Gastbeitrag: Experte für Internationale Fonds ordnet Lufthansa-Rückzug ein / Neuer Airport?

09.05.2026 20 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, heute ein „Schnellschuss“. Vorbereitet hatte ich den Gastkommentar (GaKo) eines bundesweit wichtigen Bremers. Doch dann platzte gestern die Nachricht des Bremer Flughafens herein, dass „Lufthansa“ Bremen – ruckzuck – ab 1. Juli nicht mehr bedienen wird und auf die ICE-Verbindung verweist. Der Bremer Berater für internationale Fonds, Dr. Frank F. Ebner (55), bot mir gestern Abend einen Text zu dem brandaktuellen Thema an, den ich kurzerhand statt eines GaKo veröffentliche. Infos zum Autor finden Sie am Ende. 

Dr. Frank Ebner schreibt:

Will Bremen Schlüssel zur Welt bleiben, darf der Norden international nicht dauerhaft vom direkten Luftverkehr abgekoppelt werden.

Lufthansa streicht zum 1. Juli die Verbindung Bremen–Frankfurt. Das ist mehr als der Wegfall einer einzelnen Verbindung. Es ist ein weiteres Signal in einer langen Entwicklung: Bremen verliert schrittweise die direkte Anbindung an die globale Ökonomie.

Die Mitteilung des Flughafens klingt nüchtern. Lufthansa müsse „unwirtschaftliche Verbindungen streichen“. Als Ersatz: vier Stunden ICE.

Natürlich bleibt Bremen erreichbar. Über München, Amsterdam, Istanbul, Wien oder Zürich kommt man weiterhin in die Welt – allerdings nur mit Umstieg. Schon heute gibt es von Bremen keinen Direktflug nach Asien, Afrika sowie Nord- oder Südamerika. Auch viele europäische Hauptstädte sind nicht direkt erreichbar. Mit Frankfurt fällt nun zudem der wichtigste innerdeutsche Anschluss an einen internationalen Hub weg.

Genau darin liegt das Problem. Bremen erreicht internationale Märkte noch, ist aber immer seltener selbst ein Ort, den internationale Geschäftsreisende, Investoren oder Unternehmen direkt anfliegen und wahrnehmen.

Hafen plus Hub – das globale Erfolgsmuster

„Unser Feld ist die Welt“, sagte Hermann Henrich Meier, der 1857 zusammen mit Eduard Crüsemann den Norddeutschen Lloyd gründete. Das war keine Metapher, sondern Geschäftsmodell und Selbstverständnis zugleich. Der Norddeutsche Lloyd verband Bremen in regelmäßigen, teils wöchentlichen Linienverkehren direkt mit New York, Baltimore, Südamerika und London. Bremen war Gateway-City Deutschlands.

Diese Stellung entstand nicht zufällig. Bürgermeister Johann Smidt gründete 1827 Bremerhaven. Ludwig Franzius korrigierte später die Weser und machte die Häfen hochseetauglich. Bremen dachte global und baute die Infrastruktur dazu.

Die erfolgreichsten maritimen Wirtschaftsräume der Welt verbinden Hafen und internationales Luftdrehkreuz eng miteinander: New York, Dubai, Singapur, Shanghai, Amsterdam, Istanbul oder London.

Deutschland ist die Ausnahme. Frankfurt, der größte Hub, hat keinen Seehafen; ebenso München. Hamburg wiederum hat keinen interkontinentalen Hub. Bremen ebenfalls nicht. Die entscheidenden Infrastrukturen der Globalisierung wurden geografisch getrennt – mit Folgen für die Wirtschaftsdynamik des Nordens.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat die Häfen jüngst zu „Schlüsselstellen und Drehkreuzen unserer Sicherheit, unserer Souveränität, unserer Wettbewerbsfähigkeit“ erklärt und Milliardeninvestitionen zugesagt. Das ist richtig, greift aber zu kurz, solange Hafenpolitik und internationale Luftverkehrsanbindung weiter getrennt gedacht werden. Wer Bremerhaven zum sicherheitspolitischen Drehkreuz macht, muss den Norden auch interkontinental erreichbar machen.

Warum Bremen den Anschluss verliert

Bremen lebt bis heute von Unternehmen, deren Geschäft global ist. KAEFER, Leschaco, OHB und Airbus stehen exemplarisch für eine Wirtschaft, deren Märkte in Asien, Amerika oder dem Nahen Osten liegen – nicht zwischen Bremen und Osnabrück.

Noch sitzen diese Unternehmen in Bremen. Aber Standortentscheidungen ändern sich selten abrupt. Erst werden Funktionen verlagert, dann entstehen zweite Hauptsitze. Neue Eigentümer und Manager orientieren sich näher an internationalen Drehkreuzen. Nach einigen Jahren bleibt oft nur noch eine Niederlassung.

Der Bremer Kaufmann Matthias Claussen (C. Melchers GmbH & Co. KG) brachte das Problem bereits 2019 in der „Neuen Zürcher Zeitung“ auf den Punkt. Für ein weltweit tätiges Handelshaus sei es „lästig genug“, dass man von Bremen nicht direkt nach Asien fliegen könne. Der ideale Standort sei eigentlich Frankfurt-Kelsterbach.

Die Realität ist unbequem: Bremen lebt wirtschaftlich von der Globalisierung, sitzt infrastrukturell aber zunehmend am Rand.

Deshalb greift auch die Debatte über Regionalflughäfen zu kurz. Weder Bremen noch Hamburg oder Hannover werden allein dauerhaft gegen die großen europäischen Hubs im internationalen Wettbewerb bestehen können. Die eigentliche strategische Frage lautet, ob Norddeutschland seine Kräfte bündelt und einen gemeinsamen interkontinentalen Hub schaffen will – angebunden an Hafenwirtschaft, Logistik, Industrie und Bahn.

Die vertane norddeutsche Chance

Die Idee ist alt. Bürgermeister Hans Koschnick dachte bereits vor Jahrzehnten über einen gemeinsamen Großflughafen der Küstenländer nach. Er scheiterte am norddeutschen Kleinklein und am Hamburger Eigensinn – eine vertane Chance für Norddeutschland.

Heute wirkt der Gedanke logischer denn je. Frankfurt und München stoßen an Kapazitätsgrenzen. Gleichzeitig suchen internationale Investoren weltweit nach langfristigen Infrastrukturprojekten in stabilen Industrieländern.

Was fehlt, ist weniger Kapital als politischer Wille – und der Mut zu einem Projekt, das wieder in globalen Maßstäben denkt.

Bremen kommt weiterhin in die Welt. Aber die Welt kommt immer seltener direkt nach Bremen. Genau deshalb ist die Streichung der Frankfurt-Verbindung mehr als eine Randnotiz. Sie markiert den nächsten Schritt einer Entwicklung, deren strategische Tragweite die Bremer Politik seit Jahren unterschätzt: Bremer Interessen enden nicht an der Stadtgrenze. Sie waren immer global.“

Soweit der Text meines Gastautors.

Zur Person: Dr. Frank F. Ebner (55) ist Berater für internationale Fonds, Finanzierungen und Restrukturierungen von Immobilienprojekten. Er legte die ersten Immobilien- und Infrastruktur-Kreditfonds in Deutschland auf. Der gebürtige Bremer studierte Bauingenieurwesen an der Leibniz Universität Hannover und promovierte an der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Berufliche Stationen führten ihn nach San Francisco und Frankfurt. Er ist verheiratet, hat zwei Söhne und lebt heute mit seiner Familie in Bremen.

Ergänzung von mir: Die gestern von WK und RB eher kurze Mitteilungen, „Frankfurt ist nicht mehr“, zieht allmählich Kreise. 

Jens Eckhoff, Christdemokrat und enger Mitarbeiter des Bremer Investors Dr. Klaus Meier drückte gestern abend bei Facebook sein Entsetzen aus: „Diese Meldung ist wirklich Worst Case für den Standort Bremen! Viele Geschäftsreisende verlieren den Anschluss an das wichtigste deutsche Drehkreuz. Die Folge: Unternehmen werden den Standort Bremen verlassen.“ Soweit Eckhoff.

Zu beachten ist außerdem, dass der weltweit älteste und angesehene KI-Kongress IJCAI Ende Juli/August vermutlich unter dem Wegfall der Direktverbindung Frankfurt-Bremen leiden wird. Es gilt als unwahrscheinlich, dass die etwa 1.000 aus Asien, speziell China, erhofften Tagungsteilnehmer nach ihren langen Flügen von Frankfurt tatsächlich den Weg mit dem ICE nach Bremen zurücklegen wollen. Drücken wir die Daumen!

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Ich hätte nie erwartet, dass das vorige Stück „Glosse“ derart unterschiedliche Reaktionen hervorruft. Schauen Sie gerne noch mal in den Text von Dr. Volker Redder samt den Kommentaren rein.