Gastkommentar: Kriegstüchtig werden? Worüber wir in Deutschland endlich reden müssen!
Die Bundeswehr wird gerade massiv aufgerüstet. Geld – wenn auch bei Banken geliehenes – steht zuhauf zur Verfügung. Aber: Weiß die Bevölkerung eigentlich, welche Gefahr von den neuen, ultraschnellen Waffen ausgeht – insbesondere für sie selbst? Die modernsten Raketen sind so schnell, dass vor der Reaktion keine Zeit zum Abwägen bleibt. Fazit: Beide Kriegsparteien werden sterben – entweder als erste oder als zweite. Ich habe den SPD-Bürgerschaftsabgeordneten Arno Gottschalk (69) gebeten, seine Expertise einzubringen. Er gehört dem bundesweiten Lenkungsgremium des Erhard-Eppler-Kreises an und gilt als Experte auf dem Feld der modernsten Waffensysteme.

Arno Gottschalk schreibt:
„Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine hat sich die politische Debatte in Deutschland tiefgreifend verändert. Für viele scheint die Schlussfolgerung klar: Russland bedroht Europa, also müsse militärisch deutlich mehr getan werden. Doch nur die wenigsten haben eine konkrete Vorstellung davon, was derzeit eigentlich aufgebaut wird — welche Strategie dahintersteht, welche Doktrin, welche Technologien, welche Risiken. Denn die gegenwärtige Aufrüstung ist weit mehr als eine klassische Modernisierung der Landesverteidigung. Tatsächlich vollzieht sich ein grundlegender Wandel der militärischen Logik selbst.
Von der Abschreckung zur Kriegführung
Über Jahrzehnte beruhte die europäische Sicherheitsarchitektur auf Abschreckung. Ihr zentrales Ziel war nicht, Krieg zu führen, sondern ihn zu verhindern. Gerade die nukleare Abschreckung beruhte auf dieser paradoxen Stabilitätslogik: Weil ein großer Krieg unkalkulierbar ist, sollte er gar nicht erst beginnen.
Diese Logik verändert sich nun grundlegend. Heute geht es darum, einen großen Krieg nicht nur abschrecken, sondern ihn führen und gewinnen zu können. „Kriegstüchtig” zu werden ist die bekannte politische Chiffre dafür; im politischen Diskurs ist mittlerweile sogar von „Siegfähigkeit” die Rede.
Die Sicherheitsexpertin Claudia Major hat die Konsequenzen dieser Denkweise kürzlich im Haus der Bremischen Bürgerschaft offen ausgesprochen — und damit präziser benannt, was die offizielle Sprache eher umschreibt als bezeichnet.
Die neue Doktrin: Multi Domain Operations
Materiell schlägt sich dieser Wandel in einer neuen Militärdoktrin nieder: den Multi Domain Operations. Klassische Operationsfelder waren Land, Luft und See. Heute gelten zusätzlich Weltraum, Cyberraum und der Informationsraum — also die Ebene öffentlicher Wahrnehmungen und Deutungen — als eigenständige militärische Domänen, vollständig digital vernetzt und KI-gestützt gesteuert.
Aus Satellitenbildern, Drohnenaufklärung, Radarerfassung, Kommunikations- und Cyberdaten sowie nachrichtendienstlichen Erkenntnissen wird fortlaufend ein Lagebild des Gegners erzeugt. Auf dieser Grundlage entstehen sogenannte „Kill Chains” — digitale Zielarchitekturen für koordinierte Angriffe gegen seine Schwachstellen.
Die entscheidende angestrebte Eigenschaft ist dabei überlegene Geschwindigkeit: Informationen schneller verarbeiten, Entscheidungen schneller treffen, Angriffe schneller ausführen als der Gegner. Im militärischen Sprachgebrauch heißt dieses Leitprinzip „Decision Dominance” — der Gegner soll überholt werden, bevor er reagieren kann.
Die Mittelstreckenraketen als Effektoren
Vor diesem Hintergrund wird die Bedeutung der geplanten US-Mittelstreckenraketen verständlich. Sie sind keine isolierten Waffen, sondern die Effektoren dieser neuen digitalen Kriegführung. Der amerikanische Militäranalyst Michael T. Klare beschreibt unmissverständlich, was das operativ bedeutet: Während heute auf jede militärische Begegnung zunächst noch eine allmähliche Erhöhung des Gefechtstempos folge, die Krisengespräche und Deeskalation ermögliche, würden künftige Begegnungen „fast sofort mit intensiven US-Luft- und Raketenangriffen auf wichtige gegnerische Einrichtungen beginnen”.
Das entspricht einer strukturellen Erstschlagslogik. Das Ziel ist nicht mehr, den fliegenden Pfeil abzuwehren, sondern den Bogenschützen auszuschalten, bevor er schießt.
„Use them or lose them”
Daraus entsteht eine hochgefährliche wechselseitige Dynamik. Beide Seiten wissen, dass die andere Seite diese Raketen als Erstschlagswaffen wahrnehmen muss — und sie deshalb möglichst früh ausschalten will. In einer Krise hat damit jede Seite einen immensen Anreiz, zuerst zu handeln, bevor sie selbst getroffen wird. Genau das ist der gefährlichste denkbare Zustand zwischen nuklearen Mächten. In der Nuklearstrategie ist dafür der Begriff „Use them or lose them” („Benutze sie oder verliere sie“) geprägt worden.
Hinzu kommt: Viele Trägersysteme sind sowohl konventionell als auch nuklear einsetzbar. Der Angegriffene kann bei einem herannahenden System oft nicht erkennen, welche Art von Angriff erfolgt. Begrenzter konventioneller Schlag? Ausschaltung der Zweitschlagsfähigkeit? Beginn einer nuklearen Eskalation? Diese Unsicherheit senkt die nukleare Schwelle strukturell — völlig unabhängig von den eigentlichen politischen Absichten.
Worüber wir reden müssten
Selbstverständlich muss Europa über Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit diskutieren. Gerade deshalb wäre eine offene Debatte darüber notwendig, welche Form von Militärstrategie hier eigentlich aufgebaut wird. Denn die gegenwärtige Aufrüstung ist nicht einfach nur eine defensive Verstärkung, sondern Teil eines grundlegenden Umbaus — hin zu einer Doktrin hochvernetzter, beschleunigter und potenziell präemptiver Kriegführung.
Darin liegt die eigentliche strategische und politische Brisanz. Und genau darüber wird in Deutschland bislang erstaunlich wenig öffentlich gesprochen.“
Soweit der Text von Arno Gottschalk.
Liebe Leserschaft, morgen ist Pfingstfeiertag. Deshalb gibt’s dann ausnahmsweise ein weiteres Stück. Ein Angebot, damit Sie ohne Tageszeitung denk-technisch nicht „trocken fallen“… 🙂
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
Ich habe in diesem Blog schon häufiger an anderer Stelle gesagt:
„Frieden schaffen ohne Waffen ist“ immer die bessere Lösung!
Nach dem Lesen des Gastkommentar von Arno Gottschalk fühle ich mich in meiner Ansicht vollkommen bestätigt.
Dieses ganze Hoch- und Aufrüsten macht mir einfach nur Angst.
Kein normaler Mensch weiß, wo das hinführt oder endet. Und wenn dann auch noch ein Despot auf der einen Seite und ein (für mich) durchgeknallter Autist die Entscheider sein könnten, das wäre dann im schlimmsten Fall das Ende der Menschheit.
Leute, redet bitte miteinander….
Ihr zieht so viele Unschuldige mit eurem Hegemoniestreben damit rein, die das vermutlich alle gar nicht wollen. Krieg war und ist noch nie „die“ Lösung gewesen.
Arno Gottschalk legt den Finger in die Wunde…. Diese strategische Änderung findet im Kollektiven Westen unter dem Radar statt. Öffentlich weitgehend unbemerkt. Allenfalls von wenigen Experten und Interessierten beobachtet. Ohne echte öffentliche Debatte und ohne Diskussion der Konsequenzen und Risiken.
Es ist ein Spiel mit dem Feuer, das auf einer Reihe fundamentaler Fehleinschätzungen beruht.
Warum bespricht Herr Gottschalk seine absolut „neuen Erkenntnisse“ nicht mit seinem Verteidigungsminister? Herr Pistorius ist bestimmt an diesen Erkenntnisse interessiert. Denn das Wissen von Herrn Gottschalk kann seinem Verteidigungsminister Nutzen bringen. Oder führt uns Herr Pistorius eventuell an der Nase heram und weiss schon alles, was Herr Gottschalk uns offenbart?
Es war doch gerade die SPD, die diesen Umbau veranlasst hat. Herr Struck (ehemaliger SPD Verteidigungsminster) sprach die Worte:“ Unsere Demokratie wird auch am Hindukusch verteidigt“. Und dann? Los, zack, zack…….. Und die Toten? Verschwiegen!.
Ich liebe Doppelzüngigkeit nicht und habe immer noch ein ziemlich gutes Gedächtnis.
Vielen Dank Herr Gottschalk für diese exakte Analyse. Warum wird über den „Umbau erstaunlich wenig“ gesprochen? Liegt es vielleicht daran, dass es mittlerweile mehrere Generationen gibt,die einen realen Krieg mit einem Video-Game verwechseln und sich nur noch betroffen zeigen, wenn steigende Kerosin-Preise die nächste Pauschreise gefährden?
Was wollen wir eigendlich verteidigen? Die Demokratie ist es sicher nicht, denn Selensky ist nicht demokratisch wiedergewählt. Putin aber. Die Grossmachtträume von Politikern die Hitler nicht mehr erlebt haben, aber mit Trump am Tisch sitzen wollen? Die haben schon die Türkei die EU-Mitgliedschaft gekostet weil neben Deutschland und Frankreich noch weiteres grosses Land in Europa die Karten neu verteilt hätte. Ich bin „Weisser Jahrgang“. Uns hat man nach dem Krieg nicht eingezogen weil wir die Schrecken des Krieges miterlebt hatten und uns geweigert hätten eine Uniform anzuziehen. Tote Verwandte und Freunde, zerstörte Städte, Leben bei Hunger und tiefer Kälte ohne Heizung auf Level Null- ist das leben mit Russland in Europa wirklich unerträglich wenn man sich an die Kriegsfolgen in Deutschland erinnert? Ich habe als Kind auch den Einmarsch der Russen, in Sachsen, miterlebt. Die haben sich nicht schlechter benommen als die Deutschen in der damaligen Sowjetunion, ausser dass sie keine Juden umgebracht haben. Und jetzt sind sie Kapitalisten, wie wir. Wofür wollen wir Milliarden ausgeben mit denen wir unsere Sozialsysteme optimieren könnten? Wo liegt die konkrete Gefahr?
Lieber Arno Gottschalk, vielen Dank für Deinen Gastkommentar. Gerade die unterschiedlichen Meinungen machen diesen Blog lesenswert, auch wenn ich Deine Einschätzung nicht teile bzw. falsch finde.
Was in dieser Debatte allerdings auffällt: Sie wird nur aus der Perspektive westdeutscher Männer geprägt, deren politisches Denken stark vom Kalten Krieg beeinflusst ist. Doch die Welt hat sich verändert. Europa hat sich verändert. Und wir müssen endlich akzeptieren, dass wir uns auf ein neues geopolitisches Zeitalter einstellen müssen – unabhängig ob Trump Präsident ist oder nicht. Amerika wird nicht mehr das Amerika vergangener Jahrzehnte sein.
Deshalb reicht es nicht mehr, nur aus deutscher Perspektive zu argumentieren. Wir leben in einem vereinten Europa. Und dazu gehört auch, die Sicherheitsinteressen unserer Partner ernst zu nehmen – gerade der Polen, Balten, Tschechen, Slowaken oder Finnen, die Russland historisch und geografisch ganz anders erleben als viele hierzulande.
Genau deshalb halte ich den Kurs von Boris Pistorius und der Bundesregierung für richtig. Es geht nicht um blinde Aufrüstung, sondern um die Modernisierung unserer Verteidigungsfähigkeit und die Anpassung an neue Technologien. Satelliten, Drohnen oder digitale Infrastruktur sind eben keine „eingemotteten Panzer“ alter Zeiten, sondern Technologien mit zivilem und militärischem Nutzen zugleich.
Und ja: Stärke nach außen zu zeigen, ist leider notwendig. Denn Putin versteht keine moralischen Appelle, sondern vor allem Entschlossenheit und Abschreckung.
Ich bin sehr erfreut über den Gastkommentar und die Leserbriefe.
Sie vermitteln Trost, der gerade in diesen Zeiten gebraucht. Warum Trost? Trost, weil hier Gemeinsamkeit im Geist da ist.
Lieber Herr Schuller,
für gewöhnlich bestechen die GaKos in Ihrem Blog durch fachliche Expertise und inhaltliche Tiefe. Heute ist es leider nicht ganz so. Woher die Einschätzung rührt, Herr Gottschalk sei ein Experte modernster Waffensysteme, wobei er vermutlich noch kein einziges modernes Waffensysteme aus der Nähe gesehen oder in der Wirkung erlebt hat, erschließt sich dem Leser jedenfalls nicht.
Ich möchte aber gerne auch inhaltlich auf die Ausführungen von Herrn Gottschalk eingehen.
In einem Punkt hat er Recht: Moderne Kriegführung ist nicht mehr die Panzerbrigade im Breitkeil wie noch im Kalten Krieg, sondern ein hochvernetztes Zusammenspiel aus Aufklärung, Daten, Cyber, Weltraum, Führungsfähigkeit und weitreichender Wirkung.
Aber genau deswegen greift der Beitrag von Herrn Gottschalk zu kurz.
Er stellt Abschreckung und Siegfähigkeit als Gegenteil dar, das ist aber falsch.
Aus militärischer Sicht ist Abschreckung nie das Gegenteil von Siegfähigkeit gewesen. Abschreckung funktioniert nur, wenn der Gegner weiß: Wer angreift, scheitert. Wer unsere Bündnispartner bedroht, zahlt einen Preis. Wer deutsches oder europäisches Territorium angreift, trifft nicht auf moralische Betroffenheit, sondern auf vorbereitete Streitkräfte, belastbare Führungsstrukturen, Munition, Luftverteidigung, Reserven und politischen Durchhaltewillen.
Der Begriff „kriegstüchtig“ mag sprachlich sperrig sein. Aber er beschreibt ein reales Problem: Die Bundeswehr ist über Jahrzehnte auf Verschleiß gefahren worden. Zu wenig Material, zu wenig Munition, zu langsame Beschaffung, zu wenig Personal, zu viele Sonntagsreden. Wer jetzt so tut, als beginne die Gefahr erst mit westlicher Nachrüstung, verwechselt Ursache und Wirkung.
Herr Gottschalk versucht dann seine Argumente mit dem Begriff der Multi-Domain Operations zu belegen. Das ist aber kein allzu neues Konzept. Bereits vor 25 Jahren habe ich im Rahmen der Offizierausbildung von Network Centric Operations gehört. Informationsüberlegenheit ist eine Voraussetzung für erfolgreiche Führung von Streitkräften. Nur wer weiß, was der Gegner tut oder tun wird, kann entsprechend reagieren und die richtigen Entscheidungen treffen. Multi Domain Operations tragen den Gedanken der Network Centric Operations noch einen Schritt weiter und denken auch den Cyber- und Informationsraum mit.
Der entscheidende Punkt fehlt im Kommentar von Herrn Gottschalk fast vollständig (im Übrigen auch bei seinen sonstigen Äußerungen an anderer Stelle): Russland hat die europäische Friedensordnung nicht theoretisch, sondern praktisch angegriffen. Russland führt Krieg gegen die Ukraine, droht nuklear, verletzt Grenzen, setzt Raketen und Drohnen gegen Städte ein und hat mit der Verletzung des INF-Vertrages die alte Mittelstreckenordnung selbst beschädigt. In dieser Lage kann die Antwort nicht lauten: Wir diskutieren so lange über die Risiken westlicher Fähigkeiten, bis nur noch Russland über sie verfügt.
Was ist nun das Ziel der deutschen und europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik? Das Ziel lautet, Krieg zu verhindern, indem wir ihn für einen potenziellen Aggressor aussichtslos machen. Der Gegner ist nicht eine abstrakte „Eskalationsdynamik“, sondern ein Russland, das militärische Gewalt wieder als Mittel der Politik einsetzt.
Deutschland und Europa brauchen einen glaubwürdige Verteidigungsfähigkeit. Dazu gehören moderne, gut ausgestattete Streitkräfte. Denn Frieden entsteht nicht durch Wehrlosigkeit, sondern wenn Aggressoren begreifen, dass Gewalt keinen Erfolg verspricht. Das mag unbequem sein, aber Sicherheitspolitik ist nun einmal kein Seminar zur Selbstberuhigung.
Wem nützen diese halluzinierten medialen Groß-Narrative, welche die Transformationsindustrie mit ihrer CO₂-Steuer hervorgebracht hat, die Gesundheitsmaßnahmen, denen wir einen Anstieg der Invalidität um 30 % zu verdanken haben, und nun steht nach 1914, 1939 und 1955 „wieder“ der Ivan vor der Tür, gegen den der Staat angeblich aufrüsten und wieder Krieg führen muss?
Ich würde mal sagen, dass dort eine Klasse vaterlandsloser globaler Superreicher profitiert, die ich persönlich gar nicht von organisierten Kriminellen unterscheiden kann.
@Arno Gottschalk Ihre Position ist ja einigermaßen ehrenwert, aber es sind nur technische Detailfragen, die Sie da beleuchten. Die Mehrheit der Mandatsinhaber und deren Kofferträger in den Kartellparteien haben sich meiner Meinung nach mit den global agierenden Oligarchen gegen uns, das Volk, verschworen. Das sind global nur wenige 1.000 Personen. Den mutmaßlichen Tätern gehören 90 % aller Aktien und 40–50 % aller sonstigen Vermögenswerte in Deutschland. Wenn man den industriell-militärischen Medienkomplex nicht enteignet und vor Gericht stellt, kann es nicht besser werden, weil die Ursachen der Probleme nicht beseitigt werden.
Ich kann auch nicht verstehen, warum sich die Reste des deutschen Mittelstands mit den globalen Oligarchen gemein machen und nicht darauf insistieren, dass die anteilig mindestens so viel Steuern zahlen wie sie selbst. Denn dann müssten sie nur die Hälfte zahlen, damit die gleiche Summe an Steuereinnahmen zusammenkommt. Aber es gibt da offensichtlich libertäre erklärbare Erkenntnisverweigerung. Vielleicht sollten wir mal Sarah Tacke damit beauftragen, eine schicke Doku über die selbstzerstörerische Gedankenwelt deutscher KMU-Unternehmer zu machen.
Verehrter Herr Haga, zu Ihrer Auffassung über den Kommentar von Herrn Gottschalk kann man nur kommen, wenn man am Wesentlichen vorbeiliest. Zugegeben, Sie befinden sich da in guter Gesellschaft, neigen doch unsere sämtlichen selbst- und fremdernannten Verteidigungsexperten dazu. Dabei hat Herr Gottschalk auch Ihnen das Verständnis leicht gemacht und den folgenden Satz ausdrücklich fett hervorgehoben:
„Das Ziel ist nicht mehr, den fliegenden Pfeil abzuwehren, sondern den Bogenschützen auszuschalten, bevor er schießt.“
Seine Erläuterungen dazu finde ich außerordentlich erhellend und seine Schlussfolgerung, mit den neuen Raketen würde die Gefahr einer beschleunigten Eskalation eines etwaigen militärischen Konfliktes deutlich heraufgesetzt, logisch zwingend. Auf dieses Argument gehen Sie überhaupt nicht ein. Schwach!
Ihre Bezeichnung der durch Russland verletzten Friedensordnung als europäisch ist ein Euphemismus. Korrekter wäre gewesen: der durch die NATO Russland aufgezwungene Friedensordnung. Ich spare mir mangels Platz, die vielfältigen „Beifallsbekundungen“ aus Moskau seit 1990 und Warnungen besonnener Fachleute aus den USA zu dieser „Friedensordnung“ zu zitieren. Hier nur ein besonders drastisches (sinngemäßes) Zitat von Horst Teltschik, Ihnen an Fachkunde sicher ebenbürtig, der da schrieb, dass die Russen zum Ende der 1990er Jahre das Gefühl hatten, der Westen würde sich mit „Russland den Arsch abwischen“.
Also Herr Haga, erstmal in die historischen Bücher schauen und dann hier mit einem Kommentar auftauchen, der im Verhältnis zu dem von Herrn Gottschalk satisfaktionsfähig ist.
„Was in dieser Debatte allerdings auffällt: Sie wird nur aus der Perspektive westdeutscher Männer geprägt, deren politisches Denken stark vom Kalten Krieg beeinflusst ist.“
Dem ganzen Thema noch eine Genderkomponente abgewinnen zu können, Herr Strohmann, nicht schlecht, das hat was. Und was soll Herr Gottschalk diesem Satz entnehmen? Dass er als alter weißer Mann nun endlich auf die flotten und schneidigen Mittvierzigerinnen wie Florence Gaub und Claudia Major hören soll? Weil er ja geschlechts- und jahrgangsmäßig so aus der Zeit gefallen ist?
Wenn das so wäre, würde ich mich fragen, ob in der CDU nunmehr auch eine idenditäre Legitimation gefordert wird, bevor man sich zu einem Thema äußern darf. Bitte klären Sie mich auf.
Was 2022 mit dem russischen Überfall auf die Ukraine begann, ist inzwischen zu einer schwärenden Wunde mitten in Europa ausgewachsen.
Die oft belächelte Aussage der ehemaligen Außenministerin Baerbock, Russland müsse diesen Krieg verlieren, ist zur bitteren Handlungsmaxime der EU geworden.
Sie hat im April 2026 ein Darlehen von 90 Milliarden € genehmigt, das der Ukraine für den Krieg gegen Russland zur Verfügung gestellt wird. Das Darlehen soll nach Kriegsende durch Reparationszahlungen von Russland beglichen werden. So die offizielle Mitteilung der EU. Also ist die vollständige Niederlage der Atommacht Russland eingeplant.
Das Korsett für solche militärstrategischen Überlegungen wird von Arno Gottschalk präzise beschrieben. All das ist keinesfalls eine Schimäre, möglicherweise noch nicht ganz ausgereift, aber unglaublich gefährlich. Dagegen mutet der „Krieg der Sterne“, den Ronald Reagan 1983 angekündigt hat, wie ein Sandkastenspiel an.
Auf dieser Grundlage denken und handeln die Spitzen der EU, eifrig unterstützt von Bundeskanzler Merz, der keine Gelegenheit auslässt, der korrupten Selenskyi- Regierung unverbrüchliche Solidarität zu garantieren. Und für Außenminister Wadephul ist klar, dass „für uns“ Russland immer ein Feind bleiben wird. Und das nach der friedlichen Wiedervereinigung 1989. Vorbei sind die Zeiten, in denen die deutschen Beziehungen zu Russland intensiv und konstruktiv waren.
Im liberalen Bremen ist es nicht viel anders. Der verteidigungspolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion macht kein Hehl daraus, dass die militärpolitische Stärkung der Ukraine sein Schwerpunkt ist. Und die Bremer Landesregierung findet nur positive Worte, dass Bremerhaven ein wichtiger NATO-Stützpunkt wird. All das wird begleitet von eilfertigen „Experten“, und einer Presse, die sich abgewöhnt hat, steile Thesen der Politik zu hinterfragen oder gar zu kritisieren.
So sehe ich die Wirklichkeit.
Nichts spricht also dafür, dass dieser Krieg in diesem oder im nächsten Jahr auf dem Verhandlungsweg beendet wird. Im Gegenteil, wir sind in einem Strudel, der sich immer schneller dreht. Ein Krieg in Kerneuropa rückt näher.
Sorry, aber es hält mich gerade nicht mehr:
Die Attacke auf zivile Ziele in Kiew durch Russland ist eine Schweinerei. Darüber berichten heute Medien auf allen Kanälen. ABER: Wie war das vor wenigen Tagen, als die Ukraine Drohnen auf Moskau losgeschickt hat? Ebenfalls mit zivilen Opfern und Toten – wie jetzt in Kiew. Sind diese Toten weniger wert als die in der Ukraine? Ich kann mich nicht erinnern, dass Merz, andere Regierungsmitglieder oder meine Journalisten-Kollegen darüber ähnlich gewettert hätten wie jetzt nach dem mörderischen Angriff auf Kiew. Merkt unsere tonangebende Klasse eigentlich noch, wie sehr sie mit zweierlei Maß wertet?
Ach ja, das muss ich auch noch loswerden: Herr Bundeskanzler, bevor Sie einem Land einen besonderen EU-Status in Aussicht stellen, will ich als Bürger gefragt werden! Zumal dieses Land aller Wahrscheinlichkeit nach die Nordstream-Pipeline zerstört hat. Ein Land, dessen führende Klasse offenbar weiterhin zu den korruptesten gehört. Herr Merz, viele Ihrer Bürgerinnen und Bürger wollen vor solch weitreichenden Ankündigungen gefragt werden. Vorher! Herr Bundeskanzler, hören Sie endlich mit dieser vom Volk völlig abgehobenen Politik auf!
Sehr geehrter Herr Paul,
den Satz „Das Ziel ist nicht mehr, den fliegenden Pfeil abzuwehren, sondern den Bogenschützen auszuschalten, bevor er schießt“ von Herrn Gottschalk habe ich bewusst nicht kommentiert, weil er der Ausdruck von absoluter Unkenntnis von militärischer Taktik oder Waffenentwicklung ist. Schon von Beginn an war es ein Ziel der Waffenentwicklung, den Gegner auszuschalten, bevor er seine eigenen Waffen einsetzen konnte. In der Antike war es Aufgabe der Bogenschützen, anrückende Infantrie zu bekämpfen, bevor sie mit ihren Schwertern zuschlagen konnte. Später übernahm die Artillerie diese Aufgabe. In Zeiten der Luftkriegsführung versucht man, die gegnerische Flugabwehr auszuschalten, bevor diese die eigenen Flugzeuge bekämpfen kann (SEAD). Bei den Landstreitkräften ist das Artillerieduell (Counter Fire) zu nennen.
Die von Herrn Gottschalk als „Erstschlagslogik“ postulierte neue Gefahr ist also aus militärischer Sicht ein alter Hut. Soviel also zu historischen Büchern.
Herr Gottschalk behauptet, dass mit neuen militärischen Fähigkeiten zwingend eine destabilisierende Wirkung einhergeht. Entscheidend ist aber, wer zu welchem Zweck, unter welcher politischer Kontrolle und in welcher strategischen Lage welche Mittel einsetzt.
Gottschalks Bogenschütze steht ja nicht alleine auf der leeren Wiese. Russland verfügt selbst über weitreichende Systeme, setzt Drohnen und nuklearfähige Raketen gegen die Ukraine ein. Über die Eskalationsgefahr, die von Russland ausgeht, redet Herr Gottschalk aber nicht und beschreibt damit die sicherheitspolitische Lage unvollständig.
Die Friedensordnung nach 1990 wurde auch nicht Russland von der NATO „aufgezwungen“. Die Staaten Mittel- und Osteuropas sind nicht der NATO beigetreten, weil sie von Washington, Brüssel oder Berlin gezwungen oder beeinflusst worden sind, sondern weil sie eigene historische Erfahrungen mit Moskau hatten. Polen, Tschechien, die baltischen und nordischen Staaten sind keine willfährigen Objekte westlicher Geopolitik, wie manche meinen. Sie sind souveräne Staaten mit eigenen Sicherheitsinteressen. Diese Perspektive fällt in Deutschland leider schnell unter den Tisch.
Das Zitat von Teltschik über russische Kränkungen mag einiges erklären, aber zwischen „Russland fühlte sich nicht ernstgenommen“ und „Russland darf Nachbarstaaten überfallen“ liegt doch eine große Kluft.
Es bleibt dabei: Herr Gottschalk bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, wie Abschreckung gegenüber einem Staat funktionieren soll, der militärische Gewalt wieder als normales Mittel der Politik begreift. Friedenspolitik ohne Abschreckung ist im besten Falle ein moralischer Appell. Im schlechtesten Falle ist es eine Einladung an denjenigen, den Appelle nicht interessieren.
Einige Ukrainer sind korrupt. Daran gibt es nichts zu deuteln!
Ich habe meterweise Akten als VD über deren Tricks und Verhalten vorliegen!
Das fing mit dem Beschuldigen von Bremer Polizisten an! Der Vorsitzende Richter des 7.ten Strafsenats beim LG Bremen ist auch auf die „Schauspielkunst“ der Kläger reingefallen!
Danach hat er dann die Justiz in einem Oststaat aufgebaut, vom Senat entsandt. Die taz und weitere Medien sind auch reingelegt worden!
Es endete in Monaco, als die Frau von Selensky mit einem „Bugatti Chirion“ (5 Millionen € Kaufpreis) vorm Spielcasino vorfuhr.
Mittlerweile denken ich und auch viele andere Ermittler, dass fast jeder Euro umsonst investiert ist.
Und das alles wegen des egomanischen Verhaltens und der Denke eines sich wie „Trump fühlenden“ deutschen Kanzlers.
Es muss sich was ändern in den Köpfen der verantwortlichen Politiker!
Sofort.
Sehr geehrter Herr Haga,
ich danke Ihnen für die ausführliche Replik. Die Frage, wer welche Waffensysteme „aus der Nähe gesehen“ hat, lasse ich auf sich beruhen — strategische Doktrinen werden nicht im Truppenübungsplatz entschieden, sondern in Stabsdokumenten. Wenden wir uns deshalb dem inhaltlichen Kern zu.
Ihr zentrales Argument lautet: Multi Domain Operations seien nichts grundlegend Neues, weil bereits vor 25 Jahren Network Centric Operations diskutiert wurden, und weil Informationsüberlegenheit immer schon Voraussetzung erfolgreicher Kriegführung war. Dasselbe Argumentationsmuster wenden Sie auf die Erstschlagslogik an: SEAD, Counter Fire, Artillerieduell — alles seit der Antike bekannt.
Dieses Argument hat eine charakteristische Struktur: Es trivialisiert das Neue, indem es Vorläufer benennt. Mit derselben Logik ließe sich sagen, der Buchdruck sei nichts Neues gewesen, weil es vorher schon Stempel gab. Entscheidend ist nicht, ob Elemente einer Konfiguration historisch vorgeprägt sind, sondern ob ihre Verkettung eine neue strategische Qualität erzeugt. Und genau das ist bei MDO der Fall.
Network Centric Warfare zielte auf Informationsüberlegenheit innerhalb klassischer Operationsdomänen. MDO integriert sechs Domänen einschließlich Cyber und Informationsraum, stützt sich auf KI-gestützte Lagebildgenerierung und Zielzuweisung, und komprimiert die Entscheidungszyklen auf Zeiträume, in denen menschliche politische Kontrolle strukturell unter Druck gerät. „Decision Dominance“ ist nicht „Informationsüberlegenheit mit anderen Worten“, sondern ein operatives Leitprinzip, das auf einer bestimmten technologischen Basis erst möglich wurde. Wer das einebnet, verfehlt den Gegenstand.
Ähnliches gilt für die Erstschlagsproblematik. SEAD und Counter Fire sind taktische Operationen im laufenden Gefecht. Mein Argument zielt auf eine andere Ebene: die strategische Konfiguration zwischen nuklearen Mächten in der Krise — also vor dem Krieg, nicht in ihm. „Use them or lose them“ ist seit Schelling ein nuklearstrategischer Begriff und beschreibt eine Krisenstabilitätsfrage, keine Gefechtstaktik. Die Kombination aus Reichweite, Geschwindigkeit und dual-use-Trägersystemen erzeugt eine strukturelle Anreizlage zum frühen Handeln, unabhängig von den politischen Absichten beider Seiten. Die Frage, ob moderne counterforce-Fähigkeiten die nukleare Krisenstabilität untergraben, wird in der internationalen Sicherheitsforschung seit gut zwei Jahrzehnten geführt. Sie ist weder Hirngespinst noch Randposition, sondern eine zentrale Kontroverse der nuklearstrategischen Debatte.
Wer diese beiden unterschiedlich Ebenen — Gefechtstaktik und Krisenstabilität — vermischt, kommt zwangsläufig zu dem Ergebnis, alles sei schon immer so gewesen. Aber das ist kein Befund, sondern ein analytischer Kategorienfehler.
Zur Russland-Frage nur dies: Mein Text war eine Doktrinanalyse, keine Lagebewertung. Dass Russland einen Krieg führt, ist nicht Gegenstand der Auseinandersetzung — das ist gemeinsame Ausgangslage. Die Frage, welche militärische Architektur Europa als Antwort darauf aufbaut, lässt sich davon nicht subsumieren. Eine Doktrin, die strukturelle Erstschlagsanreize erzeugt, bleibt auch dann eine kritikwürdige Konfiguration, wenn der Anlass ihrer Einführung berechtigt ist. Beides zu trennen ist keine Verharmlosung, sondern Voraussetzung dafür, überhaupt strategisch denken zu können.
Sicherheitspolitik ist tatsächlich „kein Seminar zur Selbstberuhigung“. Sie ist aber auch kein Raum, in dem die genaue Analyse der eigenen Mittel als Naivität abgetan werden darf. Wer Kriegstüchtigkeit fordert, sollte die Doktrin benennen können, die er damit meint — und sich der Frage stellen, ob ihre Krisenlogik das politische Ziel der Kriegsverhinderung tatsächlich stützt oder unterläuft.
Mit freundlichen Grüßen
Arno Gottschalk
Lieber Heiko Strohmann,
vielen Dank für Deinen Kommentar — und vorab: Ja, ich bin tatsächlich westdeutsch, männlich und im Kalten Krieg sozialisiert. Drei Eigenschaften, die ich mir nicht ausgesucht habe und die nach Deiner Lesart offenbar dazu führen, dass ich die Lage nicht verstehen kann. Aber vielleicht erlaubst Du mir, es trotzdem zu versuchen.
Dein eigentliches Argument ist der Verweis auf Polen, Balten, Tschechen, Slowaken, Finnen. Das ist ein berechtigter Hinweis — niemand bestreitet, dass diese Länder Russland anders erleben als wir. Aber Du machst aus diesem Hinweis etwas, das er nicht trägt: ein Schweigegebot. Wer in Deutschland die Doktrin der laufenden Aufrüstung kritisch analysiert, der ignoriere damit angeblich die Sicherheitsinteressen unserer östlichen Partner.
Das ist ein argumentativer Kurzschluss. Die Sicherheitsinteressen Polens und der baltischen Staaten zu respektieren ist eine Frage. Welche militärische Architektur Europa darauf antwortet, ist eine andere. Aus dem berechtigten Wunsch nach Schutz folgt nicht automatisch, dass jede beliebige Doktrin die richtige Antwort darauf ist. Multi Domain Operations mit struktureller Erstschlagslogik sind nicht „die Sicherheitsinteressen Tallinns“ — sie sind eine bestimmte, in Washington konzipierte Form, auf diese Interessen zu antworten. Über diese Form muss man reden dürfen, gerade weil die Interessen berechtigt sind. Sonst gibt man das strategische Denken an die Doktrin selbst ab.
Und übrigens: Die Vorstellung, die Sicherheitspolitik der östlichen EU-Mitglieder sei einheitlich und decke sich bruchlos mit der US-Mittelstreckenpräsenz, ist selbst eine westdeutsche Projektion. Auch in Warschau, Prag und Helsinki gibt es Debatten — über Krisenstabilität, über nukleare Schwellen, über die Frage, ob eine Doktrin der „Decision Dominance“ der eigenen Sicherheit dient oder ihr schadet. Wer sich auf Osteuropa beruft, sollte zuhören, was dort tatsächlich diskutiert wird — nicht nur, was den eigenen Standpunkt stützt.
Zur Dual-use-Bemerkung kurz: Ein Satellit ist nicht dasselbe wie ein Satellit. Wettersatelliten und Aufklärungssatelliten, die Teil einer Kill Chain sind, unterscheiden sich nicht in der Hardware, sondern in der operativen Einbettung. Genau diese Einbettung war Gegenstand meines Textes. Sie als bloße „Modernisierung“ zu beschreiben heißt, das eigentliche Thema zu umgehen.
Bleibt der Schlusssatz: „Putin versteht nur Entschlossenheit.“ Das mag stimmen. Es beantwortet aber nicht die Frage, ob eine Doktrin, deren Leitprinzip die Komprimierung von Entscheidungszeiten auf Minuten ist, das politische Ziel der Kriegsverhinderung tatsächlich stützt — oder strukturell unterläuft. Das ist die Frage. Und sie lässt sich nicht durch den Verweis auf das Geburtsdatum oder die Geographie des Fragenden erledigen.
Mit herzlichen Grüßen Arno
@Josef Teupe Sie schreiben: „… dass fast jeder Euro umsonst investiert ist.“
Nein, auf keinen Fall. Die Frau vom „Herrscher“ der Ukraine hat einen Bugatti (VW) das ist doch schon mal was! Das Geld ist über den Umweg der Rüstungsindustrie an die Besitzer von BlackRock, Vanguard, Fidelity, State Street und J.P. Morgan gegangen. Wer genau dahintersteckt, wissen wir nicht wirklich. Wir wissen allerdings, dass diese sich zu einem großen Teil gegenseitig gehören. – Keine Sorge, das Geld ist also bei den „Guten“. J.P. Morgan hat übrigens schon im Zweiten Weltkrieg den Kanzler Adolf finanziert.
Aber wenn Sie die Finanzierung von Krieg – inzwischen 1,5 Millionen tote Menschen – als „Investition“ betrachten, was ist denn da genau der Mehrwert, der mit diesem Geld erschaffen wird? Also ich finde man sollte sich nicht mit den Begriffen dieser Leute gemein machen.
Sehr geehrter Herr Gottschalk. Vielen Dank für ihre Antwort auf meinen Kommentar. Sie hat den Vorteil, dass sie den eigentlichen Streitpunkt präziser freilegt als Ihr ursprünglicher Gastbeitrag.
Sie beschreiben eine reale Risikodimension, machen daraus aber eine zwangsläufige strategische Erstschlagslogik. Genau an dieser Stelle trennen sich aber unsere Bewertungen: Eine militärische Fähigkeit ist noch keine Einsatzdoktrin. Eine Doktrin ist kein politischer Automatismus. Und ein schneller Entscheidungsprozess bedeutet nicht den Verlust politischer Kontrolle. Ihre Schlussfolgerung, dass die NATO in ein präemptives Handeln hineingezogen werden, geht also fehl.
Gleichwohl ist die Frage der Krisenstabiltät berechtigt. Ich bestreite aber, dass sie isoliert aus der westlichen Fähigkeits- und Doktrinentwicklung heraus beantwortet werden kann. Denn Krisenstabilität hängt nicht nur von der Existenz bestimmter westlicher Systeme ab, sondern auch vom Verhalten des Gegners. Russland hat in Europa nicht nur ein abstraktes Sicherheitsproblem erzeugt, sondern führt einen konkreten Angriffskrieg. Russland setzt weitreichende Raketen und Drohnen gegen die Ukraine ein, droht nuklear, testet die Schwellen des Westens und arbeitet seit Jahren daran, westliche Handlungsfreiheit durch eigene A2/AD-Fähigkeiten einzuschränken. Eine Analyse, die die westliche Antwort als potenziell destabilisierend beschreibt, die russische Ausgangslage aber nur als Randbedingung behandelt, bleibt unvollständig.
Wenn Sie die strategischen Dokumente der NATO lesen, erkennen Sie, dass die Grundfrage der NATO nicht ist, wie wir möglichst schnell einen eien Krieg führen können, sondern wie wir verhindern, das ein Gegner glaubt, er könne durch Geschwindigkeit, Überraschung, Desinformation, Cyberangriffe, Raketen und nukleare Drohungen politische Tatsachen schaffen, bevor das Bündnis entscheidungsfähig ist.
Genau deshalb halte ich die Gleichsetzuzng von Multi Domain Operations mit struktureller Erstschlagslogik für zu eng. MDO kann offensiv wirken. Aber sie dient ebenso dazu, Abschreckung glaubwürdig zu machen, gegnerische Eskalation früh zu erkennen, die eigene Führungsfähigkeit zu erhalten und dem Gegner die Illusion eine schnellen Erfolgs zu nehmen. Das ist der Kern moderner Verteidigung.
Ich führe gerne eine Debatte über Risiken militärischer und politischer Doktrinen. Aber nicht unter der Prämisse, das Stabilität vor allem dadurch entsteht, dass die NATO auf Fähigkeiten verzichtet, während Russland über vergleichbare oder eskalatorisch noch problematischer Fähigkeiten verfügt und sie offensiv einsetzt.
Darum bleibt meine Kritik bestehen: Ihre Analyse beschreibt ein reales Risiko, gewichtet es aber start einseitig. Sie betrachten eine mögliche Destabilisierung durch westliche Modernisierung und Doktrinentwicklung sehr genau, aber schauen nur beiläufig auf die Destabilisierung durch russische Aggressionen, Drohungen und Fähigkeitsentwicklungen. Strategisches Denken heißt eben nicht, die gegnerische Absicht und Handlungen aus der Analyse herauszuhalten.
@ Thomas Mayer
Ich bin da ganz bei Ihnen! Aber so tiefgründig wollte ich es nicht hinterfragen.
Das wäre ja fast so, als ob man den lieben Gott fragt, nachdem er den „Männern“ zugesichert hat, an allen Ecken, Kanten und Enden auf der Erde auf liebenswerte, unterwürfige und hörige Frauen zu treffen (steht so im Koran).
Dann aber hat er die Erde rund gemacht und gelacht….
Mich stört an diesem Gastkommentar weniger, dass Arno Gottschalk vor Eskalationsrisiken warnt. Darüber kann und muss man reden. Mich stört, welches Narrativ dadurch bedient wird.
Denn der Text beschreibt sehr ausführlich, welche Gefahren angeblich von westlicher Verteidigungsfähigkeit ausgehen. Was fast völlig untergeht, ist der eigentliche Ausgangspunkt: Russland hat die europäische Friedensordnung nicht in einem Seminarraum infrage gestellt, sondern mit Panzern, Raketen, Drohnen und täglichen Angriffen auf die Ukraine.
Und ja, Waffensysteme sind gefährlich. Das ist keine Enthüllung, sondern ihr Zweck. Man muss nicht bei jedem modernen System „schlimm, schlimm, schlimm“ rufen, als hätte man gerade entdeckt, dass Raketen keine Friedenslilien werfen. Entscheidend ist nicht, ob ein Waffensystem wirken kann. Entscheidend ist, wer es kontrolliert, wofür es vorgehalten wird und ob es Aggression verhindert.
Wer heute über Kriegstüchtigkeit spricht, spricht nicht über Lust am Krieg. Er spricht darüber, ob Europa noch in der Lage ist, einen Aggressor abzuschrecken. Abschreckung funktioniert nicht dadurch, dass man dem Gegner erklärt, wie sehr man Krieg ablehnt. Sie funktioniert nur, wenn der Gegner weiß, dass ein Angriff scheitert.
Gerade Bremen sollte diese Debatte auch nicht so führen, als hätte Verteidigungsfähigkeit mit uns nichts zu tun. Unsere Wirtschaft, unsere Häfen, unsere Industrie und viele Arbeitsplätze hängen längst auch an sicherheits- und verteidigungsrelevanter Produktion. Wer das pauschal moralisch abräumt, redet nicht nur über Geopolitik, sondern auch über Wertschöpfung, Technologie und Jobs in Bremen.
Natürlich gibt es Risiken durch moderne Waffensysteme, schnelle Entscheidungszyklen und neue militärische Doktrinen. Aber daraus eine fast zwangsläufige westliche Erstschlagslogik zu machen, verschiebt den Blick. Die eigentliche Eskalation kommt nicht daher, dass Demokratien ihre Verteidigung modernisieren. Sie kommt daher, dass ein autoritäres Russland Gewalt wieder als normales Mittel der Politik einsetzt.
Und genau das sieht man leider auch in einigen Kommentaren. Plötzlich wird vom Küchentisch aus über Krieg geredet, als wäre Wehrlosigkeit eine Strategie und als sei die Ukraine irgendwie selbst schuld daran, überfallen worden zu sein. Da kippt berechtigte Sorge sehr schnell in naive Beschwichtigung, antiwestliche Reflexe und am Ende in Narrative, die vor allem Moskau nützen.
Meinungsfreiheit heißt selbstverständlich, dass man all das sagen darf. Aber politische Verantwortung heißt auch, solchen Erzählungen zu widersprechen. Frieden entsteht nicht durch gute Absichten allein. Frieden braucht Stärke, Klarheit und die Fähigkeit, Freiheit auch verteidigen zu können.
Wer Verteidigungsfähigkeit nur als Gefahr beschreibt, erklärt am Ende nicht den Krieg, sondern die eigene Wehrlosigkeit.
Sehr geehrter Herr Haga,
ich danke Ihnen für diese Replik. Sie verschiebt die Debatte tatsächlich auf eine Ebene, auf der sie geführt werden sollte, und ich nehme Ihre Differenzierung von Fähigkeit, Doktrin und politischer Entscheidung ernst. Hier liegt der eigentliche Streitpunkt, und ich möchte versuchen, ihn präziser zu fassen.
Sie haben Recht, dass eine Fähigkeit nicht automatisch zu einer Doktrin wird und eine Doktrin nicht automatisch zu einer politischen Entscheidung. Auf der formalen Ebene ist das unbestreitbar. Mein Argument zielt aber auf eine andere Frage: nicht ob die politische Kontrolle rechtlich erhalten bleibt — das tut sie, dem widerspricht niemand —, sondern ob sie substanziell erhalten bleibt, wenn die Entscheidungsfenster auf Minuten komprimiert werden.
Genau hier setzt die ernstzunehmende krisenstabilitätstheoretische Forschung an. Sie zeigt empirisch, dass Zeitkompression unter Stress die Qualität politischer Entscheidungen verändert: Sie reduziert den Raum für Rückfragen, Lagebewertung und Deeskalationsschritte, erhöht die Abhängigkeit von vorbereiteten operativen Drehbüchern und verschiebt faktische Handlungsmacht in militärische Stabsstrukturen. Das ist keine Behauptung des politischen Versagens, sondern eine systemische Beobachtung über die Funktionsweise von Entscheidungsprozessen unter extremen Bedingungen. Wer „Decision Dominance“ als Leitprinzip institutionalisiert, baut diese Zeitkompression bewusst ein — und kann sie dann nicht im Krisenfall einfach wieder aussetzen.
Damit komme ich zu Ihrem Punkt, MDO sei nicht offensiv, sondern darauf gerichtet, dem Gegner die Illusion eines schnellen Erfolgs zu nehmen. Das ist die offizielle NATO-Lesart, und sie ist nicht falsch. Sie ist aber unvollständig. Eine militärische Architektur lässt sich nicht allein über ihre Selbstwahrnehmung bewerten, sondern auch über ihre Wirkung im strategischen Wechselspiel. Wenn beide Seiten dieselbe Architektur aufbauen — mit denselben Geschwindigkeits- und Reichweitenkomprimierungen —, entsteht eine wechselseitige Frühhandlungs-Dynamik, unabhängig davon, wie sich jede Seite selbst versteht. Eine Doktrin kann nach Selbstverständnis defensiv und nach systemischer Wirkung destabilisierend sein. Genau diese Differenz wird in der Krisenstabilitätsforschung seit den 1980er Jahren diskutiert. Sie aufzulösen, indem man auf die defensive Absicht verweist, beantwortet die Frage nicht — sondern umgeht sie.
Zur Russland-Frage: Sie haben Recht, dass russisches Verhalten Teil jeder ernsthaften Krisenstabilitätsanalyse sein muss. Es war nicht Gegenstand meines Textes, weil dieser eine westliche Doktrin analysierte — nicht weil die russische Seite irrelevant wäre. Aber gerade weil Krisenstabilität eine Systemeigenschaft ist und kein moralischer Saldo, lässt sich die eine Seite der Gleichung nicht durch den Verweis auf die andere entlasten. Auch wenn die russische Seite mehr zur Destabilisierung beiträgt — was empirisch belegbar ist —, bleibt die Frage, ob die westliche Antwort die Stabilität ihrerseits stützt oder unterminiert, eine eigenständige analytische Frage. Sie ist nicht durch den Verweis auf das russische Verhalten zu erledigen.
Wir kommen damit, glaube ich, an den Punkt, an dem unsere Differenz präzise benennbar wird: Sie vertrauen darauf, dass institutionelle Sicherungen die strukturellen Anreize einer beschleunigten Architektur neutralisieren können. Ich bezweifle, dass diese Neutralisierung im Krisenfall trägt. Das ist eine echte Forschungskontroverse, die seit zwanzig Jahren ungelöst diskutiert wird. Sie wird sich auch in dieser Korrespondenz nicht entscheiden lassen — aber ich halte es für gewonnen, dass sie sichtbar geworden ist.
Mit freundlichen Grüßen
Arno Gottschalk
@Josef Teupe, das ist nicht Gottes Werk, sondern das von Menschen. Wenn man Lügengeschichten akzeptiert und darauf seine weiteren Handlungen aufbaut, endet das in Chaos und Verderben.
Die Politiker der Kartellparteien verhalten sich wie Anwälte von Bankräubern, die behaupten, ihnen, den Anwälten, würde die Bank gehören und die zu Unrecht beschuldigten Bankräuber wären das Sicherheitspersonal. Jeder Zeuge der Tat wird zur Falschaussage genötigt oder als Lügner diskreditiert.
Ich habe an anderer Stelle die Genese des NATO-Russland-Kriegs in der Ukraine erklärt. Als Nächstes werden die Bankräuber Kaliningrad blockieren lassen. Das wird Russland zwingen, einen Versorgungskorridor zu bilden. Die BRD-Soldaten und ihre Familien sind übrigens direkt im zukünftigen russischen Staatsgebiet stationiert. Herzlichen Glückwunsch!
@Arno Gottschalk, inzwischen reden „wir“ wieder darüber, wie man Hexen am besten umbringt, statt darüber, dass es keine Hexen gibt und die Bösen bei der Inquisition arbeiten. Diese Entkopplung von der Wirklichkeit ist die Ursache dafür das die SPD bald unter 5% ist.
Sie sollten mal das Buch der „Krieg vor dem Krieg“ von Ulrich Teusch lesen.
Die sachliche Diskussion zwischen Arno Gottschalk und Tim Haga ist sehr kompliziert und für Leser ohne die entsprechenden Voraussetzungen schwer nachvollziehbar. Ich will es einfacher versuchen. Der Kern von Arno Gottschalks Argumentation, der mir sehr einleuchtet, ist doch der, dass die modernen Waffensysteme und die aktuellen Informationsmöglichkeiten zu so kurzen Vorwarnzeiten führen, dass Erstschlagsphantasien (von welcher Seite auch immer) und Gegenreaktionen immer realistischer werden. Die Reaktionszeiten sind so kurz, dass Zufälle, ungeplante Aktionen oder auch Terrorangriffe zu unkontrollierbaren Eskalationen führen können. In Zeiten, in denen einzelne Menschen oder private Organisationen tödlich wirkende Drohnen selbst bauen und auch größere Terroranschläge leicht ausführen können (siehe Nordstream 2) kann es zu unübersehbaren Gegenreaktionen kommen. Nicht wenige Kriege haben begonnen, sind eskaliert oder gerechtfertigt worden, nur weil „zurückgeschossen“ wurde. Deshalb kann die Lösung doch nur sein, damit wir nicht wie „Die Schlafwandler“ (Christopher Clark) in den nächsten Krieg taumeln, diplomatisches Verhandeln und Abrüstung. Das scheint aber unsere Bundesregierung, insbesondere Friedrich Merz, anders als immer mehr westeuropäische Staatenlenker, noch nicht erkannt zu haben.
Sehr geehrter Herr Gottschalk,
es ist schön und – auch für die anderen Leser von bsg – hilfreich, dass wir den Kern unserer Diskussion herausgearbeitet haben. Der zentrale Punkt ist also die Frage, ob politische Kontrolle unter den Bedingungen der modernen Kriegsführung, inklusive verkürzter Entscheidungszeiten nicht nur formal bestehen bleibt, sondern ob sie auch praktisch belastbar bleibt. Das ist ein wichtiger Punkt und ich halte die Frage für berechtigt.
Nur sehe ich nicht, dass die 75-jährige Geschichte der NATO oder die gelebte Praxis der letzten Jahrzehnte ihre skeptische Schlussfolgerung bestätigt.
Die NATO hat seit ihrer Gründung mit hochriskanten Fähigkeiten und Doktrinen umgehen müssen. Die Strategie der Massiven Vergeltung (MC 14/2) war sicherheitspolitisch alles andere als harmlos. Trotzdem führte sie nicht dazu, dass die NATO in Krisen reflexhaft eskalierte. Die Nachfolgestrategie Flexible Response (MC 14/3) war gerade der Versuch, politische Handlungsoptionen zu erweitern und nicht in eine Alles-oder-Nichts-Logik gezwungen zu werden. Auch beim NATO-Doppelbeschluss verband man militärische Glaubwürdigkeit mit einem Verhandlungsangebot. Mir ist klar, dass Sie all das kritisch bewerten, aber es zeigt meiner Meinung nach: Die NATO hat wiederholt versucht, Abschreckung, politische Steuerung und Rüstungskontrolle miteinander zu verbinden.
Aber am deutlichsten weicht ihre Hypothese von der praktischen Erfahrung an der heutigen NATO-Grenze. Dort gibt es seit Jahren russische Provokationen, aggressive Flug- und Seemanöver, Drohnenvorfälle, EM-Störungen und Luftraumverletzungen. Wenn Ihre These einer strukturellen Eskalationlogik zuträfe, müsste gerade dort, bei extrem kurzen Reaktionszeiten und unmittelbarem Aufeinandertreffen von russischen und NATO-Streitkräften (praktische Duell-Situationen) ein anderes Muster sichtbar werden. Tatsächlich sehen wir lediglich Alarmstarts, Identifikatione, Begleitung, Lageaufklärung, Verstärkung der Luftverteidigung und politische Konsultationen. Kurz: Wir sehen kontrollierte Reaktionen, keinen reflexhaften Gegenschlag.
Das heißt nicht, dass die Risiken moderner Führungs- und Wirksysteme gering wären. Extremer Zeitdruck, automatisierte Lagebilder und vorbereitete Handlungsoptionen können politischen Druck erhöhen. Deshalb brauchen wir klare Rules of Engagement, robuste Führungsverfahren, parlamentarische Kontrolle, verlässliche Kommunikationskanäle und Übungen, die Deeskalation genauso ernst nehmen wie Reaktionsfähigkeit. Und genau das tun die NATO und ihre Mitgliedsstaaten. Denn moderne Fähigkeiten können politische Kontrolle auch stärken. Etwa durch bessere Lagebilder, mehr Handlungsoptionen und mehr Zeitgewinn. Das sollte uns positiv stimmen, denn wer in einer Krise blind ist, langsam oder verwundbar, der entscheidet am Ende nicht souveräner, sondern schlechter.
Der Maßstab der Diskussion sollte deshalb nicht lauten: Moderne Fähigkeiten ja oder nein? Sondern: Erweitern sie politische Handlungsoptionen oder verengen sie diese? Werden sie institutionell kontrolliert oder treiben sie Entscheidungen vor sich her?
Genau hier liegt aus meiner Sicht der Unterschied zwischen Risikoanalyse und politischer Schlussfolgerung. Ihr Hinweis auf Zeitkompression ist berechtigt. Aber die bisherige NATO-Geschichte und die gegenwärtige Praxis an der Ostflanke sprechen eher dafür, dass das Bündnis auch unter Druck nicht zum schießwütigen Akteur wird. Die Aufgabe lautet daher nicht Fähigkeitsverzicht, sondern Fähigkeitsaufbau mit klarer politischer Kontrolle.
Auf Empfehlung von Axel Schuller habe ich nochmal in den Blog reingeschaut. In der Tat: eine hochklassige Diskussion. Ich habe viel gelernt.
Weil in einigen Beiträgen Arno Gottschalk kritisiert wurde: Ich wäre froh, wenn Carlo Masala oder Claudia Major, um zwei Experten zu nennen, die in allen Talkshows herumgereicht werden, in der Lage wären, auf diesem Niveau zu diskutieren.
Eines muss ich noch loswerden.
In meinem Diskussionsbeitrag habe ich darauf hingewiesen, dass der 90 Milliarden-Kredit der EU an die Ukraine so abgesichert wurde, dass Russland nach Kriegsende für alle Zerstörungen im ukrainischen Staatsgebiet aufkommen müsse. Auf Deutsch heißt das, fest eingeplant ist die komplette Niederlage der Atommacht Russland.
Mich wundert ein wenig, dass niemand auf diesem Forum diese Vorlage aufgegriffen hat. Ist es, weil es manchmal unangenehm ist, die ganze Tragweite von Entscheidungsprozessen auf höchster staatlicher Ebene zu bewerten? Man will es einfach nicht wahrhaben; man schreckt davor zurück.
Für mich jedenfalls ist offensichtlich, dass gerade das Friedensprojekt Europäische Union in ein Kampfbündnis transformiert wird, das sich zum Ziel setzt, Russland auf dem Schlachtfeld zu besiegen.
Was für eine provinzielle Debatte, bremisch eben… Da werden Parteimitglieder zu „Waffenexperten“, nur weil sie wieder in die Bürgerschaft wollen ! Und immer wieder die bekannten Namen – einschließlich der Ex-Senator Manfred Fluss. Und dieses einen Tag, nachdem Putin mit einem gezielten Raketenschlag eines bestimmten modernen Raketentyps in einem bestimmten Kiewer Stadtbezirk auch die Fernsehstudios von ARD und Deutsche Welle zerstört hat. Das schreibt Werner W. Blinda, SPD-Mitglied seit 1965). (…) Vergeudetes „Politikgeschwätz“ im verdienstvollen Blog „bsg“!
Schöne Grüße an Brigitte Dreyer, mein von mir geschätztes Rundfunkratsmitglied bei RB in früheren Zeiten!
Der Kelch einer Stationierung neuer amerikanischer Mittelstreckenraketen wird offenbar dank Donald Trump an uns vorüber gehen. Leider wird diese positive Entwicklung den Drang zur Kriegsertüchtigung in Teilen der politischen Eliten eher beflügeln. Es geht um viel Geld und Prestige und das Gefühl der Macht, das offenbar elektrisierend auf manche Zeitgenossen wirkt. Unter den üblicherweise medial befragten Kriegsexperten ragt nachdenklicherweise Oberst a. D. Wolfgang Richter heraus, der unbefangen erklärt, dass selbst allein die europäischen Nato-Staaten konventionell (!) Russland weit überlegen seien. So listet die Greenpeace – Studie „Wann ist genug genug?“ (2024) bei den „einsatzbereiten militärischen Großwaffensystemen“ 2.000 Panzer für Russland und 6.297 für die europäischen Natostaaten auf, 1.026 Kampfflugzeuge für Russland und 2.073 für die europäische Nato, bei der Artillerie 11.020 bei Russland und 28.922 Stück bei der europäischen Nato. Bezieht man das Potential der USA und von Kanada mit ein, so steigt die konventionelle Überlegenheit der Nato gigantisch. Man muss sich über den Leichtsinn/die Tollkühnheit/Dummheit/Verzweiflung Putins wundern, sich mit einem derart überlegenen Militärbündnis anzulegen. Und bedauerlicherweise hat er den Aufrüstungsenthusiasten und der westdeutschen Rüstungslobby eine Steilvorlage geliefert.
Damit wieder Augenmaß und Vernunft in die deutsche Kriegstüchtigkeitsdebatte Einkehr hält, wäre ein Ende des Ukraine-Kriegs hilfreich. Ich habe dem Bremer DGB einen Vorschlag für eine Friedensinitiative gemacht. Hier der Vorschlagstext:
„Liebe Kollegin Antalia Westkämper, lieber Kollege Christian Wechselbaum,
anknüpfend an das interessante Gespräch am 13.04.2026 im Gesprächskreis „Gewerkschaften für den Frieden“ möchte ich eine Initiative des DGB zur einvernehmlichen Beendigung des Ukraine-Krieges anregen.
Es geht einen neuen unkonventionellen Weg zur Lösung der territorialen Frage in der Ukraine durch international überwachte (!) Volksentscheide in den umkämpften Gebieten.
Anregen möchte ich eine öffentliche Diskussionsveranstaltung in Kooperation mit den Verein „die schwelle“. Denkbar wäre ein dialogisches Format mit einer Vertreterin der weit verbreiteten Auffassung, Putin müsse militärisch zu Verhandlungen motiviert werden. Frau Helga Trüpel von den Grünen wäre prinzipiell dazu bereit.
Eine derartige Friedensinitiative würde den Appell des DGB-Bundesvorstandes zum Antikriegstag am 1. September 2025 „Für eine Politik der Friedensfähigkeit!“ unterstützen, in dem betont wird, dass die Rüstungsausgaben „nicht zu Lasten des Sozialhaushalts, der Ausgaben für Bildung und Forschung und von Investitionen in öffentliche und soziale Infrastruktur gehen“ dürfen.
Ich bin Mitglied der GEW und habe als Lehrer in der beruflichen Weiterbildung beim Berufsfortbildungswerk des DGB in Bremen gearbeitet: http://www.walterruffler.de
Ich war 15 Jahre lang Mitglied der Grünen, von 1991–1994 Abgeordneter der Bremischen Bürgerschaft.
Über ein Gespräch über meinen Vorschlag würde ich mich freuen.
Mit freundlichem Gruß
Walter Ruffler“
3 Anlagen
– Interview im Weser-Kurier am 20.11.2023: „Volksentscheide könnten den Ukraine-Konflikt beenden“
– Folien zu meiner Präsentation im Gesprächskreis „Gewerkschaften für den Frieden“ am 04.05.2026
– Kommentar von Joerg Helge Wagner vom 4.3.2014: „Einheit um jeden Preis?“
Sehr geehrter Herr Haga,
ich danke Ihnen auch für die dritte Replik. Sie räumen ein, dass mein Hinweis auf Zeitkompression berechtigt ist — daran möchte ich anknüpfen, denn dort entscheidet sich, ob unsere Differenz präzise benannt ist.
Vorab eine Klarstellung: Sie schließen mit der Feststellung, die Aufgabe sei „nicht Fähigkeitsverzicht, sondern Fähigkeitsaufbau mit klarer politischer Kontrolle”. Fähigkeitsverzicht habe ich nirgends gefordert. Mein Argument ist doktrin-analytisch, nicht pazifistisch. Die Frage ist nicht, ob die Bundeswehr modernisiert wird, sondern welche Krisenlogik die Doktrin trägt, in deren Rahmen das geschieht.
Sie führen die 75-jährige NATO-Geschichte und die heutige Praxis an der Ostflanke ins Feld, um zu zeigen, dass das Bündnis auch unter Druck nicht „zum schießwütigen Akteur” wird. Beide Belege sind ernst zu nehmen. Sie beantworten aber nicht die Frage, die ich gestellt habe.
Dass die NATO mit hochriskanten Doktrinen verantwortungsvoll umgegangen ist, bestreitet niemand. Daraus folgt jedoch nicht, dass diese Verantwortlichkeit unter beliebigen strukturellen Bedingungen reproduzierbar bleibt. Das war mein Punkt im vorigen Brief: Die formale politische Kontrolle bleibt erhalten — die Frage ist, ob sie substanziell trägt, wenn die Entscheidungsfenster systematisch auf Minuten komprimiert werden. Eine Erfolgsbilanz unter alten Bedingungen ist kein Beleg für Belastbarkeit unter neuen. Denn gerade hier entsteht eine neue Qualität: MDO zielt darauf, durch schneller durchlaufene „Kill Chains“ dem Gegner zuvorzukommen und ihm die Initiative zu entreißen. Daraus entsteht zwangsläufig der Druck zu immer stärkerer KI-gestützter Automatisierung und datengetriebener Vernetzung über verschiedene Domänen hinweg. Je mehr aber Geschwindigkeit selbst zur strategischen Waffe wird, desto stärker verlagert sich reale Kontrolle aus politischen Entscheidungsprozessen hinein in technische Systeme, deren Dynamik sich menschlicher Steuerung nur noch begrenzt unterwirft. Genau dieses Risiko, denke ich, unterschätzen Sie.
Umso bemerkenswerter ist allerdings, dass wir der Problembeschreibung vermutlich näher sind, als die Repliken zunächst vermuten lassen. Sie schreiben selbst, dass extremer Zeitdruck, automatisierte Lagebilder und vorbereitete Handlungsoptionen politischen Druck erhöhen können. Das ist die Anerkennung einer risikobehafteten Grundkonstellation. Ihre Antwort darauf bleibt allerdings innerhalb der militärischen Architektur: Rules of Engagement, Führungsverfahren, parlamentarische Kontrolle, Übungen. Alles richtig, alles notwendig. Hinreichend ist es nicht.
Wenn die Grundkonstellation strukturell risikobehaftet ist, lässt sich Sicherheit nicht allein militärisch herstellen. Sie verlangt die zweite Säule, die in der gegenwärtigen Debatte fast vollständig fehlt: Diplomatie, Entspannungspolitik, Rüstungskontrolle. Das ist keine pazifistische Alternative zu militärischer Verteidigung, sondern deren politische Bedingung. Glaubwürdige Abschreckung und aktive Rüstungskontrollpolitik sind keine Gegensätze, sondern aufeinander angewiesen — die eine garantiert die andere. Das ist im Übrigen die Lehre des Doppelbeschlusses, auf den sich auch in Ihrem Lager gerne berufen wird: Er funktionierte, weil er von Anfang an eine Verhandlungsspur gebunden war, nicht trotzdem.
Diese zweite Säule ist heute weitgehend abgeräumt, und sie wird in der gegenwärtigen sicherheitspolitischen Debatte kaum noch ernsthaft mitgedacht. Das halte ich für den eigentlichen Befund unserer Korrespondenz: Wir sind uns über die Lage näher, als die Repliken zunächst vermuten lassen. Wir unterscheiden uns in der Frage, welche Konsequenz daraus folgt. Meine Antwort: militärische Modernisierung ja, aber eingebettet in eine Sicherheitspolitik, die ihre eigenen Risiken durch politische Mittel mindert. Wer das nicht tut, optimiert die militärische Architektur und vernachlässigt die Bedingungen, unter denen sie politisch beherrschbar bleibt.
Mit freundlichen Grüßen
Arno Gottschalk