Gastkommentar: Lieber auf dem heimischen Bauernhof als im Schlachthof sterben
Heute ein völlig anderes Thema. Insbesondere für alle Fleischesser. Wolfgang Golasowski (73), Ex-Landgerichtspräsident und zuletzt Bremer Umwelt-Staatsrat (bis 2015) betreibt nahe Thedinghausen eine kleine Landwirtschaft und gründet gerade einen Schlachthof in Bauernhand. Ein Zitat: „Es erfordert viel Durchhaltevermögen beim Überwinden der Bürokratie, um lebende Tiere auf dem Hof – also ohne belastenden Transport – zu schlachten und dafür eine eigene Firma zu gründen.“

Wolfgang Golasowski schreibt:
„Fury in the Slaughterhouse“
Mein Text hat weder etwas mit der Rockband aus Hannover zu tun noch mit dem Pferd „Fury“ aus der US-Kinderserie, die in den 50er- und 60er-Jahren im Ersten Deutschen Fernsehen gezeigt wurde.
Ich möchte etwas zum Thema Ernährung sowie zu den Bedingungen und Perspektiven der heutigen Fleischproduktion sagen. Insoweit passt der Name der Band allerdings ganz gut, denn tatsächlich herrscht in unseren Schlachthäusern „Fury“ – frei übersetzt: „Aufruhr“.
Warum? Die Fleischpreise steigen, die Produktionszahlen gehen zurück, und Bauern beklagen, die Margen seien zu gering. Immer mehr junge Menschen lehnen es ab, tierische Produkte zu essen. Rund ein Drittel der Menschen reduziert bewusst seinen Fleischkonsum und isst nur noch gelegentlich Fleisch.
Auch die ethisch begründete Kritik an der Tötung von Tieren zur Ernährung nimmt zu. Die Methoden von Tierrechts-Aktivisten, die die vollständige Beendigung jeglicher tierischer Ausbeutung für Nahrung, Kleidung, Forschung oder Unterhaltung fordern, werden zunehmend rabiater.
Selbst die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) e. V. hält inzwischen eine rein vegane Ernährung für gesundheitlich unbedenklich, sofern dem Körper ausreichend Vitamin B12 zugeführt wird. Als Folge dieser Entwicklung schließen kleine und mittlere Schlachthöfe. Sogar der Industrieverband Garten (IVG) e. V. jammert in seinem „Branchenbericht Grillen 2026“ darüber, dass der Absatz von Grillgeräten um 3 % gesunken ist.
Was folgt daraus? „Heute ist niemand mehr bereit, freiwillig einen Schlachthof zu bauen“, sagt Hubertus Beringmeier, Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes und Veredelungspräsident* des Deutschen Bauernverbandes.
Stimmt und stimmt nicht, was Herr Beringmeier da sagt.
Seit dem Ende der Corona-Pandemie versuchen insbesondere kleinere Rinderhalter wieder, auf ihren Höfen zu schlachten. Bisher war dies nur für den Eigenbedarf erlaubt. Seit 2021 ist es aufgrund einer Änderung des EU-Rechts (Delegierte Verordnung (EU) 2021/1374 der Kommission vom 12.04.2021 zur Änderung von Anhang III der Verordnung (EG) Nr. 853/2004 des Europäischen Parlaments und des Rates) möglich, bis zu drei Hausrinder im Herkunftsbetrieb zu schlachten, auch wenn sie nicht selbst verzehrt werden sollen.
Voraussetzung ist, dass dies unter der Regie eines EU-zugelassenen Schlachthofs erfolgt und die Tierkörper innerhalb von zwei Stunden mit einem Spezialanhänger (sog. mobile Schlachteinheit) zur Weiterverarbeitung dorthin transportiert werden.
Die Schlachtung auf dem Hof bietet viele Vorteile. Insbesondere bleibt den Tieren der qualvolle Transport zur Schlachtstätte ebenso erspart wie das Auf- und Abladen.
Wir müssen uns da nichts vormachen: Die Tiere wissen, wo die Reise hingeht. Und der Stress, dem sie dabei ausgesetzt sind, beeinträchtigt die Fleischqualität ganz erheblich.
Seit der Änderung des EU-Rechts gibt es viele – überwiegend von Landwirten getragene – Initiativen, um eine mobile Schlachtung ihrer Rinder zu organisieren. Leider waren diese Bemühungen bisher wenig erfolgreich.
Warum? Es fehlen handwerklich organisierte Schlachthöfe, die bereit und in der Lage sind, auf den Höfen getötete Rinder zur Weiterverarbeitung anzunehmen. Entweder gibt es diese Betriebsstätten nicht mehr oder die wenigen, die es noch gibt, sind bis zum Anschlag ausgelastet und nehmen keine neuen Aufträge mehr an.
Dabei ist ein deutliches Süd-Nord-Gefälle festzustellen. In Süddeutschland gibt es vielerorts noch den örtlichen Metzger oder kleine kommunale Schlachthäuser. In Norddeutschland sind diese Betriebe aufgrund des Konzentrationsprozesses der vergangenen Jahrzehnte dagegen fast ausgestorben.
War’s das? Nein!
Ende Juni 2026 haben nach langer Vorbereitungszeit zehn Landwirte und ein Schlachter aus dem Bremer Umland eine GmbH gegründet und einen Schlachthof in der Wesermarsch gepachtet. Seitdem laufen die Arbeiten für die Inbetriebnahme einer mobilen Schlachtung auf Hochtouren.
Im September soll es so weit sein: Die ersten auf den Höfen getöteten Rinder sollen dort weiterverarbeitet werden können.
Die Vermarktung erfolgt entweder über die neu gegründete Weserfleisch GmbH oder über die Hofläden der beteiligten Landwirte. Die Kapazität der Betriebsstätte reicht aus, um nicht nur Tiere der Gesellschafter anzunehmen. Wenn alles gut läuft, soll die GmbH alsbald in eine Genossenschaft umgewandelt werden. Dann gäbe es tatsächlich einen „Schlachthof in Bauernhand“.
Was habe ich damit zu tun? Und warum erzähle ich das alles?
Mit der Gründung der Weserfleisch GmbH wurde ich zum Geschäftsführer bestellt. Dem Schlachter, der zugleich Gesellschafter ist, wurde die Betriebsleitung übertragen.
Bereits im Vorfeld der GmbH-Gründung und erst recht danach haben wir erfahren, wie viel Durchhaltevermögen erforderlich ist, um heutzutage eine gute Idee – keine Transporte von lebenden Tieren – umzusetzen, ohne an den Hürden der Bürokratie zu scheitern.
Auweia!
Der mir hier zugebilligte Platz reicht bei Weitem nicht aus, um zu beschreiben, was wir inzwischen alles erlebt haben. Das war echt die Härte! Mehr als einmal waren wir so weit, das Ganze hinzuschmeißen.
Ich möchte nicht missverstanden werden: Vorschriften und bürokratische Verfahren sind gerade bei der Produktion tierischer Lebensmittel unabdingbar. Aber es ist kaum noch möglich, alles zu bedenken und umzusetzen, was getan werden muss, bevor das erste Steak in der Pfanne brutzeln kann.
Ob wir das alles geschafft haben, werden wir erst wissen, wenn die letzte Genehmigung vorliegt.
Wir sind guter Hoffnung!
Sorge bereitet mir allerdings die Frage, ob es am Standort Deutschland überhaupt noch gelingen kann, kritisches bzw. störendes Gewerbe anzusiedeln.
Als wir noch glaubten, wir könnten einen neuen regionalen Schlachthof bauen, habe ich von Bürgermeistern und Landräten immer wieder zu hören bekommen, die Flächen seien für einen Schlachthof („igitt“) nicht vorgesehen. Man bevorzuge die Ansiedlung von IT-Betrieben.
Da frage ich mich schon: Was wollen wir noch alles in Länder verlagern, in denen es aufgrund autoritärer oder korrupter Systeme weniger Bürokratie gibt?
Das kann nicht die Lösung sein.“
Ende des Gastkommentars
Liebe Leserschaft, ich hoffe, dass Sie diesen Beitrag (wie ich zuvor) als Erkenntnisgewinn werten.
- Anmerkung zum Veredlungspräsident. Dank Wolfgang Golasowski und dem Portal „VegPool“ durfte ich folgende Bedeutung lernen:
„Wenn man 1 Kilo Getreide verfüttert, um 75 Gramm Fleisch zu bekommen, dann liegt es nahe, von Verschwendung zu sprechen. Agrar-Lobbyisten sagen lieber „Veredelungsverluste“.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
@Wolfgang Golasowski
Es ist absolut richtig, den Tieren so wenig wie möglich „Stress“ zu machen.
Allein der „qualvolle“ Transport – wie Sie berechtigterweise schreiben – ist Stress pur.
Für die Tiere eine völlig unbekannte Situation.
Rausgerissen aus ihrer gewohnten Umgebung.
Dann kommt dazu,
dass man fast täglich in den Medien von „verunfallten“ Tiertransportern liest oder hört!
(vorgestern noch in Stuhr bei einer Massenkarambolage/ ein Toter Mensch / 2 tote Rinder).
Ich habe als Student an der TiHo in Hannover mit Prof.Dr. Wolfgang von Engelhardt nachgewiesen, dass die Qualität des erzeugten Fleisches wegen der Stresssituationen erheblich vermindert wird.
Auch mir reicht der Platz in Axel Schullers Blog nicht aus, um „in media res“ zu gehen.
Ich bin aber der Meinung, dass es ein Umdenken in der Fleischproduktion bedarf.
Insofern kann ich sogar die „krawalligen“ Veganer verstehen, die sich konsequent für die Tiere einsetzen!
Herr Golasowski,
bleiben Sie bitte dran und: Ihnen viel Erfolg!
Die Tiere werden es Ihnen danken…
coming -out:
Ich war Anfang 20, als ich und meine Freunde von einem Schlachthof in Bad Iburg/Glane Wind bekommen haben
Dort wurden Tiere unter widrigsten Bedingungen geschlachtet.
Wir haben immer dagegen Front gemacht!
Diesen Schlachthof habe ich nie aus den Augen verloren.
Heute, fast 50 Jahre später, ist der Schlachthof geschlossen. Die Betreiber und die „Amtstierärztin“, die den Laden überwachen sollte, sind rechtskräftig wegen Tierquälerei verurteilt worden.
Manchmal braucht es halt ein „bisschen“ länger…
Ja, dringend bedarf es einem Zusammenschluss, der „Schlachten in Bauernhand“ wieder in die Nähe der Möglichkeiten rückt. Es würde auch die Preise für die Bauern auskömmlicher als bislang gestalten und die Bauern endlich zum Teil aus der Leibeigenschaft der großen Vermarkter und Anbieter befreien. Ich wünsche der Initiative Wolfgang Golasowski plus das Durchhaltevermögen, die Kraft und viele Unterstützer. Kann ich irgendwas tun? Ich bin gerne dabei!
Wohin man in diesem Staat auch blickt, gibt es Missstände.
In Bremen gibt es jährlich etwa 15 Gesetzesänderungen, vom Bund kommen rund 100 und aus der EU-DSSR kommen etwa 1.000.
Alles ändert sich, aber nichts wird besser.
Die einen dürfen ihre tierquälerischen Schlachtriten aus ihren Herkunftsländern hier praktizieren statt dafür ausgewiesen zu werden, und einheimische Tierzüchter dürfen die Tierquälerei nur verringern wenn sie den Technokraten Opfergaben hergeben können. Der Tierschutz wurde am 1. August 2002 ins Grundgesetz aufgenommen, wahrscheinlich ausschließlich damit sich Technokraten und räuberische NGOs besser an den Früchten der Untertanen laben können.
Das führt zu einer naheliegenden Frage: Gehört das alles auf den Müllhaufen der Geschichte?
Wenn Tönnies sich an alle Regeln halten würde… ist im Gegensatz dazu schon grotesk, was man alles tun muss um alles richtig zu machen.
PS. Die Gründung einer Bürgerenergiegenossenschaft für Erdwärme ist ein ähnlich dickes Brett (und wir wollen niemanden töten)
Eigentlich wollten wir keine GmbH, sondern eine Genossenschaft gründen. Wegen des damit verbundenen Zusatzaufwandes haben wir das gelassen…aber den Gedanken nicht fallengelassen. Wenn das Schlachten auf den Höfen angelaufen ist, wollen wir die Idee wieder aufgreifen. Mitglied sollen dann nicht nur Landwirte (m/w), sondern auch Konsumenten (m/w) werden können. Wer Lust hat, das mit vorzubereiten, kann mir gerne eine E-Mail schicken: wolfgang@golasowski.de
Ich kenne es noch von früher, dass Menschen in den 1960 Jahren z.B. auf dem Lande in Wüsting oder Westerstede in ihrem 60er Jahre Einfamilienhaus einen eingebauten kleinen Stall für Schweine und/oder Hühner hatten.
Geschlachtet hat man da auch zuhause und alle Menschen haben es überlebt.
Aber heute will der Staat, dass Fleischproduktion hoch-industriell und monopolistisch vonstatten geht. Tierwohl spielt keine Rolle.
Bremer Schlachter dürfen nicht mehr schlachten. Aber Halal-Schlachtungen bei Halal-Fleisch-Anbietern sind auch in Bremen nach wie vor erlaubt. Da ist Tierwohl auch Nebensache, wie mir scheint.
Ich bin „Baujahr“ 1956 – mein Vater war was man heute „CTO“ nennen würde bei einem Elektro-Mittelständler im Ost-Hessischen. Einer seiner Abteilungsleiter und Freund hatte nebenbei auf seinem Dorf eine kleine Landwirtschaft, dort waren wir regelmässig zu den Schlachtfesten und genauso habe ich als „Knirps“ beim Heuwenden mitgemacht – oder musste damals – bis die Freunde ihren Neubau fertig hatten – zum P… über die Strasse zu dem Holzhäuschen gehen – zu einer Zeit, wo wir zu Hause längst Zentralheizung, getrennte Dusche und Badewanne hatten.
Aus dieser Zeit ist mir einiges übrig geblieben:
– ich weiss, wo unser Essen herkommt
– ich weiss „Luxus“ zu schätzen, kann aber auch „ohne“
– seit den Schlachtfesten habe ich eine Abscheu gegenüber „Wurst“, weiss aber ein Steak sehr zu schätzen – für mich kein Widerspruch, sondern aufgrund der „Fabrikation“/“Verpackung“…
– ABER: damals wurde es auch „Brauch“, das Vieh mit Fischmehl zu füttern, man roch das oft schon in den Dorfstrassen
—-
Was anderes in dem Zusammenhang: seit einigen Jahren stelle ich fest, dass Fleisch/Steaks aus dem Supermarkt im Gegensatz zu „früher“ (1990…2000) in der Pfanne nicht mehr so krass schrumpfen wie damals. Täuscht mich das oder falls nicht: was ist da passiert?
@ Achim Schäfer
da täuschen Sie sich nicht.
Wochen vor dem Schlachttermin werden die Tiere sozusagen „entwässert‘?
Sie werden nur noch mit ‚trockenem Futter“ versorgt, damit der Wasseranteil des Futters abgesenkt wird.
Dadurch sinkt der Anteil an Wasser in der Zelle und Sie als Verbraucher haben mehr Fleischsubstanz und weniger Flüssigkeit in der Bratpfanne.
Das ist eine Reaktion der „Ernährungsphysiologie‘ auf Beschwerden der Verbraucher.
Die Fleischlobby kämpft mit allen Mitteln.
Das fängt schon bei Gen manipulierten Futter Pflanzen ( Mais,Raps und alle Getreide Arten) an.
oft unter dem „Deckmantel “ der Schädlingsbekämpfung…..
@ Achim Schäfer und andere Kommentatoren
Hab einige Nachfragen bekommen.
Deshalb möchte ich das mit der „Entwässerung des Futters‘ an einem Beispiel erklären.
Sie alle kennen Rehwild und Rotwild.
Das sind genauso wie“Fleckvieh“ (Rinder,Kühe, Ochsen,Bullen) Wiederkäuer.
Der gesamte Magen und Darmtrakt ist identisch aufgebaut (4 Mägen).
Im Sommer fressen die Wildtiere überwiegend Gras als Saftfutter.
Im Winter fressen sie dann Knospen, Zweige junger Bäume und schälen sogar (Rotwild) die Rinde von Bäumen ab.
Das ist dann Rohfaser reiches Futter.
Um das verdauen zu können, wird die gesamte Magen und Darm Symbiontik umgebaut.
Verdauungs Mikroorganismen und Bakterien
werden auf natürlichem Weg verändert.
Das heißt:
im Sommer fressen Wildtiere Gras,(wasserreich), im Winter Rohfaser reiches Futter mit geringem Anteil an Wasser.
Jeder Koch, Jäger oder Förster’s Frau kann bestätigen, daß das Fleisch der im Winter erlegten Tiere viel weniger in der Bratpfanne in sich zusammenfällt als das von denen, die im Sommer erlegt wurden.
Genauso wird es in der Tiermast gemacht.
allerdings bestimmt da der „Schlachttermin‘ die Futterumstellung…
@Josef Teupe: „Jeder Koch, Jäger oder Förster’s Frau kann bestätigen, dass das Fleisch der im Winter erlegten Tiere viel weniger in der Bratpfanne in sich zusammenfällt als das von denen, die im Sommer erlegt wurden.“ Trotz meiner in dieser Hinsicht guten Schulbildung und eines 12 Jahre älteren Bruders mit dem Hobby „Jäger“ war mir das neu und ist sehr interessant.