Warum „erspart“ die SPD-Spitze ihren Mitgliedern einen Teil der Wahrheit?

28.07.2026 10 Von Axel Schuller

Die Bremer SPD schadet sich selbst. Es fehlt an Demut und an Selbstreflexion. Jüngste Beispiele dafür: Der aktuelle Mitgliederbrief der Parteispitze an ihre verbliebenen 3.500 Mitglieder und das Interview des Weser Report mit dem SPD Landesvorsitzenden Falk Wagner. 

Die Mitglieder-Information wirft Fragen nach der politischen Aufrichtigkeit auf, und das Interview deutet auf Schönfärberei hin.

Im Newsletter Nr. 18/2026 vom 24. Juli wird – verständlicherweise mit Freude – auf einen Städtevergleich der Geschäftsleute-Plattform LinkedIn verwiesen, bei dem „Bremen auf Platz 1 unter den dynamischsten Städten („Cities on the Rise 2026“) gelandet ist.

Soweit, so gut. 

Aber dann bricht sich Unehrlichkeit durch Weglassen ihren Weg.

Im SPD-Newsletter heißt es: „Die Studie hebt hervor, wie sich Bremens traditionelle Stärken in Hafen, Schifffahrt und Logistik mit neuen Wachstumsfeldern verbinden. Besonders die Herstellung  von Transportausrüstung, der Maschinenausbau sowie IT-Dienstleistungen und IT-Beratung treiben die Entwicklung voran, Unternehmen der Luft- und Raumfahrt stehen beispielhaft für die Innovations- und Zukunftskraft des Standorts und auch die Universität leistet einen wichtigen Beitrag. (…)“

Das ist unbestritten und prima. Ja, sogar begrüßenswert. Darauf kann man stolz sein. 

Dennoch mal nebenbei gefragt, wer eigentlich: Die Politiker der Regierungs-Koalition oder doch die Unternehmer mit ihren Mitarbeitern m/w?

Nicht fair ist es aber, dass die SPD-Spitze ihren 3.500 Mitgliedern (von ehemals 15.000) einen ganz bestimmten Teil des LinkedIn-Textes „erspart“, man könnte auch sagen: unterschlägt. 

Und zwar diesen:

Der Aufschwung wird insbesondere dem wachsenden Verteidigungssektor zugeschrieben, in dem etwa 10.000 Menschen beschäftigt sind und sieben Prozent des bundesweiten Umsatzes erwirtschaftet werden. Unternehmen wie Airbus Defence, Rheinmetall, OHB, Atlas Elektronik und die Lürssen-Werft tragen maßgeblich zu diesem Wachstum bei.“

Kommen wir zum „Sommerinterview“ des Weser Report mit dem SPD-Landesvorsitzenden Falk Wagner. Die Sozialdemokraten sind von ihrem Parteichef und seinen Antworten offenbar so begeistert, dass sie den Text in den Newsletter aufgenommen haben.

Beim Lesen keimte freilich der Verdacht, Wagner könnte in einer Art Parallel-Universum leben.

Eine seiner Kernaussagen betrifft bspw. die Innere Sicherheit. O-Ton Wagner:

„Wir führen mit Eva Högl als Innensenatorin den konsequenten Kurs von Uli Mäurer fort: Mehr Personal, Befugnisse und Ausstattung der Polizei – ein Erfolg, denn die Kriminalitätszahlen sinken.“

Offenbar zur eigenen Beruhigung und der von besonders „linken“ Bremer Genossen m/w fügt der SPD-Landeschef nahezu beschwichtigend hinzu:  

„Das ist keine konservative Position. Die Zahl der Menschen, die sich als links verstehen und die trotzdem Werte auf Innere Sicherheit legen, wird immer größer. Wir sind die einzige Partei, die klar für Innere Sicherheit eintritt.“

Wagners Auffassung der sinkenden Kriminalität wird durch einen Blick ins Jetzt jedoch arg relativiert. Beispielsweise durch einen Blick ins Heimatblatt oder auf die Überschriften von Presse-Mitteilungen der Bremer Polizei.

So titelte der Weser-Kurier am vergangenen Wochenende auf Seite 1: „Landessportbund fordert sichere Wege für Frauen“

Im Text heißt es:

„Die Wege vom und zum Sport, besonders auf Bremer Trainingsanlagen und zu Sporthallen, seien nicht gut genug ausgeleuchtet, mahnt der Landessportbund Bremen und fordert sicherere Wege – mithilfe der Politik.“ Und weiter heißt es: „Dunkle Wege, schlecht beleuchtete Tunnel und unsichere Gegenden sind Alltag für viele Sportlerinnen.“

Dieser Hilferuf vom Bremer Landessportbund wiegt besonders schwer, da dessen Präsidentin Eva Quante-Brandt Sozialdemokratin und Ex-Senatorin ist.

Wem diese Hinweise auf real existierende Gefühle der Unsicherheit noch nicht genügen, schaue mal auf die Überschriften der Bremer Polizei-Pressemeldungen (eine Auswahl):

25.6.: „Raub mit Pfefferspray am Bahnhof“

28.6.: „Mutmaßlicher Täter nach Tötungsdelikten festgenommen“

30.6.: „Schmuck und Uhren gestohlen“

30.6.: „Zeugenaufruf nach nächtlichem Überfall“

1.7.: „Mann mit Messer löst Polizeieinsatz aus“

2.7.: „Jugendliche nach Auseinandersetzung mit Messer verletzt“

3.7.: „Polizisten stoppen mit Messer bewaffneten Mann“

5.7.: „Räuber nach Überfall auf einen Einkaufsmarkt flüchtig“

6.7.: „Überfall auf ein Hotel“

10.7.: „Räuber überfällt Bäckerei“

13.7.: „Mann zusammengeschlagen“

13.7.: „Feuer an Firmengebäude gelegt“

15.7.: „Mann in Gröpelingen ausgeraubt“

16.7.: „Auseinandersetzung mit Messer“

16.7.: „Luxusuhr geraubt“

16.7.: „Räuber-Trio gestellt“

17.7.: „Zeugen nach Goldketten-Raub gesucht“

18.7.: „Raubüberfälle in Kattenturm und Findorff“

20.7.: „Raubüberfall auf Kiosk in Findorff“

22.7.: „Schmuckraub in Walle“

23.7.: „Überfall auf Spielhalle“

25.7.: „Waffen, Drogen und Haftbefehl“

26.7.: „Bargeld am Geldautomaten entwendet – Täter bedroht Verfolger mit Messer“

Liebe Leserschaft, hoffentlich habe ich Sie jetzt nicht zu sehr verschreckt.

Aber: Sie spüren/hören/erleben es ja selbst: Viele Jugendliche, w/m, Erwachsene w/m, insbesondere Senioren w/m bewegen sich in bestimmten Gebieten und vor allem im Dunkeln höchst ungern alleine.

Dass die AfD aus dieser Lage der gefühlten und tatsächlichen Unsicherheit versucht, „Honig zu saugen“, ist nachvollziehbar.

Das „Gegenrezept“ der Bremer SPD am vorigen Wochenende überraschte jedoch: 

Zitat aus dem Mitglieder-Info

„Der SPD-Unterbezirk Bremen-Stadt startet am Samstag, 25. Juli 2026, 9:00 Uhr eine Protestaktion gegen einen von der AfD vor der Glocke/Domsheide geplanten Infostand. Komm’ vorbei und zeige Flagge für ein weltoffenes und demokratisches Bremen!“

Glauben Sozialdemokraten ernsthaft, sie könnten zur AfD abgewanderte Ex-SPD-Wähler in Osterholz, Tenever, Lüssum, Gröpelingen, Kattenturm usw. mit Protestständen neben der von ihnen verhassten Konkurrenz-Partei zurückgewinnen? Ernsthaft?

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Bereits heute möchte ich Sie vorsorglich auf den Gastkommentar am kommenden Wochenende hinweisen. Vorschlag: Legen Sie schon mal Überweisungs-Formulare bereit. 🙂