Glosse: Ekstatisches Lob von Eltern für Selbstverständlichkeiten

08.05.2026 14 Von Axel Schuller

So, heute bin ich mal faul. Dr. Volker Redder hat kürzlich einen wunderbaren Text im Netz veröffentlicht. Der hat meine Frau und mich regelrecht zum Wiehern gebracht, dass ich dachte: Den darf ich Ihnen, geneigte Leserschaft, nicht vorenthalten. Das Thema: Wie bereiten (inzwischen deutlich ältere Eltern als in unserer Jugend) ihren Nachwuchs aufs „echte“ Leben vor. Achtung: Passen Sie bitte auf, dass Ihnen das Lachen nicht im Hals stecken bleibt. 

Eltern am stran klatschen gebeistert für Kleinkind auf Dreirad mit Helm

Dr. Volker Redder schreibt (das KI-generierte Foto stammt ebenfalls von ihm):

„War mal wieder acht Tage bei bestem Wetter auf Juist. Diese Insel ist im Grunde kein Ort, sondern ein Zustand. Man nennt es auch das „Töwerland“, das Zauberland, was vermutlich daran liegt, dass dort die Zeit nicht nur stehen bleibt, sondern sich erst mal gemütlich im Strandkorb einrollt und ein ausgiebiges Nickerchen macht. Es gibt keine Autos, nur Pferde und Fahrräder. Es ist so leise, dass man sein eigenes Haarwachstum hören kann, wenn nicht gerade eine Möwe versucht, einem das Fischbrötchen streitig zu machen. Kurz: Es ist der sicherste Ort der Welt, gleich nach einer gepolsterten Gummizelle in einem Watte-Werk.

Eigentlich die perfekte Umgebung für Kinder, um mal so richtig die Sau rauszulassen. Oder zumindest mal drei Meter zu rennen, ohne dass sofort das SEK gerufen wird. Dachte ich.

Ich saß also auf einer Düne, beobachtete das Meer, das ja auch sehr viel Zeit hat, und dann sah ich ihn: Einen Dreijährigen auf einem Dreirad. Das Gefährt bewegte sich mit einer Geschwindigkeit, die selbst eine Weinbergschnecke mit Burnout als „eher gemächlich“ bezeichnet hätte. Aber der Junge! Der Junge trug einen Fahrradhelm, der so massiv war, dass er vermutlich auch einen direkten Meteoriteneinschlag oder den Absturz einer Raumstation unbeschadet überstanden hätte. Dazu Ellbogenschoner, Knieschoner und – ich schwöre es – eine neonfarbene Warnweste. Mitten am Tag. Auf einer Insel ohne Autos. Wahrscheinlich hatten die Eltern Angst, er könnte von einem besonders kurzsichtigen Pferd übersehen werden oder im dichten Nebel der eigenen Atemluft verloren gehen.

Dann passierte das Unvermeidliche: Der Junge stieg ab. Er wollte laufen. Einfach so. Auf Sand. Sand, das muss man wissen, ist in der Welt moderner Eltern so etwas wie flüssige Lava, nur mit schlechteren Haftreibungswerten.

„Torben-Hendrik, nicht laufen! Du fällst hin!“, schallte es über den Strand, als hätte er gerade versucht, ohne Fallschirm aus einer Boeing 747 zu springen. Die Mutter stürzte vor, die Arme ausgefahren wie die Fangnetze eines Flugzeugträgers. Torben-Hendrik blieb stehen. Er tat nichts. Er atmete nur.

„Super gemacht, Schatz! Ganz toll angehalten! Wahnsinn, wie du das kontrolliert hast!“, rief die Mutter und klatschte begeistert Beifall. Der Vater kam dazu, hob die Hand zum Abklatschen und rief: „Spitzenleistung, Großer! High Five!“

Ich saß da und wartete eigentlich darauf, dass jetzt eine Kapelle aus den Dünen tritt und ihm für das bloße Nicht-Umkippen das Bundesverdienstkreuz verleiht. Wenn man heute ein Kind dafür lobt, dass es unfallfrei auf Sand steht, was macht man dann, wenn es später mal eine Steuererklärung abgibt? Wird dann die gesamte Stadt illuminiert?

Das Problem ist: Wenn wir Kindern beibringen, dass das Leben eine einzige ununterbrochene Todesfalle ist, in der man für das Atmen schon stehende Ovationen verdient, dann züchten wir uns eine Generation heran, die später mit 25 im Vorstellungsgespräch sitzt und erwartet, dass der Chef eine La-Ola-Welle startet, weil man pünktlich die Tür gefunden hat.

Diese Kinder werden nie erfahren, wie wunderbar es ist, hinzufallen, sich das Knie aufzuschürfen, den Schmerz kurz wegzubrummen und dann festzustellen: „Mensch, ich lebe ja noch! Und guck mal, die Kruste wird später richtig interessant aussehen.“ Ein Leben ohne Schrammen am Knie ist wie ein Buch ohne Eselsohren – es sieht zwar ordentlich aus, aber man sieht eben auch, dass es nie wirklich benutzt wurde.

Ich habe dann versucht, Torben-Hendrik unauffällig zuzuzwinkern, so von wegen „Renn einfach los, Kleiner, der Sand ist weich!“. Aber die Eltern haben mich sofort skeptisch gemustert. Wahrscheinlich dachten sie, ich wäre ein „Risiko-Influencer“, der ihren Sohn zu illegalen Aktivitäten wie „Hüpfen“ oder „Schnellgehen“ verleiten will. Also bin ich sitzen geblieben und habe weiter aufs Meer geguckt. 

Das Meer macht ja auch keine Fehler. Es schwappt einfach nur. Aber wahrscheinlich bekommt es dafür heutzutage auch jeden Abend eine Urkunde von der Kurverwaltung.“

So weit der Text von Volker Redder, Bremer IT-Unternehmer und Liberaler.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S. Volker Redder ist ein Multimedia-Talent. Seine Juist-Erlebnisse hat er zu einem Booklet und zu einem Song (alles mit KI) verarbeitet. Siehe hier: BOOKLET und Song.

P.P.S.: Bitte schauen Sie am Sonntag auf bsg. Dann erscheint hier erneut ein Gastkommentar. Zu einem Thema, das uns alle betrifft!