Graue Eminenz ließ Senatorin „tanzen“ / SPD hat neuen Rekommunalisierungs-Traum

28.05.2026 6 Von Axel Schuller

Existiert in Bremen noch Unrechtsbewusstsein? Gibt es politischen Widerstand? Da hat der Rathaus-Abteilungsleiter Martin Prange – außerhalb jeder Zuständigkeit – ins Ressort der damaligen Bildungssenatorin Sascha Aulepp (SPD) hineingefunkt – und keiner mag sich darüber so richtig aufregen. Unterirdisch! Dennoch vermute ich, dass diese „Nummer“ Bürgermeister Dr. Bovenschulte politisch noch einholen wird. Freude dürfte dem Regierungschef hingegen eine Forderung der SPD Bremen-Stadt bereitet haben. Demnach soll die Stadtgemeinde 25,1 Prozent der swb AG kaufen, um mehr Einfluss auf das Unternehmen ausüben zu können. Dabei haben die UB-Politiker offenbar null Vorstellung davon, wie viel Geld für 25,1% aufzuwenden wäre.

Thema 1: Ein Parteimitglied, „getarnt“ als Beamter, sitzt im Rathaus und spielt jahrelang im Bildungsressort „Graue Eminenz“. Nicht nur, dass Prange der damaligen Bildungssenatorin Sascha Aulepp die Staatsrätin Dr. Regine Komoss, aussuchte und mit der offensichtlich eine Art Einstellungsgespräch führte. Nein, Martin Prange nahm nach meinen Recherchen einmal wöchentlich an Führungsrunden von Frau Aulepp teil, die jeweils in heimischen Wohnzimmern stattgefunden haben sollen. Anwesend: Senatorin, Staatsräte, Büroleitung, persönliche Referenten. Und: Martin Prange. Dabei wurde über Bildungspolitik und anstehende interne  Entscheidungen gesprochen. Aulepps Staatsrätin Komoss wurde  nur 30 Tage später aus dem Dienst entfernt. Sie hatte sich offenbar an dem ständigen Einmischen des (ganz und gar nicht zuständigen) Rathaus-Mitarbeiters extrem gestört. Ergebnis: Aulepp warf sie raus. Dass die Frau danach einen nach A 15 gut bezahlten Job erhielt, verdankt sie einer „Wiederverwendungszusage“, die unter Juristen zumindest als rechtlich umstritten gilt.

Aber, was soll’s? In Bremen kümmert sich halt niemand um solche Bedenken. Nicht einmal der Jurist Bovenschulte.  Finanzstaatsrat Dr. Martin Hagen (Grüne) gab im Untersuchungsausschuss zu Protokoll, sein Vertrag enthalte ebenfalls einen derartigen Passus.

Zurück ins Bildungsressort der Sascha Aulepp (bis Ende 2025). Sie war mit der praktischen Regierungsarbeit offenbar so überfordert, dass sie Prange im Hintergrund brauchte. Dies führte zu täglichen Telefonaten und eben den wöchentlichen, inoffiziellen Sitzungen – an denen aber alle Genannten teilnehmen mussten.

Pranges ungewöhnliche, rechtlich null Komma null gerechfertigte Stellung lässt sich nur durch einen Blick zurück erklären.

Kommen Sie mit ins Sozi-Land:

Martin Prange hat im bremischen öffentlichen Dienst bereits viele Jobs bekleidet. Angefangen hat er als „Berater“ des Gesamtpersonalrates (GPR). Das Finanzressort wollte dem GPR keine Kosten für teure externe Gutachter erstatten. Also stellte man dem obersten Mitbestimmungsgremium eine A 14-Stelle zur Verfügung, damit sich der GPR dauerhaft beraten lassen konnte. Prange nahm diese Rolle eine gewisse Zeit ein.

SPD-Fraktionschef Jens Böhrnsen holte Prange 1999 in den Fraktionsapparat, machte ihn dort zum Geschäftsführer. In dieser Zeit stellte Prange die Juristin Sascha Aulepp als wissenschaftliche Mitarbeiterin ein.

Als Böhrnsen 2005 Bürgermeister wurde, nahm er Prange als Büroleiter mit ins Rasthaus. Aulepp wechselte als Richterin in die Justiz.

Nach Böhrnsens Rücktritt 2015 musste Prange weichen. Der neue Bürgermeister Dr. Carsten Sieling (SPD) setzte auf eine eigene Büroleitung. Prange blieb jedoch im Rathaus – als Abteilungsleiter „Staatsabteilung“. Zusätzlich wurde er später „Bremen-Nord-Beauftragter“ – wovon die Norder nicht so richtig viel mitbekommen haben.

Unter Andreas Bovenschulte gehörte Prange zeitweise sogar dem „Küchenkabinett“ , also der engsten Beraterrunde, des Bürgermeisters an. Er musste schließlich weichen, weil Bovenschultes Chef der Senatskanzlei, Thomas Ehmke, offenbar nichts von Pranges Einmischungen im Bildungsressort der inzwischen zur Senatorin aufgestiegenen Sascha Aulepp hielt.

Bovenschulte hat von Pranges Treiben im Bildungsressort gewusst. Und er hat es laufen lassen. Bin mal gespannt, ob er dafür zur Rechenschaft gezogen wird. 

Bremen soll ein Viertel der swb  zurückkaufen

Thema 2: Der Vorstand des SPD-Unterbezirks Stadt hat gestern SPD-Fraktion und Senat aufgefordert, 25,1 Prozent der swb AG zu erwerben, um mehr Einfluss auf den Energieversorger zu erhalten. Aktuell verfügt Bremen nur noch über EINE Aktie, nachdem Bürgermeister Dr. Henning Scherf das städtische Unternehmen komplett privatisiert hatte.

Senihad Sator, stellvertretender Vorsitzender des SPD-UB-Stadt, erklärte auf Anfrage von bsg: 

„Wir wollen, dass die Energie- und Trinkwasserversorgung langfristig sicher, bezahlbar und klimafreundlich bleibt sowie qualifizierte Arbeitsplätze in Bremen gesichert werden.“ Ohne Bremer Beteiligung sei es nicht auszuschließen, dass die EWE Teile der swb nach Oldenburg abzögen und in Bremen Arbeitsplätze verloren gingen.

Sator tritt wie viele Bremer Sozialdemokraten für die Rekommunalisierung ein. Müll, Strom, Gas, Fernwärme, Wasser, Abwasser lauten die Stichwörter.

Sator vermochte auf Anfrage leider nicht zu sagen:

Welche Summe Bremen für 25,1 Prozent der swb AG-Anteile aufbringen müsste.

Auch konnte er keine Höhe der notwendigen swb-Investitionen für Fernwärme- und Stromnetz-Ausbau nennen. Bekanntlich erfordert die deutliche Zunahme von E-Autos und Wärrmepumpen kräftig verstärkte Stromleitungen.

Allein fürs Fitmachen des Stromnetzes hatte die swb bereits vor zwei Jahren mit über einer Milliarde Euro Kosten kalkuliert.

Der Wert der swb dürfte nach Schätzung von Insidern bei 1,2 bis 1,5 Milliarden Euro liegen.

Das heißt: Bremen müsste mindestens 300 Millionen Euro für ein Viertel der swb Aktien bezahlen.

Zur Erinnerung: Im Jahr 2000 hatte die Stadtgemeinde unter dem damaligen BürgermeisterDr. Henning Scherf die Aktienmehrheit von 51 Prozent für umgerechnet 640 Millionen Euro an das niederländische Unternehmen Essent verkauft. 2009 übernahm die Oldenburger EWE AG die swb-Aktien von Essent und kaufte der Hansestadt die restlichen 49 Prozent ab.

Offen blieb gestern übrigens, ob die EWE überhaupt bereit wäre, der Stadtgemeinde Bremen ein Viertel der Aktien zu verkaufen.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Liebe Leserschaft, für Sonntag darf ich Ihnen erneut einen interessanten Gastkommentar ankündigen. Der Autor schreibt über ein Thema, das in Bremen gerne schnell an den Rand geschoben wird. In Wahrheit ist es aber für die gesamte Stadt und Umzu wichtig.