Zum Wissenschaftsplan: Eigentlich hätte die Bremer Uni nicht gegründet werden dürfen…
Die Bremer CDU-Opposition und die Heimatzeitung sind einer Meinung: Der Senat verkauft uns einen fast stagnierenden Haushalt für Uni und Hochschulen als Erfolg. Dabei kann man der Senatssicht durchaus etwas abgewinnen. Immerhin gibt das kleine, arme Bremen 2026 rund 508 Millionen Millionen Euro für Lehre und Forschung aus – das ist der drittgrößte Posten im Gesamtetat. Liebe Leserschaft, heute mal wieder ein Ausflug in die Vergangenheit – Bremen hätte 1971 eigentlich auf die Gründung der Uni verzichten müssen…
Ja ich weiß, das hört sich spinnert an. Ein wenig Geduld, und Sie können meine abstrus wirkende Aussage nachvollziehen. Bleiben wir noch kurz in der Gegenwart.
Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) hat sich bei Vorlage des Wissenschaftsplanes für die nächsten Jahre weit vorgewagt: „Mit dem Haushalt 2026/2027 ist die finanzielle Grundsicherheit der Einrichtungen gewährleistet und durch den Wissenschaftsplan das Bekenntnis des Senats, diese Grundsicherheit auch darüber hinaus zu erhalten. Anders als in anderen Bundesländern setzen wir auf Eigenverantwortung und Synergien – nicht auf Kürzungen.“ Synergien hält die Landesregierung im Zusammenspiel mit der Uni Oldenburg für möglich.
Kurz ein paar Zahlen: 2026 stehen wie gesagt 508 Millionen für Hochschulen und Universität zur Verfügung, 2027 sollen es 300.000 Euro mehr sein. Und dies, während einige andere Bundesländer ihren Lehr- und Forschungsstellen Kürzungen zumuten. Bloß der unangefochtene Geld-Champion Bayern stockt auf.
Noch etwas: Die Abrechnung des Bremer Haushaltes von 2024 zeigt als größte Ausgabenposten: 994 Millionen Euro für „Kinder und Bildung“, 947 Millionen für „Jugend und Soziales“ sowie – an dritter Stelle – 498 Millionen Euro für „Hochschulen und Forschung“.
Soweit die aktuelle Situation. Schauen wir mal zurück, in die „Gründungszeit“ der Bremer Uni. Das kleinste Bundesland hätte 1971 wissen können, dass es sich die Hochschule überhaupt nicht leisten konnte.
Im Zuge der bundesweiten „Studentenrevolten“ und dem großen Bedarf an jungen Lehrern lockte der Bund seinerzeit, Uni-Neugründungen mit bis zu 50 Prozent der Investitionskosten zu unterstützen – sofern sie bis 1971 „an Netz“ gingen.
Die damaligen Geberländer im Länderfinanzausgleiches – Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Hamburg – sowie Niedersachsen und Berlin stellten dem Bremer Regierungschef Hans Koschnick (SPD) in Aussicht: Wir lassen euch nicht hängen, steuern jährlich 50 Prozent der Unterhaltskosten (also inklusive Personalkosten) bei. Dummerweise wurden diese Zusagen nicht in Vertragsform gegossen, aber immerhin in jeweiligen Landesgesetzen verankert.
Die Ausgangslage beflügelte den damaligen SPD-FDP-Senat, sich an die Uni-Gründung heranzutrauen. Dies geschah am 14. Oktober 1971, mit 450 Studenten und 30 Professoren.
Viele, teils kuriose, Details zur Gründungsgeschichte sind in Aufzeichnungen von Dr. Günther Czichon (SPD) nachzulesen, die im Staatsarchiv aufbewahrt werden. Eine wahre Fundgrube.
Czichon – junger Wissenschaftspolitiker in der SPD-Fraktion, damals hauptberuflich Manager im Krupp-Konzern – beriet seinerzeit Koschnick. Auch trat er als Verhandlungsführer und Kompromiss-Sucher zwischen den Fronten auf. Später wurde Czichon übrigens Chef der Senatskanzlei und danach Senator für Bundesangelegenheiten. Und danach Chef der Bremer Stadtwerke AG.
Bei der Uni-Gründung wollten insbesondere linke Studenten, Professoren und Assistenten das Sagen haben. „Drittelparität“, war das Stichwort der Zeit. Das Kampfmotto der 68er lautete: „Unter den Talaren, Muff von 1.000 Jahren“.
Die rot-gelbe Koalition zerbrach 1971 übrigens an der Berufung des als links verpönten von der SPD ausgeguckten Gründungs-Professors Wilfried Gottschalch.
FDP-Fraktionschef Harry John opponierte gegen die eigenen Senatsmitglieder Rolf Speckmann (sein Wechsel vom Finanzressort in den Vorstand der Sparkasse stand bereits fest), Dr. Ulrich Graf (Justiz) und Dr. Georg Borttscheller (Häfen, Schifffahrt und Verkehr). Der Häfensenator wandte sich nach der Rückkehr von einer USA-Reise gegen den Koalitionsbruch mit einem legendären Satz. Eine gute Jacke (Koalition mit der SPD) dürfe man nicht „wegen eines roten Knopfes (Uni) wegwerfen“. Doch da war es zu spät.
Bei der anschließenden Bürgerschaftswahl holte Koschnick für die SPD die absolute Mehrheit.
Bremen war seinerzeit bundesweit vielen Konservativen ein Dorn im Auger. Die FAZ prägte für die Bremer Reform-Uni den Begriff „linke Kaderschmiede“.
Dies, Streit um Personalien und Rangeleien um die Ausrichtung der jungen Uni blieb in den „Geberländern“ nicht unbeachtet. Die in Baden-Württemberg herrschende CDU (Landeschef Hans Filbinger) drang auf den Rückzug des Landes aus der Mitfinanzierung.
In Hessen wurde die FDP Teil der Regierung und ätzte gegen die politische Ausrichtung der Bremer Hochschule – wegen der die Bremer FDP ja den Senat verlassen hatte. Außerdem störten sich die Liberalen offenbar daran, dass das Mensa-Essen an der Weser deutlich günstiger als in hessischen Unis angeboten wurde – nach dem Motto: Die gewähren ihren Studenten Extras, und wir sollen dafür zahlen.
Hamburg verabschiedete sich ebenfalls. Erstens fühlte man sich damals als die „bessere Hansestadt“ und wollte diese Oberlinken an der Weser nicht auch noch mit eigenem Steuergeld unterstützen.
Als letzter Zahler zog sich Nordrhein-Westfalen (Landeschef Heinz Kühn, SPD) zurück.
Und dann hatten die Bremer den Salat: Eine Uni, die sie sich eigentlich überhaupt nicht leisten konnten. Zumal 1969 die sogenannte Steuerzerlegung geändert worden war – mit Bremer Zustimmung.
Bis 1969 entrichteten Arbeitnehmer ihre Lohn- und Einkommenssteuer am Arbeits- und nicht am Wohnort. Die Neuerung hatte fatale Folgen: In Bremen gab es damals bereits viele Einpendler, die an der Weser arbeiteten und im Umland wohnten. Außerdem existierten Arbeitsplätze in Hülle und Fülle. Beispielsweise bauten die Werften AG Weser als auch der Bremer Vulkan (noch) kräftig Schiffe. VFW Fokker war im Flugzeuggeschäft erfolgreich und mit der Nahrungsindustrie lief es ebenfalls gut.
Hans Koschnick stimmte der neuen Lohnsteuerzerlegung, wie er später betonte, auch auf Zuraten seines Finanzsenators Speckmann zu – und beide ahnten nicht, dass sich die Pendlerzahl dramatisch erhöhen würde (heutzutage 120.000). Viele in Bremen besser verdienende Arbeitnehmer trachten nach einem eigenen, möglichst freistehendem Haus mit Garten. Bremen setzte seinerzeit jedoch vorrangig auf sozialen Wohnungsbau, später auch Reihenhaus-Bebauung. Mit der Folge, großer Abwanderungen nach Niedersachsen.
Liebe Leserschaft, die sind nur einige Gründe, weshalb Bremen bereits seit vielen Jahren so große Finanzprobleme hat.
Eigentlich hätte die Uni nie gegründet werden dürfen. Und doch sind heute Politik, Wissenschaft, 40.000 Studenten m/w und auch die Wirtschaft froh, dass es die Uni gibt. Sie sorgt für den notwendigen Nachwuchs, für international anerkannte Forschung und Wissenschaftseinrichtungen sowie auch für ordentliche Steuereinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe.
Unterm Strich: Bremen hatte nach dem Ausstieg der damaligen Geberländer nie genug Geld, um die vielen und riesigen Immobilien baulich in Schuss zu halten.
Betrachtet man die gesamte Gemengelage, kann man den amtierenden Senat besser verstehen, dass er stolz ist: zumindest den Status quo von Forschung und Lehre zu halten und (noch) nicht beschneiden zu müssen.
Sorry, war jetzt viel Vergangenheit. Aber die Erinnerung sorgt manchmal dafür, die Gegenwart besser einordnen zu können.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Ich freue mich, Ihnen für die Weihnachtswoche eine Dokumentation zum Thema Gründung der Uni anbieten zu können. Dr. Günther Czichon (95) – seinerzeit hautnah an dem Entstehen der Hochschule beteiligt – erlaubt mir, seine Erinnerungen an die Gründungszeit zu veröffentlichen. Ein „Leckerbissen“ für alle politisch und historisch Interessierten.
Ich hatte als junger Abiturient in 1972 die Absicht, an der „neuen“ Uni in Bremen Biologie zu studieren. Mein Vater hat mir damals unter Androhung des Entzugs der finanziellen Unterstützung und sogar der „Enterbung“ diesen Schritt unmöglich gemacht. „Mein Sohn an diese „linke Kaderschmiede“, niemals! Ich bin dann in Göttingen (Forstwissenschaften) gelandet. Ich habe damals in Göttingen am Institut für Forstbotanik Herrn Dr. Wolfgang Heyser kennen gelernt. (Er hat bei Prof. Escherich über Mykorrihiza/Feinwurzelsysteme) habilitiert. 1979 ist Dr. Heyser nach Bremen gewechselt und wurde dann auch noch stellvertretender Uni Präsident. Ich bin dann auch über Umwege nach Bremen gekommen. Die Uni Bremen hat sich m.E. zu einer Ecxellenz Uni entwickelt. Man denke da z.B. nur ans „Marum“. Kai Uwe Hinrichs, (Chef von dem Laden), hätte längst einen „Nobelpreis‘, wenn es ihn in seiner Kategorie gäbe, verdient. Aber immerhin ist er “ Leopoldiner“ und Mitglied der Akademie der Wissenschaften.
(berät die Bundesregierung) Ich bin dankbar dafür, dass es die Universität Bremen gibt!
Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft nicht erfolgreich gestalten. Der historische Rucksack wirkt lange nach; in Bremen enthält er leider viele schlechte Entscheidungen, naive, kurzsichtige Verhandlungspositionen, Korruption und Vetternwirtschaft. Wenn man sich Hans Koschnick einmal genauer ansieht und mit Zeitzeugen redet, bleibt da ja nicht viel Gutes übrig. Die Uni ist in diesem Zusammenhang wohl eher ein positiver Ausreißer – wo stünde Bremen, wenn es die nicht gäbe? Das problematische, wiederkehrende Muster ist wohl eher, wie man die langfristige Finanzierung guter Ideen nicht verhandelt, sondern auf Treu und Glauben bei chronisch dubiosen Vertragspartnern setzt. Und verliert!
In diesem Zusammenhang, guter Herr Schuller, sehe ich Ihren Take im Licht des Strategems 26: „Die Akazie schelten, dabei aber auf den Maulbeerbaum zeigen.“
Ich glaube, wenn man Bremen aus der misslichen Lage befreien will, braucht es eine ehrliche Abrechnung mit den Versagern und krimineller Komplizenschaft in der Vergangenheit. Und man muss Fehlentscheidungen auch rückgängig machen. Der dümmste Spruch, den ich immer wieder von Topmanagern höre – deren Unternehmen bald weg vom Fenster sein wird –, ist: „Das können wir nicht mehr ändern, das betrachten wir als Setzung.“ Das heißt auf Deutsch: „Ist mir egal, ob wir auf Sand bauen, Gesichtswahrung ist mir wichtiger.“
Jetzt verstehe ich endlich, warum ein Schwimmbad, gebaut in den 1970ern Jahren, in Bremen (Uni-Bad) irreparabel vergammelt ist, während es in Lilienthal weiterhin treue Dienste, wohl auch mit Perspektive, leistet. Danke Axel Schuller für diesen Ausflug in die Vergangenheit.
Anno 1970/71 kehrte ich von einer texanischen Universität, wo ich als „Professor of German Languge and Literature“ gewirkt hatte, nach Deutschland zurück. Nicht nach Regensburg, wo mich eine Dozentenstelle erwartete, sondern nach Bremen, wo gerade eine Uni entstand. Als ich mich aber dort mit einem Vortrag über (sinngemäß etwa) „Die Rolle werktätiger Frauen bei Shakespeare“ vorstellen sollte, bedankte ich mich, blieb dennoch in Bremen und bewarb mich in den hiesigen Schuldienst. Dies persönlich bei einem Mitarbeiter des Senators für Bildung, der mich (unrasiert und derangiert vom Entladen meiner US-Habe im Freihafen, ergo: „Das ist einer uns“) sofort anheuerte. Da ich mich hier aber den roten Kuschelecken verweigerte, was durchaus ein Karrierstopp sein kann, bewarb ich mich einige Jahre später in Niedersachsen, wo ich ohne politischen Kotau meine beruflichen Ziele verfolgen konnte.
Viel folgenschwerer als die Uni (über die hat man ja zumindest eigene Kontrolle) war doch die Lohnsteuerzerlegung. Ansonsten alles historisch interessant, aber aktuell völlig irrelevant.
Womit wollen wir in Deutschland denn noch etwas werden? Schiffbau (Sie zitieren die AG Weser), Stahl (ArcelorMittal will die Wasserstoff-Förderung nicht, das ist ein Todesurteil auf Raten), Photovoltaik (von der CDU erledigt)? Bildung ist und bleibt eine sinnvolle Investition – https://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/ifo-studie-bessere-bildung-koennte-deutschland-billionen-euro-bringen/100184003.html
Jetzt hier gegen die Uni zu reden – welche Zukunft soll Bremen denn sonst habe?
@Martin Gerken: Hier liegt ein Missverständnis vor. Ich stelle nicht die Uni mit ihren positiven Folgen auf vielen Feldern infrage. Sondern ich wollte ausdrücken, dass Bremen eigentlich nicht über genug Geld verfügt, um sich eine Uni zu leisten.
Die Vorstellung, dass sich ein Staat keine Uni leisten kann, ist bemerkenswert, seltsam und merkwürdig.
Und sie basiert wahrscheinlich auf ein paar fragwürdigen Grundannahmen. Die erste Annahme ist wohl, ein Staat solle so agieren wie ein Unternehmen, also Gewinn machen, zumindest langfristig. Die zweite Annahme ist, dass Kreditaufnahme für den Staat etwas Böses ist, weil das Geld angeblich zurückgezahlt werden muss.
Aber bei wem ist der Staat verschuldet und warum? Bei wem ist die Erde verschuldet? – Wohl kaum bei Außerirdischen, oder?
Mit unserer westlichen Arroganz sind wir natürlich zu borniert, mal nach China zu blicken und uns zu fragen, wie es denen gelungen ist, über eine Milliarde Menschen nicht nur aus absoluter Armut zu befreien, sondern eine breite Mittelschicht und sehr viele sehr reiche Leute hervorzubringen. Das ist eine Planwirtschaft, die scheinbar hemmungslos zur Überproduktion neigt: zu viele Wohnungen, zu viele Motorradhersteller, zu viele Autohersteller. Die haben auch ein kreditbasiertes Fiat-Geldsystem wie wir. Aber machen eine sehr expansive Geldpolitik.
Der ganze Überfluss ist kreditfinanziert; das Geld entsteht auch dort wie hier mittels Kredit aus dem Nichts. Die wissen sogar, dass von den 100 Autoherstellern nur drei den harten Wettbewerb überleben werden. 97 % werden Pleite gehen; der Kredit, den diese für ihre Tätigkeiten erhalten haben, wird niemals zurückgezahlt werden. Aber das macht in einem Kreditgeldsystem auch nichts – weil die Schulden einfach gestrichen werden können, ohne dass jemand sein Geld verliert. Die Vermögenswerte bleiben aber erhalten.
Ich empfehle mal das Buch von Heiner Flassbeck: „Grundlagen einer relevanten Ökonomik“. Um von diesem selbstzerstörerischen „Wir-müssen-sparen“-Trip runterzukommen.
https://westendverlag.de/Grundlagen-einer-relevanten-OEkonomik/2024