Gastkommentar: Leistungsfähige Reserve unverzichtbar / Im P.S.: Radio Bremen vorn

02.05.2026 9 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, ich weiß ja, dass Sie beim Thema Rüstung, Militär, Russland & Co sehr unterschiedliche Meinungen vertreten. Heute können die einen jubeln, andere sich in Grund und Boden ärgern. Thomas Röwekamp (CDU), Sprecher des Verteidigungsausschusses, legt heute im Gastkommentar seine Sicht zum Zustand unserer Verteidigungsfähigkeit dar. Röwekamp (59) ist den Bremern als ehemaliger CDU-Fraktionschef in der Bürgerschaft sowie als ehemaliger Innensenator bekannt. Seit 2021 gehört der Rechtsanwalt und Notar dem Deutschen Bundestag an; er ist verheiratet und hat drei Kinder. ACHTUNG: Heute bitte unbedingt das P.S. beachten!

Thomas Röwekamp schreibt:

Thomas Röwekamp, CDU

„Die sicherheitspolitische Lage in Europa hat sich grundlegend verändert. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist klar: Frieden und Stabilität sind keine Selbstverständlichkeiten mehr. Wir erleben eine Zeitenwende, die uns zwingt, Sicherheit neu zu denken – umfassender, entschlossener und strategischer.

Russland bereitet sich erkennbar auf langfristige Konflikte vor – politisch, militärisch und wirtschaftlich. Diese Entwicklung verlangt von uns eine klare Antwort. Abschreckung und Verteidigungsfähigkeit sind keine Relikte des Kalten Krieges, sondern Voraussetzung für Frieden in Freiheit. Gleichzeitig gilt: Es gibt keinen Grund zur Resignation. Denn wir haben viel in der Hand.

Deutschland und Europa verfügen über enorme Stärken: wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, technologische Innovationskraft und eine starke industrielle Basis. Die Sicherheits- und Verteidigungswirtschaft ist dabei von zentraler Bedeutung. Sie ist nicht nur Ausrüster der Streitkräfte, sondern Innovationstreiber weit über den militärischen Bereich hinaus. Viele Technologien, die heute unseren Alltag prägen, haben hier ihren Ursprung.

Bremen nimmt in diesem Gefüge eine herausragende Rolle ein. Der Standort steht wie kaum ein anderer für die Verbindung von Tradition und Zukunft: maritime Industrie, leistungsfähige Werften, eine international anerkannte Luft- und Raumfahrt sowie hochspezialisierte Zulieferer und Forschungseinrichtungen. Vom „deep sea“ bis zum „deep space“ reicht die Bandbreite der Kompetenzen. Diese Dichte an Know-how ist ein echter Standortvorteil – für Deutschland und für Europa.

Gerade im Bereich der Dual-Use-Technologien zeigt sich die besondere Stärke Bremens. Innovationen, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können, entstehen hier in enger Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Das schafft nicht nur Sicherheit, sondern auch Wertschöpfung, Arbeitsplätze und internationale Wettbewerbsfähigkeit.

Die geplanten Investitionen des Bundes in Bremerhaven unterstreichen diese Bedeutung. Sie sind ein klares Bekenntnis zum Standort und zu seiner strategischen Rolle. Zugleich sind sie ein Auftrag: Wir müssen diese Chancen nutzen, weiterdenken und konsequent ausbauen.

Dabei kommt der Wirtschaft eine besondere Verantwortung zu. Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Sie endet nicht an den Werkstoren und beginnt nicht erst bei staatlichen Entscheidungen. Unternehmen leisten bereits heute einen wichtigen Beitrag – durch Innovation, durch Produktion, durch Engagement. Doch die Anforderungen werden wachsen. Das gilt auch für die personelle Einsatzbereitschaft.Eine leistungsfähige Reserve ist unverzichtbar für unsere Verteidigungsfähigkeit. Und ja, mit dieser Klarheit mache ich mich in Teilen der Wirtschaft nicht immer beliebt: Aber wir müssen weg von der doppelten Freiwilligkeit bei Reserveübungen. Landes- und Bündnisverteidigung ist ein so hohes Gut, dass wir hier mehr Verlässlichkeit brauchen. Sie schützt nicht nur unseren Staat, sondern auch unsere Gesellschaft – und damit die Grundlage wirtschaftlichen Erfolgs. Deshalb erwarte ich, dass wir zu verbindlicheren Regelungen kommen, die Engagement ermöglichen und zugleich Planungssicherheit für Unternehmen schaffen.

Für Bremen ergibt sich daraus eine große Chance. Die Zeitenwende kann zum Motor für Innovation, industrielle Stärke und gute Arbeitsplätze werden. Voraussetzung ist, dass wir sie aktiv gestalten: mit klugen politischen Entscheidungen, mit Investitionen in Schlüsseltechnologien und mit einer engen Partnerschaft zwischen Wirtschaft, Wissenschaft und Politik.

Dabei geht es nicht um Militarisierung, sondern um Resilienz. Es geht darum, unsere Gesellschaft widerstandsfähiger zu machen – gegenüber äußeren Bedrohungen ebenso wie gegenüber wirtschaftlichen und technologischen Abhängigkeiten.

Die Herausforderungen sind groß. Aber unsere Möglichkeiten sind es auch. Bremen zeigt, wie beides zusammengehen kann: sicherheitspolitische Verantwortung und wirtschaftliche Dynamik. Wenn wir diesen Weg entschlossen weitergehen, kann die Zeitenwende nicht nur bewältigt, sondern gestaltet werden.“

Soweit Thomas Röwekamp.

Zum besseren Verständnis des Textes noch ein Hinweis von mir. Ich verstehe Röwekamps Satz „Aber wir müssen weg von der doppelten Freiwilligkeit bei Reserveübungen“ so: Bislang müssen sowohl der einberufene Reservist als auch die Firma, bei der dieser beschäftigt ist, der Teilnahme an einer Reserve-Übung zustimmen. Diese zwei Zustimmungen sollen – so der Gedanke des Sprechers des Verteidigungsausschusses – künftig entfallen.

So, liebe Leserschaft, nun sind Sie an der Reihe. Bei allen pro und kontra-Meinungen vertraue ich – wie immer – auf Ihre Fähigkeiten, sachlich und nicht verletzend miteinander zu streiten. Ich freue mich auf eine rege Debatte.

Munter bleiben

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S. Noch ein paar Sätze zu einem völlig anderen, aber aktuellen Thema:

Radio Bremen wird ab 2027 mit Intendantin Dr. Yvette Gerner (nach meiner Erinnerung) erstmals die Vorsitzende der ARD stellen. Bereits heute ist sie Stellvertreterin des ARD-Bosses Florian Hager (Hessischer Rundfunk). Die beiden tauschen 2027 die Rollen. Laut neuem Medienstaatsvertrtag der Länder sollen nunmehr auch kleine Anstalten den ARD-Vorsitz übernehmen. Bedeutet: Der/die Vorsitzende tritt für die gesamte ARD als Repräsentant und als „Sprachrohr“ der Politik gegenüber auf. Ihr/ihm fällt außerdem die Aufgabe zu, die Intendanten der ARD-Anstalten zu Beratungen und Entscheidungen zusammenzutrommeln. Aber auch: Impulse für Neuerungen/Änderungen in der ARD zu zu geben.

Bremen stellt 2027 neben der ARD-Vorsitzenden weiterhin den Vorsitzenden der „Gremienvertreterkonferenz“ der ARD (die für alle Rundfunk- und Verwaltungsräte spricht). Nämlich: Dr. Klaus Sondergeld. Er war früher Sprecher des Senats, (erst für Klaus Wedemeier, danach für Dr. Henning Scherf), dann Geschäftsführer in derWirtschaftsförderungsgesellschaft (WFB). Sondergeld ist seit 10 Jahren Vorsitzender des RB-Rundfunkrates.