Politik und Richter schieben Republik auf gigantische Hebebühne

26.05.2026 16 Von Axel Schuller

Deutschland, und damit auch Bremen, stehen ab Mitte 2027 unvorstellbare Finanz-Herausforderungen bevor. Verursacher: 1. Der Bund, der 2024 das Bürgergeld um 12,2 Prozent erhöht hat. 2. Das Bundesverfassungsgericht. Dieses fordert, dass die Besoldung der untersten Beamtengruppen spätestens ab kommenden Jahr 15 Prozent über dem Bürgergeld liegen muss. Zwischen-Fazit: Vom Bundestag gut gemeinte Sozialpolitik kann den Staatshaushalt in den Ruin treiben. Ich wette: Der vom Verfassungsgericht für „kleine“ Beamte geforderte Abstand zum Bürgergeld, wird sich wie ein Lift auf die Gesamtwirtschaft auswirken. Siehe Grafik.

Finanzsenator Björn Fecker (Grüne) hat Gewerkschaftern gegenüber gestern erstmals Zahlen genannt. Er will allen Beamten rückwirkend zum 1.1.24 Nachschläge von 2,5 Prozent überweisen. Btw: Geld, über das er nicht verfügt. 

Ich vermutete, dies wird nicht reichen. Denn: Weshalb sollten die Tarifbeschäftigten des Landes Bremen – Arbeiter und Angestellten – damit einverstanden sein, dass NUR die Beamten mehr Sold erhalten, um den Abstand nach unten zu wahren?

Zumal Beamte weder Arbeitslosengeld noch Rentenversicherungsbeiträge bezahlen. Im Ergebnis werden die Gewerkschaften für die Arbeiter und Angestellten Gehaltsforderungen auf den Tisch legen, die den Nachschlägen an die Beamtenschaft folgen werden. Alles andere wäre gewerkschafts-unlogisch.

Und dann? Weshalb sollten es sich eigentlich Arbeitnehmer der Privatwirtschaft gefallen lassen, dass nur der Öffentliche Dienst mehr Geld erhält/erhalten wird? Somit dürften auch die Löhne in der Wirtschaft übermäßig anziehen. 

Happy Inflation…

Während Bremen zunächst mit Mehrkosten fürs Beamtentum von 120 Millionen Euro rechnet, hat Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) die Zusatz-Ausgaben für die Bundesbeamten vorläufig auf 3,4 Milliarden Euro geschätzt.

Auch wenn Finanzpolitiker von Bund und Länder stets betonen, es gehe nur um die Besoldung von Beamten. Das wird nicht reichen. Wetten!

Ein Freund, Unternehmer und finanzpolitisch interessiert, hat mir folgende Vision zu dem Thema geschickt. Die Grafik ist KI-basiert entstanden.

Hier der Text:

„Es ist ein physikalisches Gesetz, das die deutsche Haushalts- und Verfassungswirklichkeit nun mit voller Wucht einholen wird: Wer das Fundament anhebt, bewegt das gesamte Gebäude. Was in der Statik ein triumphaler Erfolg wäre, erweist sich in der deutschen Finanzpolitik der vergangenen Jahre als finanzpolitischer Amoklauf mit Ansage. Wir erleben das faszinierende Schauspiel einer Republik, die sich über eine verfassungsrechtlich bedingte Kaskade staatlicher Ausgaben selbst stranguliert. 

Der Auslöser? Eine Sozialpolitik, die das Prinzip von Leistung und Gegenleistung zunehmend aus den Augen verloren hat und nun als Bumerang den Staatsapparat in astronomische Kostenhöhen treibt.

Das Prinzip der Hebebühne: Wenn Gutmenschen die Statik sprengen

Man muss die Ironie des Systems fast schon bewundern. Die Genese dieses fiskalischen Totalschadens beginnt beim edelsten aller Motive: der sozialen Gerechtigkeit. Mit der Einführung und der anschließenden, inflationsgaloppierenden Erhöhung des Bürgergelds wollte die Politik ein Zeichen der Solidarität setzen. Doch in einem hochgradig durch-juristizierten Staat existiert keine fundamentale Leistungsanhebung im Vakuum. Das Bundesverfassungsgericht hat bereits im Jahr 2020 unmissverständlich klargestellt, dass die Alimentation einer vierköpfigen Beamtenfamilie in der untersten Stufe mindestens 15 Prozent über dem sozialhilferechtlichen Existenzminimum liegen muss. Das sogenannte Mindestabstandsgebot.

Und hier schnappt die Falle der eigenen Großzügigkeit zu: Drückt man unten auf das Bürgergeld-Pedal, fährt die soziale Hebebühne unweigerlich nach oben. Da das Abstandsgebot aber nicht nur nach unten zum Bürgergeld gilt, sondern auch innerdienstlich gewahrt bleiben muss – sprich: der Dienststellenleiter muss zwingend spürbar mehr verdienen als der Pförtner –, mutiert die Hebebühne zur Ziehharmonika. Das gesamte Gehaltsgefüge des deutschen Staatsapparats, von der Besoldungsgruppe A3 bis zur Spitzenklasse B11, muss synchron nach oben gerissen werden.

Die Logik der Absurdität: Um den Ärmsten der Gesellschaft zu helfen, erhöht der Staat gezwungenermaßen die Gehälter seiner am besten bezahlten Spitzenbeamten und Staatssekretäre. Man könnte fast von einer staatlich verordneten Umverteilung von Leistungsträgern zu Leistungsempfängern sprechen – mit dem bizarren Zwischenstopp einer Gehaltserhöhung für die administrative Elite.

Die Hüter des Rechts im permanenten Interessenkonflikt

Besonders exquisit wird die Ironie, wenn man den Blick auf die Richterschaft lenkt. Dieselben Richter, die vollkommen korrekt und buchstabengetreu die Einhaltung der Verfassung anmahnen, sind gleichzeitig die größten Profiteure ihrer eigenen Urteile. Wenn das Bundesverfassungsgericht – wie zuletzt Ende 2025 beim Berliner Besoldungsskandal – feststellt, dass die Bezüge über Jahre verfassungswidrig niedrig waren, gilt das selbstverständlich auch für die R-Besoldung der Richter selbst.

Ganz offiziell nennt sich das in der Rechtswissenschaft „Notkompetenz“: Weil es kein anderes Gericht im Universum gibt, das über das Grundgesetz entscheiden darf, müssen die betroffenen Richter eben über ihre eigenen Privilegien urteilen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Befangenheit? Ach woher, es ist die reine, schmerzerfüllte Pflicht im Dienste des Rechtsstaats, die den Richtern saftige Nachzahlungen in fünfstelliger Höhe auf das Bankkonto spült. Man leidet eben auf höchstem verfassungsrechtlichem Niveau.

Die nackten Zahlen des Haushaltswahnsinns

Wer die Augen vor der Realität verschließt, dem hilft ein Blick auf die nackte Statistik. Wir sprechen hier nicht von marginalen Rundungsfehlern im Budget:

  • Der administrative Wasserkopf: Rund 1,96 Millionen Beamte, Richter und Soldaten stehen im direkten Dienst des Staates. Dazu gesellen sich circa 1,8 Millionen Pensionäre, deren Ruhegehälter an die aktive Besoldung gekoppelt sind.
  • Der Domino-Effekt: Obwohl die 3,44 Millionen Tarifbeschäftigten (Angestellten) im öffentlichen Dienst keinen verfassungsrechtlichen Anspruch auf das Abstandsgebot haben, sorgt die politische Realität dafür, dass die Gewerkschaften in den kommenden Tarifrunden diese Steigerungen als Mindestmesslatte anlegen werden. Alles andere wäre der sofortige Kollaps des Arbeitsfriedens in den Amtsstuben.
  • Die Zeche: Allein ein kleines Bundesland wie Schleswig-Holstein rechnet aktuell mit rund 460 Millionen Euro an Mehrkosten und Nachzahlungen. Rechnet man diesen Wahnsinn auf alle 16 Bundesländer und den Bund hoch, kollidieren wir mit einer fiskalischen Wand von schätzungsweise 15 bis 25 Milliarden Euro. Geld, das nicht in Brücken, Schulen oder Digitalisierung fließt, sondern schlicht im Konsum des eigenen Staatsapparats verpufft.

Fazit: Der Staat frisst seine eigenen Kinder – und die Steuerzahler zahlen das Besteck.

Die Sozialpolitik der vergangenen Jahre hat sich als ein klassisches Perpetuum Mobile der Steuergeldvernichtung entpuppt. In dem gut gemeinten Versuch, den Sozialstaat immer großzügiger zu möblieren, hat man das architektonische Fundament des gesamten Staatsgefüges unterspült. Nun stehen die Finanzminister vor den Trümmern ihrer Haushaltsplanungen und müssen Milliardenbeträge zusammenkratzen, um einen Apparat zu bezahlen, der sich durch rechtliche Automatismen selbst am Schopfe aus dem Sumpf zieht.

Man kann diesen systemischen Wahnsinn tatsächlich nur noch mit Humor ertragen. Es ist die perfekte Realsatire: Eine Politik, die angetreten ist, um soziale Ungleichheit zu bekämpfen, schafft ein System, in dem die Erhöhung der Mindestsicherung automatisch die Pensionen von Spitzenbeamten maximiert. Am Ende bleibt wie immer der Steuerzahler zurück – derjenige, der die Hebebühne finanzieren muss, während er selbst draußen im Regen steht und zusehen darf, wie die Karusellfahrt der Staatsausgaben in die nächste galaktische Runde geht.“

So weit Text eines kopfschüttelnden Unternehmers.

Nachtrag: Bremens Finanzsenator Björn Fecker hat gestern versprochen, dass die Senatsgehälter (B 11) im Zuge der Erhöhungen nicht mitwachsen sollen. Ich befürchte, das wird uns auch nichts mehr rausreißen.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller