Wirklich denkbar? CDU vor SPD / Ahnte aufgeregter Bovenschulte das „Ergebnis“?

30.11.2025 8 Von Axel Schuller

Was war das für eine vorige Woche. Am Sonntag schreckte dann noch das Online-Umfrage-Portal „Civey“ mit einem Hammer-Ergebnis für Bremen auf: CDU vor der SPD. Da kommt man ins Grübeln, ob Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte und SPD-Fraktionschef Mustafa Güngör das Ergebnis womöglich ahnten. Und dies im Hinterkopf hatten, als sie auf den Staatsräte-Untersuchungsausschuss so emotional reagierten. Bovenschulte geriet beim Radio-Bremen-Interview für seine Verhältnisse regelrecht in Rage und Güngör packte in der Bürgerschaftsdebatte die AfD-Keule gegen die Union aus.

Zunächst zur Online-Meinungsumfrage. Hat man sich bei Civey angemeldet, wird man bald täglich um seine Meinung zu allem und jenem von A-Z befragt. Ab und zu gilt das Civey-Interesse auch dem Bremer Wahlverhalten. Gestern guckte ich ungläubig aufs Pad: „Wen würden Sie wählen, wenn am Sonntag Bürgerschaftswahl in Bremen wäre?

SPD: 19,8 Prozent

CDU: 26,1 Prozent

Grüne: 11,6 Prozent

Linke 14,5 Prozent

Bündnis Deutschland: 1,5 Prozent

FDP: 4,5 Prozent

AfD: 14,8 Prozent

BSW: 4,8 Prozent

andere: 2,4 Prozent

Da sitzt du staunend vor dem Bildschirm und denkst: Ist in Bremen irgendwann doch mal eine andere Regierung denkbar? Wobei der amtierende rot-grün-rote Senat ja auch nach diesen überraschenden Civey-Zahlen (sofern sie 2027 denn Realität würden) weitermachen könnte. Allerdings müssten solche Zahlen auf die SPD eigentlich wie ein Schreckschuss wirken. Die Langzeit-Regierungspartei, die in ihren früheren „Hochburgen“ Gröpelingen, Lüssum und Tenever zuletzt massiv Stimmen an die AfD abgeben musste.

Haben Sie, liebe Leserschaft, vorigen Dienstag (25.11.) das Interview von Radio Bremen mit Andreas Bovenschulte bei ButenunBinnen gesehen? Der Bürgermeister, sonst Ausbund an Ruhe und Souveränität, konnte sich kaum halten, als Felix Krömer ihn auf das Ausscheiden der Staatsrätin Ulrike Hiller aus dem Senat ansprach. „Gut, dass Sie die Frage stellen“, platzte es aus dem Bürgermeister heraus – noch bevor Krömer seine Frage gestellt hatte.

Das Thema an sich ist ja seit 2019 bekannt. Hiller, damals Bremer  Staatsrätin für Bundes- und Europaangelegenheiten wurde von Bovenschulte – gegen ihren Willen – in den einstweiligen Ruhestand versetzt. 

Hintergrund: Hiller war damals noch Bovenschultes Ehefrau. Offiziell wollte er sich nicht dem Verdacht aussetzen, er bereite mit Hiller zu Hause die Senatssitzungen vor. Deshalb die Entlassung. Offen ist freilich, ob damals nach einem anderen vergleichbaren Job für Hiller gesucht worden war, um die teure Außer-Dienstnahme zu umgehen.

Warum bloß war Bovenschulte bei BuBi so fix auf der Zinne?

Erinnerte er sich an seinen eigenen Wechsel vom Weyher Bürgermeisteramt an die Spitze der Bremer SPD-Bürgerschaftsfraktion (kurz darauf sogar ins Rathaus)?

Er wollte sich 2019 in Weyhe ohne Bezüge beurlauben lassen, um nach Bremen wechseln zu können. 

Ging aber nicht, weil die Weyher Top-Stelle dann angeblich zwei Jahre lang nicht wiederbesetzt hätte werden können. Also bat der dort durchaus beliebte Bovenschulte, ihn vor die Tür zu setzen, also abzuwählen (was nach längerem Hin und Her auch geschah). Zum Missfall des Bundes der Steuerzahler, der schon damals gegen „Kündigungen“ dieser besonderen Art protestierte.

Hätte Bovenschulte selbst gekündigt, wären laut offizieller Lesart seine Pensionsansprüche aus 12 Weyher Jahren futsch gewesen.

By the way: Sollte das Wahlbeamten-Recht wirklich so unsinnig gestrickt sein, müsste dies umgehend geändert werden. Gerne per Bremer Antrag im Bundesrat.

Vielleicht reagierte Bovenschulte im Interview aber auch so angefasst, weil ihn womöglich die Sorge umtreibt, die CDU wolle im Untersuchungsausschuss zeitliche Trennungs-Details des ehemaligen Ehepaares (Trennung, offizielle Scheidung) notfalls unter Eid hinterfragen. 

Allerdings weiß die Bremer CDU natürlich auch, dass Sie – zumindest außerhalb der Bremer Gefilde – angreifbar wäre. In Berlin sind der Regierende Bürgermeister Kai Wegner und die Bildungssenatorin Katharina Günther-Wünsch (beide CDU) ein Paar. Und beide bleiben im Amt. Eine sehr konkrete Definition von „Küchenkabinett“.

Während Bremens SPD-Fraktionschef Mustafa Güngör der CDU in der Bürgerschaft reflexartig vorhielt, sie würde mit dem Untersuchungsausschuss lediglich die Kritik an Politikern nähren und so der AfD in die Hände spielen, droht der Union womöglich von ganz anderer Seite Gefahr.

Die heutige Oppositionspartei hat in Bremen schon häufiger mitregiert (1995-1999, 1999-2003 und 2003-2007). Die Union brach seinerzeit eine sinnvolle Gepflogenheit der früheren SPD-Alleinregierungen: Während unter Hans Koschnick und Co meist ausgesprochene Experten aus der Verwaltung zu Staatsräten (früher Senatsdirektoren genannt) berufen wurden – erinnert sei an Dr. Günter Dannemann, Dr. Frank Haller, Dr. Uwe Färber und Fritz Logemann – griff die Union auf Politiker als Staatsräte zurück, die nie gelernt hatten, Verwaltungen zu führen: beispielsweise Sibylle Winther, Elisabeth Motschmann und Günther Niederbremer.

Ein Punkt, der Sozialdemokraten angesichts des beschlossenen Untersuchungsausschusses bereits länger zur möglichen Gegenwehr durch die Köpfe geistert.

CDU und FDP hoffen bei der UA-Dramaturgie offenbar auf Zufallsfunde in den Unterlagen von Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt, Ex-Umweltsenatorin Kathrin Moosdorf, Bürgermeister Andreas Bovenschulte/Ulrike Hiller und anderen, die als Belege für eine nicht sachgemäße Versetzung in den vorläufigen Ruhestand dienen können. Dabei wird es entscheidend auf die Nervenkraft der notfalls unter Eid Befragten ankommen. 

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Die Fach-Darstellung des Themas Wasserstoff durch Professor Dr. Heinz-Otto Peitgen hat in den Kommentaren zu einer lebhaften, sachlichen Debatte geführt. Herzlichen Dank dafür. Ich muss Sie, liebe Leserinnen und Leser mal loben: Sie sind wirklich klasse.