Gastkommentar: Kirchenmitglied durch Taufe, Austritt aber nur per Gericht

04.04.2026 25 Von Axel Schuller

Den Kirchen gehen viele Mitglieder verloren; durch Tod und vermehrt durch Austritt. Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) schrumpfte zwischen 2022 und 2025 von 157.000 auf 145.000 zahlende Schäfchen. Den Katholiken geht es nicht besser. In Bremen gibt es noch 57.000 registrierte katholische Christen. Wirkt sich das auf kirchliche Sozialeinrichtungen wie Caritas und Diakonie aus? Philipp Möller, Vorsitzender des „Zentralrates der Konfessionsfreien e.V.“, meint im Gastkommentar: „NEIN!“ Ich vermute, der Text wird (erneut) eine rege Debatte auslösen. Das ist übrigens eines meiner Ziele, die ich mit Gastkommentaren verfolge: Menschen mögen bitte miteinander sprechen/schreiben, statt nur übereinander zu denken, ohne andere Meinungen wahrzunehmen.

Philipp Möller schreibt:

Das große Kirchenmärchen: Wer zahlt wirklich für Caritas und Diakonie?

Es ist Gründonnerstag, kurz vor acht Uhr morgens, als mich NDR Info ans Telefon bittet. Das Thema: Kirchenaustritte. Die Frage dahinter: Bricht jetzt der Sozialstaat zusammen?

Denn so lautet das Narrativ, das seit Jahren hartnäckig verbreitet wird – in diesem Fall sogar vom öffentlich rechtlichen Rundfunk: Wenn die Menschen aus der Kirche austreten, dann würden die Kirchensteuereinnahmen sinken, und dann könnten Caritas und Diakonie ihre Arbeit nicht mehr finanzieren. Christlich geführte Krankenhäuser, Altenheime und Kitas würden dann schließen und der Sozialstaat zusammenbrechen.

Daran ist so ziemlich alles falsch.

Die Caritas-Legende

Caritas, Diakonie und Co. werden zu über 98 % aus Versicherungsbeiträgen und Geldern der öffentlichen Hand finanziert – nicht aus der Kirchensteuer. Würden morgen alle verbliebenen Kirchenmitglieder austreten, stünden Caritas und Diakonie mit 98,2 % ihres bisherigen Budgets da. Kirchensteuer und Caritas haben kaum etwas miteinander zu tun.

Aber das Narrativ hat noch zwei weitere Schwachstellen. Erstens sinken die Kirchensteuereinnahmen gar nicht; sie steigen sogar weiter an, weil sie als Annexsteuer mit den allgemeinen Steuereinnahmen zusammenhängen. Und zweitens verfügen die Kirchen über ein enormes Privatvermögen, angehäuft auch deshalb, weil sie als Körperschaften des öffentlichen Rechts von zahlreichen Steuern befreit sind. Von Insolvenz keine Spur.

Was die Kirchen tun: Sie managen Caritas und Diakonie. Sie bestimmen, wer dort arbeiten darf und unter welchen Bedingungen: Homosexuelle können entlassen werden, Wiederverheiratete riskieren ihren Job, weil kirchliche Träger vom Betriebsverfassungsgesetz und vom AGG ausgenommen sind. Bezahlt wird das Ganze von uns allen.

Caritas und Diakonie werden von den Kirchen geführt, aber von der Öffentlichkeit bezahlt – alles andere ist so legendär wie die Ostergeschichte der Auferstehung.

Babytaufe und Kirchensteuer

Wenn ein Baby getauft wird, gilt es religiös und steuerrechtlich als Katholik oder Protestant. Ich finde, es gibt keine religiösen Kinder, nur Kinder religiöser Eltern. Später zieht der Staat automatisch die Kirchensteuer ein. Wer austreten will, muss aktiv zum Amtsgericht – das ist das Gegenteil von säkular.

Gleichstellung als Einfallstor

Es gibt einen weiteren, oft übersehenen Grund, warum der Abbau von Kirchenprivilegien dringend ist: das Gleichstellungsgebot des Grundgesetzes. Was den Kirchen zusteht, steht allen anerkannten Religionsgemeinschaften zu – auch jenen, die die Errungenschaften der Aufklärung aktiv bekämpfen. Der Politische Islam, der von Antisemitismus über Scharia-Polizei bis zu Zwangsverschleierung reicht, fällt in Deutschland auf den fruchtbaren Boden eines Sonderrechtssystems, das seine Vertreter längst für sich einfordern. In Schleswig-Holstein schlossen die Kirchen dafür sogar ein Bündnis mit Ditib und Gemeinden der Islamischen Gemeinschaft Millî Görüş – um einen Gottesbezug in die Landesverfassung zu drängen. Wer Kirchenprivilegien zementiert, ebnet damit auch dem Politischen Islam den Weg.

Was sich ändern muss

Die Kirchensteuer wird laut Subventionsbericht der Bundesregierung im Jahr 2024 mit 4,6 Milliarden Euro aus allgemeinen Steuergeldern bezuschusst. Hinzu kommen 666 Millionen Euro direkte Staatsleistungen – das muss sich ändern.

Für den Sozialstaat gibt es längst Alternativen: Arbeiterwohlfahrt, Deutsches Rotes Kreuz, Paritätischer Wohlfahrtsverband. Sie alle finanzieren sich ebenso aus öffentlichen Mitteln, müssen sich aber an das deutsche Arbeitsrecht halten.

48 % der Menschen in Deutschland sind heute konfessionsfrei. Für 81 % hat Religion keine oder nur eine geringe Bedeutung – laut EKD. Und auf die Frage, ob sie heute noch einmal in die Kirche eintreten würden, antworten 53 % mit Nein.

Die Zeiten, in denen die Menschen in Deutschland entweder katholisch oder evangelisch waren, sind längst vorbei. Es gibt zwar immer mehr Religionen, aber immer weniger Religiöse. Um das grundgesetzliche Gleichstellungsgebot aller Weltanschauungsgemeinschaften zu achten, muss der Staat die alten Kirchenprivilegien abbauen. Nur so wird der Artikel 140 des Grundgesetzes angewandt, nachdem auch Religionen „innerhalb der Schranken der für alle geltenden Gesetze” agieren müssen. Das ist der säkulare Kern, der Deutschland von einem Gottesstaat unterscheidet. Die Mehrheit der Bevölkerung will nicht länger in einer Kirchenrepublik leben, aber die Politik hinkt um Jahrzehnte hinterher. Das ist gefährlich für die Demokratie und muss dringend geändert werden.“

Gastkommentar ENDE

Liebe Leserschaft, soweit Philipp Möller, Vorsitzender des „Zentralrates der Konfessionsfreien“. Unter dessen Dach haben sich 18 Vereine, Verbände und Stiftungen mit etwa 25.000 Mitgliedern zusammengeschlossen. Ich freue mich auf eine lebhafte – und wie immer – sachliche, argumentative Debatte.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Schauen Sie an den nächsten Tagen ruhig ab und zu auf bremensogesehen vorbei. Ich habe das eine oder andere, was eigentlich mal „vom Hof“ muss. Dafür möchte ich nicht jedesmal einen Ankündigung-Newsletter schicken, sonst befördert mich Ihr Provider womöglich noch in den Spam-Ordner. Das wäre ja nun echt schade…