Gastkommentar: Elisabeth Motschmann bittet um Unterstützung der „Glocke“
Die „Glocke“-Erweiterung und Modernisierung könnte am Geld scheitern. Die ehemalige Bremer Bundestagsabgeordnete Elisabeth Motschmann hatte es zum Ende ihrer Mandatszeit geschafft, dem Haushaltsausschuss 40 Millionen Euro für die Glocke „aus den Rippen zu leiern“. Bedingung: Bremen muss 40 Millionen dazupacken. Das schafft das klamme Bremen nicht. 20 Millionen – dann verließen „sie“ ihn. Die Glocke-Fans setzen nun auf spendierwillige Bremerinnen und Bremer. Motschmann nutzt die Chance, im heutigen Gastkommentar um reichhaltige Unterstützung zu bitten.

Elisabeth Motschmann schreibt:
„Die Glocke wird nicht konkurrieren können mit der Elbphilharmonie in Hamburg, aber sie könnte eine – wenn auch bescheidenere – „Weserphilharmonie“ werden. Es ist ein exponiertes Projekt: die notwendige Sanierung der Glocke und der Bau eines dritten Konzertsaals. Aber es ist ein lohnendes Projekt. 40 Millionen Euro hat der Haushaltsausschuss des Bundes dafür bereitgestellt. Das war mühsam erkämpft und keine Selbstverständlichkeit.
Die Glocke ist eines der bedeutendsten Konzerthäuser Deutschlands mit einer viel gelobten Akustik. Weltstars wie z.B. Mezzosopranistin Cecilia Bartoli schätzen diesen Konzertsaal und lassen sich gerne für einen Konzertabend engagieren. Die Glocke ist das Stammhaus – man könnte auch sagen die Heimat – des Philharmonischen Staatsorchesters und längst auch für die Deutsche Kammerphilharmonie. Die Bremerinnen und Bremer lieben die besondere Atmosphäre der Glocke. Sie ist die „Herzkammer“ des musikalischen Erlebnisses.
Soweit so gut. Aber eine Einschränkung gibt es doch: Die junge Generation ist bei den Veranstaltungen zu schwach vertreten. Das liegt nicht nur am Programm. Die Nutzungsmöglichkeiten für das Haus sind begrenzt. Ein Generationswechsel ist das Gebot der Stunde. Die Glocke muss fit gemacht werden für Zukunft.
Das kann sich durch einen dritten, modernen vielseitig nutzbaren Konzertsaal ändern.
Ein breiteres Publikum kann angesprochen werden durch ein erweitertes Programm. Die Glocke wird nicht konkurrieren können mit der Elbphilharmonie in Hamburg, aber sie könnte eine – wenn auch bescheidenere – „Weserphilharmonie“ werden, eine Veranstaltungsstätte für jung und alt, ein kultureller Leuchtturm im Zentrum von Bremen, ein Anziehungspunkt „buten un binnen“.
Das hat der Senat zum Glück erkannt und setzt sich für das Projekt Sanierung und Ausbau der Glocke ein. Die zuständige Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt hat in einem Schreiben auf ihrer Website um Spenden für die Glocke gebeten: „Die Glocke ist weit mehr als ein Konzertsaal, sie ist ein Ort der Begegnung der kulturellen Vielfalt und gemeinsamer musikalischer Erlebnisse im Herzen Bremens.“
Die Innenstadt wäre neben dem Welterbe Rathaus und dem Bremer Dom um eine Attraktion reicher. Das wäre von großem Nutzen, denn die Innenstadt hat in den vergangenen Jahrzehnten gelitten. Das Umfeld der Glocke mit einem trostlosen, gepflasterten Platz mit den verschiedenen Straßenbahnschienen ist dafür das beste Beispiel. Am Abend ist die Stadt schon lange nicht mehr belebt. Es fehlt an Aufenthaltsqualität, sehr zum Leidwesen der Bürger, der Hotellerie und der Gastronomie. Allein schon „Eine große Nachtmusik“ am alljährlichen Eröffnungsabend des Musikfestes zeigt, was Kultur möglich machen kann.
Nun gibt es Bremerinnen und Bremer, die das Projekt Glocke kritisch sehen, weil es mit den 40 Millionen vom Bund nicht getan ist. Die gleiche Summe muss Bremen komplementär hinzufügen. Zugegeben das ist viel Geld für die Hansestadt. Aber es kann gelingen, Sponsoren zu finden, die für „ihre“ Stadt Geld bereitstellen.
Das haben sie in der Vergangenheit hinreichend bewiesen. Die Kunsthalle wäre nicht das, was sie heute ist ohne diese spendenfreudigen Bürger. Sie ist die einzige Kunsthalle von der Größe, die sich nach rund 200 Jahren noch immer in privater Trägerschaft befindet. Die verschiedenen Museen profitieren ebenfalls von diesem Bürgersinn. Gleiches gilt auch für das Musikfest und die Kammerphilharmonie. Die engagierten Freundeskreise der unterschiedlichen Kultureinrichtungen akquirieren unermüdlich privates Geld. Dafür kann man gar nicht genug danken, was allzu oft zu kurz kommt.
Im Blick auf die verzagten Kritiker kann man nur folgendes anführen. Es hat in unserer Hansestadt in allen Jahrhunderten Bürger gegeben, die nach der Devise gehandelt haben: „Think big.“ Das taten sie im Blick auf ihre Unternehmen, aber eben auch für ihre Stadt.
Der Bremer St. Petri Dom wurde über den Fundamenten älterer Vorgängerbauten im 11. Jahrhundert errichtet. Historiker schätzen die Einwohnerzahl Bremens zu dem Zeitpunkt auf wenige tausend Menschen, deutlich unter 10.000. Mut und Visionen gehörten dazu, in einer so kleinen Stadt eine so große Kirche zu bauen. Das sollte ein Denkanstoß für ein „Rom des Nordens“ sein.
Nun kommt es darauf an, dass 20 Millionen durch privates Engagement zusammenkommen. Professor Thomas Albert, der Intendant des Musikfest Bremen, treibt das exponierte Glocke-Vorhaben nicht nur tatkräftig voran, er ist mit ersten vielversprechenden Erfolgen auf der Suche nach Sponsoren. Seine Erfahrung im Spendensammeln und das in ihn gesetzte große Vertrauen der Sponsoren, Unternehmen, Institutionen in Bremen und im gesamten nordwestdeutschen Raum sind die notwendige Basis dafür, dass für ein öffentliches Projekt privates Geld bereitgestellt wird.
Thomas Albert ist optimistisch, dass die erforderliche Summe zusammenkommt. Dem Senat kann man nur wünschen, dass er diesen Optimismus teilt. Das Musikzentrum Konzerthaus Glocke ist ein Glücksfall für Bremen.“
Soweit der Gastkommentar von Elisabeth Motschmann
Ein paar Worte zu Frau Motschmann (73). Sie gehörte der Bremischen Bürgerschaft für die CDU an, war Staatsrätin für Kultur, danach Bundestagsabgeordnete bis 2021.
Liebe Leserschaft, nun liegt es an Ihnen, ob dieser Aufruf zu einem Erfolg wird… 🙂
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
P.S.: Aufgrund mehrerer Anfragen nach der Kontonummer für Spenden, hier die Nummer, die auf der offiziellen Website von Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt (Linke) www.glocke-im-wandel.de zu finden ist:
„Landeshauptkasse Bremen, Sonderkonto TSVV Glocke im Wandel, IBAN: DE71 2500 0000 0025 2015 24, Spende für Denkmal „Die Glocke“. TSVV bedeutet übrigens: Teilsondervermögen Veranstaltungsflächen.
Wer die Spende beim Finanzamt angeben/absetzen will, benötigt bis 300 Euro nur den Überweisungsbeleg.
Geht es um eine höhere Summe, bitte Spendenquittung mit Angabe des eigenen Namens und Anschrift per Mail anfordern unter
spenbescheinigungung@glocke.de
Ich entschuldige mich schon jetzt für meine kritische Meinung, aber ich kann diese Prioritätensetzung nicht nachvollziehen.
In Bremen stehen Kinder- und Jugendeinrichtungen vor der Schließung, Krankenhäuser haben teilweise keine Klimaanlagen, die Situation in der Altenpflege ist vielerorts untragbar, Brücken sind kaputt, etc. – und dennoch sollen Millionen an Senatsgeldern in die Glocke investiert werden.
Kultur ist wichtig, aber wenn es gleichzeitig an den grundlegenden Bereichen unseres Sozial- und Gesundheitswesens sowie Infrastruktur fehlt, dann erscheint mir diese Investition zum jetzigen Zeitpunkt schlicht die falsche Priorität.
Für mich ist das weder sozial noch verantwortungsvoll. Erst sollten die dringendsten Probleme der Menschen gelöst werden – danach kann man über solche Projekte sprechen.
Moin, ich schließe mich Heike Strack an.
Es ist zum aus der Haut fahren in der großen und kleinen Politik.
Es darf nur das Geld ausgegeben werden, was auch eingenommen wird.
Handlungstipp für Bremen, Bürgerschaft und öffentliche Verwaltungen reduzieren. Im ersten Schritt die Bürgerschaft um 4 Abgeordnete reduzieren. War da etwas mit Proporz Bremerhaven/Bremen?
Die Finanzverwaltung umbauen damit mehr Steuerprüfungen möglich sind.
Gewerbesteuer in Bremen und Niedersachsen anpassen, dann wandern auch keine Handwerksbetriebe ab.
Liebe Frau Motschmann, Sie sehen mich von Ihren Einlassungen begeistert. Ich wünsche Ihnen mit Ihrem Vorhaben viel Glück. Denn solche Dinge sollten eigentlich überhaupt keine Angelegenheit der durch Konsumsteuern ausgeraubten Untertanen sein. Wenn Sie sich schon auf die Spendierfreudigkeit in der Zeit des Dombaus beziehen, sollten Sie wissen, dass „der Staat“ damals mit dem Brakteatengeld-System operiert hat und der dazugehörigen Renovatio Monetae („Münzerneuerung“). Alte Brakteaten mussten gegen neue umgetauscht werden – meist mit einem Abschlag von 10–25 % (manchmal mehr). Das hat die Spendierfreudigkeit der Obrigkeit sehr angeheizt, weil es ja noch kein Finanzmarkt gab wo man das überschüssige Vermögen parken und gleichzeitig das Geld an den nächst dümmeren weiter reichen konnte.
Die Handvoll Bremer Milliardäre werden das aus der Portokasse bezahlen können, falls sie wollten. Das bezweifle ich allerdings; der Gemeinwohlgedanke dieser Leute scheint mir nicht mehr so ausgeprägt wie zu Zeiten des Dombaus. Der feste Glaube dieser Leute beinhaltet eher die Sozialisierung aller Kosten und die Privatisierung aller Erträge. Das Nirvana suchen sie intensiv in internationaler Steueroptimierung, wie Parsifal den heiligen Gral. Das Ziel ist, möglichst nichts zur Gemeinschaft beizutragen und die „Plebs“ alles zahlen zu lassen.
Sie schreiben: „Das Umfeld der Glocke mit einem trostlosen, gepflasterten Platz mit den verschiedenen Straßenbahnschienen… .“ Wie stellen Sie sich einen Verkehrsknotenpunkt für Öffis vor? Soll der verlegt werden, damit die Ästhetik mit musikalischen Kunst in der Glocke korrespondiert?
Aber ich habe zu Ihrer Einlassung noch ein, zwei weitere Fragen: Wann waren Sie eigentlich zuletzt in der Innenstadt? – Vielleicht sollten Sie mal am frühen Abend zu Fuß vom Bahnhof über den Hillmannplatz und die Sögestraße am Dom vorbei zu den Biergärten an der Schlachte gehen und unten zurück bis zum Osterdeich. Nur mal so als kleiner Realitätscheck.
Also ich war da gerade gestern Abend (weil ich da Wohne) so zwischen 20 und 21 Uhr. Die 5.000-Euro-pro-Tag-Dauerveranstaltung auf dem Domshof war gut besucht und zieht womöglich über die Saison genau so viel Publikum an wie die Glocke im Jahr. Auf dem Marktplatz und in der Obernstraße waren viele Flaneure (einige mit Kinderwagen und Kopftuch) und auch Touristen; da können Sie sich nicht beklagen. Am hochgelegenen Teil der Schlachte herrschte ordentliche Konsumstimmung, und der untere Teil wird „traditionell“ von Menschen orientalischer Herkunft dominiert und war ebenfalls gut frequentiert.
Welche „junge Generation“ wollen Sie ansprechen? Wie es aussieht, wird die Mehrheitsgesellschaft auf dass Tragen von Kopftüchern bestehen, unser Bildungssystem ist nicht in der Lage die kulturell zu assimilieren. Und Sie haben dieser Entwicklung im Bundestag 2014 zugestimmt; ich glaube, intern wird das Ersatzmigration genannt. Meinen Sie nicht, dass es für arabische Popmusik schon genug Auftrittsmöglichkeiten gibt?
Ich schließe mich dem Kommentar von Frau Strack an, wobei ich für meine kritische Meinung ausdrücklich nicht um Entschuldigung bitte. Wann werden Politiker verstehen, dass Kinder- und Jugendförderung eine der wichtigsten Aufgaben des Staates ist? Dazu kann auch ein Besuch der Glocke gehören, aber Grundbedürfnisse müssen zuerst befriedigt werden.
Ich bin sofort mit einer Spende dabei, wenn die Bürgerschaft beschließt, sich auf ca. 55 Abgeordnete zu reduzieren und ihre Altersversorgung an das für das gemeine Volk übliche Niveau anpasst.
Ich kann die Einwände von Frau Strack und Frau Paulus durchaus nachvollziehen. Dennoch greift die Diskussion zu kurz, wenn Kinder- und Jugendarbeit allein danach bewertet wird, wer die meisten Fördermittel erhält. Entscheidend ist nicht die Höhe der Ausgaben, sondern ihre Wirkung.
Ein gutes Beispiel war Elisabeth Motschmann als Kultur- und Sportstaatsrätin. Sie hat gezeigt, dass Kultur und Sport keine Gegensätze sind. Mit vergleichsweise geringen Mitteln wurden Sportvereine gestärkt, die gerade in schwierigen Stadtteilen enorme soziale Arbeit leisten. Damals die SGO. Dort werden Integration, Zusammenhalt und Teilhabe jeden Tag gelebt, meist durch ehrenamtliches Engagement.
Die eigentliche Frage lautet: Erreichen unsere Fördergelder die Menschen oder finanzieren wir zunehmend Strukturen? Wenn immer mehr Geld eingesetzt wird, sich die sozialen Probleme aber kaum verbessern, müssen wir den Mut haben, über die Wirksamkeit der Maßnahmen zu sprechen. Hilfe darf kein Selbstzweck sein. Sie muss Menschen befähigen, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Da hilft es auch nicht, wie Falk Wagner SPD Landesvorsitzender, traurig auf Instagramm in die Luft schauen und zu sagen, die CDU ist gemein.
Darum geht es mir, nicht um ein Gegeneinander von Kultur, Sport oder sozialer Arbeit, sondern um die Frage, wie wir mit den vorhandenen Mitteln den größtmöglichen Nutzen für die Menschen in unseren Stadtteilen erreichen.
Die Glocke, Kultur und die Lust auf Neues
Die Glocke ist für mich der schönste Veranstaltungsort Bremens. Diesen Ort sollten wir unbedingt erhalten und weiterentwickeln. Ob dafür tatsächlich ein dritter Saal notwendig ist, ist eine andere Frage. Eine solche Investition wäre erheblich. Und sie endet nicht mit dem Bau: Ein solcher Ort muss dauerhaft betrieben, finanziert, erneuert und mit Leben gefüllt werden. Die Frage ist deshalb nicht nur, ob Bremen ihn bauen kann, sondern auch, ob Bremen ihn langfristig tragen kann.
Vielleicht sehe ich das aber auch falsch. Gerade deshalb finde ich die Debatte wichtig.
Denn ebenso falsch wäre für mich die Gegenposition: Kultur könne erst dann wichtig werden, wenn alle anderen Probleme gelöst sind. Das ist ein Irrweg.
Kultur ist kein Luxus. Sie ist ein Teil davon, wie eine Gesellschaft sich organisiert, verändert und versteht.
Vielleicht ist unser Kulturbegriff zu eng. Wir denken schnell an Hochkultur, die wir bewahren, in repräsentative Räume bringen und dort mit einem gewissen Bildungsstolz betrachten und genießen.
Das greift zu kurz.
Kultur ist etwas, das Menschen tun.
Kultur entsteht im Gespräch, in Konflikten und in Begegnungen. Sie entsteht im Handwerk, im Üben, im Können. Und sie entsteht dort, wo Menschen nicht nur wiederholen, was sie gelernt haben, sondern es verändern und weiterentwickeln.
Kultur ist deshalb auch Bildung. Und Kultur ist Innovation.
Auch Bildung ist kein Gebäude. Sie findet im Klassenzimmer statt, aber genauso im Sportverein, in der Werkstatt, auf der Bühne, in der Bibliothek oder im Alltag. Entscheidend ist nicht der Raum, sondern ob Menschen neugierig werden – auf Inhalte und aufeinander.
Vielleicht fehlt uns in Bremen davon manchmal etwas: Neugier aufeinander und Lust auf Neues.
Das ist kein Nebenthema. Wenn Bremen beim Bildungserfolg hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, müssen wir auch auf das Umfeld schauen, in dem Lernen stattfindet. Mehr Unterricht allein wird nicht reichen. Mehr Kulturangebote auch nicht. Entscheidend ist, ob Menschen Lust bekommen, etwas zu lernen, etwas zu können, etwas auszuprobieren und gemeinsam etwas zu schaffen.
Das gilt besonders für junge Menschen.
Kultur muss ihnen etwas sagen. Aber das gelingt nicht, indem man ihnen einfach ein paar vermeintlich jugendgerechte Formate vorsetzt. Ein schlecht gemachtes Rap-Projekt wird nicht dadurch zu einem kulturellen Aufbruch, dass es in der Glocke stattfindet.
Junge Menschen sollten nicht nur Publikum sein. Sie brauchen Möglichkeiten, selbst Kultur zu machen, Fähigkeiten zu entwickeln, Verantwortung zu übernehmen und Dinge auszuprobieren. Sie müssen nicht nur eingeladen werden, sie müssen etwas beitragen können.
Und das führt unmittelbar zur wirtschaftlichen Entwicklung einer Stadt.
Wer möchte schon dauerhaft in einer kulturell verarmten Stadt leben? Menschen entscheiden sich nicht nur nach Arbeitsplätzen, Mieten und Verkehrsanbindungen für einen Ort. Sie suchen auch eine Stadt, in der etwas geschieht, in der sie etwas entdecken können, in der andere Menschen neugierig sind und in der sie selbst Teil einer Entwicklung werden können.
Kulturelle Attraktivität ist deshalb nicht bloß ein Angebot für Touristen. Sie kann ein Standortfaktor sein. Sie zieht Besucher an, prägt den Ruf einer Stadt und kann wirtschaftliche Dynamik erzeugen.
Dabei sollten wir unseren Kulturbegriff nicht auf das reduzieren, was wir als „Hochkultur“ bezeichnen. Wenn man etwa die kulturelle Kraft Malis oder Brasiliens betrachtet, wird sichtbar, dass kulturelle Vitalität nicht davon abhängt, wie reich eine Gesellschaft materiell ist. Kultur kann arm an Geld und zugleich außerordentlich reich an Ausdruck, Kreativität und Gegenwart sein.
Und natürlich gehören Mozart und Beethoven zu unserem kulturellen Erbe. Aber ich möchte nicht bis zum Ende der Zeiten nur Mozart und Beethoven hören.
Gerade weil wir sie kennen, wollen wir doch wissen, was danach kommt.
Was wird heute entdeckt? Welche Musik entsteht? Welche Künstler, welche Formen, welche Ideen gibt es, die wir noch nicht kennen?
Man möchte nicht nur das bereits Anerkannte konsumieren. Man möchte auch dabei sein, wenn etwas Neues entsteht.
Darin liegt eine besondere Kraft von Kultur: Sie kann Menschen anziehen, weil sie ihnen etwas zu entdecken gibt.
Das macht Kultur auch zu einem Teil wirtschaftlicher Entwicklung. Eine lebendige kulturelle Stadt zieht Menschen an, verbessert ihre Ausstrahlung und kann ein Umfeld schaffen, in dem Wissen, Kreativität, Unternehmen und neue Ideen entstehen.
Bildung schafft Fähigkeiten. Kultur schafft Neugier und Bedeutung. Beides zusammen schafft Menschen, die Neues hervorbringen können. Und genau daraus kann wirtschaftliche Dynamik entstehen.
Das ist für mich auch eine Frage der Transformation.
Wenn unser wirtschaftliches und gesellschaftliches System an vielen Stellen an seine Grenzen kommt, reicht technische oder ökonomische Anpassung nicht aus. Wir brauchen auch eine kulturelle Veränderung: Menschen müssen wieder erfahren können, dass sie gemeinsam etwas gestalten, verändern und hervorbringen können.
Die Glocke kann dabei eine Rolle spielen.
Aber nur, wenn sie nicht als abgeschlossener Raum der Hochkultur verstanden wird, sondern als Teil einer offenen kulturellen Infrastruktur. Als Ort, an dem Tradition und Gegenwart zusammenkommen. An dem Profis und Laien, Alte und Junge, Bremer und Menschen von anderswo miteinander in Kontakt kommen. An dem man nicht nur zuhört, sondern selbst ausprobiert, lernt und produziert.
Nicht noch ein Ort, an dem Kultur konsumiert wird, sondern ein Ort, an dem Kultur als Praxis entsteht.
Vielleicht ist das die Idee, die hinter einer Weserphilharmonie stehen könnte.
Dann wäre die entscheidende Frage nicht zuerst:
Brauchen wir einen dritten Saal?
Sondern:
Wie schaffen wir in Bremen Räume und Gelegenheiten, in denen Menschen gemeinsam lernen, gestalten und Neues entstehen lassen?
Wenn wir darauf eine überzeugende Antwort finden, können wir auch entscheiden, welche Rolle die Glocke dabei spielen soll.
Vielleicht braucht Bremen einen dritten Saal. Vielleicht braucht es etwas ganz anderes. Vielleicht braucht es beides.
Aber eines sollten wir vermeiden: Kultur gegen Bildung, Soziales oder Wirtschaft auszuspielen.
Kultur ist nicht das, was übrig bleibt, wenn alles andere erledigt ist. Kultur kann Teil dessen sein, wodurch eine Stadt sich erneuert.
Und vielleicht müssen wir Bremen dafür gar nicht völlig neu erfinden. Vielleicht müssen wir uns nur wieder etwas mehr zutrauen: mehr Neugier, mehr Lust aufeinander und mehr Lust auf das, was noch nicht da ist.
irgendwie erinnert mich die Diskussion um die Glocke an „meine“ Wolfsproblematik – sie polarisiert.
Es gibt keinen „goldenen Mittelweg“.
Kultur und Bildung müssen sein!
Oft genug zeigt erst die Geschichte, was „ad hoc“ falsch gemacht wurde.
Die Spendensammelaktion ist richtig gut.
( es gibt ja auch crowdfunding).
Wenn in weiter Zukunft unsere Nachfolgenden über über uns sinnieren, werden sie denken und sagen:
Das haben die damals richtig gut gemacht.
Ich halte Kultur für etwas absolut notwendiges. Nur stellt sich mir die Frage, ob für Kultur unbedingt solche Prachtbauten wie die Glocke (oder in Nürnberg die Meistersingerhalle) notwendig sind.
In Bremen gibt es jeden Sommer die „Seebühne“ – soweit ich informiert bin, weitgehend ohne Staatsgelder finanziert mit trotzdem halbwegs „zivilen“ Eintrittskarten. Und wenn ich an letztes Jahr denke: da traten auf der Seebühne sowohl Placido Domingo auf aber auch Feuerschwanz (heftiges „Metal“).
Und im Unterschied zur Glocke (aber auch dem Metropol): bei Placido Domingo war das Publikum sehr gemischt, ziemlich alle Altersgruppen vertreten. In der Glocke oder dem Metropol fühle ich mich immer als „Jugendlicher“ trotz meiner 69 Jahre…
PS: Falls jemand nach der „Akustik“ fragt: Die war bei Placido auf der Seebühne absolut hervorragend – und ich weiss, wovon ich rede: ich habe am Institut für Elektroakustik der TU München studiert…
@Frank Schmidtsdorff: Das ist ein außerordentlich differenzierter Beitrag. Vielen Dank dafür. Sie betrachten die entscheidenden Aspekte und sind nicht dem ‘Entweder-Oder-Denken’ verhaftet, das leider nie das große Ganze in den Blick nimmt, sondern komplexe Fragen auf einzelne oder gar nur einen Aspekt/e verengt und gegeneinander stellt, als handelte es sich um Alternativen.
Ein Plädoyer für ein ‘Sowohl als auch’ führt da in der Betrachtung deutlich weiter. Das heißt hier, dass die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, also ein soziales Thema, nicht gegen ein kulturelles Thema ausgespielt werden darf. Die Kooperation zwischen der Gesamtschule Ost und der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen zeigt beispielhaft und das seit vielen Jahren, dass und wie beides zusammen geht. In diesem Geist ist die notwendige Debatte gänzlich anders zu führen. Dass diese Zusammenarbeit für die kulturelle Bildung vieler Kinder und Jugendlichen eine entscheidende Erfahrung ist, ist hinlänglich bekannt und für jede und jeden sofort spürbar, der einmal im Publikum saß. Hier wird gelernt, was es bedeutet, Teil von etwas Größerem zu sein. Dieses Größere ist die Gemeinschaft, die etwas bewirken kann, was Einzelnen nicht möglich ist. Diesen Gemeinsinn wieder neu zu entdecken und willentlich zu entwickeln, wäre wunderbar für Bremen. Es könnte identitätsstiftend sein. Wenn viele Menschen nur einen kleinen Beitrag leisten, sind sie auch Teil von etwas Großem. Das ist schon der richtige Weg. Allerdings muss das Ergebnis dazu führen, dass die Glocke nicht nur für Hochkultur steht, sondern sich deutlich öffnet. Dies betrifft die Musik, die Mitmachenden und das Publikum, wie Herr Schmidtsdorff es beschrieben hat. Dann kann die Glocke ein Standortfaktor sein und auch Menschen in die Stadt holen.
Der Streit um den Bereich vor und hinter der Glocke müsste auch dringend anders geführt werden. Vor der Glocke prallen auch zwei Positionen unversöhnlich aufeinander. Es geht um die Haltestellen für die Straßenbahnen. Weder die Behörde noch die Behindertenverbände sind bereit, lösungsorientiert zu handeln. Beide bestehen auf ihrer Position und so wundert es nicht, dass sie vor Gericht landen und die dringend notwendige Lösung in weite Ferne rückt, obwohl der ehemalige Stadtplaner Bernhard Lieber Vorschläge vorgelegt hat, die das Beste von beiden Positionen vereint. Darüber hinaus würde sich das wohltuend auf die Gestaltung der Domsheide als Rückgewinnung als Platz mit Aufenthaltsqualität auswirken, was gut für die Innenstadt wäre. Auch hier ist nicht das ‘Entweder-Oder’ zielführend, sondern das ‘Sowohl-als auch’.
Hinter der Glocke das gleiche Bild. Die Logistik für die Glocke, das Anliefern von Musikinstrumenten und alles sonst noch Notwendige Equipment findet bis da von vorne, also von der Domsheide aus statt. Besser wäre, die Anlieferung von der Seite vorzunehmen. Aber hier steht die Bremische Evangelische Kirche im Weg. Auch hier prallen Positionen unversöhnlich aufeinander und Sie ahnen es schon, liegt auch hier die Lösung im ‘Sowohl – Als auch’ und nicht im ‘Entweder – Oder’.
Wenn Politik sich ebenfalls nicht nur in der Frage der Glocke mit der Umgebung vor und hinter ihr, dem ‘Sowohl – Als auch’ verpflichtet sähe, würden nicht nur hier Lösungen möglich sein, die der Bevölkerung insgesamt dienlich wären und nicht nur einigen Wenigen oder nur der eigenen Partei nützen.
Ich möchte meinen Beitrag noch um ein paar Gedanken zur Bedeutung von Bremer Mäzenen ergänzen. Sie sind natürlich auch Teil der Gemeinschaft und fühlen sich ganz offensichtlich der Stadt nicht nur verbunden, sondern auch verpflichtet. Ohne sie gäbe es die Erweiterung der Kunsthalle nicht. Familie Hollweg und Familie Lürssen sei Dank. Es gäbe kein Musikfest ohne unsere Mäzene. An keinem Abend im Jahr sieht der Marktplatz, unser aller gute Stube, so schön aus, wie zur ‘großen Nachtmusik’. Auch wenn man kein Konzert besucht, strahlt der Platz in schönstem Gewand und erzeugt eine einzigartige und besondere Stimmung. Klaus Meier tut ebenfalls sehr viel für Kunst und Kultur. Er vermietet ein Gebäude auf dem ehemaligen Kellogs Gelände an Kunstschaffende, die sich Kollegs nennen und auf dem neuen Hulsbergviertel baut er die ehemalige Pathologie zum einen Treffpunkt für die Bewohner des neuen Viertels um. Den Bürgerpark gäbe es so auch nicht und die alljährliche Tombola hilft ihn zu erhalten. Kurt Zech gehört auch zu den großen Förderern und Gestaltern Bremens, ebenso wie die Familie Jacobs. Ihnen allen sei der Dank der Stadt und ihrer Bewohner sicher. Dies ist um so wichtiger, als die uns regierenden politischen Parteien diesen Mäzenen durch ihre Entscheidungen häufig eher Knüppel zwischen die Beine werfen, als gute Rahmenbedingungen für ihre Unternehmen zu schaffen.
Der Bereich um die ehemalige Sparkasse am Brill sähe heute auch anders aus, hätte Politik nicht die Pläne der Gebrüder Schapira und des Architekten Libeskind vereitelt. Diese Mäzene denken groß und haben Visionen, die uns als Stadt weiterbringen und damit uns allen nutzen.
Wenn man als Bürger auf der anderen Seite aber feststellt, dass unter der Leitung der Grünen das Umweltressort in Oberneuland gerade eine 200 Jahre alte Eiche trotz vieler Proteste von Anwohnern gefällt wird, obwohl sie gesund war, nutzt das der Bevölkerung nicht. Wenn von 417 Bäumen auf dem Hulsberggelände durch Auftrag des Grünen Geschäftsführers der Grundstücks – Entwicklungsgesellschaft über 300 gefällt werden und uns “dummen” Bürgern auf großen Plakatwänden mitgeteilt wird, hier entstünde eine Klimasiedlung, der nutzt uns als Bevölkerung nicht.
Wer 130 Platanen abholzen will, obwohl Hochwasserschutz auch mit Platanen betrieben werden kann, wie Gutachten und Beispiele an Rhein und Mosel zeigen, der nützt uns als Gemeinschaft nicht, sondern schadet uns. Wer die Bildung im Lande seit fast 80 Jahren verantwortet und schlechteste Ergebnisse hervorgebracht hat und -bringt, der darf sich nicht beschweren, wenn seine Glaubwürdigkeit beim Wahlvolk zunehmend schwindet.
Den Unterstützern der Stadt und seiner Bevölkerung sei Dank. Auf sie alle ist Verlass, mit kleinen und großen Beiträgen im Sinne Aller und für ihre Zukunft.
Ich halte nichts davon, bei leeren Kassen in Bremen soziale und kulturelle Angebote im Land Bremen gegeneinander aufzurechnen.
Wenn Bremen ohne eine neu ausgebaute Glocke nur noch die zweite Geige bei Konzerten spielen sollte, was ich nicht glaube, dann wäre das schade. Aber mehr auch nicht.
Das wäre dann, verglichen mit den einst sehr populären Musikveranstaltungen mit den Top-Stars damals im Weserstadion eben die neue Realität in Bremen.
Die Stadt ist, genauso wie Werder Bremen, an der Bremer-Weser-Stadion GmbH zu je 50 Prozent am Weser Stadion beteiligt. Konzerte werden im Weserstadion nicht mehr stattfinden.
Ich habe mich damit abgefunden.
Das Umfeld der Glocke, der Marktplatz ist im Winter in der klassischen Konzertsaison nach 22.30 Uhr verwaist.
Im Winter habe ich mich dafür geschämt, dass schon sehr verwunderte, ausländische Gäste am Marktplatz in einer Lokalität zu dieser Zeit noch nicht mal mehr ein Bier bestellen konnten.
Das war schon sehr traurig.
Aber warum sollte man abends auch in der vereinsamten Innenstadt nach dem Konzertbesuch rumlaufen und sich in Gefahr bringen, um dann vielleicht überfallen zu werden?
Nach dem Konzert in der Glocke am besten schnell nach Hause gehen oder besser noch fahren.
Den Hut rumgehen zu lassen, um den Bremer Anteil am Ausbau der Glocke zu schultern, ist beschämend, aber natürlich up to date. Ein Bundesversprechen ist eben ohne gleichzeitige Finanzierungszusage von Bremen nichts wert.
In einigen Bekleidungsgeschäften kann man ja auch schon elektronisch Trinkgeld geben.
Betteln ist in Bremen die neue Realität geworden.
Grundsätzlich.
@Hilde Kohake: ich wusste nicht, dass bei der Anlieferung die Kirche einer der „Blockierer“ ist… Ich kenne ziemlich viele in Deutschland aufgrund meiner (früheren) Tätigkeit im Bereich „Event-Fotografie/Video“ aus der Sicht der Mitarbeiter/Techniker – und da fällt mir keines ab schon „mittlerer“ Grösse (> 300 Besucher) wo man Equipment über den Haupteingang anliefern muss. Klar bei Elbphilharmonie oder der Bundeskunsthalle Bonn (wo es einen extra klimatisierten „Raum“ für die Anlieferung gibt wo 40-Tonnen-Auflieger „parken“ können) kann man das von vornherein einplanen. Bei „Bestand“ ist das schon schwieriger, aber gerade wenn grosse Umbauten geplant sind, doch absolut machbar/sinnvoll – wenn ich mir vorstelle, wie in der „Glocke“ z.B. ein Steinway-Flügel bis zur Bühne transportiert wird… Vermutlich verlangt die Versicherung bei solchen Umständen auch einen saftigen Zuschlag…
Und was die Haltestelle Domsheide angeht: den Plan von Herrn Liebermann kenne ich leider nicht, konnte ihn auf die Schnelle auch nicht finden. Aber die Haltung des Senats (die Zweiteilung noch weiter zu treiben) ist mir völlig unverständlich, sowohl aus Nutzer-Sicht (nicht nur für Personen mit Einschränkungen) als auch aus betrieblicher Sicht: das sind dann praktisch zwei völlig getrennte Haltestellen mit getrennter Infrastruktur usw. – Folge: erhebliche Mehrkosten im Betrieb/Unterhalt! Das einzige, was mir als Grund für die Beibehaltung der Zweiteilung einfällt: bei der anderen Lösung könnte die „Prominenz“ nicht mehr mit ihren Chauffeuren direkt vor den Eingang der Glocke fahren…
@Achim Schäfer: Es ging um Daniel Libeskind.