Gastkommentar: „Bremen wird zur Baustelle – und das ist eine gute Nachricht“

12.09.2026 7 Von Axel Schuller

„Es wird anstrengend, aber es lohnt sich!“ Stefan Brockmann (57), Vorsitzender der Cityintiative Bremen und Inhaber des Einrichtungshauses BoConcept in der Domshofpassage, glaubt fest an die Zukunft der Innenstadt. Er bittet Bremens Bevölkerung und die City-Kundschaft, in den kommenden Umbaubaujahren nicht nur die Probleme, sondern vor allem die Chancen zu sehen. Brockmann (verheiratet, 2 Kinder) ist seit Jahrzehnten im Einzelhandel tätig. Nach Geschäftsführer-Posten bei Karstadt und Dodenhof hat er sich 2013 mit BoConcept selbständig gemacht.

Stefan Brockmann schreibt:

„Wer derzeit durch die Bremer Innenstadt geht, braucht an manchen Stellen durchaus etwas Fantasie. Leerstände, Bauzäune und Gebäude, deren beste Zeiten sichtbar hinter ihnen liegen. Und in den kommenden Jahren wird es zunächst nicht unbedingt schöner: Es wird abgerissen, umgebaut, gesperrt und improvisiert werden.

Doch vielleicht sollten wir genau darin einmal nicht das nächste Bremer Problem sehen, sondern eine große Chance.

Mit dem Bremer Hof und dem Abriss des Parkhauses Mitte wird sich ein zentraler Bereich unserer Innenstadt grundlegend verändern. Das ehemalige C&A-Gebäude am Hanseatenhof wird umfassend umgebaut und mit neuen Nutzungen gefüllt. 

Am Brill steht mit dem ehemaligen Sparkassenareal ein weiteres gewaltiges Projekt an – und natürlich das ehemalige Horten-Gebäude als Kernstück, genauso wie die Pläne um das ehemalige Defaka Haus.

Das sind keine kosmetischen Korrekturen, sondern eine strukturelle Veränderung unserer City.

Und genau das haben wir doch jahrelang gefordert.

Wir können nicht auf der einen Seite beklagen, dass sich in der Bremer Innenstadt nichts verändert und alles schlimmer wird – und uns anschließend darüber beschweren, dass überall gebaut wird.

Natürlich werden die kommenden Jahre anstrengend. Für den Handel, für die Gastronomie, für Anwohner, Besucher und auch für uns Unternehmer. Baustellen bedeuten Umwege, Lärm und Einschränkungen.

Trotzdem lohnt sich der Blick auf das, was danach entstehen kann.

Denn die Innenstadt der Zukunft wird nicht mehr die Einkaufsstadt der 1980er- oder 1990er-Jahre sein. Das ist keine Bremer Besonderheit, sondern eine Entwicklung, die praktisch alle deutschen und europäischen Innenstädte betrifft. Onlinehandel, veränderte Arbeitswelten und ein anderes Konsumverhalten haben die Spielregeln verändert.

Eine erfolgreiche Innenstadt braucht deshalb heute mehr als Geschäfte. Sie braucht Handel und Gastronomie, aber ebenso Wohnen, Arbeiten, Kultur, Bildung, Veranstaltungen, Tourismus und gute öffentliche Räume.

Vor allem braucht sie Gründe, warum Menschen gerne in die Stadt kommen und dort auch bleiben.

Genau darin liegt die Chance der jetzt anstehenden Projekte.

Hat der Bremer Senat in den vergangenen Jahren alles richtig gemacht? Sicherlich nicht. Manche Entscheidung war schwer nachvollziehbar, manches Verfahren dauert in Bremen viel zu lange, und bei Themen wie Erreichbarkeit, Sauberkeit und Sicherheit gibt es weiterhin genug zu tun. Kritik daran ist notwendig.

Aber zur Wahrheit gehört für mich auch: Es ist vieles auf den Weg gebracht worden. Mit den BIDs haben wir Strukturen geschaffen, in denen Eigentümer und Wirtschaft selbst Verantwortung für ihre Quartiere übernehmen. 

Mit der Universität am Domshof kommen junge Menschen, Bildung und neues Leben mitten in die City. Und private Investoren sind bereit, erhebliche Summen in die Zukunft unserer Innenstadt zu investieren.

Gerade deshalb dürfen Politik und Verwaltung jetzt nicht nachlassen. Wer investiert, wer umbaut, wer neue Konzepte wagt, braucht Verlässlichkeit, Tempo und manchmal auch mehr Pragmatismus. Gerade deshalb wird es zentrale Aufgabe von Politik und Verwaltung sein, auf ein hohes Tempo zu achten und Verzögerungen zu vermeiden.

Vielleicht sollten wir uns aber auch als Bremer eine Angewohnheit etwas häufiger abgewöhnen: reflexartig zunächst aufzuzählen, warum etwas nicht funktionieren kann, warum etwas besonders schlimm ist und warum man es natürlich schon immer gewusst hat.

Eine Stadt entwickelt sich nicht allein im Rathaus. Und auch nicht allein durch Investoren. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Politik, Verwaltung, Eigentümern, Unternehmern, Kulturschaffenden und den Menschen, die sie besuchen und in ihr leben.

Gerade jetzt müssen wir deshalb enger zusammenrücken.

Das bedeutet nicht, alles gutzuheißen. Im Gegenteil: Wir sollten streiten, wenn Entscheidungen falsch sind. Wir sollten Tempo einfordern, wenn Verfahren zu lange dauern. Und wir müssen darauf achten, dass unsere Innenstadt während der jahrelangen Umbauphase erreichbar und attraktiv bleibt.

Aber wir sollten dabei das gemeinsame Ziel nicht aus den Augen verlieren.

Ich erlebe als Unternehmer in der Innenstadt jeden Tag, wie unmittelbar sich Frequenz, Erreichbarkeit und auch die Stimmung über unsere City auf die Geschäfte auswirken. Wer ständig erzählt, dass die Bremer Innenstadt nichts mehr zu bieten habe, darf sich irgendwann nicht wundern, wenn die Menschen diese Erzählung glauben.

Dabei gibt es genügend Gründe, selbstbewusster nach vorne zu schauen. 

Fragen Sie einmal im Freundeskreis, wie viele inhabergeführte Fachgeschäfte es in unserer City noch gibt. Keine 20? Keine 50? Mit dieser Einschätzung wären Sie in bester Gesellschaft – aber weit daneben. Es sind 136 inhabergeführte Fachgeschäfte. 136 gute Gründe, unsere Innenstadt nicht vorschnell abzuschreiben.

In den kommenden Jahren werden an mehreren Schlüsselstellen der Innenstadt gleichzeitig erhebliche Investitionen sichtbar. Gebäude, über deren Zukunft wir jahrelang diskutiert haben, werden tatsächlich angefasst. Neue Nutzungen entstehen. Ganze Bereiche der City bekommen die Chance, sich neu zu erfinden.

Das wird nicht reibungslos funktionieren. Transformation tut das selten. Pragmatismus hilft immer.

Aber vielleicht ist genau jetzt der Moment, in dem wir Bremer uns alle  und die Betonung liegt auf ALLE – unterhaken sollten.

Nicht weniger kritisch, aber konstruktiv. Nicht Probleme verschweigen,  Lösungen unterstützen.

Und vor allem nicht jede Baustelle als Beweis dafür sehen, dass in Bremen wieder einmal etwas nicht funktioniert.

Manchmal ist eine Baustelle nämlich genau das Gegenteil:

Ein sichtbares Zeichen dafür, dass endlich etwas passiert.

Soweit der Gastkommentar von Stefan Brockmann.

Liebe Leserschaft, bevor ich Sie heute von bremensogesehen „entlasse“ habe ich noch eine Bitte: Lesen Sie die vielfältigen Leserkommentare zu meiner vorigen Philippika über den zunehmenden Park-Irrsinn in den Stadtteilen. Teilweise wird Ihnen „die Spucke wegbleiben“ – wo wir mittlerweile in Bremen gelandet sind. Inklusive Blockwart-Mentalität. Btw: Grüne, Linke und SPD, welche die Autofahrer mit ihrer Verkehrs-Politik drangsalieren, schweigen – als ob dies die Probleme lösen würde. Frage: Soll man dies ernsthaft Demokratie-fördernd nennen?

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller