Dokumentation: Erinnerungen von Günther Czichon, „Geburtshelfer“ der Bremer Uni

27.12.2025 7 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, hier zum Wochenende nun die versprochene Dokumentation eines Kapitels aus den Erinnerungen von Dr. Günter Czichon. Für Politik-Interessierte ein „Leckerbissen“. Nehmen Sie sich bitte die notwendige Lesezeit. Czichon beschreibt Details aus dem Innenleben der Politik zu Zeiten der Uni-Gründung in den Siebzigern. Nach der Lektüre bleibt eine Frage freilich offen: Warum hat die Bremer Uni Dr. Günther Czichon eigentlich nie für seine Verdienste gewürdigt?

ZITAT Anfang:

Auszug aus: Günther Czichon: „Zwischen den Stühlen“

Berufsjahre von 1955 bis 1977, aufgeschrieben im Jahr 2006

Eine Universitätsgründung im Zeitgeist (1967-1975)

Es fing für mich ganz harmlos an. Ich war frischgebackener Abgeordneter und Sprecher der Deputation für Kunst und Wissenschaft. Da alle Bürgerschaftsfraktionen der Gründung einer Universität in Bremen positiv gegenüberstanden, fiel es mir leicht, in den ersten Universitätsdebatten der neuen Legislaturperiode für die SPD-Fraktion Beiträge zu leisten, die auch in anderen Fraktionen Zustimmung fanden und manchmal sogar gemeinsame Heiterkeit auslösten.

Die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Regierungsfraktionen SPD und FDP einerseits und der CDU-Opposition andererseits waren zunächst marginal. Die CDU kritisierte nur, dass nach dem 1967 erfolgten Rücktritt des Gründungsausschusses, der den Senat beraten sollte, bis Anfang 1968 noch kein neues Beratungsgremium berufen worden war. Deshalb wollte sie im Haushaltsplan des neuen Jahres die Mittel für den Ausschuss streichen. In der Debatte darüber sagte ich, daß das doch wohl eine wenig geeignete Methode sei, um vom Senat etwas über den aktuellen Stand seiner Bemühungen zu erfahren:“… das ist ungefähr das gleiche, als wenn ich im Privatleben das Taschengeld meiner Frau streichen würde, um zu erfahren, ob ich etwas zum Geburtstag bekomme oder nicht.“

Einmal mischte sich der Hafensenator Dr. Borttscheller in eine Universitätsdebatte ein. Er war eitel wie ein Pfau und liebte show-reife Auftritte. Deshalb nannte ich ihn etwas respektlos den „Maurice Chevalier des Senats“ (nach dem quirigen Kabarettisten und Chanson-Sänger der Franzosen). Das wurde mit allgemeiner Heiterkeit quittiert. Borttscheller selbst gefiel es offenbar, denn er schrieb über diesen Vergleich in seinen Memoiren: „Das ganze Haus klatschte, und ich mußte mich erheben und für die Ovation danken. Eines der schönsten, vielleicht mein schönstes Erlebnis im Parlament.“

Ein Vergleich aus einer anderen Universitätsdebatte avancierte in der politischen Szene Bremens zeitweilig zum geflügelten Wort. Ich hatte etwas ironisch um Nachsicht mit studentischem Verbalradikalismus und mit kruden hochschulpolitischen Vorstellungen eines NPD-Redners gebeten und gesagt: „Man kann doch vom Schellfisch keinen Kaviar verlangen.“ Das gedruckte Protokoll verzeichnet hier „Stürmische Heiterkeit“.

Als sich im Mai 1968 die elf Ministerpräsidenten über die Aufbringung der laufenden Kosten der Bremer Universität einigten, dauerte das weitgehende Einvernehmen der Bürgerschaftsfraktionen noch an. Das galt auch für die Notwendigkeit grundlegender Reformen der inneren Universitätsstruktur. Ich sagte deshalb in der Debatte über das Finanzierungsabkommen: „Die Diskussion der letzten zwölf Monate hat die Akzente in dieser Frage so verschoben, daß selbst konservative Kreise Reformen befürworten, die noch vor kurzem als utopisch galten.“

Überall in Europa und in den USA hatte sich das politische Klima verändert. Eine kritische Jugend hatte sich zu Wort gemeldet und Gewohntes in Frage gestellt. Der Zeitgeist tendierte nach links, und der Gründungsprozeß der Bremer Universität konnte unmöglich so fortgeführt werden, wie er bis dahin gelaufen war.

Nach den allerersten Gründungsüberlegungen hatte der Senat 1959 einen Auftrag an den stellvertretenden Kurator der Universität Göttingen, Dr. Hans Werner Rothe, erteilt. Dieser sollte nach den Maßstäben seiner Universität und unter Berücksichtigung zeitgemäßer Vorstellungen ein Gründungskonzept für Bremen erarbeiten. Das lag im Februar 1961 vor und fand allgemeine Zustimmung, denn es war gründlich durchdacht und für die damalige Zeit fortschrittlich.

In der besonders umstrittenen Frage einer studentischen Mitbestimmung in den Universitätsgremien setzte Rothe sich für ein Stimmrecht der Studenten nach dem Vorbild der Freien Universität Berlin ein. Sein Konzept einer „Campus-Universität“ am Rande der Stadt wurde zwar nach 1968 zu Gunsten einer Verflechtung von Stadt und Universität abgelehnt, aber die heutige Realität kommt dem Campus doch sehr nahe.

Für den Aufbau des Lehrkörpers hatte Rothe empfohlen, als „Kern der künftigen Universität“ zunächst einige hervorragende Gelehrte zu berufen, „die mit der Konzeption der neuen Universität übereinstimmen und gewillt sind, den Universitätsaufbau in Bremen zugleich zu einem Teil ihres wissenschaftlichen Lebenswerkes zu machen.“ Statt solcher „Eckprofessoren“ wurden später Planungskommissionen aus Professoren, Assistenten und Studenten berufen, aber so ganz falsch war Rothes Vorschlag nicht, denn die Qualität von Forschung und Lehre in Bremen war während der Anfangsjahre dort am besten, wo es gelang, besonders qualifizierte Erstberufungen zu erreichen – vor allem bei den Mathematikern und in der Juristenausbildung.

Von 1961 bis 1967 arbeitete ein aus sechzehn Professoren bestehender Gründungsausschuss an der Präzisierung des Rothe-Konzepts. Den Vorsitz hatte bis 1966 der Göttinger Theologe Otto Weber und nach ihm der Mediziner Wolfgang Bargmann. Als vor der Bürgerschaftswahl 1967 das erste bremische Universitätsgesetz mit den Stimmen von SPD und FDP beschlossen wurde, trat dieser Ausschuß zurück, weil das Gesetz der Universität nicht die volle Personalhoheit übertragen hatte. Das wäre nicht mit der Landesverfassung vereinbar gewesen.

Im September 1968 setzte die Universität Göttingen auf Wunsch der Bremer Regierung einen „Gründungssenat der Georg-August-Universität Göttingen für die Universität Bremen“ ein, dem zwölf Mitglieder angehörten: Sechs vom Göttinger Senat gewählte Professoren (zwei davon Nichtordinarien), drei Vertreter des Göttinger Assistentenrats und drei Studenten, die der Verband Deutscher Studenten (VDS) – also kein Göttinger Gremium – gewählt hatte. Der Vorsitz wurde dem Philologie-Professor Walther Killy übertragen. Von diesem stammte auch der recht mutige Vorschlag für die gruppenmäßige Zusammensetzung des Gründungssenats.

Die Stimmenzahl der Professoren hatte kein Übergewicht mehr gegenüber der Zahl der Assistenten und Studenten. Ein deutlicheres Signal für den Wandel in der (west-) deutschen Universitätslandschaft konnte es nicht geben. Ihren guten Willen zur gleichberechtigten Zusammenarbeit mit den anderen Mitgliedern des Gründungssenats drückten die Professoren auch dadurch aus, daß sie schon auf der ersten Sitzung am 19. September 1968 darauf bestanden, nur mit ihrem Namen und ohne akademische Titel angeredet zu werden.

Für den hochschulpolitischen Neubeginn in Bremen nach dem Rücktritt des Bargmann-Ausschusses und der Bürgerschaftswahl 1967 war es zunächst einmal erforderlich, daß die SPD-Fraktion eine Auswahl unter den vielen Reformvorschlägen traf, die damals im Schwange waren. Im Mai 1968 setzte die Fraktion dafür einen Ausschuß unter meinem Vorsitz ein. Ich wollte schnell ein Ergebnis erreichen, das Aussicht hatte, die Zustimmung von CDU und FDP zu finden und auch überregional akzeptiert zu werden. Das erschien möglich, weil die in unseren Sitzungen vorgetragenen Konzepte der Professoren-Organisation „Deutscher Hochschulverband“, der Bundesassistentenkonferenz und des VDS ziemlich nahe beieinander lagen.

Unsere Arbeit schlossen wir im Januar 1969 mit einer Wochenendklausur ab. Ich hatte dafür eine Synopse vorbereitet, in der zu allen wichtigen Punkten neben der Aussage des Deutschen Wissenschaftsrates die Position des Bildungspolitischen Ausschusses beim Vorstand der Bundes-SPD aufgeführt war. Auf dieser Grundlage wurde schnell ein Konsens gefunden. Die Tagung fand in dem zum Hotel umgebauten ehemaligen Wohnhaus von Bernhard Hoetger „Hinterm Berg“ in Worpswede statt, und ich genoß sehr das Privileg des Vorsitzenden, in dem expressionistisch gestalteten Schlafzimmer des ehemaligen Hausherrn übernachten zu dürfen.

Für die Zusammensetzung der Universitätssenate hatte der Deutsche Wissenschaftsrat ein Verhältnis von Professoren zu Assistenten und Studenten von 8 : 4 : 3 und der Bildungspolitische Ausschuß der SPD die Relation 5:3:2 vorgeschlagen. Den Vorsitz des letzteren hatte der nordrhein-westfälische Bildungsminister und spätere Bundespräsident Johannes Rau, dessen schlagfertiger Witz mich schon damals sehr beeindruckte.

Angesichts solcher Vorschläge auf Bundesebene war es weder besonders mutig noch originell, daß wir das im Gründungssenat schon existierende Verhältnis 2:1:1 übernahmen. Strittig war unter uns allein die Frage, ob die Gremien der Universität das Mandat bekommen sollten, Beschlüsse zu allgemeinen politischen Fragen zu fassen – also etwa zu der damals aktuellen Stationierung von US-Langstreckenraketen in Deutschland. Ich war gegen ein allgemein-politisches Mandat und setzte mich im Ausschuß mit einiger Mühe knapp durch. Die Gesamtfraktion beschloß aber unsere Vortage fast einstimmig, und der Gründungssenat war über die Tendenz des Papiers hocherfreut.

Das geltende „Gesetz über die Universität Bremen“ vom Februar 1967 war überholt. Es ging noch davon aus, daß ein Kuratorium aus vier Bremer Senatoren, vier Bürgerschaftsabgeordneten, drei Professoren und einem Studenten das Führungsorgan der Universität sein sollte. Das paßte nicht mehr in die politische Aufbruchstimmung Ende der Sechziger Jahre. Der Zeitgeist hatte sich grundlegend gewandelt.

Ein neues Gesetz mußte her. Der Entwurf dafür wurde nicht vom Senat vorgelegt, sondern er sollte von einem im Sommer 1969 eingesetzten Bürgerschaftsausschuß erarbeitet werden, dessen Vorsitz ich ebenfalls übernahm. Mein Ziel war es auch jetzt, einen Konsens von SPD, CDU und FDP zu erreichen (Die Fraktion der rechtsradikalen NPD hatte keinen Sitz im Ausschuß). Für diesen Konsens erschien es mir – ebenso wie dem Senat – zweckmäßig, die gesetzlichen Regelungen auf das in der Gründungsphase technisch Notwendige zu beschränken – also auf ein bloßes „Universitäts-Errichtungs-Gesetz“.

Der Gesetzentwurf wurde im Ausschuß tatsächlich in vollem Einvernehmen aller Mitglieder formuliert. Dennoch stimmte ihm die CDU später in der Bürgerschaft nicht zu. Das lag aber nicht am Inhalt des Gesetzes, sondern an hochschulpolitischen Kontroversen zwischen Professoren und Studenten im Gründungssenat, die Anfang 1970 zum Eklat führten

Dieser Streit, den ich jetzt schildern möchte, griff auch auf die Politik über.

Sechzehn Monate lang hatte der Gründungssenat einträchtig und intensiv am Konzept der Bremer Universität gearbeitet. Dabei entwickelte er Vorstellungen, die denen Rothes diametral gegenüberstanden. Das begann schon mit der Öffentlichkeit der Sitzungen und der Tatsache, daß die Professoren den Gründungssenat und seine Kommissionen nicht durch Stimmen-Mehrheit dominieren konnten. Und es setzte sich fort mit Beschlüssen zur Studienreform und zur Organisation von Forschung und Lehre, die sich vom Überkommenen lösten und neue Wege einschlugen. Kurator Rothe wollte sich dieser Linie nicht anpassen und wurde zum Störfaktor. Er mußte im Juni 1969 auf Drängen des Gründungssenats gehen.

Wenn es irgend möglich war, nahmen Bildungssenator Moritz Thape, sein Senatsdirektor Kurt Kreuser und ich an den Sitzungen des Gründungssenats teil. Die Intensität seiner Arbeit ist daran zu erkennen, daß von September 1968 bis Dezember 1969 dreißig – zum Teil mehrtägige – Sitzungen und viele interne Arbeitsbesprechungen stattgefunden hatten. Für ein nebenamtlich tätiges Gremium ein beachtliches Arbeitspensum!

Auch für mich wurde die Politik in dieser Zeit fast zu einem zweiten Vollzeitberuf. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung spekulierte sogar über einen Berufswechsel. Sie schrieb: „Einflußreiche sozialdemokratische Kreise in Bremen bemühen sich zur Zeit, den SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Czichon als künftigen Universitätspräsidenten ins Gespräch zu bringen. Czichon ist promovierter Ingenieur und leitet zur Zeit ein Unternehmen, das besonders Containeranlagen baut.“ Weiter wies die FAZ darauf hin, daß mir dafür nach US-amerikanischem Vorbild ein „Managergehalt“ in Aussicht stände. Ich weiß nicht, ob es in der Bremer SPD tatsächlich solche Überlegungen gegeben hat. Wenn, dann wären sie abwegig gewesen, denn ich dachte nicht im Traum daran, mich vom Ingenieurberuf zu verabschieden.

Im Januar 1970 war es mit den Gemeinsamkeiten im Gründungssenat vorbei. Der Streit entzündete sich am Verfahren zur Berufung der ersten hauptamtlichen Mitarbeiter und Hochschullehrer, die dem noch zu wählenden Gründungsrektor zur Seite stehen sollten. Professor Killy erklärte sich auf einer dramatischen Sitzung am 14. Januar 1970 zur Übernahme des Gründungsrektorats nur unter der Bedingung bereit, daß seine Personalvorschläge vom Gründungssenat gebilligt würden. Die Studentenvertreter beharrten aber auf dem Prinzip, daß die Planer und Hochschullehrer durch Fachbereichs-Kommissionen aus Vertretern der Professoren, Assistenten und Studenten ausgewählt werden sollten. Nach heftigem Wortwechsel legte Killy den Vorsitz nieder, und die Studenten verließen daraufhin die Sitzung. Einige Tage später traten weitere Professoren aus dem Gründungssenat aus.

Ich hatte an der Sitzung teilgenommen und den Eindruck gewonnen, daß nicht alle Kompromißmöglichkeiten ausgeschöpft waren. So sahen es auch die Assistentenvertreter. Deshalb wollte ich einen Rettungsversuch wagen. Schließlich gab es noch die Möglichkeit, daß die Fachbereichs-Kommissionen über Killys Personalpaket berieten und ihm zustimmten, so daß Killy doch Gründungsrektor werden könnte. Die von ihm Vorgeschlagenen waren sämtlich angesehene Fachleute und Wissenschaftler mit hochschulpolitischem Reformwillen. Mein Optimismus stützte sich außerdem darauf, daß der Bürgerschaftsausschuß und ich als dessen Vorsitzender bei den Professoren in hohem Ansehen standen. Noch auf der erwähnten Krisen-Sitzung hatten sie im Gründungssenat unseren Gesetzentwurf einhellig begrüßt.

Die SPD-Fraktion beantragte in der Bürgerschaft, den Hochschulausschuß mit einem Vermittlungsversuch zu beauftragen. Dieser Antrag fand am 28. Januar nach einer zunächst kontroversen Debatte die Unterstützung des gesamten Hauses. Schon drei Tage vor diesem Beschluß hatten Senatsdirektor Kreuser und ich in Göttingen recht aussichtsreiche Gespräche mit Professoren, Assistenten und Studenten in jeweils getrennter Runde geführt. Gemeinsam mit Kurt Kreuser, der mir immer ein wichtiger Ratgeber und in diesen Wochen eine besondere Hilfe war, fuhr ich am gleichen Tag erneut nach Göttingen. Von den sechs Professoren im Gründungssenat hatten bis dahin drei ihr Mandat noch beibehalten. Mit diesen zusammen formulierten wir ein Kompromißpapier zur Berufung hauptamtlicher Mitarbeiter. Dies erwies sich aber für die Assistenten und Studenten als nicht akzeptabel. Damit war unser Rettungsversuch gescheitert. Das Zerwürfnis war unüberbrückbar.

Es war eigentlich ein Wunder, daß der Göttinger Gründungssenat überhaupt so lange in konstruktiver Arbeit zusammenblieb. Die Studenten hatten aber den Nerven der Professoren mehr zugemutet, als diese auf Dauer aushalten konnten. Sie waren – wie erwähnt – Beauftragte des VDS, der die Universitäten zu Impulsgebern revolutionärer Veränderungen der Gesellschaft machen wollte, und sie lebten in dessen Sprach- und Gedankenwelt. In den Sachdiskussionen des Gründungssenats blieb zwar der gesellschaftspolitische Dissens unausgesprochen, aber er war atmosphärisch vorhanden, zumal die Studenten Detlev Albers und Gert Hinnerk Behlmer in VDS-Pubtikationen und anderswo keine verbale Provokation ausließen.

Als Erster äußerte der Ökonomie-Professor Leitherer sein Unbehagen in einem Antrag zur Selbstauflösung des Gründungssenats vom 25. November 1969, in dessen Begründung er schrieb: „Ich könnte an keinem Gegenmodell mitarbeiten, das seine Wurzeln aus dem Marxismus oder einer ähnlichen Richtung beziehen würde.“ Professor Killy formulierte nach dem Rücktritt seine Erkenntnis über den Grundkonflikt so: „Wollte man es positiv ausdrücken, so dachten die einen in ihrer Sachbezogenheit nicht politisch genug, die anderen aber gar zu politisch und prinzipiell polemisch.“

Studentenvertreter Albers, der später Professor an der Bremer Universität und zeitweilig Landesvorsitzender der Bremer SPD wurde, antwortete Killy: „Wir Studenten im Gründungssenat haben nie einen Zweifel darüber gelassen, daß wir die Mitarbeit in Bremen alsTeil einer sozialistischen Hochschulpolitik verstehen. Wir haben versucht und werden weiter dafür sorgen, daß Vorschläge studentischer Kollektive, Basisgruppen und Roter Zellen in die Arbeit der Fachbereichs-Kommissionen einbezogen werden.“ Sein Kollege Behlmer – später Staatsrat in Hamburg – schrieb mir in einem Brief als SPD-Genosse: „Wenn unser gemeinsames Ziel die radikale Veränderung der Gesellschaft und die Verwirklichung eines demokratischen Sozialismus ist, so müssen wir dort, wo wir Verantwortung tragen, die Entwicklung auf dieses Ziel hin weitertreiben und nicht bremsen.“ 

Die „radikale Veränderung der Gesellschaft“ und eine „sozialistische Hochschulpolitik“ waren mir herzlich gleichgültig. Ich wollte lediglich helfen, das Gründungsprojekt möglichst elegant um alle politischen Klippen herumzusteuem – und das war neben dem Berufsstress schwierig genug. Es erschien aber noch immer als ein erreichbares Ziel.

Nach dem Scheitern unseres Vermittlungsversuches bestand formal ein Rest-Gründungssenat aus je drei Assistenten und Studenten. Die Universität Göttingen sah sich nach dem Eklat nicht mehr in der Lage, das Gremium aus dem Kreis ihrer Professoren wieder aufzufüllen. Sie war allerdings bereit, an den Erstberufungen von Hochschullehrern mitzuwirken. Das wäre eine Universitätsgründung alten Stils durch Verpflichtung von „Eckprofessoren“ gewesen.

Dieser Weg wurde nicht nur von SPD und FDP, sondern auch von den CDU-Mitgliedern im Ausschuß abgelehnt. Wir beschlossen deshalb am 9. Februar einstimmig die Bitte an den Senat, „anstelle der zurückgetretenen Mitglieder schnellstens geeignete Persönlichkeiten, in den Gründungssenat zu berufen.“

Diesem Beschluß gingen Beratungen in den Gremien der Bremer SPD voraus. Die Hochschul-Politiker der Fraktion wollten an einem im Verhältnis 2:1:1 zusammengesetzten Gründungssenat festhalten. Moritz Thape neigte mehr dazu, von jetzt an mit einem Gründungsrektor und Eckprofessoren zu arbeiten. Am Samstag, dem 7. Februar, kamen die Vertreter der Fraktion und die SPD-Senatoren zusammen, um die künftige Marschroute festzulegen. Ein besonderes Gewicht hatte in diesem Kreis die Meinung von Hans Koschnick. Mit ihm hatte ich am Abend vor der Sitzung telefoniert und ihn – wie er später selbst sagte – „auf Linie gebracht“. Mit seiner Hilfe gelang es, Moritz Thape und die anderen Senatoren für eine Fortsetzung der bisherigen Politik zu gewinnen. Thape hielt den damals vereinbarten Kurs während seiner ganzen Amtszeit trotz aller späteren Anfeindungen mit bewundernswerter Konsequenz durch.

Was wäre geschehen, wenn wir unsere Politik geändert und uns auf ein herkömmliches Gründungsverfahren mit Eckprofessoren eingelassen hätten? Die Bremer Universität wäre dann wohl nicht zur Zielscheibe von Verleumdung und Beschimpfung durch die restaurativen Kräfte der Politik und der Universitäten geworden. Den Absolventen wären viele Schwierigkeiten bei der Arbeitsplatzsuche erspart geblieben. Aber solche Spekulationen sind müßig. Die Abkehr vom Bremer Gründungskonzept hätte uns unter den Verhältnissen des Jahres 1970 bundesweit ins bildungspolitische Abseits geführt. In der Bremer SPD wäre ein solcher Kurswechsel sowieso nicht zu vermitteln gewesen.

Anders als ihre sozialdemokratischen Kollegen hatten die drei CDU-Mitglieder im Bürgerschaftsausschuß es offenbar versäumt, sich mit ihrer Fraktion abzustimmen. Als Ende Februar feststand, daß die Universität Göttingen keine Professoren für den Gründungssenat benennt, sondern daß diese vom Bremer Senat ausgewählt und angeworben werden müssen, sah die CDU-Führung eine Chance, vom Beschluß des Bürgerschaftsausschusses abzurücken. Sie argumentierte, daß nun ja hinter den Professoren im Gründungssenat nicht mehr eine Universität als Garantin der Pluralität von Forschung und Lehre stände und daß bereits ein„roter“ Professor den „Linken“ eine Mehrheit im Gremium verschaffen könne.

Anfang April 1970 berief der Senat sechs Professoren aus Bremen, Hamburg, Frankfurt und Göttingen in den Gründungssenat, der damit wieder vollzählig und arbeitsfähig wurde. Unter diesen neuen Mitgliedern glaubte die CDU, tatsächlich einen „Roten“ ausgemacht zu haben, nämlich den Frankfurter Ordinarius für Wirtschaftsrecht Rudolf Wiethölter. Von ihm behauptete die Fraktionsspitze der CDU, er strebe eine Politisierung der Rechtswissenschaften an. Sie verglich Wiethölters „Irrlehre“ mit den Praktiken des VolksgerichtshofsPräsidenten Roland Freisler im Dritten Reich, nur fordere Wiethölter eine Ausrichtung des Rechts an radikal-sozialistischen und nicht an faschistischen Thesen.

Die CDU-Fraktion forderte daraufhin ihre Vertreter im Bürgerschaftsausschuß zum Rücktritt auf. Außerdem verlangte sie eine Sondersitzung der Bürgerschaft, die am 24. April 1970 stattfand und äußerst kontrovers verlief. Als Präsident Hermann Engel dem CDU-Redner Günter Klein wegen seiner Angriffe auf den Gründungssenat das Wort entzog, verließen CDU- und NPD-Abgeordnete den Saal. Drei Wochen später teilten die CDU-Mitglieder des Ausschusses mir brieflich mit, daß sie an den Sitzungen bis auf weiteres nicht mehr teilnähmen, weil ihre Fraktion „… nicht gewillt sei, die Mitverantwortung für das jetzt in Arbeit befindliche Hochschulgesetz im Hinblick auf die Zusammensetzung des augenblicklichen Gründungssenats zu tragen.“

Ich weiß nicht, ob der Kurswechsel der Bremer CDU von Scharfmachern in den eigenen Reihen ausging, oder ob Außenstehende wie etwa die hochschulpotitische Kampforganisation „Bund Freiheit der Wissenschaft“ die Fraktion aufgestachelt haben. Vielleicht waren es auch nur wahltaktische Überlegungen mit Blick auf die Bürgerschaftswahl 1971. Dann allerdings wären sie gründlich danebengegangen, denn die Wahl brachte der SPD wieder eine satte absolute Mehrheit – nicht trotz, sondern eher wegen ihrer Universitätspolitik!

Von nun an stand Bremen im Brennpunkt der bundesweiten Auseinandersetzung über Richtung und Ausmaß der Universitätsreform. Vor allem die „Die Welt“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ schossen aus vollen Rohren gegen den Gründungssenat und die Bremer SPD.

Die meisten überregionalen Zeitungen beteiligten sich an diesem Kreuzfeuer, in dem vor Lärm und dichtem Pulverdampf die Realität nicht mehr zu erkennen war. Nur „Die ZEIT‘ war eine Ausnahme. Ihre Redakteurin Nina Grunenberg verschaffte sich in Bremen einen eigenen Eindruck und schrieb: „Ich frage mich, welche Reformen überhaupt noch diskutiert werden können, wenn von der Vrings (des im Juni 1970 gewählten Gründungsrektors) Vorstellungen schon völlig undiskutabel sind.“

Besonders eindrucksvoll schilderte der Historiker Golo Mann in „Christ und Welt“, daß die negativen Pressemeldungen auch ihm die Meinung suggeriert hatten“, … es handle sich um ein ganz radikales, umstürzlerisches, gefährliches Unternehmen, um eine Hochschule, an der nichts mehr gelehrt werden soll – außer, wie man Revolution macht. Geht er nun selber hin, hört er einen Tag lang den Beratungen jener Universitätsgründer zu, so erlebt er etwas ganz anderes: eine vernünftige, sachliche, tolerante Atmosphäre, Pläne, wie die Studenten nicht weniger lernen und arbeiten sollen, sondern mehr, auch und gerade in den echten Wissenschaften, wenn auch mit neuen Methoden, und keineswegs dem Anspruch, nur eine politische Richtung müsse herrschen. 

Hier wurden ihm also von Zeitungen, an die er glaubte, Vorurteile suggeriert, nicht genau und gerecht informierende Urteile.“

Als der personell veränderte Gründungssenat im April 1970 seine Arbeit wieder aufnahm, schloß er nahtlos an den im Januar erreichten Beratungsstand an. Es ging immer noch um die Einsetzung eines Gründungsrektors und um die Einstellung hauptamtlicher Mitarbeiter.

Die Koalitionsparteien SPD und FDP waren sich darin einig, daß dem Gründungssenat dafür das Vorschlagsrecht zukam. Die FDP wollte aber für jede Stelle einen Dreiervorschlag, und der Senat sollte berechtigt sein, daraus nach Belieben auszuwählen. Mit dieser Forderung zeigte sie erneut ihr Mißtrauen gegenüber dem Gründungssenat. Schon vorher hatte der FDP-Fraktionsvorsitzende Harry John nicht nur gemeinsam mit der CDU Wiethölter angegriffen, sondern auch gegen ein weiteres Gründungssenats-Mitglied, den Hamburger Historiker Imanuel Geiss, schwere Bedenken erhoben. 

Es deutete sich an, daß die FDP nicht mehr lange dem publizistischen Trommelfeuer gegen die bremische Universitätspolitik standhalten würde. Vorläufig gelang es aber noch in zahlreichen Koalitionsgesprächen, an denen auch ich teilnahm, das Zerbrechen der Koalition zu verhindern. Dazu trug wesentlich bei, daß Hans Koschnick immer wieder erklärte, er werde die Koalition nicht wegen der Universität aufs Spiel setzen.

Am 30. Juni 1970 nominierte der Gründungssenat einstimmig den stellvertretenden Bundes-Vorsitzenden der Jungsozialisten und habilitierten Politlogen Thomas von der Vring als Gründungsrektor. Der FDP-Wunsch eines Dreiervorschlags blieb unbeachtet. Nun schien der Koalitionsbruch nahe. In einem Koalitionsgespräch am gleichen Tag forderte Finanzsenator Rolf Speckmann (FDP), der Senat müsse eine Konzeption entwickeln, „die jeden Verdacht einer Radikalisierung ausschließe, gegebenenfalls mit der Folge, daß der Gründungssenat die Konsequenzen ziehe“. Bildungssepator Moritz Thape blieb fest auf SPD-Linie und erwiderte ihm ganz gelassen, daßer bei Rücktritt des Gründungssenats gleichfalls zurücktreten werde. BürgermeisterHans Koschnick versuchte, die FDP zu beruhigen und versicherte, daß man die Universität „im Griff‘ behalten werde. Falls sich andere Bundesländer dennoch aus der Mitfinanzierung zurückzögen, „werde er seiner Partei für sein jetziges Amt nicht mehr zur Verfügung stehen“. Für die FDP erklärte John, „daß die Nichtübereinstimmung mit dem Koalitions-Partner in einigen grundsätzlichen Fragen keine Koalitionskrise bedeute“. Thomas von der Vring wurde einige Tage später gegen die Stimmen der FDP-Senatoren vom Senat als Gründungsrektor bestellt. Der Koalitionsbruch war noch einmal vertagt.

Die FDP wurde aber immer nervöser. Im August verlangte sie von ihrem Koalitionspartner, daß sie im Universitätsausschuß des Senats in gleicher Stärke wie die SPD mit zwei Senatoren vertreten sein müsse. Außerdem verlangte sie, daß ein FDP-Senator an Stelle von Senatsdirektor Kreuser Mitglied in der Verwaltungskommission des Wissenschaftsrates wird, der die Bundesregierung in Hochschulfragen beriet. Damit wollte die FDP ihre Teilnahme am Informationsfluß in diesem Gremium erreichen. 

Beiden Wünschen gab die SPD im Interesse des Koalitionserhalts nach. Außerdem wiederholten die Freidemokraten ihre Forderung, daß der Gründungssenat bei allen Stellenbesetzungen Dreiervorschläge zu machen habe. Als die SPD das ablehnte, kündigte der FDP-Landesvorsitzende und Justizsenator Dr. Ulrich Graf an, die FDP-Senatoren würden sich zukünftig im Senat nicht mehr von der SPD-Mehrheit überstimmen lassen. In dieser politisch labilen Situation wurde Anfang September 1970 die Zweite Lesung des Universitäts-Errichtungsgesetzes durchgeführt. Ihm stimmten alle Abgeordneten der SPD und der FDP in namentlicher Abstimmung zu.

Die nächste Stufe des Koalitionskonflikts entzündete sich an der Wahl des Gründungskanzlers. Die FDP wollte dabei ihr Mitglied Horst-Jürgen Lahmann durchsetzen, den persönlichen Referenten von Senator Speckmann. Der Gründungssenat wählte aber am 10. September einen Mitarbeiter des Hochschulinformationssystems in Hannover, das SPD-MitgliedDr. Peter Rabels. Dessen Bestellung widersetzte sich die FDP im Senat.

Sieben Wochen lang gab es keine Entscheidung. Dann sollte ein weiteres Koalitionsgespräch am 24. Oktober das Tauziehen beenden. Die FDP schlug erneut Lahmann als Kanzler vor.

Dem konnte die SPD keinesfalls zustimmen, weil das den endgültigen Bruch mit dem Gründungssenat bedeutet hätte. Dieser hatte Lahmann als ungenügend qualifiziert abgelehnt. Wohlwissend, daß es wahrscheinlich keine Lösung sein würde, regten wir an, Rabels als Vertreter des Gründungsrektors und Chefplaner einzusetzen und Lahmann zum Finanzdirektor zu machen. Wie erwartet war Rabels mit der Beschränkung seiner Aufgaben nicht einverstanden. Er zog seine Bewerbung zurück.

Der Kanzlerkonflikt hatte deutlich gemacht, daß die SPD und insbesondere Hans Koschnick alles tun wollten, um die Koalition mit der FDP zu erhalten. Der Gründungssenat sah ein, daß auch er kompromißbereit sein mußte. Er akzeptierte deshalb die Ablehnung von drei Planem durch den Senat, und er wählte – fast über Nacht – einen neuen Gründungskanzler, den Leiter des Vorstandssekretariats der Bremer Landesbank, Dr. Hans Heinrich Maaß, der der FDP nahestand. Wieder war eine Koalitionskrise beigelegt.

Viel später erfuhr ich von Thomas von der Vring ein amüsantes Detail, das ein Schlaglicht auf die Unberechenbarkeit der damaligen Bremer FDP wirft: Er war von Speckmann und Graf zu einem Mittagessen im „Deutschen Haus“ am Marktplatz eingeladen worden. Beim Nachtisch sprachen seine Gastgeber die Personalie „Gründungskanzler“ an. Sie wollten ihm klarmachen, daß es für die Universität wichtig sei, einen Bremer zum Kanzler zu wählen. Speckmann plädierte dabei für Lahmann, Graf für Maaß, und beide verrissen mit abfälligen Kommentaren den Kandidaten des anderen. Dieser Streit dauerte in der FDP sogar noch bis nach der Wahl von Maaß an.

Die Rücksichtnahme auf die Bauchschmerzen der FDP engte den Spielraum sehr ein, den der Senat für Kompromisse mit dem Gründungssenat hatte. Das wurde in gefährlicher Weise deutlich, als im Frühjahr 1971 die Hochschullehrer vorgeschlagen wurden, mit denen die Universität im Herbst des gleichen Jahres starten sollte. In einer ersten Berufungsrunde waren 45 Stellen zu besetzen. Der Gründungssenat hatte dafür 65 geeignete Kandidaten benannt – er war in einigen Fällen also dem FDP-Wunsch nach Mehrfachvorschlägen gefolgt.

Dazu eine kleine Kuriosität am Rande: Die Bürgerschaft hatte am 17. März mit den Stimmen von CDU, FDP und NPD beschlossen, daß der Gründungssenat in allen Fällen Mehrfachvorschläge zu machen und auswärtige Gutachten einzuholen habe. Das war passiert, weil etliche SPD-Abgeordnete zufällig nicht im Saal waren. Die Landesregierung ließ aber den Parlaments-Präsidenten wissen, daß sie dem Beschluß nicht entsprechen könne, weil das den Studienbeginn gefährden würde. Außerdem sei es ja wohl kaum die Absicht der Bürgerschaft, in die Verwaltungszuständigkeit des Senats einzugreifen. In genußvoller Süffisanz schrieb Koschnick, das Parlament habe offenbar nur auf eine Problematik hinweisen wollen. „Eine anderweitige Auslegung des Beschlusses wäre irrig“.

Am 20. April 1971 stimmte der Senat nur 30 von 45 Berufungsvorschlägen des Gründungs-Senats zu. Sieben der Vorgeschlagenen wurden ohne Angabe von Gründen endgültig abgelehnt, zwei zur Klärung zurückgestellt, weil sie in Berlin angeblich Mitglieder von „Roten Zellen“ gewesen waren, wegen zwei weiterer sollten Auskünfte von anderen Kultusministerien eingeholt werden, und für die letzten vier hielt der Senat wissenschaftliche Gutachten für erforderlich.

In drei Fällen entschied der Senat sich allerdings für den Zweitplazierten, so daß er insgesamt 33 Hochschullehrer akzeptierte. Alle übrigen Berufungen hatten die FDP-Senatoren verhindert. Sie hatten sich dabei auf Hinweise aus äußerst obskuren Quellen gestützt.

Trotz aller Geheimhaltung sickerte durch, was den Abgelehnten vorgeworfen wurde. Gegen den Freiburger Soziologen Dr. Christian Sigrist wurde beispielsweise das längst widerlegte Gerücht ins Feld geführt, er habe dazu aufgefordert, Polizeifahrzeuge durch Pinkeln in den Tank fahruntüchtig zu machen. Der als Lehrbeauftragter vorgesehene und mit den besten Gutachten ausgestattete Niels Kadritzke wurde in eine Art von Sippenhaft genommen. Sein Zwillingsbruder Ulf hatte sich als Anführer in studentischen Reformdemonstrationen der Jahre 1968 und 1969 hervorgetan. Da die Gründe nicht öffentlich genannt wurden, waren die Betroffenen dagegen wehrlos. Offiziell wurde lediglich erklärt, daß Verfassungstreue und wissenschaftliche Qualifikation der abgelehnten Bewerber nicht in Zweifel gezogen würden. Die Entscheidung sei mit Rücksicht auf die gemeinsame Finanzierung der Bremer Universität getroffen worden – also mit Rücksicht auf das Mißtrauen anderer Bundesländer.

Die Tendenz der Senatsentscheidung über die Berufungsvorschläge war schon vorher bekanntgeworden. Am 12. April 1971, einem Ostermontag, hatte Thomas von der Vring mir von seinen Befürchtungen berichtet, und am 17. April hatten Kurt Kreuser und ich mit Vertretern des Gründungssenats über die sich anbahnende Situation gesprochen. Ich war in großer Sorge und bat deshalb Moritz Thape als SPD-Landesvorsitzenden, das Thema in die Tagesordnung der für den 21. April geplanten Vorstandssitzung aufzunehmen. Thape hoffte, daß das Verhalten des Senats angesichts der schwierigen politischen Lage schließlich doch vom Gründungssenat akzeptiert werden würde. Die „Bremer Nachrichten“ schrieben: ‚Thape meinte zu diesem Ergebnis einerseits, der Senat habe nicht ‚kleinlich‘ gehandelt, andererseits räumte er ein, die Regierung habe ‚vorsichtig‘ handeln müssen.“ Und weiter: „Als Landesvorsitzender der SPD meinte Thape zur heute anstehenden Landesvorstandssitzung seiner Partei, sein Vorstandskollege Czichon werde den Unterschied zwischen parteipolitischen Vorstellungen und Senatsentscheidungen einsehen.“

Es ging aber keineswegs darum, ob ich die Zwangslage des Senats einsah. Vielmehr war der Senat in Gefahr, sich lächerlich zu machen. Am Tag der Senatsentscheidung hatten von der Vring und sein persönlicher Referent Hans Dieter Müller mir und dem GenossenThomas Franke noch einmal die verheerenden Folgen der Ablehnung vor Augen geführt – nämlich eine bundesweite Empörung der Reformbefürworter und einen erneuten ernsten Konflikt mit dem Gründungssenat. Von der Vring hatte vorher schonHans Koschnick im Osterurlaub besucht und ihn eindringlich gewarnt. Ich versuchte es am Nachmittag des 20. April erneut, bekam aber von Koschnick nur unbestimmte Zusagen und tröstende Worte. Deshalb kündigte ich ihm an, was am nächsten Tag geschehen würde.

In der Sitzung der SPD-Fraktion am Vormittag des 21. April sagte ich meinen überraschten Kollegen, daß die Fraktion sich wohl oder übel mit der Meinungsverschiedenheit zwischen dem Senat und mir über die Berufungen befassen müsse. Falls die restriktive Senatspolitik fortgesetzt werde, könne ich sie nicht mehr im Parlament vertreten. Die Fraktion war zwar überrascht aber noch nicht ernsthaft beunruhigt. Was bedeutete schon eine Rücktrittsdrohung des hochschulpolitischen Sprechers gegenüber einem Streit mit dem Senat – noch dazu im Wahl-Jahr? Es wurde beschlossen, das Thema eine Woche später auf einer Sondersitzung zu behandeln.

Mittags trug ich auf der SPD-Landesvorstandssitzung meine Argumente erneut vor, und am Nachmittag hielt ich in der Bürgerschaft eine Rede zum Projektstudium und zur Studienreform in der Mathematik, an der ich tagelang gearbeitet hatte und die vielleicht meine letzte Universitätsrede hätte sein können.

In den Tagen bis zur Fraktionssitzung geschah, was zu erwarten gewesen war: Der Gründungssenat war aufs Äußerste empört. Dennoch blieb er in der Wahl seiner Worte moderat und erklärte nur, daß er eine sinnvolle Weiterarbeit und den Studienbeginn zum Wintersemester 1971/72 als ernsthaft gefährdet ansähe. Zwei Berufungskommissionen stellten aus Protest ihre Arbeit ein, und der Gründungsrektor kündigte eine Verfassungsklage gegen den Senat an. Fünf der vom Senat akzeptierten Hochschullehrer hatten mitgeteilt, daß sie den Ruf ablehnen wollten, falls der Konflikt nicht im Sinne der Universität beigelegt würde.

In der überregionalen liberalen Presse wurde der Senat heftig kritisiert. Die Süddeutsche Zeitung urteilte: „Zum dunkelsten Punkt gehört das Informationsmaterial, das zur Überprüfung herangezogen wurde“ und DIE ZEIT schrieb: „Der Verdacht, daß die Kandidaten mit Mitteln gesiebt wurden, die eines Rechtsstaates unwürdig sind, liegt demnach ebenfalls auf der Hand.“

Am Tag der Fraktionssitzung selbst hatten 28 angesehene Professoren und Dozenten aus dem ganzen Bundesgebiet mit einem offenen Telegramm an Hans Koschnick protestiert und erklärt, der Senat habe die Grenzen legitimer Einflußnahme auf Universitätsberufungen „weitgehender und offener überschritten, als wir es in der Bundesrepublik bisher kannten.“ Auch die Plenarversammlung der Westdeutschen Rektorenkonferenz stellte dem Senat kritische Fragen, und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft sprach von einer „unkontrollierten Willkürhandlung.“

Am Abend vor der Sitzung saßen Hans Dieter Müller und ich zusammen, um einen Entschließungsentwurf zu formulieren, der zwar den Senat deutlich genug zu einem mutigeren Handeln aufforderte, aber das Verhältnis zwischen Fraktion und SPD-Senatoren nicht beschädigte. Der Text begann mit einer Bekräftigung der vonHans Koschnick in der Ministerpräsidenten-Besprechung am 11. März 1971 abgegebenen Erklärung, „daß er sichmit Amt und Person für die Verfassungsmäßigkeit der Bremer Universität verbürge und daß der Senat die ihm zustehende Personalhoheit entsprechend ausüben werde.“ Nach einer ausführlichen Darlegung der Erfordernisse für einen Studienbeginn im Wintersemester hieß es abschließend: „Die Landesregierung wird deshalb aufgefordert, bei der Entscheidung der noch ausstehenden Berufungen die Bedürfnisse der Universität sowohl qualitativ als auch im Hinblick auf den Eröffnungstermin zu berücksichtigen.“

Am Ende einer vierstündigen Debatte, an der auch Thomas von der Vring und zwei Mitglieder von Berufungskommissionen teilnahmen, wurde die Entschließung von allen Abgeordneten und den anwesenden Senatoren Jantzen, Seifriz und Thape einstimmig gebilligt. Zufrieden konnte ich das Ergebnis der Presse mitteilen. Mit dem Beschluß hatten wir aber, ohne es zu wollen oder auch nur zu ahnen, die Lunte an einem Sprengsatz entzündet, der vier Wochen später die SPD-FDP-Koalition platzen ließ.

Seit mindestens einem Jahr hatte die FDP den Kurs des Senats in der Universitätspolitik nur halbherzig bis widerwillig mitgemacht. Die Auffüllung des Gründungssenats im April 1970 und die Wahl von der Vrings zum Gründungsrektor drei Monate später bereiteten ihr schmerzhafte Qualen. Gerade die Tatsache, daß sie keine Argumente gegen das Reformkonzept und dessen handelnde Personen hatte, oder – besser gesagt – daß alle Argumentationsversuche sich schnell als Luftblasen erwiesen, steigerte die Erbitterung der FDP-Oberen noch mehr. Sie waren einerseits nicht stark genug, um auf die Entwicklung konstruktiv Einfluß zu nehmen, und sie hatten andererseits nicht den Mut, die Pressekampagne gegen Bremen auszuhalten und sich – wie es einer liberalen Partei gut angestanden hätte – zu einer zeitgemäßen Universitätsreform zu bekennen.

Eine besonders tragische Figur war Senator Dr. Graf, der – selber Jurist – sich anfänglich sehr für die einphasige Juristenausbildung ohne Referendariatszeit eingesetzt hatte, aber später durch die gesellschaftskritische Rhetorik der Universitätsreformer verschreckt wurde. Harry John, der Vorsitzende der FDP-Fraktion, war wohl wegen seiner Haftzeit in DDR-Gefängnissen besonders allergisch gegen das Wort „Sozialismus„. Sein Verhalten war unberechenbar.

Wenn man sich mit ihm auf einen Kompromiß geeinigt hatte, hielt das selten länger als 24 Stunden. Gisela Müller-Wolff, die als stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion oft mit John zu verhandeln hatte, sagte einmal: „Mir tut jeder Kognak leid, den ich für ihn ausgegeben habe!“ 

Durch den Beschluß der SPD-Fraktion fühlte John sich persönlich angegriffen. Für ihn war das die Arbeit eines „Links-Außen-Kartells“, dessen Druck er sich nicht beugen wolle.

Auf der Senatssitzung am Mittwoch, dem 19. Mai 1971, sollte über die noch offenen Berufungsvorschläge des Gründungssenats entschieden werden. Am Montag trafen sich die Senatoren und je drei Abgeordnete der beiden Koalitionsparteien, um diese Entscheidung vorzubereiten. Die Sitzung endete nach drei Stunden in scheinbar bestem Einvernehmen. Lediglich der Berufung von Professor Dr. Wilfried Gottschalch, der an der Pädagogischen Hochschule Berlin lehrte, wollte die FDP nicht zustimmen. Sie begründete das mit Gottschalchs Buch „Parlamentarismus und Rätedemokratie“, aus dem sie glaubte, eine Sympathie für die letztere herauslesen zu können. Von einer Gefährdung der Koalition war in der Sitzung nicht die Rede.

Schon eine halbe Stunde nach Sitzungsende war es aber mit dem Frieden vorbei. Die FDP ließ Koschnick und Thape telefonisch wissen, sie fühle sich mißverstanden und werde aus der Koalition ausscheiden, wenn die SPD-Mehrheit im Senat der Berufung Gottschalchs zustimmt.

Nun kam es darauf an, wie sich die beiden anwesenden FDP-Senatoren Graf und Speckmann am Mittwoch in der Senatssitzung tatsächlich verhalten würden. Vor der Abstimmung über Gottschalch fragte Koschnick, ob die FDP-Senatoren ihr „Nein“ mit der Koalitionsfrage verbinden wollten. Als diese schwiegen, ließ er abstimmen. Gottschalch wurde mit der Mehrheit der SPD-Senatoren berufen, und die Koalition war dennoch nicht geplatzt. Ich hörte davon und war sehr erleichtert.

Wenig später rief mich ein Reporter von Radio Bremen an und sagte, daß die FDP erklärt habe, aus dem Senat ausscheiden zu wollen, wenn dieser Beschluß nicht zurückgenommen würde. Was war geschehen? Entweder war Graf die Situation erst später voll zum Bewußtsein gekommen, oder sein Parteifreund John hatte ihm nach der Sitzung kräftig eingeheizt. Jedenfatts ging Graf zum Bürgermeister, um sich über die Gottschalch-Entscheidung zu beschweren. Koschnick machte ihn darauf aufmerksam, daß er vor der Abstimmung auf das Koalitions-Problem hingewiesen hatte. Zum Beweis dafür ließ er das Tonband der Senatssitzung vorspielen. Graf mußte zugeben, daß er Koschnicks Frage überhört hatte.

Die fast 25-jährige Regierungsbeteiligung der Bremer FDP endete, weil drei Zufälle zusammentrafen: Der FDP-Landesvorsitzende Dr. Graf war schwerhörig. Finanzsenator Speckmann freute sich auf die schon vertraglich abgesicherte Vorstandsposition bei der Sparkasse in Bremen und war an der Politik seiner Partei nicht mehr sehr interessiert. Und Hafensenator Dr. Borttscheller, der immer gesagt hatte, man dürfe „eine gute Jacke (nämlich die Koalition mit der SPD) nicht wegen eines roten Knopfes (der Universität) wegwerfen“, war gerade in den USA

und konnte nicht zur Besonnenheit mahnen.

Wenn Graf die Frage Koschnicks gehört und bejaht hätte, wäre Gottschalch ganz sicher nicht berufen worden, denn Koschnick wollte die Koalition unbedingt aufrechterhalten, um das Finanzierungsabkommen für die Universität nicht zu gefährden. Dann hätte sich allerdings das Hängen und Würgen um jede weitere Entscheidung auf unbestimmte Zeit fortgesetzt. Insofern war das FDP-Malheur eine Befreiung.

Am 24. Mai, fünf Tage nach der dramatischen Senatssitzung, beriet der Landesausschuß der FDP über die Lage. Der inzwischen zurückgekehrte Borttscheller soll dabei über den von Graf und – mehr noch – von John angerichteten Scherbenhaufen getobt haben. Das Porzellan war aber nicht mehr zu kitten. So konnte die FDP nur noch versuchen, ihrem Koalitionspartner den Schwarzen Peter zuzuschieben. Sie verlangte jetzt von der SPD nicht nur die Rücknahme des Gottschalch-Beschlusses, sondern den Rücktritt von Senator Thape und Senatsdirektor Kreuser, um „eine sofortige Änderung in der Hochschulpolitik zu erreichen“.

Eigentlich hätte eine so lächerliche Forderung postwendend abgelehnt werden können, aber es erschien uns taktisch klüger, das Spiel scheinbar ernst zu nehmen und für den 28. Mai einen außerordentlichen Landesparteitag einzuberufen. Der hielt das FDP-Ansinnen nicht einmal einer Erörterung für wert. Er nahm die Berichte von Koschnick und Thape ohne Kommentar entgegen und sprach den SPD-Senatoren einstimmig das Vertrauen aus.

Am 1. Juni 1971 legten die FDP-Senatoren ihre Ämter nieder. Damit begann der Weg der Bremer Liberalen in die politische Bedeutungslosigkeit. Die Bürgerschaftswahl am 10. Oktober brachte der FDP herbe Verluste. Erst zwanzig Jahre später gelang ihr wieder eine Regierungsbeteiligung, aber sie dauerte nur vier Jahre. Seitdem schaffte es die FDP nicht einmal mehr, als Fraktion im Parlament vertreten zu sein.

Der SPD hingegen wurde das Bekenntnis zu einer zeitgemäßen Universitätsreform von den Wählern belohnt. Sie bekam 59 der hundert Bürgerschaftsmandate und damit wieder eine klare absolute Mehrheit. Und das, obgleich die Angriffe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Springer-Presse bis zum Wahltag im Oktober 1971 noch heftiger geworden waren.

Da CDU und FDP jeden irgendwo erhobenen Vorwurf – und mochte er noch so abwegig sein – zum Gegenstand einer Bürgerschaftsdebatte machten, mußte ich die Universität immer wieder verteidigen. Insgesamt habe ich allein während der Legislaturperiode von 1967 bis 1971 achtzehn meist längere Reden zum Thema „Universitätsgründung“ gehalten. Zusammen mit den vielen Ausschuß-, Deputations- und Parteivorstands-Sitzungen war das neben den Berufsaufgaben, über die ich im nächsten Kapitel berichten will, nur unter Aufbietung alter Kräfte zu schaffen. Auch die Familie hatte darunter zu leiden.

Die zentrale Rolle der Universität in der damaligen bremischen Politik und mein Engagement für sie führten im Rathaus offenbar zum Nachdenken über meine eventuelle Kandidatur für den Senat. Am 14. Juli 1971 besuchte mich – wahrscheinlich im Auftrag von Hans Koschnick – der Chef der Senatskanztei, Staatsrat Kählitz, um zu sondieren, ob ich bereit wäre, nach der Wahl das Ressort Wissenschaft und Kunst zu übernehmen. Ich verneinte das, weil mir die Aufgabe bei Atlas wichtiger war. Einen zweiten Grund behielt ich für mich: Ich wußte, wie schwer es ist, in der Politik zu überleben, wenn man sich nicht verbiegen will. Deshalb hatte ich mir vorgenommen, ein Senatsamt frühestens dann anzustreben, wenn ich über fünfzig sein würde.

Unabhängig von den Sandkastenspielen im Rathaus kam auch der SPD-Landesvorsitzende Moritz Thape auf die Idee, mich in die Überlegungen zur Senatsbildung einzubeziehen. Im November  – also nach der Bürgerschaftswahl – fragte er, ob ich das neue Ressort Gesundheit und Umwelt als nebenamtlicher Senator übernehmen wollte. Auch das lehnte ich ab.

Trotz der starken Wählerverluste der FDP und der hohen Gewinne der SPD gab es zwischen den beiden Parteien Gespräche über eine eventuelle neue Koalition. Das erste fand am 23. Oktober statt. Die FDP-Delegation bot in dieser Besprechung an, die bisherige Senatspolitik rückwirkend zu billigen und öffentlich zu erklären: „Die FDP hat vor der Wahl Aussagen zur Universitätspolitik gemacht, die sich vor allem auf Personalfragen bezogen. Weder diese Aussagen noch die daraus resultierende Haltung der FDP sind durch den Wähler honoriert worden. Dagegen ist die Universitätspolitik der SPD durch die Wahl bestätigt worden.“

Die Zustimmung zu den Entscheidungen der Vergangenheit konnte uns aber nicht genügen.

Wir verlangten von der FDP, daß sie sich auch für die Zukunft eindeutig zur Fortsetzung der bisherigen, von der SPD getragenen Universitätspolitik bekennen müsse. Am 3. November kamen die beiden Delegationen noch einmal zu einem letzten Einigungsversuch zusammen. Erfolglos! Die starken Worte im Wahlkampf waren für die FDP zu einer Falle geworden, aus der sie sich nicht mehr befreien konnte.

Vier Tage nach der Bürgerschaftswahl – am 14. Oktober 1971 –wurde die Universität mit 450 Studenten und 30 Professoren eröffnet. Ehe der eigentliche Lehrbetrieb begann, fanden zwei Hochschulwochen zum Thema „Die Bremer Universität: Versuch einer demokratischen Hochschulreform“ statt. Wenn ich heute das Skriptum dieser Veranstaltung lese, wird mir wieder deutlich, in welcher radikalen Aufbruchstimmung die Universitätsreformer damals waren und wie wirkungslos ihr Bemühen letztlich geblieben ist. Das Projektstudium, das ich lediglich als einen interessanten Weg zur größeren Praxisnähe der Ausbildung angesehen hatte, wurde unter der Perspektive diskutiert, ob es eher dazu befähigen sollte, der „Neuen Arbeiterklasse Intelligenz“ zu eigener politischer Wirksamkeit zu verhelfen, oder ob es vorrangig darum ging, als intellektuelle Berater „der gesellschaftlichen Entfaltung der Arbeiterklasse zu dienen.“ 

Ein solches Selbstverständnis der Universität war nicht dazu angetan, andere Bundesländer für eine Mitfinanzierung der Bremer Universität zu begeistern. Die im Mai 1968 erzielte Übereinkunft der Ministerpräsidenten zu einer gemeinsamen Aufbringung der laufenden Kosten und sogar die seit 1964 gültige Zusage einer Beteiligung an den Investitionen waren immer noch nicht als Vertrag formuliert und unterschrieben. Die Länder mit CDU- bzw. CSU-Regierung hatten ihre Bereitschaft inzwischen zurückgezogen. Nur die SPD-regierten Länder Berlin, Hamburg, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen hielten sich an ihr Wort und beschlossen entsprechende Landesgesetze.

In der neuen Legislaturperiode wurden die Universitätsdebatten in der Bürgerschaft etwas seltener. Sie verloren aber nicht an Heftigkeit. Vor allem die Besetzung der Universitätsgremien mit je einem Drittel Professoren, Assistenten und „Dienstleistern“ erregte die Gemüter in Bremen und bundesweit. Für mich wurde die Situation dadurch leichter, daß die Universität jetzt ihr Konzept selbst in der Öffentlichkeit vertreten konnte. Dennoch blieb die Arbeitsbelastung durch meinen „Nebenberuf“ als Abgeordneter zu hoch. Im Herbst 1974 übergab ich deshalb die Funktion des Deputationssprechers an Manfred Fluß, und zur Bürgerschaftswahl 1975 kandidierte ich nicht mehr.

Etwa gleichzeitig mit mir gab auch Thomas von der Vring sein Amt ab. Über sein vierjähriges Rektorat schrieb er einen ausführlichen Rechenschaftsbericht. Zur Arbeit des Gründungs-Senats sagte er: „Kein Beirat einer in staatlicher Regie gegründeten Universität würde sich so engagiert haben. Trotz vieler organisatorischer Mängel der bremischen Gründungsorganisation hätte keine Planungsorganisation einer Kultusverwaltung derart sach- und problembezogen zu planen vermocht.“

Und weiter zur Rolle der Politik: „Das Erstaunlichste an dieser Form der Universitätsgründung war der Mut des Staates, ein derartiges Experiment zu wagen. … Wie es dagegen wirklich geschehen konnte, daß dieses Gründungsmodell von staatlicher Seite in solcher Konsequenz akzeptiert worden ist, vermag ich mir dagegen auch heute noch nicht befriedigend zu erklären. Es muß etwas mit bremischen Besonderheiten zu tun haben.“

Von der Vring verschwieg nicht, daß es im politischen Innenleben der Hochschule Probleme mit „Chaoten“ in allen drei universitären Gruppen gab – vornehmlich allerdings unter den Studenten – die Wert darauf legten, das Reformmodell „als Werk des fortgeschrittenen Kapitalismus sowie dessen Anhänger als Kapitalistenknechte zu entlarven.“ In den Fachgremien der Universität arbeiteten sie jedoch konstruktiv mit, und ihre „klassenkämpferische Tätigkeit“ erschöpfe sich „im Verteilen von Flugblättem, im Verabschieden von Resolutionen und in gelegentlichen kollektiven Stadtwanderungen, bei denen sie die Bevölkerung mit Transparenten und Sprechchören aufzuklären versuchen.“

Nachfolger von der Vrings als Rektor wurde Hanjo Steinberg. Er und seine Nachfolger standen vor der unangenehmen Aufgabe, die meisten der schönen Reformideen zu begraben und die Universität in Richtung auf herkömmliche Strukturen zu verändern. Ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Mai 1973 stand im Widerspruch zu der in Bremen praktizierten Drittelparität von Professoren, Studenten und „Dienstleistem“ in allen Universitätsgremien. Das Gericht hatte „Leitsätze“ formuliert, nach denen die Freiheit von Forschung und Lehre nur dann sichergestellt sei, wenn die Professoren in Fragen der Lehre einen mindestens gleich starken Einfluß haben wie die Gesamtheit der übrigen Universitätsangehörigen und wenn ihnen in Fragen der Forschung „ein weitgehender ausschlaggebender Einfluß vorbehalten bleibt.“ Außerdem sei bei allen Entscheidungen über Forschung und Lehre „eine undifferenzierte Beteiligung der Gruppe der nichtwissenschaftlichen Bediensteten auszuschließen.“

Das Urteil hatte zunächst noch keine unmittelbare Auswirkung auf Bremen, denn es betraf die Verfassung einer niedersächsischen Universität. In Bremen hoffte man darauf, daß das zu erwartende Hochschulrahmengesetz abweichende Modelle dann erlauben würde, wenn sie – wie hier – vom Konsens aller beteiligten Gruppen getragen werden. Dafür setzte sich auch die Westdeutsche Rektorenkonferenz ein. Das Hochschulrahmengesetz von 1976 ließ aber eine Drittelparität endgültig nicht mehr zu.

Universitätsleitung und Bremer Senat mußten also – ob sie es wollten oder nicht – ihre Neugründung an die bundesweite Normalität heranzuführen. Eine objektive Auswertung der in Bremen gewonnenen Erfahrungen hat leider nie stattgefunden. Ich habe diesen Normalisierungsprozeß nur noch als interessierter Beobachter erlebt. Der Stil mißfiel mir sehr. 

Seit November 1975 waren Thomas Franke als Senator und Reinhard Hoffmann als Senatsdirektor für die Universität politisch verantwortlich. Thomas Franke hatte sich während der frühen Gründungsphase der Universität in der SPD-Fraktion deutlich links von Moritz Thape und mir positioniert.

Nun wurde er – wie er selbst stolz sagte – zum „Reformkiller„, der die Universität „unter Kuratel des Senators für Wissenschaft und Kunst“ stellte. Gelegentlich bezeichnete er Publikationen der Universität als„wissenschaftlichen Dünnschiß“.

Ich meine, daß es möglich gewesen wäre, die notwendigen Veränderungen gemeinsam mit der Universität und nicht kraftmeierisch gegen sie durchzusetzen. Es hat sicher nicht der Verbesserung des Ansehens der Universität gedient, daß der zuständige Landesminister sich so demonstrativ von ihr distanzierte. Und der Akzeptanz ihrer Absolventen auf dem Arbeitsmarkt auch nicht.

1975 begann Annemarie (Czichons Tochter; Anm.d.Red.) das Jurastudium an der Bremer Universität, und 1979 lernte sie in der Juso-Hochschulgruppe Bernhard Baumann kennen. Der hatte zunächst in Bonn studiert und sich sehr intensiv beim VDS engagiert. Wegen des in Bremen praktizierten Reformmodells der einphasigen Juristenausbildung war er in seine Heimatstadt zurückgekommen.So ist die Bremer Universität sogar ein Teil unserer Familiengeschichte geworden.

Wie die Drittelparität wurde auch die einphasige Juristenausbildung ein Opfer der hochschul-politischen Restauration in der zweiten Hälfte der 70er Jahre. Das bremische Modell fußte auf einer zeitlich befristeten Experimentierklausel im Deutschen Richtergesetz. Trotz nachweisbarer Erfolge der einphasigen Ausbildung schlug alles Bemühen um eine Verlängerung dieses Gesetzespassus fehl.

Die Gründung der Bremer Universität erschien mir auch als Chance, das System der Ingenieurausbildung in Bremen zu erweitern und zu stärken. Als Mitglied der Deputation für die Berufs- und Fachschulen seit 1959 hatte ich schon vor meiner Wahl in die Bürgerschaft 1967 einen guten Kontakt zum Bildungssenator Moritz Thape, der das Ressort 1965 übernahm, und er war für Fragen der Technik besonders aufgeschlossen –  hatte er doch selbst an einer Ingenieurschule studiert, bis die Nazis es ihm wegen „staatsfeindlicher“ Äußerungen verboten. Mit ihm verabredete ich, daß ich Erkundigungen über die notwendige Mindestausstattung eines Technikbereiches an der Universität einholen wollte.

In einem Brief vom 29. November 1966 berichtete ich ihm darüber. Meine Informationen basierten auf Gesprächen mit Professoren der alt-ehrwürdigen Universität Tübingen. Hier hatte man 1957 beschlossen, eineingenieurwissenschaftliche Fakultät mit denjenigen Fächern zu gründen, die besonders eng mit den bereits vorhandenen naturwissenschaftlichen Lehrstühlen verbunden sind und die als voraussichtlich in Zukunft expandierend angesehen wurden.

Neben den Innovations-lmpulsen, die sich aus der engen räumlichen Zusammenarbeit von Ingenieuren und Naturwissenschaftlern ergeben können, erwähnte ich auch die Chance zur Überwindung des tiefen Grabens zwischen Technik und Geisteswissenschaften: „Für die Studenten und Professoren der klassischen Fakultäten ist ein Überblick über die Methoden und Probleme technischen Schaffens ebenso notwendig, wie für die Studenten und Professoren der Technischen Fakultät eine Kenntnis der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen ihrer Tätigkeit.“ Als kleinstes Modelt eines Technikbereiches empfahl ich „das Gebiet der Elektrotechnik mit etwa sieben bis acht Lehrstühlen. Eine solche Fakultät wäre in sich funktionsfähig und für das geistige Leben der gesamten Universität von unschätzbarem Wert.“

In der Planungsphase der Universität gab es – wie geschildert – andere Probleme. Dennoch gab ich mein Bemühen nicht auf. In einem Brief an den Gründungssenat schlug ich 1969 die Einrichtung eines Fachbereiches Technik in der Form eines Aufbaustudiums für Absolventen der Ingenieurakademie vor. Der Gründungssenat griff die Anregung auf und beauftragte am 30. April 1969 drei seiner Mitglieder mit der näheren Prüfung. Die Arbeitsgruppe führte Gespräche mit Vertretern Technischer Hochschulen, der Ingenieurakademie Bremen und der bremischen Industrie. Das im Februar 1970 vorgelegte Ergebnis war positiv. „Dieser Vorschlag kommt einem dringenden Bedürfnis entgegen, er sollte finanziell realisierbar sein, und er ist ein wesentlicher Schritt zu einer Gesamthochschule.“ Konkret wurden Ergänzungsstudiengänge in den Bereichen Bauwesen, Maschinenbau und Elektrotechnik vorgeschlagen.

Bereits im März 1970 folgte der Bremer Senat dieser Anregung und beschloß, das Ergänzungsstudium für graduierte Ingenieure schon in der Anfangsstufe der Universität anzustreben.

Realisiert wurde das Konzept aber zunächst nur für die Elektrotechnik. Später entwickelte sich daraus das vollständige Studienangebot dieser Fachrichtung. Dabei blieb es jedoch nicht. 

Im Juni 1974 beschloß der Akademische Senat die Einrichtung einer „Planungskommission Technik“, die einen weiteren technischen Studiengang planen sollte. Hans Dieter Müller bat mich dringend, trotz meines Wunsches nach Entlastung dabei mitzumachen. Nach vierjähriger Arbeit, zu der wir immer samstags zusammenkamen, legten wir 1978 das Konzept eines Studienganges „Produktionstechnik“ vor.

Lieber hätte ich es gesehen, wenn ein Studiengang „Anlagentechnik“ zur Planung und zum Bau von Industrieanlagen konzipiert worden wäre. Ich war mir sicher, daß die Lieferung von Anlagen in alle Welt ein stark expandierendes Tätigkeitsfeld für Ingenieure bot, während die Produktion von Konsum- und Investitionsgütem in Deutschland eher rückläufig sein würde. Damit konnte ich mich nicht durchsetzen. Dennoch bin ich mit der Entwicklung der Ingenieur-Wissenschaften an der Bremer Universität mehr als zufrieden. Es ist der Bereich, auf den sich das inzwischen positive Ansehen der Universität wesentlich gründet.

Ich kann dieses Kapitel nicht abschließen, ohne des Freundes zu gedenken, der einige Jahre lang mein wichtigster Ansprechpartner in allen Fragen war, die die Universität betrafen: Hans Dieter Müller. Bei ihm wußte ich immer, daß ich mich auf seine Auskünfte hundertprozentig verfassen konnte und daß seine Beurteilung einer Situation auf umfassender Sachkenntnis beruhte, gründlich durchdacht und ausgewogen formuliert war. Er setzte sich heißen Herzens für die Ziele ein, die ihm wichtig wären.

Daß von der Vring ihn 1970 als seinen persönlichen Referenten gewinnen konnte, war ein Glücksfall für die Universität und für Bremen. Er beruhte auf einer Namensverwechslung. Von der Vring hatte eigentlich einen anderen „Müller“ haben wollen und das Bundessekretariat der Jusos gebeten, den Kontakt zu diesem herzustellen. Irrtümlich wurde aber Hans Dieter Müller angesprochen, dem von der Vring die Funktion des persönlichen Referenten von sich aus nie angetragen hätte, weil sie weit unter dessen Qualifikation lag. Hans Dieter reizte aber das Bremer Gründungsmodell, und er sagte zu.

Als im Jahr 1927 Geborener hatte Hans Dieter Müller noch die letzte Kriegsphase als Soldat miterlebt. Nach 1945 war er zunächst Landarbeiter, lernte dann im Verlagswesen und wurde Erzieher im „Birklehof“, einem Reformschul-lntemat in Hinterzarten im Schwarzwald. 1958 wechselte er als Veriagslektor und Dozent an das Filminstitut der Hochschule für Gestaltung in Ulm. Aus dieser Tätigkeit gingen vielbeachtete Dokumentarfilme zur Studentenbewegung hervor. 1968 erschien sein Buch „Der Springer-Konzem – Eine kritische Studie“.

Siebzehn Jahre lang arbeitete er an zentraler Stelle für die Bremer Universität. In der Gründungsphase nutzte er seine Kontakte zu Publizisten und Wissenschaftlern, um Stellungnahmen zu der jungen Universität zu erlangen, die unabhängig und frei von Vorurteilen waren. Solche positiven Berichte halfen ein wenig gegen die Diffamierungskampagne der ersten Jahre.

Gleichzeitig organisierte er die „Munte-Fraktion“, eine Koalition der politischen Mitte, die in den Universitätsgremien eine breite Mehrheit stellte und dafür sorgte, daß die Chaoten die Aufbauarbeit nicht ernsthaft stören konnten. Später widmete er sich vor allem dem Auf- und Ausbau des Kooperationsbereiches von Universität und Gewerkschaften.

Aus einem bürgeriich-konservativen Elternhaus kommend war der Weg in die SPD, den er nach dem Godesberger Programmparteitag 1959 ging, für ihn keineswegs naheliegend. Von Anfang an engagierte er sich in der Partei mit einer eigenen, oft auch kritischen Meinung. In Bremen übernahm er schon bald Wahl- und Führungsfunktionen – als Ortsvereins-, Unterbezirks- und ab März 1986 als Landesvorsitzender. Mit dieser Wahl verbanden die Bremer Sozialdemokraten große Hoffnungen. Er hatte in der Vorstellungsrede vor den Landesdelegierten betont, daß es die Pflicht der SPD ist, immer bürgernah zu bleiben und nie selbstgefällig zu werden: „Gerade, wenn eine Partei so unangefochten und so lange regiert wie in Bremen, muß sie die Partei der Bürger bleiben…. Gerade bei absoluter Mehrheit muß die Partei ständig auch solidarisch Kritik leisten,ja notfalls auch ein Stück Opposition sein. Wir müssen vor allem meiden, was die Konservativen in Bonn gerade vormachen: die Arroganz der Macht.“

Wenige Monate nach dieser Rede beendete ein plötzlicher Herztod sein Leben. Er starb am 6. Juli 1986, dem ersten Tag seines Urlaubs, auf einer Wanderung in den Pyrenäen. Mit seinen besonderen charakterlichen und intellektuellen Qualitäten hätte Hans Dieter Müller der Bremer SPD wichtige Impulse geben und sie vor manchem Fehler bewahren können.“

ENDE der Dokumentation

So, liebe Leserschaft, das war (ausnahmsweise) ein extrem langer Text. Als ich ihn erstmals sah, dachte ich: Diesen Einblick in die Innenwelt der Politik möchte ich jedem politisch Interessierten ermöglichen – und bat Dr. Günther Czichon (95) um sein Einverständnis, diese Aufzeichnungen zu veröffentlichen.

Munter bleiben!

Herzlichst 

Ihr Axel Schuller