Radio Bremen auf Abwegen / Bundestagschefin mahnt zur Selbstreflexion / Streik
buten un binnen – manchmal sitzt du mit offenem Mund vor dem TV, schnappst nach Luft – stierst ungläubig auf das Dargebotene. Sonntagabend hab ich mich ernsthaft gefragt „Ist das noch Fernsehen, oder geht das schon Richtung Märchen-TV?“ Moderatorin Kirsten Rademacher befragte eine „Protestforscherin“, die a) irgendwie unsortiert wirkte und b) den Eindruck vermittelte, als hätten Linksextreme nach dem Outen eines Verfassungsschutz-Spitzels nur gleichgezogen, als sie das Privathaus des obersten Verfassungsschützers mit Farbe attackierten. Liebe Leseschaft, heute mehr von den Öffentlich-Rechtlichen, unglaubliche Zahlen und ein Link zum Selber-Gucken.
Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) hat am Wochenende ARD und ZDF brutal den Spiegel vorgehalten. Wer rund zehn Milliarden Euro an Gebühren einnehme, habe auch die Pflicht zur „selbstreflektierenden Korrektur“. Außerdem: Es sei schwierig, „wenn die veröffentlichte Meinung sich immer mehr von der öffentlichen Meinung verabschiedet“. Klöckner setzte – mutig, mutig – noch einen drauf und ermahnte die öffentlich-rechtlichen Anstalten zu mehr„Effizienz, Neutralität und Ausgewogenheit“.
Dieser Appell korrespondiert indirekt mit einem Tagesordnungspunkt des Radio-Bremen-Rundfunkrates. „Denkwerkzeuge“ zur Beurteilung journalistischen Arbeitens“, werden am Donnerstag im RR vorgestellt. Unter 13a. heißt es: „Vielfältig und unparteilich oder einseitig und unausgewogen“.
Mein Ergänzungsvorschlag für die Rundfunkräte: „berichten statt richten.“
Zu dem Rundfunkrats-Punkt passt übrigens auch die unselige bubI-Sendung vom Sonntagabend – sagt man das so? – „wie die Faust aufs Auge“. Da näherte sich die Moderatorin Kirsten Rademacher zusammen mit der „Protestforscherin“ – wow, was es so alles auf Gottes Erden gibt – Martina Schiebel der Frage:
„Farbattacken in Bremen – Was sagt das über die politische Lage?“
Was dann folgte war – nach meiner Auffassung – nicht sendefähig. Ging aber natürlich trotzdem über die Mattscheiben.
Damit Sie sich selbst einen Eindruck vom unterirdisch abseitigen Gerede machen können, hier ein paar Zitate (für besonders Leidensfähige packe ich den Link zu dem etwa fünf-minütigen Stück dazu).
Kirsten Rademacher (Moderatorin):
Da stellt sich die Frage, gerade bei diesem Privathausanschlag von Thorge Koehler, dem Chef des Bremer Verfassungsschutzes. Ist das noch reine Sachbeschädigung? Oder weil im Bekennerschreiben ja auch stand, „du sollst dich nicht mehr sicher fühlen“ oder sinngemäß oder so was? Geht das schon einen Schritt darüber hinaus? Ist das eine Bedrohung oder sowas?
Martina Schiebel (Protestforscherin):
Nun, ich bin keine Strafrechtlerin, sondern Sozialwissenschaftlerin. Aber ich sehe schon den Zusammenhang zwischen einer Enttarnung eines Informanten des Verfassungsschutzes, eines sogenannten V-Mannes. (…) Und dass da tatsächlich die Wut in dieser Bewegung sehr stark hochgekocht ist. Und dann eben zu diesem Mittel gegriffen worden ist.
Kirsten Rademacher:
Dass das zu diesen Farbattacken geführt hat. Ist eigentlich die verwendete Farbe, hat die auch irgendeine Bedeutung?
Martina Schiebel:
Ja, zum Teil. Manche Gruppierungen nutzen bestimmte Farben. Das Rote wird zum Teil ja eher auch dem linksorientierten Spektrum zugeordnet. Grüne Farbe wird eher mit ökologischen Bewegungen und Parteien vielleicht assoziiert. Genau.
Hier der Link zu dem Stück:
https://www.butenunbinnen.de/videos/farb-attacken-gebaeude-parteien-100.html
Bei der Protestforscherin konnte ich mich nicht gegen den subjektiven Eindruck wehren, dass einige Sätze der Frau eher wie eine Rechtfertigung als nach soziologischer Erläuterung klangen. Dabei ist klar, dass ein Farbanschlag kein Schabernack, sondern eine Straftat ist. Und die vier zerstochenen Reifen und eingeschlagenen Autoscheiben erst recht – was stellt der Nachbar auch seine Karre bei Koehler vors Haus. Diese Fakten hatten die Damen bei ihrem Geplauder aber sowieso ganz aus dem Blick verloren.
Mal grundsätzlich, werte Redaktion, Sendeleitung oder wer sich zuständig fühlt: Warum lädt Radio Bremen zu solch einem Thema keinen versierten Juristen, sondern eine Sozialwissenschaftlerin ein? Sollte da etwas gerechtfertigt werden. Oder welche krude Idee steckte dahinter?
Da ich gerade bei den Öffentlichen-Rechtlichen bin.
Liebe Leserschaft, ist Ihnen eigentlich bekannt, dass weltweit kein anderes öffentlich-rechtliches Rundfunksystem (Hörfunk und Fernsehen) existiert, das mehr Geld als das deutsche ÖRR-System erhält? Fließen bei uns rund 10 Milliarden Euro in die Kassen der laut Julia Klöckner mangelhaften Selbst-Reflektierer, sind es bei der nächst folgenden BBC in England 6,58 Mrd., in Japan 4,24 Mrd., Frankreich 3 Mrd., Italien 2,51 Mrd., Schweiz 1,6 Mrd., Österreich 1,08 Mrd. Euro. – ich höre jetzt auf, sonst glauben Sie noch, ich sei an Ihrer aufkommenden Depression schuld…
Bevor ich mich jetzt für heute von Ihnen verabschiede, noch ein paar Gedanken zum Streik des öffentlichen Nahverkehrs:
Schnee und Eis machten Montagmorgen den Weg zur Arbeit für viele zu einer zeitaufwendigen und teilweise gefährlichen Herausforderung. Nach meiner Beobachtung hat die Gewerkschaft Ver:di viele Sympathien für den ÖPNV verspielt. Erstmals – so meine ich mich zu erinnern – hat sich eine Bevölkerungsmehrheit gegen die Bus- und Bahnfahrer m/w gestellt. Auf die Frage der Civey-Meinungserkunder hatten 56 Prozent eher kein bis überhaupt kein Verständnis für den Warnstreik. 37 % äußerten eher bis volles Verständnis dafür. 7 Prozent waren unentschieden (diese Zahlen habe ich am 3.2., um 14 Uhr aktualisiert). In der Vergangenheit konnten die Fahrerinnen und Fahrer trotz aller Einschränkungen für die Bevölkerung auf das Verständnis der Ticket- und Steuerzahler setzen. Schnee und Eis haben offenbar die Sicht beeinflusst.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Achtung, heute gibt’s noch eine Doku dazu: Die Konrad-Adenauer-Stiftung prangert die Linken für deren Unterstützung der „Roten Hilfe“ an. Die CDU hat daraus umgehend eine Anfrage an den Senat zusammengeschraubt. Also, scrollen Sie nach diesem Stück einfach weiter runter…
Auch zu diesem „Warnstreik“,, nach der ersten Verhandlungsrunde, war die Bubi-Berichterstattung spannend. Die Bilder präsentierten eine überschaubare Teilnehmerzahl. Gleichzeitig fuhren leere Straßenbahnen in „Geisterfahrten“ durch die Stadt. Bei einem Organisationsgrad von unter 30% bei der BSAG frage ich mich: wo sind die 70% der übrigen Mitarbeitenden? Warum ist mit ihnen kein Notfahrplan möglich? Ist es Faulheit des Managements oder Unfähigkei?. Ich vermute, eher Druck vom Aufsichtsrat! Die Gesamtforderung der Gewerkschaft beträgt nach Berechnung der FAZ ca. 20%. Da sage ich: Maßlosigkeit…. und friere mir bei -5 Grad einen ab, auf dem Weg zum Arzt! Übrigens…. Mir begegneten einige BSAG Mitarbeiter mit Kindern beim Shopping in der Stadt. Zeugnisferien und Warnstreik, dass passt dann wenigstens zu einem guten Umsatz!.
„Öffentlich-rechtlicher Rundfunk“ ist ein Euphemismus für Staatsfunk. Jeder ist eingeladen, wegen des Stücks von BuBi eine Rundfunkbeschwerde einzureichen. Und ruhig mal eine Sitzung des Rundfunkrates besuchen, am besten die, in der ihre Beschwerde abgelehnt werden wird. Denn das wird Abnick-Club machen, wie immer, das ist wie bei der Eiswette nur in böse.. Die freuen sich bestimmt über demokratische Aufmerksamkeit. Die Art und Weise der Nichtbeschäftigung des Rundfunkrates mit ihrer Beschwerde könnte Sie in Ihrer Meinung zum Thema, was der ÖRR ist, verunsichern.
Die eigentliche Frage ist, warum der redet der Staatsfunk z. B. kriminelle Aktivitäten schön oder menschelt bei bestimmten Tätern? Welchem Zweck dient das?
Sehr verehrter Herr Schuller, während Sie schrieben gab es einen erneuten Anschlag. Der jüngste Farbanschlag auf die Zentrale der BLG am Kennedyplatz -diesmal rot, also vermeintlich „antikapitalistisch“ – zeigt genau dieses Elend. Getroffen wird ein Unternehmen, das tausende gut bezahlte Arbeitsplätze sichert, Steuern zahlt und maßgeblich zum wirtschaftlichen Fundament Bremens und Bremerhavens beiträgt. Das ist kein Widerstand, das ist Realitätsverweigerung. Leider keine Berichterstattung der Qualitätsmedien. Heute Nacht gab es einen Brandanschlag auf die Vereinsgaststätte der BSA Huchting.
Diese Aktionen sind nicht mutig, nicht progressiv und schon gar nicht gesellschaftlich verantwortungsvoll. Sie sind bequem. Farbe drauf, Foto machen, Szene-Applaus kassieren und sich keine Sekunde mit den tatsächlichen ökonomischen Zusammenhängen beschäftigen. Wer so agiert, demonstriert nicht gegen Macht, sondern gegen das eigene Unvermögen, Argumente zu formulieren.
Zum Auftritt der eingeladenen Soziologin muss man nüchtern sagen: Das war erschreckend schwach. Wer bei konkreten Nachfragen ins Schwimmen gerät und grundlegende Produktions- und Wirkungszusammenhänge nicht erklären kann, sollte sich ernsthaft fragen lassen, womit die letzten Forschungsjahre verbracht wurden. Das war kein Erkenntnisgewinn, sondern ein Lehrstück dafür, wie akademische Mittel wirkungslos verpuffen können. Ja, das ist rausgeschmissenes Geld und nein, das darf man auch so benennen.
Völlig inakzeptabel ist zudem der Zustand der Strafverfolgung. Taten aus dem August 2024 sind bis heute weder angeklagt noch straflrechtlich verfolgt. Das ist kein Bagatelldelikt, sondern ein massives Staatsversagen. Wenn der Eindruck entsteht, dass ideologisch motivierte Sachbeschädigung folgenlos bleibt, untergräbt das den Rechtsstaat. Hier reicht es nicht, die Polizei vorzuschicken, Justiz und Staatsanwaltschaft müssen endlich liefern. Alles andere ist ein fatales Signal.
Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk lohnt Differenzierung. Ja, er ist teuer. Ja, Doppelstrukturen und Trägheit sind real. Und ja, Reform und Digitalisierung sind überfällig. Wer sich die Altersstruktur der Gremien anschaut, versteht sofort, warum Innovation dort eher zufällig passiert. Zwischen „die Enkel schauen Netflix“ und einer strategisch neu gedachten Mediathek liegen Welten.
Aber: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk ist notwendig – heute mehr denn je. In einer Zeit von Desinformation, Plattformlogik und algorithmischer Verflachung ist er ein unverzichtbarer Anker für Qualität, Einordnung und Tiefe. Die Archive von ARD und ZDF sind eine inhaltliche Goldgrube. Sie werden nur schlecht präsentiert und miserabel vermarktet, vor allem für junge Zielgruppen.
Das ist der Kern der Herausforderung: nicht Abschaffung, sondern kluge Erneuerung. Nicht Kulturkampf, sondern Strukturreform. Wer den öffentlich-rechtlichen Rundfunk pauschal verachtet, denkt zu kurz. Wer ihn unangetastet lassen will, ebenso.
Farbanschläge, ideologisches Geschrei und institutionelle Lähmung lösen kein einziges Problem. Klarheit, Konsequenz und Reformwille hingegen schon.
Warum die Aufregung über das BuBi-Interview? Die Soziologin hat den Farbanschlag auf den Verfassungsschutzchef nicht gerechtfertigt, sondern nur die Hintergründe erläutert. Genau das ist Auftrag der Medien. Die von Axel Schuller geforderte juristische Einordnung hatte zuvor schon der Polizeisprecher geliefert. Kritikwürdig fand ich allerdings, dass in dem einleitenden Filmbeitrag nicht deutlich gemacht wurde, dass die Farbanschläge der vergangenen Monate aus ganz verschiedenen Ecken kamen: mal von Linken, mal von Rechten, mal von Kurden.
Verehrter Herr Schuller, ich teile Ihren sonstigen Furor über den ÖRR, aber das Interview mit der „Protestforscherin“ gibt mir dazu keinen besonderen Anlass.
Dass es sich bei dem Farbanschlag auf den VS-Chef um eine Bedrohung handelt, wird von der Moderatorin ausgesprochen. Und diese fragt auch nach Erkenntnissen darüber, ob die Forschung sagen könne, dass solche Anschläge erfahrungsgemäß zu einer Eskalation mit härteren Mitteln führen würden. Ihr kann man Verharmlosung kaum vorwerfen.
Die „Forscherin“ rechtfertigt den Anschlag nicht, sondern sie erklärt ihn als eine Reaktion auf die Spitzelenttarnung. Auf eine strafrechtliche oder moralische Bewertung verzichtet sie. Das entspricht dem von Ihnen geforderten „Berichten statt Richten“. Zur Wahrscheinlichkeit von Eskalationen weiß sie nichts zu sagen.
Wenn man dem Interview etwas vorwerfen kann, dann die Trivialität dessen, was die „Forscherin“ von sich zu geben hat. Das Highlight der Trivialität ist die Farblehre zu den Farbanschlägen. Die Erkenntnisse der „Forscherin“ hätte man von jeder beliebigen eloquenten Mitbürgerin bekommen können, die gerade zufällig am RB-Gebäude vorbei flanierte. Das hätte Reisekosten gespart.
Bei mir hat dieses Interview den innigen Wunsch nach „Antitrivialitätsbeauftragten“ an unseren Universitäten verstärkt, die m.E. alle anderen Beauftragten gut und gerne ersetzen könnten. Die würden sich auf jeden Fall rechnen.
@Heiko Strohmann Mich nervt es, wenn Leute – vor allem angebliche Volksvertreter – über Dinge sprechen, mit denen sie sich offensichtlich noch nicht beschäftigt haben. „Reform und Digitalisierung sind überfällig.“ Welchen Bezug hat das zur Wirklichkeit? Radio Bremen hat zum Beispiel ein TV-Studio, das auf der Höhe der Zeit ist. Und auch die Mediatheken des ÖRR sind technisch in Ordnung, die haben eine schlechte Suchfunktion und man kann nicht kommentieren, aber sonst? Schauen Sie sich die mal an:
https://www.ardmediathek.de/
https://www.zdf.de/
https://www.arte.tv/de/
Die Inhalte sind Mist, das ist kein Journalismus, das ist Propaganda (nicht überall und immer). Die Leute, die das Programm machen, träumen wahrscheinlich davon, Pressesprecher zu werden – und so fühlt sich das Programm auch über weite Strecken an.
„In einer Zeit von Desinformation, Plattformlogik und algorithmischer Verflachung ist er ein unverzichtbarer Anker für Qualität, Einordnung und Tiefe.“ Hier fehlt der Konjunktiv: Es müsste „sollte“ heißen, oder ähnlich.
Denn leider ist längst das Gegenteil bewiesen. Mit den dazugehörigen Büchern kann man ganze Regale füllen. Nur weil Sie die nicht kennen und nicht lesen (wollen), heißt das ja nicht, dass es sie nicht gibt. Hier ist ein kleiner Ausschnitt:
Ulrich Teusch – Lückenpresse. Das Ende des Journalismus, wie wir ihn kannten (2016/2018)
Sehr scharfe Systemkritik am deutschen Journalismus, oft zitiert im Kontext von „Staatsfunk“- und „Lügenpresse“-Debatten.
Jens Wernicke – Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die öffentliche Meinung (2017)
Sammelband mit Beiträgen verschiedener Autoren, stark medienkritisch und alternativ positioniert.
Michael Meyen – Breaking News. Die Welt im Ausnahmezustand (2018) oder Die Clickbait-Nation (2021)
Systematische Kritik an der Nachrichtenlogik, Kommerzialisierung und Aufmerksamkeitsökonomie.
Hans-Joachim Selenz (Hrsg.) – Medienmacht und Meinungsmache (diverse Jahre, ca. 2010–2020)
Sammlung kritischer Beiträge, oft aus dem Umfeld alternativer Medienkritik.
Uwe Krüger – Meinungsmacht. Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten (2013)
Sehr einflussreiches Buch über Netzwerke, Eliten und die Nähe von Journalismus zur Politik/Wirtschaft.
Uwe Krüger – Mainstream. Warum wir den Medien nicht mehr trauen (2016/2019)
Analyse des sinkenden Vertrauens und der Gründe dafür.
Stefan Niggemeier & andere (Übermedien-Kontext) – diverse kritische Werke, aber eher blog-/artikelbasiert; als Buch z. B. Die digitale Gesellschaft (Mitarbeit, ~2020er)
Fabian Scheidler – Beiträge zur Medienkritik (z. B. in Aufsätzen und Büchern zur vierten Gewalt in der Krise, ca. 2010–2020)
Horst Röper & andere – Medienkonzentration und Medienkritik (diverse Studien/Bücher seit 2005)
Bernhard Pörksen – Die große Gereiztheit. Wege aus der Eskalationsspirale (2018) oder Schockwellen. Von der digitalen Empörung zur öffentlichen Gegenmacht (2020) Analysiert Medien, Social Media und Polarisierung.
Alexander Krützfeldt – Die Wut der Anständigen (2021/2022)
Auseinandersetzung mit Medienfeindbildern und gesellschaftlicher Spaltung.
Nora Goldenbogen / Lügenpresse als nützliches Instrument (2018)
Wissenschaftliche Arbeit über die Instrumentalisierung des Begriffs im Rechtspopulismus.
Oliver Neun – Von Lügenpresse und abgehobenen Eliten (2020er)
Soziologische Perspektive auf Medienskepsis und Demokratieentfremdung.
Generell gegen den ÖRR auszuteilen weil er nicht die“Volksmeinung“ abbildet ist skurril. Nehmen wir Klimaschutz: die Mehrheit der Deutschen ist für mehr Anstrengungen, aber weder der ÖRR und schon gar nicht die Politik liefern.
„Die Mehrheit ist für mehr „Klimaschutz“ – solange der nix kostet, bzw. der nächste Flug nach xy ansteht. Oder bin ich doch zu pessimistisch?
@Torsten Büchse: Genervt zu sein scheint offenbar Teil der DNA mancher Akteure in dieser Debatte zu sein. Sachlich weiter bringt uns das nicht. Ebenso wenig die Unterstellung, jemand habe sich „nicht ausreichend beschäftigt“. Das ist eine Sichtweise, mehr nicht. Entscheidend ist die Wirklichkeit.
Mein Beitrag zielte nicht auf ein einzelnes Fernsehstudio von Radio Bremen oder auf diese Anstalt im Speziellen. Es ging um die Entwicklung der Medienlandschaft in Deutschland über Jahrzehnte. Fernsehen und Rundfunk haben seit fast 100 Jahren eine gesellschaftliche Aufgabe erfüllt und das weit über reine Nachrichtenvermittlung hinaus. Sie haben ein Bild der Gesellschaft gezeichnet, sie begleitet, geprägt, diskutiert. Hörspiele, Shows, Serien, Dokumentationen: All das war Teil einer öffentlichen Erzählung.
Genau darauf gründet der öffentlich-rechtliche Rundfunk nach dem Zweiten Weltkrieg. Nach den Erfahrungen mit nationalsozialistischer Propaganda und der Manipulation über Kino und dem Volksempfänger wurde – nach dem Vorbild der BBC – bewusst ein System geschaffen, das Bildung, Kultur und demokratische Werte vermitteln sollte. Nicht als Belehrung, sondern als gesellschaftliche Begleitung.
Dieses System steht heute erneut vor einer Neuorganisation. Und dabei geht es nicht primär um einzelne Inhalte oder um zwanzig Jahre alte Studios. Es geht um die Wege. Das lineare, eindimensionale Fernsehen ist faktisch tot. Die Menschen konsumieren Inhalte anders, fragmentierter, on demand, plattformbasiert. Nicht der Beitrag an sich ist das Problem, sondern seine Präsentation, Auffindbarkeit und Einbettung in den Alltag.
Hier hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk geschlafen. Die vorhandenen Mediatheken und Plattformen sind oft so strukturiert, dass man lange suchen muss, um etwas Passendes zu finden. Das tun viele nicht. Sie wechseln zu Netflix oder Amazon, nicht zwingend, weil dort die besseren Inhalte liegen, sondern weil sie einfacher zugänglich sind. Das allein sagt schon viel über den Zustand der gesellschaftlichen Begleitung durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk aus.
Nachrichten sind dabei nicht das zentrale Thema. Sie erreichen ohnehin nur einen Teil der Bevölkerung. Entscheidend ist das Gesamtangebot als kultureller und gesellschaftlicher Resonanzraum. Und genau dort ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk weiterhin wichtig, aber nur, wenn er seine Inhalte zeitgemäß präsentiert und verbreitet.
Mehr wollte ich dazu nicht sagen. Bücher über Nachrichtentheorie mögen ihre Berechtigung haben, aber sie treffen den Kern der Debatte nicht. Es geht nicht um Nachrichten. Es geht um Anschluss an die Realität der Mediennutzung. Und den hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk derzeit verloren.
@Martin Gerken Alles, was wir über den Klimawandel (und das meiste andere) wissen und denken, ist durch Medien an uns vermittelt worden. Sind wir uns über diesen Punkt wirklich uneinig? Denn eine Änderung von Wetterdaten, die über 30 Jahre und global gemittelt werden, wird wohl niemand von uns direkt wahrnehmen können.
Nun hat Heiko Strohmann vollkommen richtig angemerkt, dass der ÖRR unser Referenzinformationssystem ist. Aber ist das wie es heute ist, wirklich zuverlässig?
Erfahren wir die wichtigen Sachverhalte von Radio Bremen? Wie ist das z. B. mit den Erdgasspeichern und dem Erdgasverbrauch? Der ÖRR hat 2022/23 sehr stark Alarmstimmung verbreitet, aber die Lage war entspannter als heute. Der aktuelle Füllstand der deutschen Gasspeicher liegt bei etwa 31–32 %, deutlich unter dem Vorjahreswert (Februar 2025: ca. 56 %). Es ist kälter und es wird mehr Gas zu Strom umgewandelt. Welche Bremer Industriebetriebe könnten in 14 Tagen abgestellt werden? – Man könnte mal hinterfragen, ob der Senat einen Plan dazu hat. Ist man mit den Betroffenen schon im Gespräch?
@Heiko Strohmann Das meiste von dem, was Sie da schreiben, ist richtig und wenig Konkret. Aber der ÖRR ist auf Social Media sehr aktiv und erreicht auch Zuschauer. Beim Thema „Inhalte finden“ kann ich Ihnen aus erster Hand – als ehemaliger technischer Projektleiter einer solchen Streaming-Plattform – sagen: Da gibt es im Augenblick keine gute technische Lösung, auch nicht bei Amazon und Netflix. Man könnte vielleicht ein LLM nutzen, aber das ist im Betrieb sehr teuer.
Welche Lösungen schlagen Sie den für die 8 populärsten Kritikpunkte vor? Wenn Sie Wahlen gewinnen wollen müssen Sie das ja irgendwie, zumindest auf der Tonspur und auf Nachfrage fest machen, oder?
1. Politische Einseitigkeit (links-grün) Sehr hoch Konservative/Rechte Medien (bezieht sich auch auf Serien und -Unterhaltungsformate)
2. Zu teuer / Zwangsbeitrag Sehr hoch Umfragen, Social Media, Jüngere (und das trotz prekärer Arbeitsverträge mit „festen Freien“)
3. Bürokratie & Übergröße Hoch Reformdebatten, Focus/Spiegel
4. Skandale & Verschwendung Hoch rbb/NDR-Fälle seit 2022
5. Irrelevanz in Digitalzeit Hoch Junge Nutzer, TikTok/Reddit
6. Staatsnähe / fehlende Unabhängigkeit Mittel–hoch Juristische & linke Kritik (was ja fast schon Querfront zu 1. darstellt)
7. Ausgrenzung abweichender Meinungen Mittel–hoch Betroffene Redakteure, NIUS
8. Keine echte Reformbereitschaft Mittel Medienkommentare 2025/26
> Ist das noch Fernsehen, oder geht das schon Richtung Märchen-TV? <
Ich möchte nicht ausschließen, dass sich manche, vor allem freiberufliche Journalisten vor anstehenden Länderwahlen (2027 auch in Bremen), schon einmal in Position bringen für einen bestens bezahlten Job als Pressesprecher in einer Behörde oder Senatskanzlei.
Was man da als Jounalist heute abliefert, muss 100% regierungstreu sein.
Mit anderen Worten, es muss in die links-grüne Ideologieblase passen.
Denn zwischen SPD, CDU, Linke und Grüne gibt es kaum noch signifikante politische Unterschiede.