Gastkommentar: Ich war einer von vierhundertachtundsechzig…

20.06.2026 27 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, Dieter Winge hat an dieser Stelle vor drei Wochen einen Gastkommentar zur geplanten Alstom-Werkstatt in Oslebshausen veröffentlicht. Er hat sich ferner (mit anderen) um die Wiederentdeckung des „Russenfriedhofs“ auf dem Grundstück verdient gemacht. Heute schreibt er – Achtung, etwas Besonderes – aus Sicht eines der vielen Toten, die an der Reitbrake vergraben und gefunden wurden.

Dieter Winges „Gastkommentar“ erscheint einen Tag vor dem 85. Jahrestag des Deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Am 22. Juni 1941 marschierte die Deutsche Wehrmacht mit 3,3 Millionen Soldaten die Sowjetunion auf breiter Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ein – obwohl seit 1939 ein „Nichtangriffspakt“ zwischen Berlin und Moskau bestand. Deutschland begann den brutalen Vernichtungskrieg (Deckname „Unternehmen Barbarossa“ ) ohne vorherige Kriegserklärung. Die Sowjetunion verlor im Zweiten Weltkrieg rund 27 Millionen Menschen – davon schätzungsweise 15 bis 19 Millionen Zivilisten. Diese Zahlen mögen Russlands Unverständnis darüber erklären, dass Deutschland mittlerweile Hauptfinanzier und Waffen-Lieferant der Ukraine ist.

Dieter Winge schreibt im Namen eines Toten. Das Foto hat die Bürgerinitiative am Bahndamm erstellt:

„Mein Name war einer von vierhundertachtundsechzig, deren Spur sich noch in Archiven fand. Wir waren mehr. Achthundert, schätzte der Bremer Senat 1947. Namen auf Listen, die niemand mehr liest. Ich war Sowjet. Heute streiten sich Russen und Ukrainer über meine Nationalität. Es soll auch Juden unter uns gegeben haben.

Ich starb im Winter 1941.

Im Juni, vor fünfundachtzig Jahren, hatte die Wehrmacht meine Heimat überfallen. Man deportierte uns in offenen Waggons nach Westen. In den Lagern gruben wir mit bloßen Händen Löcher in die Erde, um vor Kälte und Regen zu überleben. Wir schälten Rinde von Bäumen und aßen sie. In Bremen mussten wir arbeiten: in den Munitionsfabriken der Neustadt, bei Borgward, im Bahn- und Straßenbau. Der Bremer Bausenator wollte uns. Für uns galten weder die Genfer Konvention noch die Haager Landkriegsordnung. 

Die anderen bekamen Brot. Wir bekamen Fleckfieber. Bis Dezember waren dreihunderteinundsiebzig tot.

Zu Hause galten wir längst als Verräter. Stalins Befehl Nr. 270 erklärte Kriegsgefangene zu Schuldigen. Unsere Familien wurden geächtet, bekamen nichts und mussten mit der Schande leben. Niemand wusste, wo wir waren. Niemand wusste, wie wir starben.

Sie verscharrten mich im Wesersand an der Reitbrake. Ein Friedhof? Ja. Aber nur Sand, Gleise und Ödland für einen geplanten Hafenbahnhof. Die Zeit sollte uns auslöschen. Aber sie tat es nicht.

1948 kamen Arbeiter des Gartenbauamtes mit Spaten. Ein Arzt des Hauptgesundheitsamtes schrieb an den Senat, die dort begrabenen Russen machten die Arbeit durch ihren Geruch zu einer „wirklich unästhetischen Tätigkeit. Eine Sonderzulage wurde empfohlen. Das Wort Würde taucht nicht auf.

Beim Herausreißen rissen Hände und Füße der Toten ab. Sie blieben im Boden zurück. Der Rest kam in ein Massengrab nach Osterholz. Niemand schrieb unseren Familien.

Am 16. November 1992 berichtete der Weser-Kurier über achthundert sowjetische Kriegsgefangene in Oslebshausen und darüber, dass noch Tote an der Reitbrake liegen könnten. Einen Monat später unterzeichneten Deutschland und Russland ein Kriegsgräberabkommen. Es versprach uns Würde. Doch an diesem Ort geschah nichts.

Am 22. Juni 2021, achtzig Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, kamen eine Senatorin und die Landesarchäologin. Ich hoffte, nun würde alles anders.

Sie fanden fünfundsechzig Kameraden und mich. Neunundzwanzig lagen in einem Massengrab. Neun weitere unter einer Rampe in fast vier Metern Tiefe. Ein Zehnter darüber, sein rechtes Bein bereits 1948 mitgenommen.

Doch dreihundert blieben im Boden.

Seit fünf Jahren liege ich nun, verteilt in Plastikbeuteln, in einer Lebensmittelkiste. Ein DNA-Abgleich zur Suche nach meiner Familie sei zu teuer. Statt eines forensischen Anthropologen untersucht ein Archäozoologe meine Knochen, ein Spezialist für Tiere. In Osterholz sucht niemand nach Erkennungsmarken. Niemand sucht nach unseren Namen. So ernst ist es ihnen damit, uns unsere Identität zurückzugeben.

Dort geht es nicht mehr um Identität. Nicht mehr um Würde.

Auf unserem Grabfeld soll nun eine Bahnwerkstatt entstehen. Ausgerechnet für Alstom, dessen Vorgängerbetrieb Linke-Hofmann-Werke in Breslau Zwangsarbeiter aus dem KZ Groß-Rosen einsetzte. Vielleicht kam ich selbst in einem ihrer Waggons hierher.

Derselbe Konzern bezahlte die Grabungen. Baufeldfreimachung.

Und über den Knochen meiner noch immer dort liegenden dreihundert Kameraden sollen künftig Züge gewartet werden. Gedankenloser kann man Geschichte kaum überbauen.

Das Kriegsgräbergesetz galt. Doch die Verfahren nach §§ 6 und 8 Gräbergesetz wurden nach Angaben der Kläger „weder beantragt noch geprüft“. Dabei bleibt die entscheidende Frage: Wenn dort noch Tote liegen, dann ist es eine Kriegsgräberstätte. Und wer dort gräbt, berührt womöglich auch die Totenruhe.

Wenn niemand einschreitet, wird auf unseren Gräbern gebaut.

Im März 2025 klagten Friedensforum, VVN-BdA und die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu vor dem Verwaltungsgericht Bremen.

Ich kann dazu nichts mehr sagen.

Ich bin tot.

Meine Familie weiß bis heute nichts von mir. Und dort, wo ich geboren wurde, ist wieder Krieg.

Vielleicht ist das das Bitterste: Dass Menschen zweimal verschwinden können. Erst durch Gewalt. Und dann durch Gleichgültigkeit.

Soweit der Text von Dieter Winge

Es folgen ein paar Erläuterungen zum Autor.

Dieter Winge (63) ist Sprecher der Bürgerinitiative Oslebshausen und Umzu sowie Fraktionssprecher der Linken im Beirat Gröpelingen.

Gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Ekkehard Lentz hat er auf Grundlage der Forschungen von Harry Winkel und Peter Michael Meiners die in Vergessenheit geratene sowjetische Kriegsgräberstätte, von den Nationalsozialisten despektierlich „Russenfriedhof“ genannt, wiederentdeckt und die archäologischen Grabungen angestoßen. 

Diese förderten Einzel- und Massengräber mit 66 vollständigen Skeletten, über 20.000 Knochenfragmenten und mehr als 200 Erkennungsmarken zutage; 468 NS-Opfer wurden von Lentz und Winge namentlich identifiziert. Nach ihrer Auswertung der historischen Befunde sprechen erhebliche Indizien dafür, dass sich noch bis zu 300 weitere Leichname im Boden der Reitbrake befinden könnten. 

Winge vertritt die Bürgerinitiative auch in den laufenden rechtlichen Auseinandersetzungen. Gemeinsam mit dem Friedensforum und dem Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) setzt er sich gerichtlich dafür ein, das Bauvorhaben der Bahnwerkstatt an diesem Standort zu stoppen und stattdessen von Amts wegen einen würdevollen, völkerrechtskonformen Gedenkort zu sichern.

Liebe Leserschaft, das war – zum sonntäglichen Frühstück – bestimmt eine ungewohnte Herausforderung

Ich habe mich gleichwohl für die heutige Veröffentlichung entschieden, weil Nazi-Deutschland morgen vor 85 Jahren die damalige Sowjetunion überfallen hat. Und, weil ich bekanntlich ein unverbesserlicher Träumer bin, der auch weiterhin auf ein Ende des schrecklichen Krieges in der Ukraine am Verhandlungstisch statt auf dem Schlachtfeld setzt.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller