Philosoph Precht bei growmorrow: Kinder vor „Aufmerksamkeitsraub“ bewahren

19.04.2026 10 Von Axel Schuller

Stell dir vor: Der Philosoph Richard David Precht, die „Zukunftsstrategin“ Katharina Aguilar und die vom NDR geschasste Journalistin Julia Ruhs treten bei einer Veranstaltung in Bremen auf. Und keiner berichtet darüber. Weder Weser-Kurier noch Radio Bremen. Der WK mag geschmollt haben, weil die Veranstaltung namens „growmorrow“ von der Nordwest-Zeitung (NWZ) aus Oldenburg initiiert wurde. Mitten in Bremen. In der alten Energie-Leitzentrale im Hafen. Wie gut, dass es bremensogesehen gibt. Mein Fazit der ersten Bremer „growmorrow“: Den Besuchern wurde viel „Denk-Futter“ geboten. Die Veranstaltung war tatsächlich inspirierend – und ich gehe mit diesem (viel zu häufig missbrauchten) Wort bewusst sparsam um.

Dass der WK kein Wort über das Event verlor… Jeder möge selbst beurteilen, was dies über die wahre „Größe“ der Bremer Lokalzeitung aussagt. 

Dass sich aber auch Radio Bremen einer Berichterstattung komplett entzog, ist besonders bemerkenswert. Immerhin nahmen die eigene Intendantin, Dr. Yvette Gerner, und der eigene Programmdirektor, Jan Weyrauch, an Debatten teil. Die eigene Chefredakteurin Katja Pietsch leitete sogar eine Diskussionsrunde über Bremens Zukunft mit drei Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung: Milliardär und Viel-Investor Dr. Klaus Meier, Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte und Andreas Heyer, 1. Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB).

Eine Redaktion wie die von Radio Bremen ist bei ihrer Entscheidung frei, über wen und was sie berichtet. Aber: Hoffentlich haben die Redaktionen im Blick, für wen sie Sendungen produzieren: Für ihre Zuhörer und Zuschauer – und nicht für sich selbst. Über interessante Neuigkeiten zu berichten, gehört zur Kernaufgabe von Medien. Zumal, wenn wie bei der growmorrow am Donnerstag rund 400 Menschen zu einem „innovativen Zukunftsfestival“ (Selbstbeschreibung) zusammenkamen.

Vielleicht sollte sich Frau Dr. Gerner beim RB-Programmausschuss des Rundfunkrates beschweren – so könnte sie mal selbst mehr über den Umgang des Senders mit unzufriedenen GEZ-Zahlern „in praxi“ erfahren.

Zur Veranstaltung (auszugsweise):

Precht, Aguilar und Ruhs waren die „Zugpferde“ von „growmorrow“ Bremen. Precht beeindruckte während seines dreiviertelstündigen Vortrags erneut mit Beobachtungs- und Formulierungsschärfe. Angesichts der um sich greifenden Angst vor dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz rate er Berufssuchenden zu einer Ausbildung als Handwerker oder Altenpfleger. Allerdings nehme die Zahl der Menschen mit zwei linken Händen zu. Precht sprach von der „Generation Wish“ – auf die Fingerbewegungen beim Benutzen eines Handys anspielend.

Er mahnte davor, dass der Gesellschaft „das Verstehen“ von Sachverhalten verlorengehe. Daraus resultiere eine zunehmend emotionalisierte Gesellschaft – die durch entsprechende Impulse von außen leichter manipulierbar sei.

Kinder und Jugendliche müssten besser vor dem „Aufmerksamkeitsraub“ durch soziale Netzwerke und übermäßiges Computer-Spielen geschützt werden. 

Da die Jugend sich fast alle Bildungsfragen im Netz selbst beantworten könne (inkl. Erklärvideos auf Youtube), benötigten wir ein „radikal anderes Bildungssystem“. Als Hauptziel der Bildung nannte Precht „die Schulung der Urteilskraft“ von Kindern und Jugendlichen.

Der Philosoph und Autor griff in seinem Vortrag Äußerungen von Andreas Bovenschulte auf. Der hatte vorher in der Diskussionsrunde mit Katja Pietsch (RB) auf Bremens positive Entwicklung auch dank der Militärindustrie hingewiesen.

Precht: „Rüstungsindustrie bedeutet auf Dauer volkswirtschaftlichen Suizid“. Drohnen, Panzer und Kanonen schüfen keine neuen Werte. Und regelrecht impulsiv fügte er hinzu: „Wir sind zur Diplomatie verdammt, nicht zum Wettrüsten.“ 

Ein völlig anderes Feld beackerte Katharina Aguilar bei der „growmorrow“ Sie wurde als „Serien-Unternehmerin & Zukunftsstrategin“ angekündigt.

Fun-Fact am Rande: Auf ihr Alter gibt es keinerlei Hinweise. Egal. Schließlich gibt es Altersforscher, die in nicht ferner Zukunft ein Lebensalter von 1.000 Jahren für denkbar halten – jedenfalls technisch und medizinisch.

Aguilar entwarf ein Szenario, wie wir 2040 leben und arbeiten werden – kombiniert mit Ratschlägen wie: „Chefs, nehmt euch nicht so wichtig. Reißt euer Ego ein. Hört den Kreativen in den Unternehmen zu“. Einzig diese förderten die für Firmen überlebenswichtige Dynamik.

Sie stellte vier „Sehnsuchtsfelder“ unter den Menschen vor: 

1. Souveräne Lebenszeit

2. Biophile Sehnsucht (im Einklang mit der Umwelt und Natur leben)

3. Echtheit & Gemeinschaft

4. Sicherheit in der Komplexität (des Lebens).

Einige der von ihr vorgetragenen (teilweise bereits von Weltkonzern-Chefs formulierten) Thesen lauteten:

„Handys und Personal Computer wird es in Zukunft nicht mehr geben.“

„Eine gute Stadt ist wie eine gute Party. Die Leute bleiben länger als nötig, weil sie sich wohlfühlen.“

„2040: 2/3 der Weltbevölkerung leben in Städten.“

„2040: Die 4-Tage Woche wird in 22 Ländern Standard sein.“

„Das Meeting von morgen dauert 12 Minuten. Oder es findet nicht statt.“

„2040 wird nicht das Team bewertet. Der Chef wird bewertet. An einer einzigen Frage: Sind die Menschen um ihn besser geworden?“

„Das Unternehmen 2040 hat kein Organigramm. Es ist lebendiges Netzwerk aus Communities – fluid, selbstorganisiert, zweckgetrieben.“

„Alles, was wir heute kreieren, muss nicht der Welt von Heute gerecht werden. Es muss in der Welt von Morgen bestehen.“

Liebe Leserschaft, spätestens bei diesem Vortrag wurde mir als bald 72-Jährigem deutlich vor Augen geführt, welches Jahrhundert mich geprägt hat… 

Die vielen jungen bis sehr jungen Leute vor Ort, die standardmäßig be-turnschuhten 30- und 40-Jährigen und die ganz alten (Ü-45) waren ja schon Zeichen, dass ich zu diesen Runden nicht dazugehöre. Außer, als Zuschauer und -hörer.

Katharina Aguilar klang für mich dann tatsächlich Horizont-erweiternd. Im besten Sinne: inspirierend.

Was mich aber nicht davon abhielt, weiter meinen Kopf zu benutzen. Nach dieser Ki-gesteuerten, wunderbaren, neuen Welt a la Aguilar fragte ich mich:

Wer baut in Zukunft eigentlich Busse und Bahnen, Schiffe und Häuser? Selbstverständlich: An vier Tagen, im Home-Office und  ohne Organigramm.

Julia Ruhs, welche die NDR-Redaktion aus der neuen Sendung „Klar“ rausgemobbt hatte, war leider in eine Gesprächsrunde (u.a. mit der RB-Intendantin) eingebunden, hielt also keinen eigenen  Vortrag über den – aus ihrer Sicht – linkslastigen Journalismus. Ihr Buch „Links-grüne Meinungsmacht – Die Spaltung unseres Landes“  errang bekanntlich Bestseller-Status. 

Ausführlich kam sie übrigens einen Tag zuvor bei der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen zu Wort.

Leider wurde auch darüber weder von WK noch RB berichtet. Dabei saßen an die 200 Zuhörer m/w im Goldenen Saal des Atlantic Grand Hotels Bredenstraße, um mehr von Ruhs Sicht auf den deutschen Journalismus zu erfahren.

Sehr schade, liebe Kolleginnen und Kollegen des hauptberuflichen Journalismus, dass Sie auch diese Veranstaltung mit Nichtachtung straften.

Was bislang unerwähnt blieb: Die „growmorrow“ hatte (sicher auch zur Finanzierung des Events) viele Bremer Firmen als Partner und  Aussteller gewonnen. Darunter: swb, BSAG, WFB, Bremer Aufbaubank (BAB), „StartHaus“, Audi-Zentrum Bremen. Dazu viele Unternehmen aus der KI- , Personalberatungs- und der Raumfahrt-Branche. 

By the Way: Etwas ungläubig hörte ich mehrfach, der Bremer Meinungs-Platzhirsch habe Firmen (angeblich – ich war ja nicht dabei) von einer Teilnahme an dem Event abzuraten versucht. 

Sollte das in dieser Schärfe zutreffen, müsste das Blatt glatt den Preis der „schmollenden Katze“ erhalten. Man könnte aber auch einen Bremer Künstler bitten, eine „beleidigte Leberwurst“ zu modellieren und vor dem Eingang aufzustellen.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Wirklich sehr informativ, die Debatte über den gestrigen Gastkommentar von Peer Rüdiger – auch untereinander. Pflichtlektüre! 🙂