Stockfehler – die Bürgermeisterwahl 2027 kommt für Wiebke Winter zu früh

24.08.2026 32 Von Axel Schuller

Zugegeben: Solange Friedrich Merz als Bundeskanzler amtiert, wird es die Bremer CDU schwer haben, in eine wirklich starke, regierungstaugliche Situation zu kommen. Merz jüngste Äußerung, die Waldbrände rührten vom Klimawechsel (statt zu über 90 Prozent von depperten Brandstiftern), war ein erneuter Schlag ins Sprüche-Kontor. Aber: Auch der Bremer CDU hängt ihr teilweise praktisches Unvermögen wie ein Mühlstein am Hals. Und: Die Spitzenkandidatin Wiebke Winter ist noch nicht soweit.

Die Bremer Union muss wohl oder übel zur Kenntnis nehmen: Ihre Spitzenkandidatin löst (noch) zu häufig eher mitfühlende Wähler-Gedanken aus, wie: 

„Die ist einfach zu jung und unerfahren. Die passt noch nicht auf das Ministerpräsidenten-Parkett“.

Auch wenn Winters Anhängerschaft tapfer dagegen hält:

„Die packt das. Gegen die sieht Bovenschulte doch nur schlecht aus“.

Diese allgemeine (per Klein-Empirie eingefangene) Stimmung ist für Wiebke Winter und ihre Partei zwar bedauerlich, aber nicht wegzudiskutieren.

Dazu kommen aktuelle Handling-Fehler der Bremer Union, die unverzeihlich, weil vermeidbar sind.

Bleiben wir zunächst bei Wiebke Winter, die sich bei öffentlichen Verlautbarungen regelrecht an ihren Titel klammert. Vermutlich meinen sie und ihre Berater, der Dr.-Titel der Jurisprudenz versprühe automatisch die Aura der Seriosität und erhöhe damit ihr politisches Gewicht insbesondere bei (den zunehmend) älteren Wählern.

Wiebke Winter versucht, junge, mit den Grünen, vielleicht auch mit Linken liebäugelnde Wähler m/w für sich zu gewinnen. Doch damit droht sie die Wünsche der noch eingefleischten – häufig alten – Anhänger der Union zu vernachlässigen.

Beispiel: Winter debattiert mit Luisa Neubauer im Magazin „Atmo“ über Klimaschutz und stimmt überraschend Neubauers Generalkritik an der Klima-Politik der Bundesregierung („Mit dieser Energiepolitik, die gerade verbockt wird, werden wir unsere Klimaziele niemals erreichen.“) ausdrücklich zu. Winter zu Neubauer: „Da sind wir doch einer Meinung!“ 

Zur Erinnerung: Die Bremer CDU-Fraktionschefin gehört dem obersten Innercircle der Union, dem Präsidium der Bundespartei, an.

Zur Forderung von SPD, Grünen und Linken, dem Klimaschutz Verfassungsrang einzuräumen, antwortet die Juristin in einem ARD-Interview zur Frage, ob man das gemeinsam mit den Linken beschließen könnte, unscharf

Dass im Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk und im Weser-Kurier dass Thema sofort hochgezogen wird, verblüfft die junge „Klima-Queen“ so sehr, dass sie und CDU-Landeschef Heiko Strohmann heftige Aufklärungsarbeit in den eigenen, teils verwirrten Reihen betreiben müssen.

Winter im ARD-Gespräch:  

Ich bin der Auffassung, wir müssen uns die Grundgesetzänderung anschauen und dann müssen wir mit anderen Parteien sprechen. Wenn es darum geht, dass das die einzige Möglichkeit sein sollte, Fördermaßnahmen zu machen und wenn alle gemeinsam zu dem Schluss kommen, das brauchen wir jetzt – wo ich wie gesagt skeptisch bin – dann ist es ja nicht das erste Mal, dass man im Zweifelsfall ja auch gemeinsam mit der Linkspartei einen solchen Beschluss trifft.“  

Statt klar zu sagen: Nein, ließ sich Winter aufs Glatteis führen.

Das darf einer Politikerin im Wachstumsstadium passieren – aber nicht einer auf dem Wunschpfad ins Ministerpräsidentenamt.

Ihr direkter Kontrahent Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) warf sich mit Wonne auf den „Stockfehler“.

Ganz schlimm – jedenfalls für die CDU – wirkte sich eine Nachlässigkeit beim jüngsten Landesparteitag im Juni 2026 aus. Winter – direkt nach ihrer Wahl zur Spitzenkandidatin offensichtlich im Adrenalin-Rausch – übersah wie auch Landeschef Heiko Strohmann und Landesgeschäftsführer Dr. Tim Haga die Brisanz eines zu später Stunde debattierten Antrages der Jungen Union. 

Darin wird u.a. die sofortige Senkung des Bremer  Gewerbesteuer-Hebesatzes von 460 auf 400 Punkte sowie die Erhöhung des Freibetrages gefordert. Der hoffnungsvollen Logik folgend: Senke die Steuer unter das Niveau der Umlandgemeinden, und schon wandern keine Firmen mehr ab, im Gegenteil: Neue Firmen ziehen vllt. nach Bremen. 

Doch die CDU-Parteitags-Delegierten vergaßen bei ihrem Beschluss: Bremen befindet sich mitten im Vorwahlkampf. Unter anderem mit einer geschwächten und damit aggressiven SPD sowie einer angeschlagenen rot-grün-roten Koalition. Finanzsenator Björn Fecker (Grüne) und Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte nutzen den CDU-Beschluss als willkommene Vorlage.

Ihr Vorwurf: Der CDU-Plan mindere das Bremer Steueraufkommen um 120 Millionen Euro pro Jahr, schimpfte Fecker noch halbwegs sachlich. Bovenschulte holte im Unternehmer-Netzwerk LinkedIn kräftig aus und verpasste der Union – damit auch ihrer Spitzenkandidatin – eine saftige Ohrfeige.

Der alte Fahrensmann Jens Eckhoff versuchte schließlich die Wogen zu glätten. Der beschlossene Antrag seiner Partei peile zwar das richtige Ziel an, stehe aber selbstverständlich unter einem Finanzierungsvorbehalt.

Die aufgezeigten „Stockfehler“ schaden einzeln betrachtet nicht entscheidend. In der Summe unterhöhlen diese Nachlässigkeiten und Fehler jedoch die Position der CDU-Spitzenkandidatin.

Wiebke Winter ist zweifelsohne ein großes politisches Talent. Sie hat es mit ihren 30 Jahren dank Ehrgeiz, Freude am Politik-machen und Machtwillen bereits sehr weit gebracht.

Die Wahl am 30. Mai 2027 (zur Bürgermeisterin) kommt jedoch zu früh für sie. 

Noch fehlt ihr das breite Fundament einer Polit-Generalistin sowie das notwendige Maß an Abgebrühtheit, Routine und  politischer Gravität. 

Die politische Geschichte lehrt: Die Leichtigkeit im Tun setzt ein bestimmtes Maß an Lebenserfahrung voraus. Winters Weg vom Lehrsaal in den Plenarsaal wird 2027 aller Voraussicht nach nicht mit dem Sprung in den Senatssaal gekrönt. 2031 mag das schon ganz anders aussehen.  

Das wirklich Tragische ist, dass die Bremer CDU nur über dieses eine große Talent verfügt. Ergo wird sich Bovenschulte mitsamt der rot-grün-roten Truppe vermutlich weitere vier Jahre mehr schlecht als recht durchlavieren. 

Wobei er mit seinem jüngsten Vorstoß zum Bürokratieabbau durchaus den Nerv bürgerlicher Kreise positiv reizt. Am Ende wird vermutlich keiner mehr darüber reden, dass es die CDU war, die dem Senat mit ihrer Forderung nach einem Effizienznachweis aller bürokratischer Vorgaben Beine gemacht hat.  

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller