Gastkommentar: Nach PISA und ChatGPT – wie KI das Bildungssystem positiv verändern könnte
Im heutigen Gastkommentar bietet ein Bremer Wissenschaftler Ideen für Schule und Universitäten an, der zuletzt als Professor für Maschinenbau und Luftfahrttechnik an Hochschulen und Universitäten in Deutschland, der EU und in Asien tätig war: Prof. Dr.-Ing. Bernd Hamacher (77). Durch jahrzehntelange Zusammenarbeit mit ausländischen Universitäten ist er ein Kenner auch von anderen Hochschulsystemen. Seine Beschäftigung mit deutschen Schulen ist in der Sorge begründet, „dass die Fähigkeiten von Eingangssemestern in Mathematik und Naturwissenschaften seit Jahren rückläufig sind – das ist in anderen Ländern anders.“ btw: Der vorige GaKo von Prof. Dr. HO Peitgen ist an diesem Sonnabend von der „Berliner Zeitung“ nachgedruckt worden. Mit Verweis auf bremensogesehen.

Prof. Dr. Bernd Hamacher schreibt:
„Bremen wirkt in diesen Tagen wie ein Brennglas. Im jüngst vorgestellten Monitoringbericht heißt es, dass rund zwei Drittel der Drittklässler Probleme beim Lesen haben – ein Befund, der seit dem Jahr 2000 immer wieder auftaucht und bereits lange vor den großen Migrationsbewegungen bekannt und dokumentiert war. IGLU-, PISA- und Länderstudien weisen seit langem auf sinkende Lesekompetenzen in der Grundschule hin, Bremen steht regelmäßig am Ende der Ranglisten. Das staatliche Schulsystem wusste also lange, dass es beim Lesen nicht funktioniert. Es hat Programme und Projekte aufgelegt – und die Abwärtsspirale trotzdem nicht gestoppt. Wenn ein erheblicher Teil der Kinder die Grundschule ohne verlässliche Lesekompetenz verlässt, stellt sich die Frage, ob der Schultyp, wie wir ihn kennen, strukturell überhaupt in der Lage ist, Basiskompetenzen zuverlässig zu vermitteln.
Der Blick auf Erwachsene verschärft das Bild. Nach der LEO-Studie 2018 können 12,1 Prozent der deutschsprachigen Bevölkerung zwischen 18 und 64 Jahren – das sind etwa 6,2 Millionen Menschen – nicht oder nur unzureichend lesen und schreiben; im Oman liegt dieser Anteil in derselben Altersgruppe bei rund 3 Prozent.
Für ein Land, das sich gern als Nation der Dichter und Denker versteht, ist das ein alarmierender Befund – und ein stiller Skandal. Noch gravierender wird das, wenn man bedenkt, welche zusätzlichen Anforderungen generative KI an Bildung stellt.
Ein Schulsystem, das beim Lesenlernen strauchelt, soll Kinder gleichzeitig auf eine Welt vorbereiten, in der der Umgang mit KI selbstverständlich zur Arbeits- und Alltagskultur gehört – das ist mehr als eine Überforderung, das ist ein Widerspruch im System.
Ein Blick in die Hochschulwelt zeigt, wie stark KI Institutionen bereits unter Druck setzt. Generative KI verändert Studienorganisation, Lehre, Prüfungen und das Verständnis wissenschaftlicher Arbeit – und zwar schneller, als Ordnungen geändert werden können. Die Ausgangslage ist paradox: Etwa 37 Prozent der Lehrenden haben bisher praktische Erfahrung mit KI gesammelt, während rund 92 Prozent der Studierenden KI längst alltäglich in Studium, Nebenjobs und Privatleben nutzen. Private Hochschulen reagieren darauf, indem sie Studiengänge und Module neu zuschneiden und KI-first-Programme aufsetzen. Duale Hochschulen integrieren KI-Themen unmittelbar in reale Arbeitsprozesse und erhöhen so den Praxisbezug. Tradierte öffentliche Hochschulen tun sich wesentlich schwerer, weil sie in verrechtlichten Strukturen, starren Prüfungsordnungen und langsamen Entscheidungswegen gefangen sind.
Für die Schulpolitik ist das ein Warnsignal. Unterrichtsorganisation, Fächerkanon, Stundentafeln und Prüfungsformate sind bis in Details normiert; Innovation muss sich durch dichte Regelwerke hindurchkämpfen.
Zugleich ist die Schule mit immer neuen Aufgaben beauftragt – Ganztagsbetreuung, Inklusion, Integration, Medienbildung, Demokratiepädagogik –, ohne dass die zugrunde liegenden Strukturen entsprechend entlastet oder neu zugeschnitten wurden. KI kommt in dieser Lage nicht als Befreiungsschlag, sondern als weiterer Stressfaktor hinzu. Und solange Lesen, Schreiben und Rechnen schon in der Grundschule unsicher sitzen, bleibt jeder Versuch, „digitale“ oder „KI-Kompetenzen“ aufzubauen, ein Bauen auf Sand.
Hier setzt ein forschungsbasiertes Transformationsmodell an: plurale Bildungspflicht für alle, statt einer rein institutionenbezogenen Schulpflicht. Es bündelt Reformvorschläge renommierter Bildungsforscherinnen und Bildungsforscher – etwa von Remo H. Largo und anderen –, ohne deren politische Umsetzbarkeit bereits vorauszusetzen.
Bildungspflicht bedeutet in diesem Verständnis nicht die ersatzlose Abschaffung der Schule oder den Rückzug in private Elitenbildung, sondern die Öffnung eines öffentlichen Bildungssystems für mehrere gleichwertige, klar regulierte Bildungswege. Zugelassene Wege könnten öffentliche und freie Präsenzschulen, anerkannte Online- und Hybrid-Schulen sowie organisierte Lernarrangements unter dem Dach akkreditierter Anbieter sein; zusätzlich würden Beiträge außerschulischer Akteure wie Sportvereine, Kultureinrichtungen oder erlebnisorientierten Jugendverbänden in ihrer bildenden Funktion sichtbar und anrechenbar.
Wichtig wäre, dass alle diese Wege denselben Anforderungen genügen: Anschluss an Bildungsstandards, qualifiziertes pädagogisches Personal, transparente Diagnostik und Prüfungen, belastbare Konzepte für Datenschutz, Jugendschutz und Barrierefreiheit. Externe Evaluation und veröffentlichte Übergangs- und Abschlussquoten wären kein Zusatz, sondern Bestandteil der staatlichen Gewährleistungsverantwortung für Bildung.
Damit dieses forschungsbasierte Transformationsmodell mehr ist als eine grobe Skizze, braucht es eine tragfähige Infrastruktur. Denkbar ist eine öffentliche, digitale Plattform, auf der Lernpfade, Materialien, Diagnostik und Kommunikation zusammenlaufen – zugänglich für alle anerkannten Bildungswege. Adaptive Lernsysteme könnten Aufgaben an Leistungsstand und Lerntempo anpassen, Lernfortschritte sichtbar machen und frühzeitig auf Lücken hinweisen.
KI-basierte Assistenzsysteme könnten Lehrkräfte bei Erklärungen, Differenzierung und Routinekorrekturen unterstützen, ohne pädagogische Verantwortung zu ersetzen. Klare Leitplanken wären zentral: KI als Werkzeug, keine automatisierte Notenvergabe, Transparenz gegenüber Kindern und Eltern über den Einsatz von KI und strenger Datenschutz.
Politisch wäre ein solcher Umbau anspruchsvoll, aber die Alternative ist, ein überfordertes System mit immer neuen Programmen zu stabilisieren, während sich die Realität weiter entfernt. Bremen zeigt, dass „Weiter so“ im bestehenden Schultyp nicht reicht, um Basiskompetenzen zu sichern und wachsende Heterogenität infolge von Migration und sozialer Ungleichheit aufzufangen. Die Hochschulen zeigen, wie KI starre Institutionen unter Druck setzt und agilere Akteure nach vorne bringt, gerade weil sie Strukturen verändern können.
Das forschungsbasierte Transformationsmodell einer pluralen Bildungspflicht für alle bietet eine Richtung, wie diese Einsichten auf die Schule übertragen werden können: weg vom Monopol einer einzigen Schulform, hin zu einem öffentlichen Rahmen, der unterschiedliche Bildungswege ermöglicht, Qualität sichert und Chancengleichheit insbesondere für Kinder aus sozial benachteiligten Milieus systematisch stärkt.“
Soweit der Text von Prof. Dr. Bernd Hamacher
Liebe Leserschaft, ich weiß: Mit Bildungspolitik beschäftigt man sich nicht so gern, eher lässt man sie über sich und seine Kinder ergehen. Wohin das führt, sieht man in Bremen seit nunmehr zu vielen Jahrzehnten. Ich hoffe, Bernd Hamacher kann mit seinem Beitrag endlich die notwendige Debatte beflügeln, wie Bremen besser werden kann. Interessant finde ich, wie Bernd Hamacher eine Ausrede der Bildungspolitiker widerlegt. Die schlechten Fähigkeiten zu schreiben, zu lesen und zu rechnen sind in Bremen nicht erst seit der Migrationswelle zu beobachten.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
Herr Professor Dr. Hamacher,
ich habe in Göttingen als Mitarbeiter der Georg August Universität Studenten gehabt, bei denen mussten wir den „gesamten“ Oberstufenstoff in Mathe, Physik und Chemie wiederholen!
Ich war bei Manfred Eigen ( MPI für biophysikalische Chemie).Gab dann auch so’n paar Nobelpreise für den Laden. Dann war ich an der TiHo in Hannover.
Was ich da erleben durfte, spottet jeder Beschreibung!
Die Studies konnten nix, absolut gar nichts!
Wir alle kamen uns vor wie „Nachhilfelehrer“.
Diese Leute sitzen heute, fast 40 Jahre später, als Entscheider in politischen Positionen.
Glauben Sie ernsthaft, dass diese Leute in der Lage sind, Entscheidungen für die Zukunft zu treffen, auch was Ausbildung und Standards angeht?
ich nicht!
Ihr Beitrag als Gastkommentator ist hochinteressant und lesenswert!
Aber leider vergebliche Liebesmühe.
Die 68erger haben alles kaputt gemacht und Gen Z folgt denen..
Vielen Dank an Prof. Dr. Bernd Hamacher für seinen Gastkommentar. Er spricht mir aus der Seele, zumal bereits seit Langem die Analyse der mangelnden Leistungsfähigkeit unseres Bildungssystems bekannt ist. Es gibt kein Erkenntnisdefizit. Und durch KI werden die Probleme nicht kleiner, fußt ein adäquater Einsatz doch auf den gleichen Basiskompetenzen wie sie auch bisher vonnöten waren.
Was wie sein könnte und vielleicht sein müsste, wird zutreffend beschrieben, aber auch das hilft allein nicht. Zum Bildungssystems gehört auch die Kita. Da geht’s schon los. Herr Hamacher fordert qualifiziertes Personal. Richtig, aber das bitte von Anfang an! Die Realität sieht anders aus. In Bremen und nicht nur da, glaubt Politik, dass in Ermangelung von gut ausgebildeten Erzieherinnen und Erziehern auch Menschen mit Kursen von wenigen Wochen Dauer, diese wichtige Erziehungs- und Bildungsarbeit übernehmen könnten. Welch ein fataler Irrtum!
Eltern bitten flehentlich um kleine Gruppen, qualifizierte Mitarbeitende, aber ihr Ruf verhallt ungehört. So wird das Problem von der Kita in die Grundschule verlagert. Dort beginnt die Schulkarriere schon derart ungleich, dass schnell klar ist, Ungleiches kann man nicht gleich behandeln, wenn man als Bildungssystem erfolgreich sein will. Hier schon müsste nachgearbeitet werden, insbesondere im Sprachverständnis, aber auch hier findet keine ausreichende Förderung statt. Entgegen der vorliegenden Erkenntnisse sind die Lerngruppen zu groß und zu heterogen, als dass eine Lehrkraft allein die aus der Kita mitgebrachte Ungleichheit nivellieren könnte. Keine Chance.
Lernberichte verschleiern die tatsächlichen Kompetenzen, d.h. durch strukturelles institutionelles und ehrlicherweise politisch gewolltes Wegschauen wird das Defizit und damit die fehlende Leistungsfähigkeit festgeschrieben, statt behoben.
Die Mängel werden von einer Ebene an die nächste weitergereicht und damit immer weiter vergrößert. Am Ende verlassen mehr als 10% das Bildungssystem ohne Abschluss. Welche Gesellschaft kann das auf Dauer kompensieren?
Es kommen zunehmend mehr Menschen auf den Arbeitsmarkt, die nicht ausbildungsfähig sind. Was passiert mit den Menschen, die ein teures aber ineffizientes Bildungssystem durchlaufen haben? Sie fallen durch alle Raster und landen in den sozialen Sicherungssystemen, und stellen gesellschaftliche Kosten dar, die das System selbst hervorgebracht hat. Aber bald sind ja wieder Wahlen und die Stimmen der Eltern werden gebraucht. Also wird ihnen wieder vorgegaukelt, dass schon viel geschafft und alles besser werden wird. Ein ständig wiederkehrendes Ritual, aber substanzielle Änderungen folgen nicht, wie im Gastkommentar richtig dargelegt wird. Fehlende Differenzierung, antiquierter Fächerkanon, Lernen im gleichen Takt, bei unterschiedlichsten Voraussetzungen machen das Bildungssystem nicht zukunftsfähig, sondern zementieren die bekannten Probleme und der Outcome wird Jahrgang für Jahrgang geringer.
Wann wacht dieses Land endlich auf und weckt Freude an Wettbewerb und Leistung? Das sind die Motoren für Entwicklung! Wir brauchen nicht nur in der Bildung einen ganz großen Wurf, Mut zu radikalen, zukunftsweisenden Veränderungen und wir dürfen als Gesellschaft NIEMANDEN verloren geben, sondern müssen jede und jeden aufs beste fördern. Diese Bildungskosten zahlen sich später vielfach aus. Unser jetzige System wird den Anforderungen schon lange nicht mehr gerecht und hängt das Land der ehemaligen Dichter und Denker immer weiter ab. Wir dürfen uns nicht länger auf den Früchten der Vergangenheit ausruhen, sie sind abgeerntet und verzehrt. Wir müssen neue Früchte anbauen und alle auf dem Weg mitnehmen! Warum also noch immer keine einheitlichen Standards, warum noch immer 16 verschiedene Bildungssysteme in Deutschland, warum noch immer viel zu große Lerngruppen und zu wenig gut qualifiziertes Personal?
Gute Bildung für alle ist das beste Investment. Politik muss die Rahmenbedingungen herstellen. Politik muss im Sinne des Landes und seiner Bürgerinnen und Bürger handeln. Nicht im Sinne der Parteien und der eigenen Macht. Zeit wird’s! Los, auf geht’s!!!
Als ich als ausgebildete Pädagogin (in UK) nach Deutschland kam, hat mich vieles überrascht. Ich bin selber mit vier Jahren eingeschult. Hier hieß es „waaaaaaas, mit vier? Man soll die Kinder ja möglichst bi 6 oder 7 spielen lassen“. Und dass man Kindern Zuckertüten (naja heute mit Bleistiften und Vollkornkeksen) mitgibt, um den blöden Eintritt in die Lernwelt zu versüßen, ist schließlich auch eine Art „Botschaft“.
Ich habe ich mich also, als es die ersten Pisaergebnisse vor 20 Jahren gab, in meiner Einschätzung gerechtfertigt gefühlt. Das System funktioniert nicht oder jedenfalls nicht für alle. Auch der Ausmaß an Nachhilfe hat mich damals entsetzt. Bildungserfolg hängt offenbar davon ab, ob die Eltern teure Nachhilfe bezahlen können. Vor 40 Jahren haben wir uns in UK in der Lehrerausbildung mit Themen beschäftigt, die möglicherweise noch heute kaum in der hiesigen Lehrerbildung vorkommen, d.h. das Lehrer Mädchen und Jungen subtil anders behandeln und dass man das tunlichst lassen sollte oder dass man z. B. von schwarzen Kindern nicht den Vorurteil haben sollte, sie können nur Sport und Musik.
Als ich dann erfahren habe (vor nicht allzu lange Zeit), dass Abiturprüfungen über zwei Tage geschriben werden, bin ich fast vom Stuhl gefallen. Bei uns liefen schon die „O“ Levels (heute GCSE, mit 15-16) über Wochen und für jedes Fach wurden mehrere zwei oder dreistündige „Papiere“ geschrieben. Schon für den „O Level“ in Chemie gab es eine vierstündige praktische Prüfung im Labor. Die „Papiere“ werden von externen Prüfern geprüft. Schon damals hat man seine Nummer eingetragen, so dass der Prüfer nicht sehen konnte ob man Muhammed oder Robert heißt. Bei Sprachen waren mündliche Prüfugen (durch Exterene) schon für die „O Levels“ Pflicht. Und Ganztagsschule ist normal. Schule geht bis 15:00h (Grundschule) oder 16:00h (weiterführende Schule). Ich selber kann um 17.00h nach einer langen Busfahrt nach Hause, habe Abendbrot gegessen und dann gab es noch 2-3 Stunden Hausaufgaben.
Ich habe während des praktisch ausgerichteten Studiums (PGCE) in Barnsley während des Bergarbeiterstreiks unterrichtet. Dann habe ich zwei Jahre in einer Brennpunktschule neben einem gerade geschlossenen Stahlwerk gearbeitet. Schon damals gab es Gewalt und die Kinder haben Klebstoff geschnüffelt. Nicht alle aber es gab welche. Das Kollegium hat zusammengehalten. Es gab Disziplinsysteme. Zum Beispiel – wenn Kinder in der Klasse nicht ruhig waren haben wir sie mit Aufgaben zu einem älteren Kollegen geschickt. Dort saßen sie hinten in der Klasse und haben Aufgaben gelöst.
Zum Glück habe ich hier in Deutschland nicht im Bildungssystem arbeiten können, denn es gab mehr als genug Lehrer und ich bin in die Industrie gegangen. Es wird sich in Deutschland nach meiner Einschätzung nie etwas ändern. Warum denn auch? Die meisten Lehrer sind ja verbeamtet. Es gibt soweit ich beurteilen kann in Schulen keine richtigen Vorgesetztenstrukturen oder effektive Bewertungssysteme für Schulen/Lehrer (wie Ofsted).
Ich lass mich gern berichtigen. Vielleicht habe ich vieles falsch verstanden oder meine Beobachten gelten nur für Bremen und in den übrigen Ländern ist es anders.
Guten Tag Herr Hamacher, schön, mal wieder etwas von Ihnen zu lesen. Wie Sie sich vielleicht erinnern können, gehöre ich selbst zu einer Generation, in der das Schulsystem schon ziemlich marode war. Und da ich – wie einige andere Ihrer Studenten – auf dem zweiten Bildungsweg zum Studium gekommen bin, habe ich das System aus unterschiedlichen Blickwinkeln „genossen“, vor allem aber überwinden müssen. Dazu habe ich jahrelang mit einer Lehrerin zusammengelebt und als Empfänger von Bewerbungen teilweise groteske Inkompetenz erlebt – aber natürlich auch sehr gute Bewerber gesehen.
Sie haben ja eine schöne Liste mit „Kompetenzen“ geliefert, was die Schule offiziell alle erreichen soll. Das hat alles wenig mit Lesen, Schreiben und Rechnen zu tun. Inklusion diente vor allem dazu, Geld für Sonderschulen zu sparen. Integration muss scheitern, wenn die Kinder von Migranten die Mehrheit in den Klassen stellen. Medienbildung läuft darauf hinaus, dass große Marken und Faktenchecker als gut dargestellt werden. Demokratiepädagogik in einem System, das im Kern hierarchisch, autoritär und selektiv ist, muss ein böser Witz bleiben. Hinzu kommt, dass es auch intern sehr unfreundlich gegenüber den Mitarbeitern ist. Dort werden psychische Krankheiten beim Personal geradezu gezüchtet.
Man kann leider davon ausgehen, dass die 7,8 % der Abgänger ohne Schulabschluss (in Bremen 10,6 %) und 16,7 % mit Hauptschulabschluss nicht ausbildungsfähig sind. Da die potentiellen Arbeitsplätze für diese Menschen wegrationalisiert wurden oder ins Ausland verlagert sind, ist das ein ernstes Problem für die Stabilität der Gesellschaft.
Gleichzeitig ist die Abiturquote sehr hoch, und es besteht der Verdacht, dass nicht selektiv genug geprüft wird ob das die Richtigen sind. Über den vielfältigen Problemebenen steht der Eindruck, dass die verantwortlichen Politiker und Beamten nicht im Zentrum der Wahrheit stehen und von dieser Position aus versuchen, ideologische Ziele durchzusetzen oder bis zur Pension durchzuhalten. Das kann nur scheitern.
Insofern ist Ihr Vorschlag interessant, das System für neue Ansätze zu öffnen. Ich befürchte jedoch, dass das Problem im unteren Bildungssegment so nicht gelöst wird, weil wahrscheinlich nur Kinder von Eltern mit hoher Bildungsmotivation davon profitieren werden. Im Moment versucht der Staat, der Instabilität durch Massenüberwachung und Repression statt durch eine Bildungsoffensive entgegenzutreten.
Da die aktuellen politischen Akteure selbst ein Teil der Bildungsmisere sind, traue ich denen nicht zu, dass sie das Problem auch nur richtig verstehen.
Ich habe so einige „Versionen“ des deutschen Schulsystems hautnah erleben „dürfen“:
a) ich selbst: „Boomer“, aufgewachsen in „Hessisch-Sibirien“, also im ost-hessischen Zonenrand-Gebiet. Kleines Gymnasium kurz nach meinem Abi geschlossen zu Gunsten einer „Integrierten Gesamtschule“. Noch keine Leistungskurse, „klassisch“, allerdings dank der Initiative u.a. meines Vaters wahlweise Französisch als zweite Fremdsprache statt des IMHO überflüssigen Lateins (dient doch nur zum Angeben mit auswendig gelernten Floskeln). Einige engagierte Lehrer, wir lernten auch Dinge für den „Alltag“: Steuer-System usw., auch viel über unsere Nachbar-Länder. Und zusätzlich zu „Goethe“ kam im Deutsch-Unterricht vor allem Böll, Kipphardt usw. Ach ja: Grundschule (ich rede von 1964 bis 1967!): wir hatten mehrere Wochenstunden „Werk-Unterricht“ – Mädels und Jungs gemeinsam! Und da lernten wir spielerisch sowohl z.B. wie herum Schrauben fest- und wieder los-gedreht werden, aber auch stricken und häkeln! UND: die „Grünen“ gab es zu der Zeit noch gar nicht, wir lernten aber z.B., wie im 19. Jahrhundert London im „Pferdemist erstickte“ oder was das massive Abholzen von Wäldern wegen Schiffbau im Mittelalter in Ost-Europa angerichtet hat. Und schon in der Grundschule kam die „Vier-Felder-Wirtschaft“ dran – und die Probleme, die eine Mono-Kultur verursachen kann. Und alles ohne den „erhobenen Zeigefinger“.
b) Anfang dieses Jahrhunderts: Sohn ist in der Oberstufe auf einem bayrischen Gymnasium. Sehr wenig „Allgemeinbildung“, dafür in Physik und Mathe Dinge, die bei mir in den ersten vier Semestern vorkamen (Elektrotechnik/Nachrichtentechnik TU München!).
c) wieder einige Jahre später (2019), jetzt in Bremen: älterer Sohn meiner neuen Partnerin macht „hier“ Abi: schon vorher in den zwei Jahren, die wir uns kannten, dachte ich immer wieder „Stiefsohn, gehst Du zur Schule oder zu einem Beschäftigungskreis?“. Das war weder (überholte) „klassische Bildung“, auch keine „Allgemeinbildung“ und schon gar nicht dieses „Mit-Wissen-Vollstopfen“ à la Bayern. Das war IMHO „Beschäftigungstherapie“. Der jüngere Stiefsohn machte Fach-Abi, allerdings in Delmenhorst. Und das war beinahe noch krasser…
Um a) und c) zu „verbinden“: den beiden Stiefsöhnen (zu der Zeit 16 und 18) musste ich erst einmal beibringen, wie herum man eine Schraube anzieht (nein, keine Übertreibung, Realität!). Und sowie es beim PC oder „Schmarrnphone“ ans „Eingemachte“ ging, waren sie auch total überfordert…
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Allerdings, einen „Lichtblick“ gibt es IMHO: mit meiner inzwischen Ex-Partnerin habe ich 2023/24 diverse Workshops in der Überseestadt für Kids abgehalten (Schwerpunkt Musik/R’n’B, sie ist Musikerin). Teilnehmende Kids: so zwischen 6 und 12, kein einziges „bio-deutsches“ Kid dabei (obwohl offen ausgeschrieben). Die Kids: durch die Bank min. zweisprachig (deutsch und englisch oder französisch, meistens auch noch Muttersprache der Eltern). Frech, wild, aber begeisterungsfähig und intelligent, viele kamen auch sofort mit unserem eher professionellen Musik-Equipment zurecht und meine professionelle Kamera machte ihnen auch keinerlei Probleme… Wir müssen unter allen Umständen verhindern, dass solche Kids (egal, woher sie stammen!) in „dunkle Kanäle“ abdriften… Wenn wir das schaffen, dann haben wir mit 1,5 Jahrzehnten „Wartezeit“ vielleicht endlich die versprochenen Fachkräfte…
KI ist nicht KI. Ich bin da auch kein Experte, bin aber auf einigen Gebieten Experte,
( Alte Videotechnik, Laserdiscs, US s/w Comics, Nordkorea, DDR Blockparteien, Filmmusik, alte Home Computer )
Und ich habe der Google KI spezielle Fachfragen gestellt, die Fehlerquote lag bei erschreckenden 40-60 Prozent.
Wenn ein Schüler dies dann so überträgt, ohne weiter zu recherchieren, dann kann er das Schuljahr gleich freiwillig wiederholen. Aber auch bei breiteren Themen, z.B. Parteiensystem in der BRD in den 50er Jahren, lag die Fehlerquote immer noch bei 1/4..
Also schlägt Wikipedia locker die KI, zumindest diese.
Wie sind die Erfahrungen mit anderen KI Systemen ?
Hallo Herr König, LLMs sind Wahrheitsmaschinen – zumindest wird das faktisch kaum hinterfragt.
Ich nutze sehr viel Grok und manchmal ChatGPT, habe aber auch schon andere Modelle ausprobiert. Der entscheidende Unterschied liegt im Raum, den das jeweilige LLM überhaupt vermessen hat, also in den Trainingsdaten. Hinzu kommt das menschliche Fine-Tuning – die Frage, was als gute oder schlechte Antwort gilt. Im Kern basiert das meiste auf dem öffentlichen Internet. Investigative Bücher tauchen dabei meist nur über Rezensionen auf, es gibt also sehr viele dunkle Flecken.
Da die Suchergebnisse von Google schon lange nicht mehr wirklich überzeugend sind, ist auch deren LLM vermutlich eher schwach – genauso wie der Copilot von Microsoft. Zudem hängt sehr viel von der Qualität der Fragestellung ab. Ohne Vorwissen über den zu erkundenden Sachverhalt erhält man oft nur oberflächliche Ergebnisse, die leicht als falsch interpretiert werden können.
Andererseits ist das Wissen vieler Lehrer oft so schlecht und uninspiriert, dass schon eine oberflächliche Befragung eines guten LLMs deutlich weiterführt. Der unreflektierte Einsatz von LLMs in der Schule ist womöglich eher negativ. Man sollte sich dort lieber mit Klassikern wie Goethe, Marx, Le Bon oder Orwell beschäftigen – das führt zu den richtigen Fragen. Ist das überhaupt gewollt? – Ich glaube eher nicht.
Und dann gibt es noch die grundsätzliche Frage: Was ist eigentlich wahr? Ist das, was z. B. Antony C. Sutton über die Entstehung des Dritten Reichs oder der UdSSR schreibt, wahr? Man kann dem LLM übrigens auch explizit sagen, dass es einen mit Kategorien wie „Verschwörungstheorien“ verschonen und Informationen neutral behandeln soll – und dann hält es sich meist auch daran. Das führt dann auch zu unbequemen „Wahrheiten“.
Hier ist das Buch von Ullrich Mies – Gespräche mit der KI. Kritik aus dem Maschinengeist. Totalitäre Abgründe, sehr interessant.
Ein LLM ist wie jedes andere Medienprodukt: Es macht intelligente Menschen leistungsfähiger und dumme Menschen dümmer.