Frau Kähler, Frau Görgü-Philipp – wie steht es um Ihre Polit-Hygiene?
Bis heute hatte ich an die Selbstreinigungskräfte der Politik geglaubt. Vergeblich. Zwar ist die Grüne Sahhanim Görgü-Philipp (56) nach dem „Koffer-Eklat“ immerhin von ihrem hervorgehobenen Amt als Vize-Präsidentin zurückgetreten. Aber, kann jemand mit derart schlecht ausgeprägtem Gefühl dafür, was man tut und was man sein lässt, wirklich weiterhin sozialpolitische Sprecherin der Grünen Fraktion bleiben? UND: Wie kann es angehen, dass Görgüs „Koffer-Partnerin“ Katharina Kähler (SPD) sich wegduckt und einfach weiter als „sozialpolitische Sprecherin“ der SPD-Fraktion auftritt?
Kähler, offiziell Sprecherin der SPD-Fraktion für „Soziales, Familie, Senior:innen und Menschen mit Beeinträchtigungen“, hat nach der öffentlichen Erregung über das unsägliche gemeinsame Koffer-Bild mit der Grünen Görgü-Philipp zwar öffentlich um Entschuldigung gebeten – es sei „ein Augenblicks-Aussetzer“ gewesen, den sie „sich selbst nicht erklären“ könne. Aber: Entspricht dies ernsthaft den heutigen politischen Hygiene-Vorstellungen eines Deutschen Landtages, um Unvorstellbares zu entschuldigen? Und, um anschließend einfach zur Tagesordnung überzugehen? Als Sprecherin ausgerechnet für „Soziales und für Inklusion“ der größten der drei Regierungsfraktionen. Gerade die genannten Politikbereiche setzen ein besonderes Maß an politischem Fingerspitzengefühl, mentaler Sensibilität und Reife voraus.
Nebenbei bemerkt: Die Holocaust-Ausstellung über die Deportation von Juden im Dritten Reich trägt – vor dem Hintergrund des Koffer-Eklats – den nahezu seherischen Titel:
„Das Unvorstellbare zeigen“.
Schülerinnen und Schülern wird vor vermutlich jedem Museumsbesuch eingetrichtert: Ausstellungs-Exponate fasst man nicht an, und macht erst recht nicht Social-Media-Fotos damit.
Aber dann tollen zwei Bürgerschaftsabgeordnete (56 und 46 Jahre alt) aus dem Saal. Gedankenlos wie zwei pubertierende Mädchen greifen sie nach zwei erinnerungsschweren Koffern für einen Feierabend-Post („für heute fertig“).
Wie wollen die beiden Frauen künftig noch glaubwürdig und mit innerer Würde ausgerechnet als sozialpolitische Sprecherinnen ihrer Fraktionen auftreten – ohne den anderen Abgeordneten zu schaden?
Ihren Hang zu „Wie-sind-wir doch-gut-drauf-Fotos“ haben Kähler und Görgü-Philipp bereits früher mitsamt ihrer Kollegin Selin Arpaz ausgelebt. Im Netz ist ein „Post“ mit überdreht lachenden Gesichtern der beiden Abgeordneten zu finden. Ein Selfie, aufgenommen anlässlich einer Sitzung der Sozialdeputation. Wobei es in der Sitzung, so hörte ich, um vieles, aber leider um nichts Fröhliches gegangen sein soll.
Der innere Drang, sich unbedingt in den sozialen Medien darzustellen, ist entweder Folge eigener Social Media Sucht oder eines merkwürdigen Politikverständnisses. Nach dem Motto: Nur, wer öffentlich präsent ist, kann bei der nächsten Wahl darauf hoffen, von der eigenen Partei wieder auf der Wahlliste platziert zu werden.
Wenn es noch so etwas wie Ehre, Anstand und Selbstreflexion gibt, müssen Görgü-Philipp und Kähler ihre Positionen als sozialpolitische Sprecherinnen räumen. Gerne ohne Foto bei „Insta“ oder sonstwo im Netz.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Die Resonanz auf die neue bsg-Rubrik „Gastkommentar“ – persönlich und auf der bsg-Website – hat mich freudig gestimmt. Mindestens genau so gut haben mir die Leser-Kommentare gefallen: teilweise unterschiedliche Meinungen, sachlich, fair ausgetauscht und dargelegt. Danke!
Vielen Dank, dass Sie sich dieses Themas nochmal annehmen.
Diese beiden Frauen können offenbar nicht einmal Verantwortung für ihr eigenes Handeln übernehmen, wie wollen sie dann Verantwortung innerhalb ihrer Parteien für wichtige Themen wie Soziales, Familie und Inklusion übernehmen? Aber die Parteien von SPD und GRÜNEN scheinen an der Eignung der beiden Frauen weiterhin keine Zweifel zu haben. Das ist erschreckend! Die Glaubwürdigkeit in politisches Handeln muss wiederhergestellt werden und darf nicht noch weiter beschädigt werden! Was muss denn noch passieren, bis “Volksvertreterinnen” zurücktreten?
Politischer Anstand Fehlanzeige !!!
Da lobe ich mir doch die Zeiten zurück , als der politische Anstand noch was galt und Rücktritte für deutlich geringeres Fehlverhalten die klare Konsequenz waren. Aber inzwischen regiert die Instinktlosigkeit auf ganzer Linie. Hauptsache man muss den Platz an den Futtertrögen nicht räumen!
Dabei sammeln sich doch die selbst ernannten Gutmenschen insbesondere bei GRÜNEN und ROTEN. Aber wenn’s um das eigene Wohl geht, darf man offenbar gerne andere Maßstäbe anlegen.
Warum merken diese Parteien eigentlich immer noch nicht, dass genau durch ihr eigenes Handeln die Wählerinnen und Wähler aus der politischen Mitte vertrieben werden? Wie blind und abgehoben muss man eigentlich sein?
Die beiden Bremer Held:innen von den Grünen und den Sozen hatten es tatsächlich bis auf die Titelseite der SZ geschafft . . .
Lesenswert!
Donnerstag, 5. März 2026
Glosse
Das Streiflicht
Zwei Politikerinnen begehen einen Fauxpas, eine von ihnen hat eine interessante Erklärung dafür. Und bringt zugleich einen neuen Zeitbegriff in die Welt.
(SZ) Eine Meldung hinterlässt Verwunderung, aber auch ein neues Wort, das den Diskurs bereichert: Augenblicksaussetzer. Dazu muss man wissen, dass die Vizepräsidentin der Bremischen Bürgerschaft Sahhanim Görgü-Philipp (Grüne) zurückgetreten ist. Wie der Weserkurier als Erstes berichtete, hatte sie vor einigen Tagen gemeinsam mit der SPD-Abgeordneten Katharina Kähler nach der Bürgerschaftssitzung im Bremer Rathaus ein Foto auf ihrem Instagram-Kanal gepostet. Das Bild zeigte die beiden jeweils mit einem Koffer in der Hand, sie lächeln entspannt, so wie man eben nach getaner Arbeit lächelt, und darüber stand „Fertig für heute“. An diesem Gruß aus dem Rathaus wäre nichts auszusetzen. Allerdings hatten die beiden sich die Koffer aus der Ausstellung „Das Unvorstellbare zeigen – Comics gegen das Vergessen“ im Rathaus geschnappt, einer Dokumentation über Verfolgung in der NS-Diktatur. Gezeigt werden auch Gegenstände, die für das Leid der Entrechteten und Verschleppten stehen, darunter eben jene zwei Koffer, die Görgü-Philipp und Kähler in Richtung verdienten Feierabend tragen.
Auf den Instagram-Gruß folgte Empörung von CDU und FDP-Mandatsträgern, danach zerknirschte Entschuldigungen und schließlich der Rücktritt. Katharina Kähler aber machte das Beste aus dem Fehler und erfand eines neues Wort, als sie Bild erklärte: „Es war ein völliger Augenblicksaussetzer.“ Bisher gab es ja für das Aussetzen der mentalen Funktionen, das zu einer stümperhaften Aktion führt, nur den partnerlosen Begriff „Aussetzer“, ohne Angaben über die voraussichtliche Dauer des Blackouts. Offenbar ist Katharina Kählers informatives Kompositum auch wissenschaftlich belastbar. Experten setzen nämlich für die Zeit zwischen zwei Lidschlägen vier bis sechs Sekunden an. Fußballer schaffen in dieser Zeit mühelos fünf Fehlpässe. Politiker immerhin einen Fehltritt.
So betrachtet ist der Augenblicksaussetzer das alltagstaugliche Modell für jede Gelegenheit. Autofahrer dürfen sich in dieser Zeitspanne vor dem Überholen in der Kurve in ihrem Tun genauso bestätigt fühlen wie Menschen, die ihre Ehefrauen an Tankstellen vergessen oder Millionen Euro mit Krypto-Währungen verdienen, sich jedoch das Passwort für ihr Konto nicht aufschreiben. Katharina Kähler aber hat unsere Aufmerksamkeit auch auf jene Sorte von Aussetzern gelenkt, die nicht in Lidschlägen, sondern in Jahren berechnet werden. Der Total-Aussetzer ist aus unserer Welt gar nicht mehr wegzudenken. Viktor Orbán könnte jetzt erzählen, wie man eine stabile Dauerverdunkelung aller rechtsstaatlichen Prinzipien hinkriegt. Donald Trump könnte erklären, wie man Kriegspläne erst erfindet, nachdem man sie umgesetzt hat. Die AfD, wie gut Vetternwirtschaft auch ohne BWL-Studium funktioniert. Mehr Beispiele? Für den Augenblick reicht das.
Der Slogan „Fertig für heute“ war in Anbetracht der unsäglichen Geschmacklosigkeit und den augenscheinlich völlig unzureichenden Kenntnissen der jüngeren Geschichte kein „Augenblicksaussetzer“ der beiden Damen, sondern eher der Selfibeweis für politische wie empathische Inkompetenz. Ein Ausdruck von medial vorgetragener Arroganz, die politische Ernsthaftigkeit und Wählervertrauen ruiniert.
Als ich das geschmacklose „Koffer-Foto“ zum ersten Mal sah, dachte ich: Au weh, statt eines Social-Media-Verbots für Jugendliche sollten wir zunächst ein Social-Media-Verbot für Abgeordnete vorschlagen. Das wird natürlich nicht umgesetzt werden, aber als Vorbilder für Jugendliche können die beiden Frauen wirklich nicht mehr dienen. Meine Parteifreundin Katharina Kähler fordere ich auf, ihr Mandat niederzulegen. Den Versuch einer Entschuldigung mit einem „Augenblicksaussetzer“ kann ich nicht akzeptieren.
Ansonsten schönen Montag noch.
Das nachträgliche Verhalten von Katharina Kähler (SPD) zu ihrem Koffer-Skandal ist schon beschämend. Laut Weser-Kurier behauptet sie „steif und fest“, nicht gewusst zu haben, dass die Koffer Exponate waren. Rennt die Abgeordnete mit Scheuklappen durch die Bürgerschaft?
Ich erwarte jetzt von SPD-Fraktionschef Mustafa Güngör ein Signal, dass er seine Truppe im Griff hat. Mit ihrem ignoranten Verhalten beschädigt Frau Kähler die Fraktion, die Partei, die Bürgerschaft.
Ich habe Frau Kähler in ihrem Fachbereich häufig als sehr hochmütig im Umgang mit der Opposition erlebt. Ein Hochmut, den sie sich nach diesem Fauxpas in Zukunft nicht mehr leisten sollte.
Als ich in Göttingen studierte, habe ich Burschenschaften und studentische Verbindungen kennengelernt.
Gemocht habe ich sie nicht wirklich.
Aber eines hatten sie: „Ehre, Freiheit und Vaterland“ als traditionellen Wahlspruch.
In diesem Kodex sind Grundwerte zusammengefasst, die oft als konservativ oder national-liberal im Kontext interpretiert werden.
Ehre z.B. bezieht sich auf den persönlichen Ruf, die Ehrenhaftigkeit im Denken und Handeln.
Diese Ehrenhaftigkeit ist dem „Koffer-Duo“ abhanden gekommen, irgendwie!
Frau Philipp-Görgi und Frau Kähler:
Sie sollten sich einfach nur schämen! Wenn Sie vllt doch noch ein bisschen Ehre im Leib haben, dann stellen Sie Ihre Posten als Sprecherinnen Ihrer Fraktion für Soziales und Inklusion zur Disposition!
Niemand wird Ihnen jemals wieder glauben.
Wer Koffer schleppt, will reisen. Reisende soll man – bekanntlich – nicht aufhalten (und keine Träne nachweinen). Aber auch der Entschluß, doch zu bleiben, ist kein Verlust (und kein Gewinn).
Warum lässt eigentlich niemand nachprüfen, ob das ggf. auch strafrechtliche Relevanz hat? (Ich kommentiere hier als Privatperson).
Als Nachfahre von Holocaustüberlebenden macht mich dieses Ereignis – besonders bei diesen Parteien, die mitte-links eingeordnet werden – auf mehreren Ebenen fassungslos. Grundsätzlich glaube ich den beiden beteiligten Frauen, dass man das nicht mit Absicht gemacht hat und dem auch keine Intention zugrunde lag. Sie haben sich vermutlich nichts dabei gedacht.
Dennoch lässt dieser Skandal sehr tief blicken. Wie kann es eigentlich sein, dass zwei Abgeordnete von SPD und Bündnis 90/ Die Grünen, eine davon damals eine Vizeparlamentspräsidentin, den offensichtlichen Zusammenhang von ausgestellten echten Exponaten (Koffern) und deren Bedeutung für den Holocaust nicht erkennen? Was die Kenntnisse und die Sensibilisierung bzgl. der Schrecken des Nationalsozialismus bei diesen beiden „antifaschistischen“ Parteien (SPD und Bündnis 90/ Die Grünen) angeht, scheint es starken Nachbildungsbedarf zu geben.
Der wirkliche Skandal liegt jedoch im Umgang mit der Situation. Nicht auszudenken, was alles von eben diesen Parteien (SPD und Bündnis 90/ Die Grünen) gefordert und gemahnt worden wäre, wenn die beteiligten Personen von Parteien kommen würden, die man rechts der Mitte verordnet. Die Reaktion des Landesverbands der Grünen auf diesen Skandal wirkt für mich daher wie blanker Hohn, denn dieser hielt einen Rücktritt von Frau Görgü-Philipp für nicht notwendig. Zudem veröffentlichte dieser dann: „Sahhanim Görgü-Philipp steht seit Jahrzehnten konsequent für Antidiskriminierung, Vielfalt, Toleranz und ein entschiedenes Eintreten gegen Antisemitismus und jede Form rechten Gedankenguts“. Das Statement ist weiterhin öffentlich auf deren Seite.
Nein, sie steht eben nicht konsequent für Antidiskriminierung, Vielfalt, Toleranz und ein entschiedenes Eintreten gegen Antisemitismus. Das, was sie gemacht hat, war fahrlässig, unüberlegt und vermutlich unabsichtlich. Es war dennoch antisemitisch. Wenn ein Jugendlicher in der Schule einen Judenwitz macht, ohne den Gehalt und die Konsequenzen zu verstehen, dann ist das auch antisemitisch.
Was mich jedoch wirklich verärgert, ist das Folgende: Diese Partei demonstriert regelmäßig „gegen rechts“ und führt gebetsmühlenartig ihren Kampf gegen Antidiskriminierung an, während sie offenkundig genau das Gegenteil macht und diesen Widerspruch nicht einmal selbst bemerkt. Die Demonstranten und Parteianhänger scheinen bei all diesen Floskeln nicht einmal den Gehalt ihrer eigenen Ideologie zu begreifen.
Und nun? Ja, Frau Görgü-Philipp ist aus Druck zurückgetreten. Allerdings sehe ich nicht (anhand dieser Reaktion), dass das in irgendeiner Form bei beiden Parteien reflektiert wird. Bei der SPD gibt es für die Abgeordnete auch meines Wissens – wie Herr Schuller selbst geschrieben hat – nicht mal eine Konsequenz. Dort geht es nach einer Entschuldigung einfach wieder zurück zur Tagesordnung. Das ist unzureichend. Als Jude kann man sich nicht offen ohne Gefahr für Leib und Leben auf Bremer Straßen bewegen und diese Parteien haben mit diesem Skandal und der Reaktion darauf sicherlich nicht dazu beigetragen, dass sich daran irgendetwas ändert.