Gastkommentar: Wohn-Nebenkosten explodieren – aber Bremen schafft die nächste Kostenstelle

07.03.2026 18 Von Axel Schuller

Heute eine Premiere. Ingmar Vergau (Foto), Geschäftsführer des Eigentümerverbandes Haus+Grund schreibt bei bremensogesehen den ersten Gastkommentar. Sein Thema birgt Sprengstoff: Die Wohn-Nebenkosten steigen unaufhörlich. Und jetzt will Bremen zusätzlich eine Niederschlags-Wassergebühr einführen. Außerdem hat die Koalition von SPD, Grünen und Linken gerade die Einrichtung einer „Mietwucherstelle“ beschlossen. Mehr statt weniger Bürokratie. Vergau (57) ist Geschäftsführer von H&G – und blickt natürlich durch die Eigentümer- und Vermieterbrille. Allerdings: Alle Mieter sind – via Hauskosten-Umlage – ebenfalls betroffen.  

Ingmar Vergau:

„Wer in Bremen über „bezahlbares Wohnen“ spricht, meint meist die Nettokaltmiete. Doch für viele Eigentümer und Mieter liegt das eigentliche Problem längst woanders: bei den Wohn-Nebenkosten! Abwasser, Müll, Grundsteuer – die staatlich und kommunal verursachten Kosten steigen seit Jahren kontinuierlich. Nun kommt mit der getrennten Niederschlagswassergebühr die nächste Belastung hinzu.

Hansewasser verschickt derzeit Erhebungsbögen an mehr als 100.000 Grundstückseigentümer. Dachflächen, Zufahrten, Terrassen, Stellplätze – alles soll erfasst, bestätigt oder korrigiert werden. Die getrennte Erhebung von Schmutz- und Niederschlagswassergebühren ist rechtlich zulässig. Entscheidend ist jedoch, wie sie umgesetzt wird. Und genau hier beginnt das Problem!

In zahlreichen Fällen beruhen die angesetzten Flächen nicht ausschließlich auf konkreten Vermessungen, sondern teilweise auf statistischen Durchschnittswerten. Doch Grundstücke sind keine Durchschnittswerte. Sie sind individuell zugeschnitten, unterschiedlich befestigt und entwässerungstechnisch keineswegs vergleichbar.

Gebührenpflichtig sind nur solche Flächen, von denen Niederschlagswasser tatsächlich in die öffentliche Kanalisation eingeleitet wird. Eine Terrasse, von der das Wasser in den Garten versickert, ist regelmäßig nicht gebührenpflichtig. Bei Zufahrten oder Stellplätzen können Mischsituationen vorliegen. Diese Differenzierung ist technisch anspruchsvoll – und wird nun faktisch auf die Eigentümer verlagert.

Bei Haus & Grund Bremen ist die Zahl der Beratungsanfragen seit Versand der Bögen deutlich gestiegen. Viele Eigentümer fragen sich: Was genau ist gebührenpflichtig? Muss ich selbst vermessen? Was passiert, wenn ich eine statistische Annahme bestätige, die sich später als falsch herausstellt?

Hier entsteht ein grundlegendes Gerechtigkeitsproblem. Eine Gebührenbemessung darf nicht davon abhängen, ob Bürger über die fachlichen Kenntnisse verfügen, entwässerungstechnische Detailfragen zu beurteilen. Wer aus Unsicherheit schlicht unterschreibt, riskiert eine dauerhaft überhöhte Belastung.

Und das alles in einer Stadt, die bei Abwassergebühren, Grundsteuer und Müllgebühren ohnehin im oberen Bereich der 100 größten Städte rangiert.

Statt hier spürbar zu entlasten, hat die Regierungskoalition jüngst auch noch die Einrichtung einer sogenannten Mietwucherstelle beschlossen – angeregt von den Linken. Auch hier lohnt sich ein nüchterner Blick auf die Zahlen.

Frankfurt am Main gilt als eine der aktivsten Kommunen bei der Verfolgung von Mietpreisüberhöhungen. Laut Magistratsbericht vom 16.12.2024 gingen dort in den Jahren 2020 bis 2024 jährlich rund 200 Hinweise ein. Doch die Zahl der tatsächlich verhängten Bußgelder ist auffallend gering: 2020 waren es drei, 2021 dreizehn, 2023 nur fünf. Die große Mehrheit der Verfahren wurde mangels Tatverdacht eingestellt. Gleichzeitig verfügt die zuständige Abteilung über 22 Vollzeitstellen, davon 13 im operativen Bereich. Der personelle Aufwand ist erheblich – das finanzielle Ergebnis dagegen überschaubar. In einem dokumentierten Fall summierten sich Bußgelder und Rückerstattungen auf rund 20.000 Euro.

Das wirft die Frage nach der Verhältnismäßigkeit auf. Auch der viel diskutierte „Mietenmonitor“ zeigt strukturelle Grenzen. Zwar wurden 2.679 Inserate in Frankfurt als auffällig identifiziert. Doch der Magistrat stellt selbst klar: „Der Mietenmonitor ist kein geeignetes Instrument, um rechtsichere Aussagen darüber zu treffen, ob eine tatsächlich vereinbarte Miete überhöht ist“. Angebotsmieten sind eben nicht gleich Vertragsmieten. Verdacht ist nicht Verstoß!

Das alles bedeutet nicht, dass es keine schwarzen Schafe gibt. Natürlich gibt es einzelne Fälle unzulässiger Überhöhungen. Aber die Daten zeigen ebenso deutlich: Es handelt sich um Einzelfälle – nicht um ein strukturelles Massenphänomen. Die überwältigende Mehrheit der Vermieter hält sich an Recht und Gesetz.

Wenn Bremen nun zusätzlich zur steigenden Gebührenbelastungsflut neue Kontrollstellen schafft, entsteht ein fatales Signal: Privates Eigentum wird zunehmend als Problem behandelt – nicht als Teil der Lösung.

Dabei liegt die eigentliche Herausforderung woanders. Die Wohn-Nebenkosten steigen vor allem durch staatliche und kommunale Abgaben. Die Modernisierungsanforderungen im Gebäudebestand nehmen zu. Bau- und Handwerkerpreise sind hoch. Investitionen werden riskanter. Wer hier immer neue Belastungen und Kontrollmechanismen aufbaut, schwächt die Investitionsbereitschaft weiter.

Bezahlbares Wohnen entsteht nicht durch statistische Flächenannahmen und zusätzliche Verwaltungsapparate. Es entsteht durch Kostendisziplin bei kommunalen Gebühren, durch Planungssicherheit und durch ein politisches Klima, das private Investitionen nicht unter Generalverdacht stellt.

Die Einführung der Niederschlagswassergebühr und der Beschluss, eine Mietwucherstelle einzurichten, zeigen ein Grundproblem: Statt die staatlich verursachten Kosten zu begrenzen, wird reguliert und kontrolliert. Statt zu entlasten, wird differenziert, überprüft und nachjustiert.

Wer es ernst meint mit bezahlbarem Wohnen in Bremen, muss die Wohn-Nebenkosten in den Mittelpunkt stellen – und nicht immer neue bürokratische Instrumente schaffen, deren Aufwand am Ende größer ist als ihr Nutzen.

————————————————————————–

Liebe Leserschaft, soweit H&G-Geschäftsführer Ingmar Vergau. Nun sind Sie dran. Wie beurteilen Sie die Wohn-Nebenkosten, Mietwucherstelle etc.? Dafür gibt’s – wie sonst auch – Ihre Kommentar-Rubrik.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Dank und Anerkennung gehen an die Adresse von Radio Bremen und Weser-Kurier. Sie haben das vorige bremensogesehen (bsg) Thema „Probleme mit den neuen Straßenbahnen“ nicht nur aufgegriffen, sondern bsg auch als Quelle genannt. Danke für den journalistisch fairen Umgang!