Gastkommentar: Nach PISA und ChatGPT – wie KI das Bildungssystem positiv verändern könnte

13.06.2026 7 Von Axel Schuller

Im heutigen Gastkommentar bietet ein Bremer Wissenschaftler Ideen für Schule und Universitäten an, der zuletzt als Professor für Maschinenbau und Luftfahrttechnik an Hochschulen und Universitäten in Deutschland, der EU und in Asien tätig war: Prof. Dr.-Ing. Bernd Hamacher (77). Durch jahrzehntelange Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten ist er ein Kenner auch von anderen Hochschulsystemen. Seine Beschäftigung mit deutschen Schulen ist in der Sorge begründet, „dass die Fähigkeiten von Eingangssemestern in Mathematik und Naturwissenschaften seit Jahren rückläufig sind – das ist in anderen Ländern anders.“ btw: Der vorige GaKo von Prof. Dr. HO Peitgen ist an diesem Sonnabend von der „Berliner Zeitung“ nachgedruckt worden. Mit Verweis auf bremensogesehen

Prof. Dr. Bernd Hamacher schreibt:

„Bremen wirkt in diesen Tagen wie ein Brennglas. Im jüngst vorgestellten Monitoringbericht heißt es, dass rund zwei Drittel der Drittklässler Probleme beim Lesen haben – ein Befund, der seit dem Jahr 2000 immer wieder auftaucht und bereits lange vor den großen Migrationsbewegungen bekannt und dokumentiert war. IGLU-, PISA- und Länderstudien weisen seit langem auf sinkende Lesekompetenzen in der Grundschule hin, Bremen steht regelmäßig am Ende der Ranglisten. Das staatliche Schulsystem wusste also lange, dass es beim Lesen nicht funktioniert. Es hat Programme und Projekte aufgelegt – und die Abwärtsspirale trotzdem nicht gestoppt. Wenn ein erheblicher Teil der Kinder die Grundschule ohne verlässliche Lesekompetenz verlässt, stellt sich die Frage, ob der Schultyp, wie wir ihn kennen, strukturell überhaupt in der Lage ist, Basiskompetenzen zuverlässig zu vermitteln.

Der Blick auf Erwachsene verschärft das Bild. Nach der LEO-Studie 2018 können 12,1 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren – das sind etwa 6,2 Millionen Menschen – nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben; im Oman liegt dieser Anteil in derselben Altersgruppe bei rund 3 Prozent.

Für ein Land, das sich gern als Nation der Dichter und Denker versteht, ist das ein alarmierender Befund – und ein stiller Skandal. Noch gravierender wird das, wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Anforderungen generative KI an Bildung stellt. 

Ein Schulsystem, das beim Lesenlernen strauchelt, soll Kinder gleichzeitig auf eine Welt vorbereiten, in der der Umgang mit KI selbstverständlich zur Arbeits- und Alltagskultur gehört – das ist mehr als eine Überforderung, das ist ein Widerspruch im System.

Ein Blick in die Hochschulwelt zeigt, wie stark KI Institutionen bereits unter Druck setzt. Generative KI verändert Studienorganisation, Lehre, Prüfungen und das Verständnis wissenschaftlicher Arbeit – und zwar schneller, als Ordnungen geändert werden können. Die Ausgangslage ist paradox: Etwa 37 Prozent der Lehrenden haben bisher praktische Erfahrung mit KI gesammelt, während rund 92 Prozent der Studierenden KI längst alltäglich in Studium, Nebenjobs und Privatleben nutzen. Private Hochschulen reagieren darauf, indem sie Studiengänge und Module neu zuschneiden und KI-first-Programme aufsetzen. Duale Hochschulen integrieren KI-Themen unmittelbar in reale Arbeitsprozesse und erhöhen so den Praxisbezug. Tradierte öffentliche Hochschulen tun sich wesentlich schwerer, weil sie in verrechtlichten Strukturen, starren Prüfungsordnungen und langsamen Entscheidungswegen gefangen sind.

Für die Schulpolitik ist das ein Warnsignal. Unterrichtsorganisation, Fächerkanon, Stundentafeln und Prüfungsformate sind bis in Details normiert; Innovation muss sich durch dichte Regelwerke hindurchkämpfen.

Zugleich ist die Schule mit immer neuen Aufgaben beauftragt – Ganztagsbetreuung, Inklusion, Integration, Medienbildung, Demokratiepädagogik –, ohne dass die zugrunde liegenden Strukturen entsprechend entlastet oder neu zugeschnitten wurden. KI kommt in dieser Lage nicht als Befreiungsschlag, sondern als weiterer Stressfaktor hinzu. Und solange Lesen, Schreiben und Rechnen schon in der Grundschule unsicher sitzen, bleibt jeder Versuch, „digitale“ oder „KI-Kompetenzen“ aufzubauen, ein Bauen auf Sand.

Hier setzt ein forschungsbasiertes Transformationsmodell an: plurale Bildungspflicht für alle, statt einer rein institutionenbezogenen Schulpflicht. Es bündelt Reformvorschläge renommierter Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher – etwa von Remo H. Largo und anderen –, ohne deren politische Umsetzbarkeit bereits vorauszusetzen. 

Bildungspflicht bedeutet in diesem Verständnis nicht die ersatzlose Abschaffung der Schule oder den Rückzug in private Elitenbildung, sondern die Öffnung eines öffentlichen Bildungssystems für mehrere gleichwertige, klar regulierte Bildungswege. Zugelassene Wege könnten öffentliche und freie Präsenzschulen, anerkannte Online- und Hybrid-Schulen sowie organisierte Lernarrangements unter dem Dach akkreditierter Anbieter sein; zusätzlich würden Beiträge außerschulischer Akteure wie Sportvereine, Kultureinrichtungen oder erlebnisorientierten Jugendverbänden in ihrer bildenden Funktion sichtbar und anrechenbar. 

Wichtig wäre, dass alle diese Wege denselben Anforderungen genügen: Anschluss an Bildungsstandards, qualifiziertes pädagogisches Personal, transparente Diagnostik und Prüfungen, belastbare Konzepte für Datenschutz, Jugendschutz und Barrierefreiheit. Externe Evaluation und veröffentlichte Übergangs- und Abschlussquoten wären kein Zusatz, sondern Bestandteil der staatlichen Gewährleistungsverantwortung für Bildung.

Damit dieses forschungsbasierte Transformationsmodell mehr ist als eine grobe Skizze, braucht es eine tragfähige Infrastruktur. Denkbar ist eine öffentliche, digitale Plattform, auf der Lernpfade, Materialien, Diagnostik und Kommunikation zusammenlaufen – zugänglich für alle anerkannten Bildungswege. Adaptive Lernsysteme könnten Aufgaben an Leistungsstand und Lerntempo anpassen, Lernfortschritte sichtbar machen und frühzeitig auf Lücken hinweisen. 

KI-basierte Assistenzsysteme könnten Lehrkräfte bei Erklärungen, Differenzierung und Routinekorrekturen unterstützen, ohne pädagogische Verantwortung zu ersetzen. Klare Leitplanken wären zentral: KI als Werkzeug, keine automatisierte Notenvergabe, Transparenz gegenüber Kindern und Eltern über den Einsatz von KI und strenger Datenschutz.

Politisch wäre ein solcher Umbau anspruchsvoll, aber die Alternative ist, ein überfordertes System mit immer neuen Programmen zu stabilisieren, während sich die Realität weiter entfernt. Bremen zeigt, dass „Weiter so“ im bestehenden Schultyp nicht reicht, um Basiskompetenzen zu sichern und wachsende Heterogenität infolge von Migration und sozialer Ungleichheit aufzufangen. Die Hochschulen zeigen, wie KI starre Institutionen unter Druck setzt und agilere Akteure nach vorne bringt, gerade weil sie Strukturen verändern können. 

Das forschungsbasierte Transformationsmodell einer pluralen Bildungspflicht für alle bietet eine Richtung, wie diese Einsichten auf die Schule übertragen werden können: weg vom Monopol einer einzigen Schulform, hin zu einem öffentlichen Rahmen, der unterschiedliche Bildungswege ermöglicht, Qualität sichert und Chancengleichheit insbesondere für Kinder aus sozial benachteiligten Milieus systematisch stärkt.“

Soweit der Text von Prof. Dr. Bernd Hamacher

Liebe Leserschaft, ich weiß: Mit Bildungspolitik beschäftigt man sich nicht so gern, eher lässt man sie über sich und seine Kinder ergehen. Wohin das führt, sieht man in Bremen seit nunmehr zu vielen Jahrzehnten. Ich hoffe, Bernd Hamacher kann mit seinem Beitrag endlich die notwendige Debatte beflügeln, wie Bremen besser werden kann. Interessant finde ich, wie Bernd Hamacher eine Ausrede der Bildungspolitiker widerlegt. Die schlechten Fähigkeiten zu schreiben, zu lesen und zu rechnen sind in Bremen nicht erst seit der Migrationswelle zu beobachten.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller