Gastkommentar: „Wenn der Minijob fällt, bleibt mancher Briefkasten leer“

15.08.2026 16 Von Axel Schuller

Im heutigen Gastkommentar appelliert der Präsident des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV), zugleich Verleger der Nordsee-Zeitung in Bremerhaven, Matthias Ditzen-Blanke (52), eindringlich an Bundesregierung und Bundestag, die Minijobs für die Zeitungsbranche zu erhalten. Grund: Falle das Beschäftigungsmodell weg, fehlten am Ende möglicherweise die Zeitung-Austräger – oder die Abo-Preise müssten deutlich steigen. Ditzen-Blanke ist verheiratet und drei Kinder.

C: BDZV / Dallwitz

Matthias Dietzen-Blanke schreibt:

„Wer morgens in Bremen, Bremerhaven oder im Elbe-Weser-Raum seine Zeitung aus dem Briefkasten nimmt, interessiert sich vermutlich wenig dafür, wie sie dorthin gekommen ist. Das ist auch völlig in Ordnung. Eine gute Zustellung zeichnet sich gerade dadurch aus, dass man sie nicht bemerkt.

Das könnte sich bald ändern.

Die Rentenkommission empfiehlt, den steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus von Minijobs weitgehend abzuschaffen.

Das Ziel dahinter ist nachvollziehbar: Wer arbeitet, soll sozial abgesichert sein und Rentenansprüche erwerben. Dagegen kann man schwerlich etwas haben.

Nur passt die politische Vorstellung nicht zur Wirklichkeit der Zeitungszustellung.

Unsere Zeitungen müssen in einem sehr kurzen Zeitfenster verteilt werden. Die Arbeit beginnt nachts oder am frühen Morgen und dauert in einem Zustellbezirk häufig nur wenige Stunden. Viele Zustellerinnen und Zusteller haben bereits einen Hauptberuf, sind im Ruhestand oder wollen ganz bewusst nur in begrenztem Umfang hinzuverdienen.

Aus einer zweistündigen Tour wird aber keine reguläre Teilzeitstelle, nur weil der Gesetzgeber das Beschäftigungsmodell ändert. Und wer morgens einige Stunden Zeitungen austragen möchte, will deshalb nicht automatisch länger arbeiten.

Genau darin liegt der Denkfehler: Wer den Minijob abschafft, schafft damit noch keinen regulären Arbeitsplatz. Im Zweifel schafft er zunächst einmal den Minijob ab – und verliert den Menschen, der ihn bislang ausgeübt hat.

Je nach Unternehmen sind heute zwischen 40 und 75 Prozent der Beschäftigungsverhältnisse in der Zeitungszustellung Minijobs. Man kann das politisch für eine problematische Größenordnung halten. Man muss dann aber auch erklären, wie diese Arbeit künftig erledigt werden soll.

Gerade bei uns im Elbe-Weser-Raum treffen lange Wege auf eine vergleichsweise geringe Zahl von Haushalten. Die Zustellung ist dort schon heute aufwendig und teuer. In einer dicht besiedelten Straße lassen sich hundert Zeitungen anders verteilen als in einem ländlichen Gebiet, in dem zwischen den einzelnen Briefkästen weite Strecken liegen.

Zusätzliche Kosten lassen sich auch nicht einfach auf den Abonnementpreis schlagen. Die Vorstellung, Verlage müssten ihre Produkte eben nur etwas teurer machen, klingt in einer politischen Diskussion schnell plausibel. In der Praxis hat jeder Preis eine Grenze. Wird sie überschritten, kündigen Leser. Damit fehlen wiederum Erlöse, um die Zustellung in der Fläche zu finanzieren.

Natürlich vertrete ich als Verleger auch wirtschaftliche Interessen. Das ist weder überraschend noch möchte ich es verschleiern. 

Aber nicht jede Warnung einer Branche ist deshalb Lobbytheater. 

Wir erleben jeden Tag, wie schwierig es bereits heute ist, Zustellbezirke zuverlässig zu besetzen. Wenn ein Beschäftigungsmodell wegfällt, das zur kurzen Arbeitszeit und zu den Wünschen vieler Zusteller passt, wird dieses Problem nicht kleiner.

Auch wir Verlage können uns nicht zurücklehnen. Wir müssen Touren besser planen, Abläufe vereinfachen, Logistik gemeinsam organisieren und gute Arbeitsbedingungen bieten. Und selbstverständlich müssen wir unsere digitalen Angebote weiterentwickeln.

Trotzdem löst der Hinweis auf die Digitalisierung das konkrete Problem nicht. Viele Menschen lesen ihre Zeitung weiterhin gedruckt. Sie haben sich bewusst dafür entschieden und erwarten zu Recht, dass ihr Abonnement auch in kleineren Orten zuverlässig zugestellt wird. Wir können diesen Lesern nicht einfach erklären, dass sie künftig ein E-Paper nutzen sollen, weil der Staat das bisherige Beschäftigungsmodell für die Zustellung nicht mehr vorsieht.

Noch schneller könnten die Folgen bei den kostenlosen Wochenzeitungen sichtbar werden. Diese erreichen fast alle Haushalte und bringen neben Werbung auch lokale Nachrichten, amtliche Mitteilungen sowie Informationen von Vereinen, Kirchen und Initiativen zu den Menschen. Ihre wirtschaftlichen Spielräume sind besonders eng. 

Steigen die Zustellkosten deutlich, werden Ausgaben reduziert oder ganz eingestellt.

Dann fehlt nicht irgendein austauschbares Werbeprodukt. Dann fehlt ein Medium, das viele Menschen erreicht, die lokale Informationen sonst kaum noch wahrnehmen.

Die mögliche Abschaffung der Minijobs steht deshalb beispielhaft für ein grundsätzliches Problem: Gesetze werden aus der Perspektive des jeweils zuständigen Ministeriums entwickelt. Die sozialpolitische Absicht mag richtig sein. Die Folgen für andere Bereiche werden aber häufig erst dann sichtbar, wenn die Entscheidung praktisch schon gefallen ist.

Bei den Presseverlagen kommt inzwischen vieles zusammen: steigende Lohn- und Zustellkosten, zusätzliche Bürokratie und immer neue staatliche Vorgaben. Jede einzelne Belastung wird als vertretbar dargestellt. Entscheidend ist jedoch ihre Summe.

Wer Minijobs abschafft, schafft noch keine regulären Arbeitsplätze. Im schlechtesten Fall fehlen am Ende die Zusteller – und mit ihnen die Zeitung im Briefkasten.“

Soweit der Gastkommentar von Matthias Ditzen-Blanke, Chef des Deutschen Verlegerverbandes.

Wir lernen: Nicht nur die Gastronomie läuft gegen den Wegfall der Minijobs Sturm, sondern auch die Zeitungsbranche.

Liebe Leserschaft, ich hoffe, dass auch dieser Gastkommentar erneut Ihren Denk-Horizont erweitert hat. Jetzt heißt es: Debatte frei! Dabei bitte beachten: Im Blog bremensogesehen werden ausschließlich Leserkommentare mit Vor- und Nachnamen veröffentlicht.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller