Gastkommentar: Norddeutsche Häfen müssen wettbewerbsfähiger werden

22.08.2026 11 Von Axel Schuller

Was in Antwerpen und anderen „Westhäfen“ längst Standard ist, wird nun sukzessive auch in Bremerhaven, Hamburg und Wilhelmshaven eingeführt: Die teil-automatisierte Be- und Entladung von Containerschiffen. Dies ist nach Ansicht des heutigen Gastkommentators Heinz Brandt, dringend notwenig. Dass die Gewerkschaft Verdi in Zeiten wirtschaftlicher Probleme zu Warnstreiks aufruft, empfindet der Ex-Vorstand der Hamburger Hafengesellschaft HHLA als unpassend.

Heinz Brandt schreibt:

„Aufgrund der Vielzahl besorgniserregender Meldungen zur Deutschen Wirtschaft, wird dieSituation der norddeutschen Hafenwirtschaft in der öffentlichen Diskussion häufig kaum angemessen erwähnt und wahrgenommen. Dabei ist die Hafenlogistik insbesondere für den Wirtschaftsstandort Bremen von außerordentlicher Bedeutung.

Die Unternehmen der Hafenwirtschaft, insbesondere im Segment der Containerwirtschaft, haben das längst erkannt und positive zukunftssichernde Entscheidungen getroffen. So haben Maersk und Eurogate für das Gemeinschaftsunternehmen NTB in Bremerhaven Investitionsvereinbarungen über ca. eine Milliarde Euro getroffen. Damit sollen die Anlagen weiter automatisiert und resilient für den Wettbewerb gemacht werden. 

Auch das Hamburger Unternehmen HHLA investiert erheblich in die Automatisierung der Anlagen und nimmt dabei aktuell sogar rote Zahlen in Kauf. Die Modernisierungen sind dringend notwendig, will die norddeutsche Hafenwirtschaft nicht weiter an Boden gegenüber den Westhäfen verlieren. Der jüngste 25%-Erwerb von Hapag-Lloyd an der Maasvlakte II in Rotterdam ist ein weiteres Signal für die Herausforderungen der Norddeutschen Häfen.

Der Wettbewerb wird maßgeblich über die Geschwindigkeit des Umschlags und über die Kosten pro umgeschlagenen Container entschieden. Bei den Kosten liegen die Personalkosten auf den automatisierten Anlagen um gut 30 Euro unter denen von konventionell arbeitenden Containerbetrieben. Allein das macht deutlich, dass es zu den weiteren Automatisierungen keine wirtschaftlich tragfähigen Alternativen gibt.

Mit Blick auf die Hafenbeschäftigten hat deren VERDI-Vertreterin im Zusammenhang mit den aktuellen Tarifverhandlungen gerade festgestellt: „Wer moderne Häfen will, muss in die Menschen investieren, die sie jeden Tag am Laufen halten.“ Das ist sicher unstreitig, nur erstaunt die Schlussfolgerung.

Trotz eines Angebots der Arbeitgeber über eine Tariferhöhung von 5,1 % für 19 Monate, die über der aktuell eher hohen Inflationsentwicklung liegt, rief VERDI zu einem ganztägigen Streik auf. 

Zur Einordnung des Verhaltens ist es hilfreich, die Einkommenssituation der Hafenbeschäftigten im Containerumschlag  zu betrachten. Ohne die anstehende Lohnerhöhung beträgt der Stundenlohn, gerechnet auf die tarifliche 35-Std. Woche, 39,54 Euro. Zusammen mit einer Containerpauschale, dem Urlaubsgeld, den real geleisteten Schichten und den Schichtzulagen ergibt sich ein Durchschnittsverdienst von gut 85.000 Euro pro Jahr. 

So ist es mehr als verständlich, dass die Unternehmen der Hafenwirtschaft den jüngsten Streik als völlig unverhältnismäßig bezeichnet haben. 

Die Arbeitnehmervertretungen der Hafenwirtschaft sind stolz auf ihre Mitbestimmungsrechte. Dagegen ist grundsätzlich auch nichts einzuwenden. Mitverantwortung beinhaltet aber auch, die wirtschaftlichen Realitäten anzuerkennen und zur Grundlage für Entscheidungen zu machen. Danach sieht es in der aktuellen Lohnrunde, dem drohenden (zweiten) Insolvenzverfahren beim Gesamthafenbetrieb Bremen, mit einem möglichen Verlust von 150 Arbeitsplätzen und den roten Zahlen bei der HHLA, leider nicht aus. 

Auch die hartnäckige Leugnung der Notwendigkeit von flexibleren Arbeitszeitgestaltungen beim Automobilumschlag angesichts des deutlichen Mengenrückgangs von ehemals über zwei Millionen Fahrzeugen auf nunmehr ca. 1,25 Millionen Fahrzeuge, ist ein Indiz für mangelnde Verantwortungsbereitschaft. 

Über diese Verhaltensweisen muss diskutiert werden. Ohne die Bereitschaft zur Verantwortungsübernahme auch von Seiten der Arbeitnehmervertretungen, könnten ansonsten in der Vergangenheit bewährte arbeitsrechtliche Grundlagen zur Unternehmens- und betrieblichen Mitbestimmung gesamtgesellschaftlich infrage gestellt werden.“

Soweit der Gastkommentar.

Heinz Brandt (71) kennt sich in der Hafenbranche gut aus. Der Jurist war bis 2019 Vorstand (Arbeitsdirektor) der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), davor Geschäftsführer bei der Eurogate-Gruppe. Brandt ist verheiratet und zwei erwachsene Kinder.

Liebe Leserschaft, ich hoffe, dass dieser GaKo Ihren Blick auf einen der wichtigsten Bremer Wirtschaftszweige erweitert hat.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller