Gastkommentar: „Demokratiedefizit – bemerkenswert ist, was nicht gemacht wurde“

30.05.2026 14 Von Axel Schuller

Dieter Winge (63), Sprecher der Bürgerinitiative Oslebshausen und Umzu (sowie Sprecher der Fraktion der Linken im Beirat Gröpelingen) kann es immer noch nicht glauben: Die Stadt will die Firma Alstom im Hafen eine Bahnwerkstatt bauen lassen, ohne dass sonst übliche Auswirkungen auf die Bevölkerungen untersucht wurden. Ergebnis: Eine langwierige, teure Hängepartie vor Gericht. Häufig unbeachtet: An dem Ort befindet sich aus Kriegszeiten ein sogenannter Russenfriedhof. Der Sozialpädagoge ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Dieter Winge schreibt:

„Bahnwerkstatt in Oslebshausen? Wer im Ostertor, in Findorff oder Vegesack lebt, schiebt das Thema schnell beiseite. Getreu dem Motto: Besser dort als vor der eigenen Haustür. Doch das ist ein gefährlicher Trugschluss. Am 29. Juni 2026 verhandelt das Bremer Oberverwaltungsgericht zwei Klagen gegen den Planfeststellungsbeschluss gemeinsam: die der Anwohnerschaft (1 D 146/25) und die der Hafen- und Logistikwirtschaft (1 D 148/25). Es geht um die Zuverlässigkeit der Bremischen Häfen, um die Belastbarkeit von Planungsverfahren und um die Frage, wie das nächste Großprojekt zustande kommt.

Beginnen wir mit dem Geld. Der Standort der Bahnwerkstatt ist eine infrastrukturelle Weichenstellung, die kurz- bis langfristig über Bremens Wohlstand mitentscheidet. Von ihm hängt die Schienenanbindung der Häfen und Bremerhavens ab. Im Bahnknoten konkurrieren Personen- und Güterverkehr um jeden Slot. Im Zentrum steht die Strecke 1422, in Teilen weiterhin eingleisig, schon heute Engpass und der einzige Zugang zu den Hafenbetrieben in Bremen rechts der Weser. Wer dort zusätzliche Werkstattfahrten einplant, gefährdet das größte innerstädtische Industrie- und Gewerbeareal mit den Industriehäfen und dem Holz- und Fabrikenhafen – und damit zentrale Gewerbesteuerstandorte und Arbeitgeber.

Bemerkenswert ist, was nicht passiert. Bremen lässt zu nahezu jedem Vorhaben umfangreiche Verkehrsgutachten erstellen, nur hier nicht. Stattdessen wird einer zwei Seiten kurzen Stellungnahme der DB InfraGO Glauben geschenkt, die nicht einmal bestätigt, was die Vorhabenträgerin behauptet. Die Bremer Unternehmer hatten sich darauf verlassen, dass die Behörden über eine tragfähige Schieneninfrastruktur wachen. Tatsächlich existiert neben der Strecke 1422 kein redundanter DB-Anschluss mehr; die Verbindung über das Oldenburger Gleis wurde vor über zwanzig Jahren still und heimlich aus Kostengründen abgehängt. Mit den Unternehmen sprach niemand; einzig die Handelskammer Bremen hatte früh gewarnt. Wenn Hafenwirtschaft und Bürgerinitiative am selben Tag dieselbe Behörde vor demselben Gericht verklagen, ist das kein Zufall, sondern ein Befund. Verprellt der Senat seine Hafenwirtschaft wirklich wegen rund fünfzig Arbeitsplätzen in einer Bahnwerkstatt, die ebenso gut anderswo in Bremen entstehen könnten?

Damit zur zweiten Ebene, dem Verfahren. In Oslebshausen wird jedes Vorhaben isoliert geprüft: Klärschlammverbrennungsanlage, Recyclingbetrieb, Schrotthandel, daneben neue Verkehre. Die Summenwirkung auf Gesundheit, Wohnqualität und Stadtentwicklung bleibt systematisch außen vor. Das mag heute ein Problem des Bremer Westens sein. Es wird morgen ein Problem jedes Stadtteils, in dem Vorhaben mangelhaft geplant und zu Lasten von Menschen und Unternehmen realisiert werden.

Ein Blick auf die Vorgeschichte zeigt das Demokratiedefizit: Die Standortauswahl Reitbrake wurde bereits 2018 festgezurrt, lange vor jeglicher Beteiligung von Öffentlichkeit, Beiräten und Bürgerschaft.

Die geplante Bahnwerkstatt soll auf dem sogenannten „Russenfriedhof“ errichtet werden, einer formalrechtlichen Kriegsgräberstätte sowjetischer Kriegsgefangener und Zwangsarbeiter aus der NS-Zeit. Das ist völkerrechtlich fragwürdig. Die einschlägigen völker- und gräberrechtlichen Fragen werden nun vor dem Verwaltungsgericht (1 K 1988/25) verhandelt.

Das ist kein „Not in my backyard“-Thema, bei dem sich wenige wehren, weil ihnen etwas nicht passt. Hier steht der gesamte Beirat Gröpelingen einstimmig und mit den Stimmen aller Parteien gegen dieses Vorhaben. Anträge nach dem Informationsfreiheitsgesetz werden lückenhaft oder gar nicht beantwortet. Mehrere Gutachten halten fachlichen Standards nicht stand. Das ist längst keine Frage eines Bauvorhabens mehr. Es geht darum, ob Verfahren transparent, klar und unparteiisch geführt werden und um den respektvollen Dialog von Politik und Staat mit den Menschen dieser Stadt.

Wer sich fragt, warum das Vertrauen in unsere demokratischen Institutionen schwindet, findet hier einen Teil der Antwort. Politikverdrossenheit entsteht dort, wo Bürgerinnen und Bürger den Eindruck gewinnen, ihre Bedürfnisse seien zweitrangig, ihre Beteiligung folgenlos und ihre Beiträge irrelevant. Wenn ein einstimmiger Beiratsbeschluss verpufft, wenn Auskünfte zurückgehalten werden und Gutachten geräuschlos das gewünschte Ergebnis liefern, geht Vertrauen verloren. Auch in Bremen müssen Verfahren mehr sein als nachlässig umgesetzte Formalien. Es geht um Aufrichtigkeit und Ernsthaftigkeit im Umgang mit den Bürgerinnen und Bürgern dieser Stadt!

Ende des Gastkommentars.  

Liebe Leserschaft, ja, auch dies war heute wieder schwere Kost. Aus vielen Rückmeldungen entnehme ich die Bereitschaft und geradezu das Bedürfnis, via Gastkommentare über vielfältige Themen informiert zu werden. Der vorige Gastkommentar von Arno Gottschalk über neueste Waffensysteme und deren Auswirkungen hatte nicht nur auf der Seite von bremensogesehen, sondern auch über social media (Facebook, LinkedIn und X) eine ungewöhnlich breite (und interessierte) Leserschaft erreicht. Und was mich immer wieder begeistert: Die inhaltliche Tiefe der vielfältigen Kommentare zu den Beiträgen aus Ihren Reihen, liebe Leserschaft.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller