Gastkommentar: „Ich bin es leid, dass meine Kollegen im Dienst angegriffen werden“

16.05.2026 7 Von Axel Schuller

Er ist der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), versteht sich als Teamplayer mit 210.000 Mitgliedern in Deutschland: Jochen Kopelke (42). Vor seiner Wahl zum Bundesvorsitzenden der GdP (unter dem Dach des DGB) war der Sozialdemokrat zuletzt Büroleiter von Innensenator Ulrich Mäurer. Er wohnt mit seiner Frau und zwei Kindern in Bremen-Findorff. Kopelke war 2022 mit 38 Jahren der bislang jüngste GdP-Chef.

Jochen Kopelke

Jochen Kopelke schreibt:

„Deutschland diskutiert wieder intensiv über Sicherheit. Ob in Bremen, Bremerhaven oder München – die Polizeirealität ähnelt sich überall: mehr Gewalt, mehr Einsätze wegen häuslicher Gewalt, mehr Demonstrationen und immer jüngere Täter. Ob im Problemviertel, am Bahnhof, im Internet oder im Fußballstadion – wir erleben zunehmend Respektlosigkeit, steigende Gewalt, wachsende Verrohung und eine immer größere Brutalität. Es wirkt, als kehre das Recht des Stärkeren in unsere Gesellschaft zurück. Dabei liegt das Gewaltmonopol allein beim Staat – und wir Polizistinnen und Polizisten setzen dieses Gewaltmonopol durch. Wir sind Gesetzeshüter.

Zugleich geraten wir zunehmend an unsere Grenzen: Polizistinnen und Polizisten müssen innerhalb kürzester Zeit Entscheidungen treffen – oft auf Grundlage unvollständiger Informationen und unter unmittelbarer Gefahr für die eigene körperliche Unversehrtheit. Gewalt gegen Einsatzkräfte ist längst kein Randthema mehr. Sie gehört zum Alltag – mit gravierenden Auswirkungen auf die Gesellschaft und auf uns Polizistinnen und Polizisten.

Die Anforderungen an die Polizei sind zu Recht hoch. Gleichzeitig steigen sie kontinuierlich. Seit Jahren kommen immer neue Aufgaben hinzu, obwohl eigentlich andere Stellen zuständig wären. Immer mehr psychisch schwer erkrankte Menschen lösen Polizeieinsätze aus, anstatt rechtzeitig Hilfe in einem funktionierenden Versorgungssystem zu erhalten. Hinzu kommen neue Technologien wie Drohnen, die längst Alltagsgegenstand geworden sind und zunehmend Sicherheitsprobleme verursachen. Für deren Abwehr fehlen bislang jedoch vielerorts klare rechtliche Grundlagen und einsatzbereite technische Lösungen. Auch unsere kritische Infrastruktur und unsere Häfen geraten zunehmend ins Visier von Spionage und Sabotage. Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

All das verunsichert die Menschen und erzeugt Angst. Deshalb wächst der Wunsch nach einer starken, durchsetzungsfähigen und verlässlichen Polizei, die hilft, wenn Hilfe gebraucht wird.

Gleichzeitig nimmt das Vertrauen in den Rechtsstaat spürbar ab. Ermittlungen und Gerichtsverfahren dauern zu lange – auch oftmals aus Personalknappheit. Urteile werden vielerorts nur noch irritiert oder belächelnd zur Kenntnis genommen. Datenschutz erscheint manchen inzwischen eher als Täterschutz. Täter und Verurteilte verhöhnen Richterinnen und Richter. Aktenberge bringen Opfer, Anwälte und Polizisten gleichermaßen an ihre Grenzen.

Es ist daher an der Zeit, eine wirksame Sicherheitsoffensive zu starten, die schnell und spürbar liefert, was notwendig ist: mehr Polizisten im Einsatz, mehr Streifenwagen auf der Straße und schnellere Ermittlungen mit echter Wirkung, damit Gewalttäter konsequent festgenommen werden können. Dazu gehören moderne Eingriffsbefugnisse, die Rockern, Clans und Diebesbanden Respekt vor dem Rechtsstaat vermitteln. Dazu gehören Fußfesseln zum Schutz potenzieller Opfer bei weiterhin gefährlichen Tätern. Und dazu gehört eine selbstbewusste Polizei, deren Beschäftigte vom Dienstherrn geschützt und deren Familien abgesichert werden.

Ich bin es leid zu erleben, dass Menschen in Sicherheitsbehörden angefeindet, privat bedrängt und eingeschüchtert oder im Dienst gezielt angegriffen, verletzt oder sogar getötet werden.

Nach 40 Dienstjahren erhält man seine Entlassungsurkunde – doch innerlich endet dieser Dienst nie. Die Gedanken an Einsätze bleiben. An Situationen, die gerade noch gut ausgegangen sind. An Kolleginnen und Kollegen, die dienstunfähig wurden. Oder an tragische Ereignisse, die einen selbst Jahre später plötzlich wieder einholen.

Was Polizistinnen und Polizisten in vier Jahrzehnten Dienst erleben, lässt sich kaum in Worte fassen. Dennoch ist der Polizeiberuf einer der wichtigsten und erfüllendsten Berufe überhaupt. Im Dienst für Menschen und Demokratie zu stehen, macht stolz – und ist heute wichtiger denn je.

Denn nicht nur der Rechtsstaat, auch unsere Demokratie steht vor enormen Herausforderungen. Rechtsextremisten und Linksextremisten greifen rücksichtslos nach Macht. Parlamente ringen um Mehrheiten, Lösungen und darum, Wiederholungen der Geschichte zu verhindern. Mittendrin stehen wir Polizistinnen und Polizisten – zum Schutz unserer Demokratie und unserer Parlamente.

Wenn wir als Gesellschaft derzeit vor so großen Herausforderungen stehen, müssen wir umso entschlossener zusammenstehen und gezielt in Sicherheit, Wirtschaft, Bildung und den Sozialstaat investieren. Wer wirklich mehr Sicherheit will, muss diejenigen stärken, die sie täglich gewährleisten – nicht nur in Papieren und Arbeitskreisen, sondern im konkreten Einsatz vor Ort.“

Soweit der GaKo von Jochen Kopelke.

Liebe Leserschaft, das Bibbern um den Erhalt der Lufthansa-Strecke Bremen-Frankfurt geht weiter. Gastkommentator Jochen Kopelke ist, wie er mir sagte, ebenfalls auf diese Verbindung angewiesen. Er ist nämlich nicht nur Vorsitzender der deutschen GdP, sondern seit Ende 2025 auch Präsident der europäischen Polizistengewerkschaft „EU.Pol“.

Die Airline ist dem Vernehmen nach nicht länger bereit, ein Defizit von angeblich 12 Millionen Euro auf dieser Strecke alleine zu tragen. Es wird erwartet, dass auch die staatliche Seite zur finanziellen Entlastung der für den gesamten Nordwesten extrem wichtigen Flugverbindung beiträgt – etwa durch Reduzierung mehrerer in Bremen anfallender Gebühren. Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies könnte da bestimmt ebenfalls unterstützend tätig werden.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller