Gastkommentar: Kinder oder Betongold? Was Elternschaft kostet – und was Vermögensaufbau stattdessen bringt

27.06.2026 18 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, na, nach dieser Überschrift schon tief Luft geholt? Meiner heutiger Gastkommentator stellt zwei Alternativen gegenüber, wie man sein Geld „anlegen“ kann: In Kinder oder Eigentum. Hört sich brutal an, ist aber eine legitime Frage. Was bei dieser Rechnung häufig vergessen wird: Kinder bereiten (im besten Fall) viel Freude. Und: Ohne Kinder hat unsere Gesellschaft keine Zukunft. Hartmut Paul (übrigens selbst Vater von 2 Kindern) hat dennoch einmal die für unsere Gesellschaft wichtige Rechnung angestellt. Bitte bedenken: Es ist eine Modellrechnung mit immer gleichen Größen (Kosten für Kinder, Zins, Steuersätze etc.) Liebe Leserschaft, lassen Sie sich vom Rechenergebnis überraschen. Paul (70) ist Diplom-Psychologe, war als freiberuflicher Berater für Planung und Organisation in Profit- und Non-Profit-Organisationen tätig.

Hartmut Paul schreibt:

„Die gesetzliche Rente ist unter Druck. Mit Mühe hat sich die Koalition darauf verständigen können, das aktuelle Rentenniveau über die nächsten Jahre stabil zu halten. Als zukünftiger Königsweg für ein sorgenfreies Alter gilt die Ergänzung der umlagefinanzierten Rente durch private Kapitalbildung. Das klingt vernünftig. Es ändert allerdings nichts an der Hauptursache der Rentenproblematik: Einer schrumpfenden Zahl von Beitragszahlern stehen immer mehr Beitragsverzehrer gegenüber.

Deutschland wieder steigende Geburtenraten zu bescheren, ist eine gesellschaftspolitische Aufgabe, die aus dem Blickfeld geraten scheint. Dabei ist dies in der jüngeren Vergangenheit schon einmal gelungen. 2006 lag die Geburtenziffer bei 1,33. Nach Einführung des Elterngeldes stieg sie kontinuierlich bis 2016 auf 1,56.

Die Wirkung des Elterngeldes zeigt, wie wichtig ökonomische Faktoren für die Entscheidung für oder gegen Kinder sind. Seit 2022 ging die Geburtenziffer wieder zurück auf das Niveau von 2006. Corona, der Krieg in der Ukraine, der Krieg im Nahen Osten, Inflation, steigende Wohnkosten, unsichere Zukunftserwartungen: All das hat die wirtschaftliche Lage und das Sicherheitsgefühl vieler junger Menschen drastisch verschlechtert.

Nur wenige werden vor der Entscheidung für Kinder wirklich nachrechnen, welche finanziellen Folgen diese Entscheidung für ihr Leben hat. Als Gesellschaft kann man sagen: Was für ein Glück! 

Täten junge Paare das und würden sich fragen, ob es nicht besser wäre, statt in Kinder in den privaten Vermögensaufbau zu investieren, würde die Geburtenrate in der gesellschaftlichen Mitte vermutlich noch weiter gegen Null tendieren.

Denn genau darum geht es: Was kostet es, Kinder zu haben? Was bringt dies für die eigene Altersversorgung? Und was käme heraus, wenn man dieselbe Summe stattdessen konsequent in Vermögensbildung steckt?

Zwei Paare, ein Einkommen, zwei Lebenswege

Ein modellhafter Vergleich macht das Problem sichtbar.

Zwei junge Ehepaare im Jahr 2024. Beide sind 30 Jahre alt. Beide haben dasselbe Einkommen. Beide verfügen über 80.000 Euro zu versteuerndes Einkommen im Jahr.

Das eine Paar entscheidet sich für zwei Kinder, Zwillinge, die es bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres großzieht. 

Das andere Paar bleibt kinderlos. Es leiht genau die Summe, die das Elternpaar über 18 Lebensjahre für seine Kinder ausgibt, und verwendet sie für den Kauf einer vermieteten Wohnung.

Beide Paare beziehen über 18 Jahre konstant dasselbe Einkommen. Das Paar mit Kindern erhält konstant dasselbe Kindergeld. Die Kinderkosten werden über 18 Jahre gleich angesetzt. Das Paar mit der vermieteten Wohnung kalkuliert mit gleichbleibender Nettomiete, gleichbleibendem Wohnungswert, gleichbleibenden Bankzinsen und gleichbleibendem Steuerrecht.

Kinder kosten Geld, und zwar Monat für Monat.

Das Elternpaar bekommt Zwillinge. Sie verlassen mit 18 Jahren das elterliche Nest.

Nach Abzug des Kindergeldes kostet ein Kind rund 678 Euro im Monat. Bei zwei Kindern sind das 1.356 Euro monatlich. Über 18 Jahre, also über 216 Monate, summiert sich das auf 292.896 Euro. Gerundet: 293.000 Euro.

Zur Rechnung: Das Statistische Bundesamt bezifferte die durchschnittlichen Konsumausgaben für ein Kind 2018 auf 763 Euro im Monat. Bis 2024 hat die Inflation mit 21,6 Prozent zugeschlagen. Daraus werden 928 Euro pro Kind. Davon gehen 250 Euro Kindergeld ab. Verbleiben 678 Euro pro Kind und Monat. Bei zwei Kindern sind das 1.356 Euro. Multipliziert mit 216 Monaten ergibt das 292.896 Euro.

Man kann über jede einzelne Annahme streiten. Zur Veranschaulichung von Größenordnungen reichen die hier getroffenen statischen Annahmen aus.

Das Gegenmodell: Statt Kinderkosten eine Wohnung vermieten

Das kinderlose Paar nimmt dieselbe Summe, also 293.000 Euro, bei der Bank als Kredit auf und kauft eine Wohnung, die es vermietet.

Der Zinssatz für das Annuitätendarlehen mit vollständiger Tilgung beträgt 3,63 Prozent, die Laufzeit 18 Jahre.

Miete und Steuern verändern die Rechnung

Das kinderlose Paar zahlt für Kredit und Tilgung monatlich 1.848 Euro. Das ist zunächst mehr als die 1.356 Euro, die das Elternpaar für seine beiden Kinder aufwendet.

Bei einer Bruttorendite von 3 Prozent erzielt die Wohnung jährlich 8.790 Euro Miete, also rund 732 Euro im Monat. Dadurch sinkt die tatsächliche Belastung bereits auf 1.116 Euro monatlich.

Ab jetzt liegt das kinderlose Paar unter den laufenden Kosten des Elternpaars.

Die Schuldzinsen und die Abschreibung auf die Wohnung setzt das Paar von den Einkünften ab. Dies führt zu einer Steuerersparnis von 322 Euro im Monat.

Die monatliche Belastung sinkt dadurch von 1.116 Euro auf 794 Euro.

Damit stehen am Ende 1.356 Euro Kinderkosten einer Immobilienbelastung von 794 Euro gegenüber. Das kinderlose Paar hat Monat für Monat rund 560 Euro mehr zur Verfügung.

Kinderlos baut Vermögen auf

Nach 18 Jahren: Das kinderlose Paar besitzt eine schuldenfreie Wohnung im Wert von 293.000 Euro. Hinzu kommt ein potenzieller Ansparbetrag von 120.960 Euro (560 € x 12 Monaten x 18 Jahren). Zusammen knapp 414.000 Euro Vermögensvorsprung für das kinderlose Paar.

Das Elternpaar bekommt etwas mehr Rente

Auch das Elternpaar geht nicht leer aus. Pro Kind werden in der gesetzlichen Rente drei Entgeltpunkte für Kindererziehung angerechnet. Ein Entgeltpunkt hatte 2024 einen Wert von rund 40 Euro. Je Kind werden also rund 120 Euro zusätzliche Monatsrente fällig. Bei zwei Kindern sind das 240 Euro im Monat.

Über 20 Jahre Ruhestand, also bis zu einem gemeinsamen Lebensalter von 87 Jahren, ergibt das 57.600 Euro.

413.960 Euro Vermögensvorsprung bis zum Alter von 48 Jahren auf der einen Seite, 57.600 Euro zusätzliche Rentenleistung ab einem Alter von 67 Jahren auf der anderen Seite. Man muss kein Finanzmathematiker sein, um zu sehen, was das bedeutet.

Nicht die Rechnung ist zynisch. Die Regeln sind es.

Was für das einzelne Paar ökonomisch rational ist, ist für die Gesellschaft verheerend. Wenn alle dem Modell „Betongold statt Kinder“ folgen, fehlt im Anschluss die Generation, von deren lebendiger Arbeit als Rentner alle leben wollen.

So richtige Freude haben unsere Immobilienbesitzer nur an ihrem Vermögen, wenn sie möglichst wenige Nachahmer finden. Sie brauchen genügend Romantiker in ihrer Generation, die den Nachwuchs großziehen, dessen volkswirtschaftliche Leistung sie später mit ihrem Vermögensvorteil genießen wollen.

Das ist der unausgesprochene Generationenvertrag der privaten Vermögensbildung: Ich spare für mich. Andere bekommen die Kinder, die meine Ersparnisse später werthaltig machen.

Das eigentliche Problem: Der Sozialstaat braucht Kinder.

Den jungen Leuten vorzumachen, ihr Altersvorsorgeproblem lasse sich dadurch lösen, dass man ihre Rentenbeiträge niedrig hält und ihre private Kapitalbildung fördert, ist eine zynische Irreführung.

Private Vorsorge kann individuell sinnvoll sein. Gesellschaftlich ersetzt sie keine Kinder. Sie verschiebt nur Ansprüche in die Zukunft. Ob diese Ansprüche dann noch eingelöst werden können, hängt nicht von ETF-Sparplänen oder Immobilienkrediten ab. Es hängt davon ab, ob es in Zukunft genügend Menschen gibt, die arbeiten und Wert schaffen.

Bessere Bedingungen, auch soziale Privilegierungen, für Paare mit Kindern sind deshalb das Gebot der Stunde.

Ach, was sage ich: Sie waren schon das ungehörte Gebot der vergangenen Jahrzehnte.

(Zur sozialpolitischen Einordnung empfehle ich unter anderem Jürgen Borchert, Sozialstaatsdämmerung, München 2014, sowie Veröffentlichungen des Deutschen Familienverbandes und von Familienarbeit heute.)“

Soweit der Text von Hartmut Paul.

Liebe Leserschaft, nach dem vorigen hoch-emotionalen Gastkommentar (ein Toter schreibt…) heute etwas mathematisch Sachliches. Ist es das wirklich? Kinder kriegen und Kinder haben ist zum Glück auch etwas wunderbar Emotionales. Manchmal anstrengend, aber das eigene Leben ungemein bereichernd.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Fast hätte ich ich es vergessen: Schauen Sie sich die Leserkommentare zum vorigen Verkehrsstück an. Sensationell. Ich würde sagen: Das wirkt teilweise fast schon wie Material für einen Parlamentarischen Untersuchungsausschuss (PUA).