„Zersetzung“ – nimmt der Bürgermeister ernsthaft Anleihen am NS-Vokabular?

11.01.2026 16 Von Axel Schuller

Hinter uns liegt ein Wochenende voller Merkwürdigkeiten: Ein Bremer Amtsrichter hat dem Weser-Kurier einen Notvorstand „ins Nest gelegt“, dessen Beschäftigung über den 31.12.25 hinaus die eine Hälfte der Eigentümer rundweg abgelehnt hatte: David Koopmann. Salomonisch, Herr Richter, geht anders. Und dann hat sich unser Bürgermeister in den sozialen Medien selbst „ins Knie geschossen“. Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) ist tatsächlich seinem schleswig-holsteinischen Kollegen Daniel Günther (CDU) zur Seite gesprungen, der bei „ZDF-Lanz“ letztlich die Pressefreiheit infrage gestellt hat. Erschreckend dabei war vor allem Bovenschultes Wortwahl.

Was MP Daniel Günther gesagt hat – ich zitiere der Einfachheit halber die Zeitschrift „Cicero“: 

„Wenn die schwarz-rote Koalition (im Bund), so erläuterte Günther (bei „Lanz“), „in eine Schieflage geraten war, habe das immer mit dem Einfluss und den politischen Zielen bestimmter Medien zu tun. Lanz wirft den Namen Brosius-Gersdorf dazwischen, und Günther wird konkret: „Wer hat denn dagegen geschossen? Nius und solche Portale. Es gibt Abgeordnete meiner Partei, die solche Portale lesen, die sowas auch weiterschicken.“ Günther stellt klar, „dass das unsere Gegner und auch die Feinde der Demokratie sind. (…)  

Lanz bittet um Klarstellung. Also wolle Günther „regulieren, zensieren, im Notfall sogar verbieten? Und Günther sagt klar: „Ja.

ZITAT ENDE

Und was macht Dr. Andreas Bovenschulte (SPD)? Er kommentiert einen Tag später auf X: 

„Mein Kollege Daniel Günther hat Recht: „Medien, die an der Zersetzung des politischen Diskurses mitwirken, faktenfreie Meinungsmache betreiben, bewusst missverstehen und jedes Sachproblem personalisieren, sind eine Gefahr für die liberale Demokratie.“

Sollte auch Bovenschulte Gefallen an dem Gedanken finden, Medien verbieten zu wollen (so wie Günther es formuliert hat), zöge dies eine Frage nach sich: Ist solch eine Sicht von Regierungsseite eigentlich mit der Verfassung vereinbar? (Ergänzung: Aus dem Rathaus wurde mir mitgeteilt: Der Bürgermeister habe in seinem Post nicht für ein Verbot von Medien plädiert.)

Zu unser aller Beruhigung: Das Grundgesetz garantiert uns (Bürgern) die Meinungs- und Pressefreiheit gegenüber staatlichen Einrichtungen (Art. 5).

Atemberaubend fand ich Bovenschultes Wortwahl. Er sprach von „Zersetzung“. Der Duden untermauerte mein Unwohlsein über dieses Vokabular. Dort heißt es: 

BESONDERER HINWEIS

Aufgrund seiner Verwendung im Nationalsozialismus ist das Wort Zersetzung in politisch-gesellschaftlichem Kontext zu vermeiden.“

Nach meiner Erinnerung gehörte der Begriff auch zum Stasi-Sprach-Gebrauch.

Auch wenn Bovenschulte auf seinem X-Account darauf hinweist, dass er dort „selbstgestrickt unterwegs“ sei (die Texte also selbst verfasse), zog er einen regelrechten Shitstorm auf sich.

Eine Autorin schrieb : „Lieber Herr Bovenschulte, genau dieses reflexhafte Abwerten unbequemer Medien ist das Problem: Wer Kritik am Regierungs-Narrativ als „Gefahr“ etikettiert, will nicht Debatte – sondern Disziplinierung.“

 Die von Günther losgetretene und von Bovenschulte offenbar gutgeheißene Debatte passt zu einer Entwicklung, die in der Politik um sich greift: Was nicht passt, will man verbieten oder zumindest ächten. Das betrifft die AfD, aber auch ganz allgemein: abweichende Meinungen.

Glauben Sie mir, liebe, treue Leserschaft: Ich weiß wovon ich spreche. Aus Kreisen der SPD und der Linken höre ich immer wieder Geraune, ich würde mich mit meinem Blog allmählich zur Persona non grata schreiben. Die Folge: Unter Sozialdemokraten und Linken gilt es als unpassend, meine Beiträge zu kommentieren. Begründung: Wer auf bremensogesehen schreibe, werte den Blog unnötig auf – was man vermeiden müsse.

Warum auch immer.

Funfact: Über Inhalte des Blogs wird – nach meinen Informationen – in politischen Kreisen dennoch immer wieder gesprochen. So wie eben auch bspw. über „Nius“, das Herr Günther so abscheulich findet.

Da zieht offenbar die alte McDonald’s-Weisheit:

Keiner geht hin, aber alle wissen, wie’s schmeckt.

Egal. 

Gar nicht egal ist, dass es in unserer Gesellschaft zu viele Leute gibt, die Mitmenschen umgehend als „rechts“ brandmarken, wenn sie eine abweichende Meinung äußern. Noch schlimmer, wenn Menschen dafür geächtet werden, dass sie mit „den Falschen“ reden.

Ich erinnere an Dr. Annabel Oelmann. Sie musste diese bittere  Erfahrung in ihrer damaligen Rolle als Vorstand der Verbraucherzentrale Bremen machen. 

Sie hatte die Belastungen der Menschen durch die Energiekrise Ende 2022 in einem Interview auf den Punkt formuliert. Oelmanns „Fehler“: Der Interviewer war Julian Reichelt (Ex-BILD-Chefredakteur und heute Chef des Portals „Nius“). 

Oelmann wurde anschließend – in meine Worte gefasst –übel gemobbt. Diesem heftigen psychischem Angriff durch SPD- und DGB-Vertreter im Verwaltungsrat entzog sie sich letztlich, wechselte als Kommunikationschefin zur swb AG.

Ein anderer, der wacker seine in der Integrationspolitik von der Parteilinie abweichende Meinung kundtut, ist Wirtschaftsstaatsrat Kai Stührenberg (Linke). Er hat jüngst die Neujahrsansprache der dänischen Ministerpräsidentin Mette Frederiksen auf FaceBook ausdrücklich gelobt. Sie erinnern: Ich hatte die Dänin mit ihren krossen Ansichten über Notwendigkeiten im Umgang mit kriminellen Migranten zitiert und darauf hingewiesen, dass die Regierungschefin erstaunlicherweise Sozialdemokratin sei. Stührenberg war davon offenbar ebenfalls entzückt. Seine Follower unter den Linken jedoch waren not amused.

Vielleicht sollte sich der häufig eher prakmatisch als Linken-ideologisch denkende Stellvertreter von Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt mal überlegen, ob er seine Mitgliedsbeiträge aktuell an die „richtige“ Partei entrichtet.

Bleibt noch (kurz) das Amtsgericht: Über ein Jahr lang konnten sich die Aktionäre um Dr. Ulrich Hackmack und um Christian Güssow sowie die jeweils zugehörigen Aufsichtsräte nicht auf eine Verlängerung des Vertrags von Alleinvorstand David Koopmann einigen. Hackmack wollte partout, Güssow ganz und gar nicht. Also wurde das Amtsgericht um Bestellung eines Notvorstandes ersucht. Und der Richter entschied diametral zum einst weisen Salomon: Ausgerechnet David Koopmann wird Notvorstand, bis der Aufsichtsrat einen anderen beruft.

Wie kann man als Richter bloß auf so eine krude Idee kommen, einen Mann für den Job zu bestimmen, den exakt die Hälfte der Aktionäre strikt ablehnt? Dem bekanntlich 50% der Aktionäre ausdrücklich eine Verlängerung des Vertrages als ordentlichen Vorstand verweigert hatte. 

Was denkt sich solch ein Richter? Wie soll das weitergehen? Wohin soll das führen? Glaubt der Jurist ernsthaft, dass Hackmack und Güssow nach einjährigem Scharmützel speziell um diese Personalie jetzt plötzlich zur Einsicht gelangen: Och, den Koopmann lassen wir jetzt mal weitermachen bis er in Rente geht? Vermutlich muss jetzt die nächste Instanz – mit mehr betriebswirtschaftlichem Feeling – ran.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Nachtrag für alle, die mit der Presse- und Meinungsfreiheit fremdeln: Nancy Faeser hatte im Juli 2024 als Bundesinnenministerin das rechte Magazin Compact verboten – und sich dabei eine blutige Nase geholt. Das Bundesverwaltungsgericht hob das ministerliche Verbot im Sommer 2025 abschließend auf. Die Richter: Obwohl das Magazin als rechtsextremistisch einzustufen sei, verstoße das Verbot durch das Ministerium „gegen die Meinungs- und Pressefreiheit“.

Daran müssten sich doch auch die Herren Günther und Bovenschulte erinnern…