WK-Chefredakteur Piel macht Andersdenkende böswillig verächtlich

20.12.2025 32 Von Axel Schuller

Außenpolitisch gibt es kaum ein Thema, an dem sich die Geister so brutal scheiden wie an Russland. Die einen setzen ernsthaft darauf, die Atommacht Russland zu schlagen und so den Krieg in der Ukraine zu beenden. Die anderen verurteilen zwar ebenfalls Putins Gräueltaten in der Ukraine, wollen aber die „Vorgeschichte“ nicht ausblenden: Wie sich nämlich die NATO bis an Russlands Grenzen herangerobbt hatte. Weser-Kurier-Chefredakteur Benjamin Piel steuert jetzt eine eher schlichte Sicht zum Meinungskonflikt bei – und fällt mal eben über Ex-Innensenator Ulrich Mäurer (SPD) her. 

Die rund 86.000 Abonnenten des Weser-Kurier erhalten seit geraumer Zeit den Newsletter„Piels Position“. Am Wochenende hat sich der neue Chefredakteur den gerade pensionierten Ulrich Mäurer zur Brust genommen. Dabei spielte unter anderem Mäurers Haltung zur Aufrüstung und seine offenbar andere als die Mainstream-Sicht auf das West-Ost-Verhältnis eine große Rolle. Mäurer befinde sich mit seiner Haltung zu Russland „komplett auf dem Holzweg“, urteilte Scharfrichter Piel. So habe der ursprünglich doch tatsächlich ein Buch der Bremer Autoren Dr. Stefan Luft und Dr. Jürgen Wendler öffentlich vorstellen wollen, obwohl die Autoren darin die Ursachen des Ukraine-Krieges mal eben umgedreht hätten, den Westen zum Kriegsschuldigen erklärten und „Putin nicht wie einen diktatorisch-blutigen Aggressor, sondern wie ein Opfer aussehen“ ließen.

Tatsächlich wirbt das Buch „Mit Russland. Für einen Politikwechsel“ auf Grundlage einer gewissenhaften Analyse dafür, den Ukraine-Krieg nicht nur vom Ist-Zustand aus zu bewerten, sondern auch die zurückliegenden Jahre vor dem Überfall auf die Ukraine auszuleuchten. Piel unterstellt den Autoren, und damit indirekt auch Mäurer, „propagandistisch angehauchten Schuldumkehr-Unsinn“ zu verbreiten. Diese Bremer seien damit der russischen Propaganda aufgesessen, Piel unterstellt dem Ex-Senator, er hätte auf seine alten Tage „förmlich zum Sicherheitsproblem“ werden können. Kurzum: Der WK-Chefredakteur verbreitet Neues aus Absurdistan.

Entweder hat Piel das Buch nicht gelesen, oder er ist auf sein eigenes Blatt, bzw. auf die teilweise dürftigen Informationen desselben hereingefallen.

Der Weser-Kurier weigert sich nach meiner Wahrnehmung seit langem beharrlich, vorliegende Informationen und Hintergründe zum Thema Ukraine aufzubereiten.

Erst am Wochenende pries die EU-Korrespondentin des Blattes, die 90 EU-Milliarden Euro für weitere Ukraine-Waffen mit dem in Belgien liegendem russischen Vermögen abzusichern, sei ein geradezu genialer Schachzug.

Kein Gedanke zum Problem, dass noch etwa 100 Milliarden Vermögen von deutschen und europäischen Firmen in Russland liegen und dort von Enteignung bedroht sein könnten.

Wenn Staaten oder Verbünde wie die EU anfangen, fremdes Geld nach politischen Opportunitäten einzukassieren, könnte ab einem bestimmten Umfang das gesamte Euro-Währungssystem in Mitleidenschaft gezogen werden. Welcher Staat investiert noch in den Euro, wenn er sich seines Vermögens nicht sicher sein kann? Dazu hat jüngst Gabor Steingart bei „Pioneer“ kluge Gedanken geäußert.

Und dann die EU-„Lösung“, Russland an dem 90-Milliarden-Kredit zu „beteiligen“, falls Putin nach dem hoffentlich bald zu vereinbarenden Friedensabkommen zu keinen „Reparationszahlungen“ bereit sei. Wovon träumen die „genialen“ EU-Taktiker eigentlich noch? Wer zahlt denn in der Regel „Reparationskosten“? Die Sieger oder die Verlierer eines Krieges? Im besten Fall werden diese gegengerechnet. 

Immerhin ist dem WK aufgefallen, dass Bundeskanzler Friedrich Merz mit seinem Hauruck-Kurs in Brüssel gescheitert ist, Teile des russischen Vermögens einfach an die Ukraine weiterzuleiten.

Russland hatte – selbstverständlich – keinerlei Recht, die Ukraine mit einem Krieg zu überziehen. Und ja, dieser Krieg ist völkerrechtlich nicht zu rechtfertigen.

Aber: War der Krieg der USA 2003 gegen den Irak völkerrechtlich okay? Hatte die UN diesen mandatiert? Nein, der Einfall der USA in den Irak gründete lediglich auf der Annahme, Saddam Hussein habe hinter der Terrortat gegen das World Trade Center gesteckt und er verfüge über Massenvernichtungswaffen. Beweise wurden nicht gefunden.

Warum wird in vielen unserer Medien, wie auch dem WK, mit zweierlei Maß gemessen?

Warum schlägt Benjamin Piel verbal auf Mäurer, Luft und Wendler ein und lässt somit außer Acht, dass fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung weiteren Waffenlieferungen an die Ukraine skeptisch gegenübersteht?

Warum wird in unserem Land der Glauben geschürt, Konflikte und Kriege könnten nur mit Waffen und nicht mit diplomatischen Bemühungen beendet werden?

Negative Fakten über die Regierung Selenski werden seltsamerweise meist klein gehalten. Warum? Der Staat gehört weiter zu den korruptesten. Trotzdem sieht EU-Chefin Ursula von der Leyen die Ukraine gedanklich schon in der EU. Der Anschlag auf die Nordstream-Pipelines Ende 2022 wurde – völlig widersinnig – von Politik und Medien spontan den Russen angelastet. Dass nunmehr ukrainische Elite-Kräfte der Tat dringend verdächtigt werden, schrumpft in unserer Tageszeitung gerne mal auf Meldungs-Länge.    

Piels Schmähkritik an Mäurer, Luft und Wendler hat nichts mit einer inhaltlichen Auseinandersetzung zu tun. Nein, es ist eine böswillige Verächtlichmachung Andersdenkender. Dass die Autoren und der Ex-Senator berechtigte Gründe für ihre Analyse und Sicht sowie für ihre Haltung haben könnten, kommt dem Chefredakteur offenbar nicht in den Sinn.

Liebe Leserschaft, Sie kennen mich: Ich selbst bevorzuge Kommentare mit eindeutigen Meinungsäußerungen. Aber Benjamin Piel hat mit seinem jüngsten Newsletter die Rolle des Kommentators mit der eines Aktivisten getauscht. Keine guten Aussichten für die Entwicklung des WK.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Nun hat auch Radio Bremen den Zwist zwischen den Weser-Kurier-Eigentümern Güssow und Hackmack entdeckt. bremensogesehen-Leser sind seit Juli über die Entwicklungen informiert. Vorstand David Koopmann hat im Pressehaus angeblich bereits ein anderes Büro bezogen, da er ab 1.1.2026 nicht mehr Vorstand ist. Koopmann bleibt (vorerst) weiter als Geschäftsführer einiger vom WK mitgegründeter Firmen. Das Amtsgericht ist nun aufgerufen, einen Notvorstand einzusetzen, der bis zur Ernennung eines Chefs durch den Aufsichtsrat im Amt sein wird. Die nächste Aufsichtsratssitzung soll – wie ich höre – bereits am 2. Januar stattfinden.