Philosoph Precht bei growmorrow: Kinder vor „Aufmerksamkeitsraub“ bewahren
Stell dir vor: Der Philosoph Richard David Precht, die „Zukunftsstrategin“ Katharina Aguilar und die vom NDR geschasste Journalistin Julia Ruhs treten bei einer Veranstaltung in Bremen auf. Und keiner berichtet darüber. Weder Weser-Kurier noch Radio Bremen. Der WK mag geschmollt haben, weil die Veranstaltung namens „growmorrow“ von der Nordwest-Zeitung (NWZ) aus Oldenburg initiiert wurde. Mitten in Bremen. In der alten Energie-Leitzentrale im Hafen. Wie gut, dass es bremensogesehen gibt. Mein Fazit der ersten Bremer „growmorrow“: Den Besuchern wurde viel „Denk-Futter“ geboten. Die Veranstaltung war tatsächlich inspirierend – und ich gehe mit diesem (viel zu häufig missbrauchten) Wort bewusst sparsam um.
Dass der WK kein Wort über das Event verlor… Jeder möge selbst beurteilen, was dies über die wahre „Größe“ der Bremer Lokalzeitung aussagt.
Dass sich aber auch Radio Bremen einer Berichterstattung komplett entzog, ist besonders bemerkenswert. Immerhin nahmen die eigene Intendantin, Dr. Yvette Gerner, und der eigene Programmdirektor, Jan Weyrauch, an Debatten teil. Die eigene Chefredakteurin Katja Pietsch leitete sogar eine Diskussionsrunde über Bremens Zukunft mit drei Vertretern aus Wirtschaft, Politik und Verwaltung: Milliardär und Viel-Investor Dr. Klaus Meier, Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte und Andreas Heyer, 1. Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Bremen (WFB).
Eine Redaktion wie die von Radio Bremen ist bei ihrer Entscheidung frei, über wen und was sie berichtet. Aber: Hoffentlich haben die Redaktionen im Blick, für wen sie Sendungen produzieren: Für ihre Zuhörer und Zuschauer – und nicht für sich selbst. Über interessante Neuigkeiten zu berichten, gehört zur Kernaufgabe von Medien. Zumal, wenn wie bei der growmorrow am Donnerstag rund 400 Menschen zu einem „innovativen Zukunftsfestival“ (Selbstbeschreibung) zusammenkamen.
Vielleicht sollte sich Frau Dr. Gerner beim RB-Programmausschuss des Rundfunkrates beschweren – so könnte sie mal selbst mehr über den Umgang des Senders mit unzufriedenen GEZ-Zahlern „in praxi“ erfahren.
Zur Veranstaltung (auszugsweise):
Precht, Aguilar und Ruhs waren die „Zugpferde“ von „growmorrow“ Bremen. Precht beeindruckte während seines dreiviertelstündigen Vortrags erneut mit Beobachtungs- und Formulierungsschärfe. Angesichts der um sich greifenden Angst vor dem Siegeszug der Künstlichen Intelligenz rate er Berufssuchenden zu einer Ausbildung als Handwerker oder Altenpfleger. Allerdings nehme die Zahl der Menschen mit zwei linken Händen zu. Precht sprach von der „Generation Wish“ – auf die Fingerbewegungen beim Benutzen eines Handys anspielend.
Er mahnte davor, dass der Gesellschaft „das Verstehen“ von Sachverhalten verlorengehe. Daraus resultiere eine zunehmend emotionalisierte Gesellschaft – die durch entsprechende Impulse von außen leichter manipulierbar sei.
Kinder und Jugendliche müssten besser vor dem „Aufmerksamkeitsraub“ durch soziale Netzwerke und übermäßiges Computer-Spielen geschützt werden.
Da die Jugend sich fast alle Bildungsfragen im Netz selbst beantworten könne (inkl. Erklärvideos auf Youtube), benötigten wir ein „radikal anderes Bildungssystem“. Als Hauptziel der Bildung nannte Precht „die Schulung der Urteilskraft“ von Kindern und Jugendlichen.
Der Philosoph und Autor griff in seinem Vortrag Äußerungen von Andreas Bovenschulte auf. Der hatte vorher in der Diskussionsrunde mit Katja Pietsch (RB) auf Bremens positive Entwicklung auch dank der Militärindustrie hingewiesen.
Precht: „Rüstungsindustrie bedeutet auf Dauer volkswirtschaftlichen Suizid“. Drohnen, Panzer und Kanonen schüfen keine neuen Werte. Und regelrecht impulsiv fügte er hinzu: „Wir sind zur Diplomatie verdammt, nicht zum Wettrüsten.“
Ein völlig anderes Feld beackerte Katharina Aguilar bei der „growmorrow“ Sie wurde als „Serien-Unternehmerin & Zukunftsstrategin“ angekündigt.
Fun-Fact am Rande: Auf ihr Alter gibt es keinerlei Hinweise. Egal. Schließlich gibt es Altersforscher, die in nicht ferner Zukunft ein Lebensalter von 1.000 Jahren für denkbar halten – jedenfalls technisch und medizinisch.
Aguilar entwarf ein Szenario, wie wir 2040 leben und arbeiten werden – kombiniert mit Ratschlägen wie: „Chefs, nehmt euch nicht so wichtig. Reißt euer Ego ein. Hört den Kreativen in den Unternehmen zu“. Einzig diese förderten die für Firmen überlebenswichtige Dynamik.
Sie stellte vier „Sehnsuchtsfelder“ unter den Menschen vor:
1. Souveräne Lebenszeit
2. Biophile Sehnsucht (im Einklang mit der Umwelt und Natur leben)
3. Echtheit & Gemeinschaft
4. Sicherheit in der Komplexität (des Lebens).
Einige der von ihr vorgetragenen (teilweise bereits von Weltkonzern-Chefs formulierten) Thesen lauteten:
„Handys und Personal Computer wird es in Zukunft nicht mehr geben.“
„Eine gute Stadt ist wie eine gute Party. Die Leute bleiben länger als nötig, weil sie sich wohlfühlen.“
„2040: 2/3 der Weltbevölkerung leben in Städten.“
„2040: Die 4-Tage Woche wird in 22 Ländern Standard sein.“
„Das Meeting von morgen dauert 12 Minuten. Oder es findet nicht statt.“
„2040 wird nicht das Team bewertet. Der Chef wird bewertet. An einer einzigen Frage: Sind die Menschen um ihn besser geworden?“
„Das Unternehmen 2040 hat kein Organigramm. Es ist lebendiges Netzwerk aus Communities – fluid, selbstorganisiert, zweckgetrieben.“
„Alles, was wir heute kreieren, muss nicht der Welt von Heute gerecht werden. Es muss in der Welt von Morgen bestehen.“
Liebe Leserschaft, spätestens bei diesem Vortrag wurde mir als bald 72-Jährigem deutlich vor Augen geführt, welches Jahrhundert mich geprägt hat…
Die vielen jungen bis sehr jungen Leute vor Ort, die standardmäßig be-turnschuhten 30- und 40-Jährigen und die ganz alten (Ü-45) waren ja schon Zeichen, dass ich zu diesen Runden nicht dazugehöre. Außer, als Zuschauer und -hörer.
Katharina Aguilar klang für mich dann tatsächlich Horizont-erweiternd. Im besten Sinne: inspirierend.
Was mich aber nicht davon abhielt, weiter meinen Kopf zu benutzen. Nach dieser Ki-gesteuerten, wunderbaren, neuen Welt a la Aguilar fragte ich mich:
Wer baut in Zukunft eigentlich Busse und Bahnen, Schiffe und Häuser? Selbstverständlich: An vier Tagen, im Home-Office und ohne Organigramm.
Julia Ruhs, welche die NDR-Redaktion aus der neuen Sendung „Klar“ rausgemobbt hatte, war leider in eine Gesprächsrunde (u.a. mit der RB-Intendantin) eingebunden, hielt also keinen eigenen Vortrag über den – aus ihrer Sicht – linkslastigen Journalismus. Ihr Buch „Links-grüne Meinungsmacht – Die Spaltung unseres Landes“ errang bekanntlich Bestseller-Status.
Ausführlich kam sie übrigens einen Tag zuvor bei der Konrad-Adenauer-Stiftung Bremen zu Wort.
Leider wurde auch darüber weder von WK noch RB berichtet. Dabei saßen an die 200 Zuhörer m/w im Goldenen Saal des Atlantic Grand Hotels Bredenstraße, um mehr von Ruhs Sicht auf den deutschen Journalismus zu erfahren.
Sehr schade, liebe Kolleginnen und Kollegen des hauptberuflichen Journalismus, dass Sie auch diese Veranstaltung mit Nichtachtung straften.
Was bislang unerwähnt blieb: Die „growmorrow“ hatte (sicher auch zur Finanzierung des Events) viele Bremer Firmen als Partner und Aussteller gewonnen. Darunter: swb, BSAG, WFB, Bremer Aufbaubank (BAB), „StartHaus“, Audi-Zentrum Bremen. Dazu viele Unternehmen aus der KI- , Personalberatungs- und der Raumfahrt-Branche.
By the Way: Etwas ungläubig hörte ich mehrfach, der Bremer Meinungs-Platzhirsch habe Firmen (angeblich – ich war ja nicht dabei) von einer Teilnahme an dem Event abzuraten versucht.
Sollte das in dieser Schärfe zutreffen, müsste das Blatt glatt den Preis der „schmollenden Katze“ erhalten. Man könnte aber auch einen Bremer Künstler bitten, eine „beleidigte Leberwurst“ zu modellieren und vor dem Eingang aufzustellen.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Wirklich sehr informativ, die Debatte über den gestrigen Gastkommentar von Peer Rüdiger – auch untereinander. Pflichtlektüre! 🙂
Tja, lieber Herr Schuller, wenn Sie sich zur Aufgabe machen wollen, Aufmerksamkeitslücken unserer Bremer Leitmedien BuB und WK aufzufüllen, könnte Ihr Ruhestandsprojekt in ernsthafte Gefahr geraten. So hätten Sie Ihre lückenfüllenden journalistischen Fähigkeiten am 19.02.26 unter Beweis stellen können.
Das Bremer Friedensforum hatte zu einem Podiumsgespräch zum Thema „Frieden mit Russland“ geladen. Auf dem Podium: Folker Hellmeyer (ehemals Bremer Landesbank und aktuell erfolgreicher Youtuber), Alexander Rahr (Historiker, der übergroßen Putin-Nähe bezichtigter Bundesverdienstkreuzträger) und Arno Gottschalk (SPD, MdBB, das sich beharrlich der Stationierung amerikanischer Mittelstreckenraketen in D widersetzt). Kein Podium, das kontrovers, sondern einander ergänzend gesprochen hat. Zu den Aussagen der drei Herren an anderer Stelle gerne mehr, wenn gewünscht.
Entscheidend ist hier etwas anderes: Die Veranstaltung war brechend voll, ich und ein extra aus BHV angereistes Paar hätten fast wegen Überfüllung draußen bleiben müssen. Mehr als 200 Leute waren bestimmt da. RB und WK aber offensichtlich nicht, denn eine Berichterstattung darüber habe ich vergeblich gesucht. Also, lieber Herr Schuller, es bleibt noch viel für Sie zur Wahrung einer ausgewogenen Berichterstattung in Bremen zu tun.
@Hartmut Paul.
Danke für die Blumen. Zu der von Ihnen aufgezeigten Perspektive für mich: NEIN, ich will nicht mehr arbeiten. Der Blog ist und bleibt mein Ehrenamt für Bremen. Fun-fact am Rande: bremensogesehen war nach meiner Recherche Bremens einziges Medium, das die Veranstaltung mit Hellmeyer – ausnahmsweise – angekündigt hatte (Blog vom 17.2.26: „Der Banker Hellmeyer wirbt für einen anderen Umgang mit Russland.“) Sie sehen: Ich hatte da bereits die Ahnung, dass der bezahlte Journalismus die interessant klingende Veranstaltung nicht einmal ankündigen würde… Also auch in diesem Fall mal wieder: bremensogesehen (bsg) als BEZ – Bremer Ergänzungszeitung.
Hallo Herr Schuller,
ich kann mich dem Kommentar von Herrn Paul nur anschließen. Die vielfachen und regelmäßigen „Aufmerksamkeitslücken“, wie Herr Paul sie nennt, sind der Hauptvorwurf den man WK und Radio Bremen machen muss. Indem diese Medien über Veranstaltungen, Verbände und kontroverse Meinungen nicht berichten, betreiben sie die bewusste Manipulation ihrer Leser bzw. Zuschauer und Zuhörer. Dies gehört zu Recht ebenso angeprangert wie die Verbreitung von Fake-News.
In der Tat, Herr Schuller, hätte ich ohne Ihre Vorankündigung von der Veranstaltung nichts geahnt. Dafür meinen nachträglichen Dank, zumal die Beiträge des Podiums zwar überwiegend meinungsbestätigenden Charakter hatten, aber dennoch die eine oder andere wirklich originelle Zusatzinformation und -überlegung enthielten.
Vielen Dank für den sehr informativ zusammengefassten Inhalt der Veranstaltung growmorrow…
sogar ohne KI.
Ich greife mal einfach einen Aspekt aus der Zusammenfassung von Herrn Schuller heraus, der mir inhaltlich besonders bedeutsam, weil weitreichend erscheint. Herr David Precht, seines Zeichens Philosoph und Autor, äußerte sich in seinem Vortrag u.a. zum Thema Bildung. Leider konnte ich selbst nicht teilnehmen, weil auch mir nicht bekannt war, dass es sie überhaupt gab. Danach forderte Herr Precht „ein radikal anderes Bildungssystem“. Dem kann ich nur zustimmen. Warum gibt es eigentlich noch immer kein Unterrichtsfach für alle Kinder und Jugendlichen „Wirtschaft und Finanzen“? Sollen unsere Kinder und Jugendlichen keinen sicheren Umgang mit dem Thema Geld vermittelt bekommen? Sollen sie lieber, wie zunehmend der Fall, in die Schuldenfalle laufen? Beim aktuellen Klassenprimus Singapur beim Thema Bildung lernen schon die Kleinen was Aktien sind, und trainieren in kleinen Übungsfirmen, wie man damit umgeht und sehen, wie sich ihre Entscheidungen auswirken. Sie erleben, was Selbstwirksamkeit bedeutet und schulen ihre Urteilskraft, was Herr Precht sogar als Hauptziel von Bildung ausruft. Brauchen unsere Kinder und Jugendlichen derartige Kompetenzen nicht?
Warum gibt es noch immer für alle Kinder und Jugendlichen kein Unterrichtsfach „Gesundheit und Ernährung“? Warum sollen unsere Kinder nicht frühzeitig die Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit kennenlernen? Sollen sie lieber zunehmend psychische Probleme bekommen und adipös oder bulimisch werden? Die Gesundheitskosten für junge Menschen steigen rasant an. Sollen die Krankenkassen das ausbaden und müssten wir als Gesellschaft nicht frühzeitig Sorge dafür tragen, dass Kinder und Jugendliche ein Bewusstsein für sich selbst entwickeln?
Warum gibt es noch immer kein ernsthaftes Unterrichtsfach für alle „IT, Social Media und KI“? Sollen unsere Kinder unwissend in die größer werdenden Fallen laufen? Sollen sie nicht fake news erkennen können, wissen, wie sie sich vor cyber mobbing schützen können, sichere Anlaufpunkte kennen und fake Fotos von echten zu unterscheiden wissen? Herr Precht fordert dazu auf, dass junge Menschen sich für handwerkliche oder soziale Berufe entscheiden sollen. Ein Unterrichtsfach wie „Werken“ oder „Technik“ gibt es nicht mehr. Dort konnten Schülerinnen und Schüler Werkstoffe unterschiedlicher Art kennen lernen und Neigungen entwickeln. Wie sollen sie das heutzutage können, wenn ein solches Angebot fehlt?
Ich weiß, es gibt mancherorts AG´s, Wahlpflichtkurse, oder Projekte für wenige Tage, aber eine echte Verankerung im Lehrplan gibt es leider nicht. Schule soll Kinder und Jugendliche darauf vorbereiten, dass sie nach dem Verlassen derselben, gut vorbereitet sind auf das Leben danach. Aber aus der Wirtschaft hören wir, viel zu viele seien gar nicht ausbildungsfähig, anderen fehle es an Motivation und sozialen Fähigkeiten. In den Oberstufen wird deutsche Literatur nur noch in „einfach Deutsch“ gelesen, weil sie Originale wie z.B. Emilia Galotti nicht mehr verstehen. Wenn man Kinder und Jugendliche mit ihren Smartphones alleine lässt, muss man sich hinterher nicht wundern, wenn eine „Wisch-Generation“ dabei herauskommt, die nur noch ihre Finger zum Wischen und Scrolen benutzen können.
Aber damit nicht genug. In Bremen werden Notenzeugnisse erst ab Klasse 9!!!! verpflichtend. Bis dahin werden Kinder, Jugendliche und Eltern im Unklaren gelassen, wie der Leistungsstand der Kinder überhaupt ist. Nebulöse Formulierungen in Positivsprache sollen angeblich die Entwicklung fördern. Das Gegenteil ist der Fall! Aber Wettbewerb (Bundesjugendspiele wurden deshalb abgeschafft!) und Fordern, Leistung generell, alles nein, das schadet nur und ist diskriminierend. Dabei haben Kinder Spaß daran, sich zu messen, immer schon. Im Weser-Kurier durfte man heute lesen, dass auf der Landesmitgliederversammlung der Grünen der Leistungsgedanke ABGELEHNT wurde. Hört, hört!!! Aber Bildungsgerechtigkeit entsteht nun mal nicht durch wischiwaschi Nebelkerzenberichte, sondern dadurch, dass sich die beruflich damit Befassten ernsthaft kümmern: durch fördern UND fordern. Mehr Geld im System, führt, wie Bremen eindrücklich beweist, NICHT zu mehr Bildungserfolg. Der vierthöchste Pro-Kopf-Betrag wird für die Bildung eingesetzt, aber heraus kommt weiterhin der letzte Platz im Ranking der Bundesländer. Herzlichen Glückwunsch kann man zu solchen Experten nur sagen!!! Es gibt also besorgniserregende Entwicklungen und sie sind alle bekannt. Nicht nur in Bremen. Warum wird trotzdem kein großer Wurf gewagt und das Bildungssystem für alle 16 Bundesländer vereinheitlicht und ein verpflichtendes Vorschuljahr für alle eingeführt, damit alle die nötigen sprachlichen Eingangsvoraussetzungen erfüllen?
Parteipolitische Eitelkeiten und länderpolitische Zuständigkeiten müssen hintanstehen, wenn es um die Zukunft aller Kinder und Jugendlichen geht, denn sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Wir sind verantwortlich und müssen die Politik parteiübergreifend notfalls ‚zwingen‘, endlich den Mut zu grundlegenden Reformen im Bildungssystem aufzubringen. Ansonsten bekommen wir noch mehr unausgebildete Politikerinnen und Politiker, die außer Reden zu schwingen, nichts können, jedenfalls keine nutzbringende Entscheidungen für unsere Kinder und Jugendlichen und deren Zukunft treffen. Das musste jetzt mal gesagt werden.
Sehr wahrscheinlich aus meiner Sicht, dass ein Bericht bei WK und Radio Bremen unerwünscht war, weil der Veranstalter ein Medienhaus aus Niedersachsen war. Das erinnert mich an das lang währende „Affentheater“ zwischen Radio Bremen und dem Weser Report.
Wie auch immer. Sehr wahrscheinlich auch, dass der Weser Kurier so eine Veranstaltung wie „growmorrow“ gar nicht auf die Reihe bekommen würde.
Die Veranstaltung bot ja nicht nur Highlight-Redner, sondern auch viel banales Gelaber.
Und sicher konnte kaum einer bei der Veranstaltung Philosoph Richard David Precht intellektuelle auch nur annähernd das Wasser reichen.
Ich bewundere Precht, wie er immer noch mit jemandem wie Markus Lanz einen Podcast produzieren kann, ohne sich peinlich dabei zu fühlen. (ich denke, das ARD/ZDF-Honorar für den Podcast wird so hoch sein, dass er das in Kauf nimmt).
Richard David Precht ist jemand, dem man zuhören kann, nicht, dass er immer recht hat, sondern weil er klar denkt und klar spricht. Seine Positionen sind durchdacht, oft zugespitzt, aber selten beliebig. Dem Vorwurf, er wolle einfach nur gefallen, setzt er sich nicht aus. Er formuliert bewusst pointiert, um Entwicklungen sichtbar zu machen, nicht um Applaus zu bekommen.
Gleichzeitig zeigt sich an seinen Prognosen auch die Grenze solcher Zuspitzung. Nicht alles wird so eintreten, wie beschrieben. Aber darum geht es auch nicht in erster Linie. Entscheidend ist, dass er Richtungen aufzeigt und Debatten anstößt, gerade mit Blick auf gesellschaftliche und politische Folgen.
Bei der Rüstungsfrage ist er allerdings zu undifferenziert. Die These vom „volkswirtschaftlichen Suizid“ überzeugt so pauschal nicht. Sie verkennt, dass ein Teil der militärischen Entwicklung längst in zivilwirtschaftliche Nutzung übergeht. Technologien wie Satelliten oder Drohnen sind dafür das beste Beispiel. Unternehmen wie OHB zeigen, dass Überwachung eben nicht nur militärisch gedacht wird, sondern auch bei Umweltkontrolle, Navigation oder Kommunikation eine zentrale Rolle spielt. Hier entstehen reale wirtschaftliche Perspektiven. Zum Beispiel Drohnen im Versandhandel.
Das ist der Übergang zu gestrigen Diskussion: dem Wandel des Einzelhandels. Diese Diskussion, zum Gastbeitrag von Herrn Rüdiger von der Viertelinitiative, fand ich spannend. Da stecken viele Punkte drin, die man nicht einfach abhaken kann, weil sie tief in unsere Stadtstrukturen und unser Zusammenleben eingreifen. Einige Entwicklungen erscheinen kaum umkehrbar, andere hingegen bieten durchaus noch Spielraum für konkrete Gestaltung. Das ist ein Thema, das ich in den nächsten Wochen auf jeden Fall noch einmal vertiefen möchte.
@Hilde Kohake Ich finde Ihren Rand gut. Allerdings würde ich das meiste inhaltlich nicht unterschreiben. Wer würde denn die Inhalte bestimmen, wenn es ein Fach „Gesundheit und Ernährung“ geben würde? Dann machte das eben nicht mehr Bertelsmann, sondern Nestlé und Pfizer. Herzlichen Glückwunsch! Der Grad Ihrer Unzufriedenheit würde mit Sicherheit nicht geringer werden.
Und dann ein Fach „Geld und Finanzen“? Glauben Sie wirklich, dass die Leute hinter den Politikdarstellern es zulassen würden, dass jungen Menschen erzählt wird, wie Fiatgeld tatsächlich funktioniert? „Dann gäbe es vor morgen früh eine Revolution.“ (Henry Ford)
Und über die Börse muss man eigentlich nur wissen, dass es ein manipuliertes Casino ist (Hans-Werner Sinn), das mit Fiatgeld und dem Ersparten optimistischer Menschen angetrieben wird. Und wer soll das denn positiv und technisch wahrheitsgetreu vermitteln? Vielleicht ein professioneller Fondsmanager, von denen über die Hälfte schlechter abschneidet als der selbst gewählte Vergleichsindex? Wen von denen zieht es wohl zum undankbaren Lehreramt – die bessere Hälfte?
Wenn ich Precht richtig verstehe, reicht es, wenn die meisten Schulabgänger lesen, schreiben und rechnen können und des logischen Denkens halbwegs mächtig wären. Dazu sollten sie Textverständnis haben, über Argumentationsfähigkeiten verfügen und geschichtliche Zusammenhänge nicht reflexhaft als Verschwörungstheorien abtun.
Aber selbst diese minimalen Forderungen gefährden die bestehenden Machtverhältnisse, weshalb WK und B&B Veranstaltungen mit den noch viel besseren Leuten lieber ignorieren oder sogar verächtlich macht. Ich empfehle Ihnen Vorträge auf YouTube von Rainer Mausfeld, Ernst Wolff, Tom-Oliver Regenauer, Tom Lausen oder Florian Homm. Allerdings muss ich Sie warnen: Es könnte Sie beunruhigen.
@Heiko Strohmann „Einige Entwicklungen erscheinen kaum umkehrbar, andere hingegen bieten durchaus noch Spielraum für konkrete Gestaltung.“ – Nein, alles Menschengemachte ist umkehrbar. Es erfordert nur die Einsicht, dass man sich auf dem falschen Weg befindet, sowie den Willen und den Mut zur Umkehr. Selbstverständlich werden sich die Dummen, die Korrupten und jene die ausschließlich ihren persönlichen Interessen folgen gegen eine solche Umkehr stemmen.‘
Das Richtig im Falschen tun zu wollen ist Selbstbetrug.