: Sie müssen über Wochen und Monate hinweg dauerhaft klimatisiert werden, verlieren durch Selbstentladung zusätzlich Energie und würden in den erforderlichen Dimensionen astronomische Kosten verursachen. Deutschland könnte preislich mit Exportregionen konkurrieren müsste dafür aber den Bau von Erneuerbaren massiv ausweiten. Dafür fehlen wahrscheinlich die Flächen. 

ArcelorMittal Bremen

ArcelorMittal hat sich – angesichts aller technologischen und ökonomischen Hürden – vorerst gegen eine Umstellung auf Wasserstoff entschieden.
Das ist wirtschaftlich rational und realistisch.

Fazit

Die deutsche Wasserstoffstrategie ist politisch ambitioniert, aber:

  • technologisch durch Iridium limitiert,
  • ökonomisch kaum tragfähig,
  • infrastrukturell nicht vorbereitet.

Im europäischen und globalen Maßstab wird die Herausforderung astronomisch.
Ohne Durchbrüche in der Elektrolysetechnik – insbesondere iridiumfreie Verfahren – bleiben die heutigen Strategien Visionen, keine realistischen Pfade. Das NEOM-Projekt zeigt zudem: Selbst unter Idealbedingungen wird grüner Wasserstoff nicht billig werden. Damit ist klar: Die verbreitete Vorstellung eines bald kostengünstigen Wasserstoffzeitalters ist – nach heutigem Stand der Technik – nicht haltbar.“

ENDE des Textes von Heinz-Otto Peitgen.

Liebe Leserschaft, ich weiß, das war ein vermutlich schwer zu verdauender Brocken. Ich veröffentliche den Text, weil ich fest damit rechne, dass Peitgen so manchem „Träumer“ in Politik, Klimaschützer-Kreisen, Gewerkschaften und auch in der Industrie den Blick erweitern kann.

Am besten teilen Sie den Text im Freundes- und Bekanntenkreis. Bislang findet über die Hürden der Wasserstoff-Technologie so gut wie keine öffentliche Debatte statt. Das können wir alle zusammen ändern. 🙂

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Peitgens beeindruckende Bio können Sie bitte im Netz nachlesen. Der Mathematiker (80) war unter anderem an der Uni Bremen tätig, hat die Bremer Firma MeVis mitgegründet, war Chef der Jacobs-Universität in Bremen-Nord usw. Heute ist er unter anderem Mitglied des Wissenschaftlerkreises 4Pi