Gastkommentar: Bremens herausragende Rolle in Europa als „City of Space“
Siegfried Monser, offizieller Raumfahrt-Koordinator des Landes Bremen, ist zutiefst von den Zukunftschancen der Hansestadt überzeugt. Sein Credo lautet: „Bremen verfügt über Unternehmen mit internationaler Bedeutung, eine leistungsfähige Forschungslandschaft, gut ausgebildete Fachkräfte und ein dichtes Netzwerk aus Wirtschaft und Wissenschaft.“ Lesen Sie hier seinen Gastkommentar für bremensogesehen.

Siegfried Monser schreibt:
- April 2026: Die Artemis-2-Mission der NASA kehrt mit vier Astronauten sicher von einer Mondumrundung zur Erde zurück.
- Juni 2026: Eine Ariane 64 bringt auf einen Schlag 36 Satelliten für Amazon Leo ins Weltall.
- August 2026: OHB erhält einen Auftrag von knapp einer Milliarde Euro zum Bau von 18 Satellitenplattformen für das neue Satellitenkommunikationssystem der EU, IRIS².
Drei aktuelle, global viel beachtete Ereignisse der Raumfahrt, die eines gemeinsam haben: Bremen, die „City of Space“, war an allen maßgeblich beteiligt.
Das europäische Servicemodul für Artemis 2 wurde bei Airbus in Bremen gebaut, die Ariane-Oberstufe kommt von ArianeGroup aus der Hansestadt und OHB in Bremen baut einen wichtigen Teil der neuen europäischen Satelliteninfrastruktur.
Das ist kein Zufall.
Wenn es um Raumfahrt in Europa geht, fällt der Blick unweigerlich auf Bremen. Hier trifft eine starke Industrie auf Forschung, Wissenschaft und Ausbildung. Mehr als 140 Unternehmen und rund 20 wissenschaftliche Institute sind am Standort aktiv.
Neben den großen Unternehmen wie OHB, Airbus oder ArianeGroup gehören dazu zahlreiche Zulieferer, spezialisierte Mittelständler und junge Raumfahrtunternehmen. Unternehmen wie DSI Aerospace oder ZARM Technik zeigen, wie breit das Spektrum reicht.
Junge Start-ups wie Marble Imaging oder Polaris lassen die Branche aufhorchen Dazu kommen die Universität Bremen, die Hochschule Bremen, das Zentrum für angewandte Raumfahrttechnologie und Mikrogravitation (ZARM) und das ESA Business Incubation Centre für Start-ups.
Forschungsinstitute, wie das DLR-Institut für Raumfahrtsysteme oder das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz (DFKI) belegen die hohe Forschungskompetenz des Standortes.
Dieses effiziente Bremer Ökosystem ist gerade jetzt ein großer Vorteil. Denn Raumfahrt gewinnt weltweit an Bedeutung. Das gilt für die Wissenschaft, aber zunehmend auch für Sicherheit und strategische Unabhängigkeit.
Satelliten liefern Kommunikation, Navigation, Erdbeobachtung und wichtige Daten. Moderne Verteidigung ist ohne weltraumgestützte Systeme nicht denkbar. Der Krieg in der Ukraine hat zudem deutlich gemacht, welche Bedeutung sichere und verlässliche Satellitenkommunikation hat.
Genau hier setzen etwa die Programme SatcomBw4 der Bundeswehr wie auch das europäische IRIS²-Programm an. Beide werden mit wesentlichen Bremer Know-how umgesetzt.
Aber Raumfahrt ist mehr als Sicherheit und Infrastruktur. Auch die wissenschaftliche Raumfahrt bietet Bremen große Chancen. Mit Artemis geht es zurück zum Mond. Bei europäischen Wissenschaftsmissionen wie HERA und LISA sind Bremer Kompetenzen gefragt. Und mit der ESA-Mission RAMSES entsteht bereits das nächste anspruchsvolle Projekt: Die Sonde soll den Asteroiden Apophis untersuchen, wenn er 2029 vergleichsweise nah an der Erde vorbeifliegt.
Die Ariane Trägerrakete garantiert zudem den unabhängigen europäischen Zugang zum All.
Hinzu kommen die vielen Anwendungen, die im Alltag oft selbstverständlich geworden sind: Wettersatelliten, Erdbeobachtung, Navigation und Kommunikation. Auch bei Galileo, dem europäischen Satellitennavigationssystem, hat Bremen zentrale Beiträge geleistet.
Dass die Bedeutung des Standorts auch politisch gesehen wird, zeigt sich ebenfalls. Für Bremen ist dabei wichtig, dass Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit einer gemeinsamen Stimme auftreten.
Der Bremer Senat hat die Raumfahrt deshalb seit Jahren zu einem Schwerpunkt gemacht – und dabei immer wieder den Schulterschluss mit anderen starken Raumfahrtstandorten in Deutschland gesucht. Gemeinsam werden der Bund, die EU oder die ESA angesprochen.
Die Voraussetzungen für die Zukunft sind damit gut.
Bremen verfügt über Unternehmen mit internationaler Bedeutung, eine leistungsfähige Forschungslandschaft, gut ausgebildete Fachkräfte und ein dichtes Netzwerk aus Wirtschaft und Wissenschaft.
Entscheidend wird sein, diese Stärke weiterzuentwickeln und auch neue Unternehmen und Technologien an den Standort zu holen.
Die Bremer sind bekanntlich eher hanseatisch zurückhaltend, wenn es um die eigenen Erfolge geht. In der Raumfahrt gibt es dafür eigentlich keinen Anlass. Die vergangenen Monate haben gezeigt, welche Rolle Bremen heute schon spielt.
Und wenn es nach den vielen Projekten und Ideen am Standort geht, kann das auch in Zukunft nur eines bedeuten:
Per Bremen ad Astra
Soweit der Gastkommentar von Siegfried Monser.
Liebe Leserschaft, Bremer neigen nicht dazu, eigene Erfolge in die Welt hinaus zu posaunen. Deshalb habe ich Siegfried Monser (68) gebeten, Bremens Stand als „City of Space“ einmal aus seiner Sicht zusammenzufassen. Der Autor war zuletzt 25 Jahre in der Raumfahrt-Sparte von Airbus im Bereich Kommunikation tätig.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Volker Redders Verriss der Bremer KI-Strategie und die Dokumentation von Jens Eckhoffs Brachial-Kritik an Bremens neuer Doppig-Software im Blog haben hohe Wellen geschlagen. Leider überwiegend hinter vorgehaltener Hand – via persönlichen Nachrichten an mich. Mal schauen, ob und wie ich dies noch aufbereiten kann.
@ Siegfried Monser
ad Astra (zu den Sternen)!
Bremen hat Zurecht,
wenn es um Raumfahrt in Europa geht,
eine herausragende Stellung in Industrie, Forschung, Wissenschaft und Ausbildung, wie Sie sagen.
Desweiteren sagen Sie, es sei wichtig, dass Politik, Wirtschaft und Wissenschaft mit einer gemeinsamen Stimme auftreten sollten.
Ich habe allerdings den Eindruck,
dass es der Politik in erster Linie darauf ankommt, mit der Bremer „Raumfahrtindustrie“ zu renomieren, um daraus „politisches“ Kapital zu schlagen und, um Wähler zu erreichen und zu gewinnen.
Es ist einzig und alleine der Verdienst der „Vordenker“ der Bremer Raumfahrtindustrie, daß Bremen „weltweit“ so anerkannt ist.
Die Politik ist m.E. nur ein „Steigbügel“-Halter, mehr nicht.
Die Raumfahrt Industrie mit all ihren Facetten wird ihren Weg gehen, mit und ohne Politik, davon bin ich zutiefst überzeugt.
Denn sie ist zu wichtig für die Zukunft der Menschen
Wir können mit Recht stolz darauf sein, was in Bremen in den vergangenen Jahrzehnten entstanden ist. Heute gehören wir zu den bedeutendsten Raumfahrtstandorten Europas. Aber dieser Erfolg ist nicht vom Himmel gefallen.
Es brauchte innovative Unternehmen wie Airbus. Es brauchte Visionäre und Unternehmerpersönlichkeiten wie Professor Manfred Fuchs und seine Frau Christa, die mit OHB etwas Außergewöhnliches aufgebaut haben. Und es brauchte mutige Politik.
Politik, die Forschungsmittel aus Bonn nach Bremen holte. Politik, die einen Technologiepark aufbaute, Infrastruktur schuf und jungen Unternehmen und Start-ups die Chance gab, sich hier anzusiedeln und zu wachsen. Bremen wurde Raumfahrtstandort, weil Unternehmer, Wissenschaft und Politik gemeinsam etwas gewagt haben.
Genau deshalb dürfen wir uns heute nicht auf dem Erreichten ausruhen.
Seit Jahren führen wir in Bremen eine ideologische Diskussion über die militärische Nutzung von Raumfahrttechnologie, über Satelliten und über die Zivilklausel. Eine Politik, die Kooperationen mit Unternehmen erschwert oder ausschließt, nur weil diese auch im militärischen oder sicherheitsrelevanten Bereich tätig sind, kann für den Raumfahrtstandort Bremen zu einem echten Standortnachteil werden.
Die Welt hat sich verändert. Raumfahrt ist heute Forschung, Kommunikation und Klimabeobachtung, aber eben auch Sicherheit und Verteidigung. Wer einen Teil davon aus ideologischen Gründen aus Bremen verbannen will, gefährdet am Ende Forschung, Innovation, Arbeitsplätze und Wertschöpfung insgesamt.
Wir sollten stolz auf das sein, was Generationen von Unternehmern, Wissenschaftlern und Politikern aufgebaut haben. Aber Stolz darf nicht zur Selbstzufriedenheit werden.
Denn das Gute von heute ist keine Garantie für das Morgen. Wer sich auf dem Erreichten ausruht, riskiert, das Erreichte zu verlieren.
Bremen wurde nicht durch Ängstlichkeit zum Raumfahrtstandort. Und mit Ängstlichkeit werden wir es auch nicht bleiben.
Eine positive Überraschung: Der (privatwirtschaftliche) „Bremer Weg“ führt einmal zum Erfolg. Trotz politischer motivierter Grundstücksschwierigkeiten.