IT-Experte Dr. Volker Redder zerreißt Bremens KI-Strategie „in der Luft“!

02.09.2026 13 Von Axel Schuller

Liebe Leserschaft, der Senat hat kürzlich seine KI-Strategie (Künstliche Intelligenz) vorgelegt. Der IT-Unternehmer, studierte Informatiker und Biologe, Dr. Volker Redder, hat sich mit dieser Strategie beschäftigt – und ist offenbar entsetzt. Als ich davon erfahren habe, habe ich den Experten gebeten, seinen Fach-Beitrag zur Debatte stellen zu dürfen. Redders vernichtende Einschätzung der Senatsarbeit können Sie hier lesen. Gestern nun hat sich CDU-Finanzexperte Jens Eckhoff erbost zu Wort gemeldet. Grund: Bremen kaufe eine Software für das Haushalts- und Rechnungswesen, verbunden mit jährlichen Kosten von bis zu 8 Millionen Euro – ohne ein Parlamentsvotum abzuwarten. Eckhoff Presseerklärung dazu finden Sie heute als gesonderte Doku (unter diesem Stück).

Zunächst kommt Volker Redder im O-Ton zu Wort.

 1. Die Fassade der Innovation

Am 18. August 2026 hat der Bremer Senat seine KI-Strategie verabschiedet und damit ein Dokument vorgelegt, das vor allem eines ist: eine rhetorische Nebelkerze. Während das Papier den Aufbruch in eine „verantwortungsvolle und zukunftsfähige Verwaltung“ suggeriert, entlarvt die Analyse ein tiefes strukturelles Vakuum. Hinter dem glänzenden Vorhang aus Innovations-Sprech verbirgt sich ein operatives Nichts. Der Senat skizziert eine digitale Zukunft, ohne die elementaren finanziellen, personellen oder infrastrukturellen Voraussetzungen dafür zu klären.

Die Strategie krankt an zentralen Kardinalfehlern:

  • Finanzierungslücke: 39 angekündigte Projekte stehen einer Budgetierung von exakt null Euro gegenüber – ein ökonomisches Geisterfahrermodell.
  • Mangelnde Souveränität: Die technologische Basis bleibt eine „Blackbox“, die technologische Abhängigkeiten von US-Konzernen zementiert, statt europäische Lösungen zu fördern.
  • Audit-Desaster: Die Verwaltung verharrt auf einem digitalen Reifegrad, der kaum die elementaren Grundlagen für KI-Anwendungen bietet.
  • Wirtschaftspolitisches Totalversagen:  Die einseitige Fixierung auf Dataport stranguliert die lokale KI-Wirtschaft; Entlastungsprojekte für Unternehmen sind als „Potentialprojekte“ de facto beerdigt.
  • Wahlkampf-Timing: Die bewusste Verzögerung der Veröffentlichung rückt das Papier in die Nähe einer reinen Werbebroschüre für die Bürgerschaftswahl 2027.

Wer versucht, ein KI-Hochhaus zu errichten, während das digitale Fundament aus Treibsand besteht, betreibt keine Politik, sondern gefährliche Realitätsverweigerung.

2. Das OZG-Dilemma und das verheerende Transformations-Audit

Künstliche Intelligenz ist kein Zauberstab, sondern ein Werkzeug, das auf digitaler Reife und konsistenten Datenarchitekturen fußt. Das „Audit Digitale Transformation“, das dieser Strategie als Basis dient, ist ein Offenbarungseid für den Senat. Es zeigt schonungslos, dass Bremen versucht, das Dach zu decken, bevor das Fundament überhaupt gegossen wurde. (Anmerkung von as: OZG bedeutet OnlineZugangsGesetz)

Die Ergebnisse auf der Skala von 1 bis 5 sind ein Zeugnis struktureller Rückständigkeit:

Dimension der TransformationReifegrad (Stufe)Bewertung gemäß Audit
Governance2,0Prozessorientiert
Strategie2,0Prozessorientiert
Ethik1,5Technisch (Nahe am Minimum)
Datenmanagement3,0Integriert
Technische Infrastruktur2,5Zwischen Prozess und Integration
Methoden2,0Prozessorientiert
Personal2,0Prozessorientiert
Kompetenzen2,0Prozessorientiert
Organisationskultur2,0Prozessorientiert

Acht von neun Dimensionen verharren auf Stufe 2 („Prozessorientiert“). Besonders beschämend ist der Bereich „Ethik“, der mit 1,5 fast auf das Niveau „Technisch“ (Stufe 1) zurückfällt – und das in einer Strategie, die das Wort „verantwortungsvoll“ im Titel trägt. Die bisherige OZG-Umsetzung erweist sich als bloßes Stückwerk: Es mangelt an einer konsistenten Architektur und gemeinsamen Schnittstellen; stattdessen regieren weiterhin isolierte Datensilos

Das Projekt „Daten für KI nutzbar machen“ entlarvt sich bei genauerer Betrachtung als bloßer „Plan für einen Plan“ – ein Vorprojekt zur Erstellung eines Konzepts, das fundamentale Fragen der Data Governance erst noch klären soll. 

In diesem Zustand ist die Verwaltung organisch gar nicht in der Lage, komplexe KI-Projekte zu absorbieren.

3. Die „Wunschzettel“-Architektur: 39 Projekte ohne Preisschild

In der politischen Realität ist ein Programm ohne Budgetierung eine bloße unverbindliche Absichtserklärung. Der Senat liefert 39 Vorhaben, bleibt aber jede Antwort auf die Kosten, den Personalbedarf oder die Haushaltsstellen schuldig.

Simon Zeimke, digitalpolitischer Sprecher der CDU-Bürgerschaftsfraktion, konstatiert treffend:

„Wir bekommen 39 Projekte und keinen einzigen Euro dazu. […] Keine Finanzierungsquelle, kein Haushaltsjahr.“

Damit verkommt das Papier zu einem bloßen Wunschzettel. Besonders perfide ist die de-parlamentarisierende Auslagerung der operativen Roadmap: Indem Meilensteine und Zuständigkeiten „dynamisch“ außerhalb des Senatsbeschlusses fortgeschrieben werden, entzieht sich die Regierung der parlamentarischen Kontrolle. 

Das Parlament kann Fortschritte weder wirksam einfordern noch kontrollieren, während sich der Senat hinter vagen Prioritätsstufen versteckt. 

Eine Strategie ohne Preisschild und ohne Datum ist kein Regierungshandeln, sondern ein politisches Luftschloss.

4. Technologische Blackbox und „Souveränität“: Das Beispiel „LLMoin“

Digitale Souveränität ist kein optionales Extra, sondern die Voraussetzung für das Vertrauen in den Rechtsstaat. Doch beim Vorzeigeprojekt „LLMoin“ hüllt sich der Senat in Schweigen. Es bleibt völlig intransparent, welche Large Language Models (LLMs) tatsächlich zum Einsatz kommen – ob GPT-4 von US-Giganten oder europäische Open-Source-Alternativen.

Diese Geheimniskrämerei zementiert Abhängigkeiten und konterkariert den Anspruch auf Transparenz. Wer die „Blackbox“ zur Methode macht, gefährdet die Souveränität der Verwaltung. Wir fordern stattdessen klare Leitplanken:

  • Vorrang für Europa: Bei der Beschaffung müssen in Europa entwickelte Sprachmodelle explizit bevorzugt werden.
  • Öffentliches KI-Register: Einrichtung eines Registers zur Schaffung von Transparenz über alle eingesetzten KI-Systeme für die Bürger.
  • Menschliche Letztentscheidung: Die prozessuale Sicherung menschlicher Verantwortung, insbesondere bei behördlichen Ermessensentscheidungen.

Die technische Intransparenz von heute ist das rechtliche und ethische Risiko von morgen.

5. Abschieben der Verantwortung: Das Bias-Dilemma

Der Senat schmückt sich mit „Impact Assessments“, doch die operative Umsetzung ist ein Fall von organisierter Verantwortungslosigkeit. Unter dem Deckmantel des „Human-in-the-loop“-Prinzips wird die hochkomplexe Prüfung auf Diskriminierung und Bias auf den einzelnen Sachbearbeiter abgewälzt. (Unter Bias versteht man Voreingenommenheit, Vorurteile; Anmerkung von as)

Dies ist vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der Zentralstelle für die Verwirklichung der Gleichberechtigung der Frau (ZGF) geradezu fahrlässig. Die Daten zur Gender AI Gap zeigen:

  • Weibliche Beschäftigte haben signifikant höhere Vorbehalte und Sorgen gegenüber der Technologie.
  • Frauen schätzen ihre eigenen KI-Kompetenzen subjektiv niedriger ein.

Diese Mitarbeiterinnen nun im Arbeitsalltag damit allein zu lassen, Verzerrungen in Datenmengen eigenständig zu erkennen und manuell zu korrigieren, ist nicht nur unfair, sondern operativ fahrlässig. Ohne verbindliche Standards und echte Befähigung in der Breite bleibt das Projekt „KI verantwortungsvoll prüfen“ ein Lippenbekenntnis, das die Risiken auf die schwächsten Glieder der Kette delegiert.

6. Digitale Nabelschau und Verrat am lokalen Mittelstand

Die Strategie ist eine reine Binnenschau der Verwaltung, die den Bremer Mittelstand als Finanzier des Staates systematisch ausschließt. Durch die „einseitige Fixierung auf Dataport“ baut der Senat eine  Schattenbürokratie auf, die die lokale IT- und KI-Landschaft von Aufträgen abschneidet. Die angebliche Entlastung der Wirtschaft ist eine Mogelpackung:

  • Priorisierungs-Trick:  Während der Senat sich mit dem Projekt 30 („Baupotenziale sichtbar machen“) schmückt – das wohlgemerkt nur durch Bundesmittel am Leben erhalten wird – wurden echte Entlastungsprojekte wie der „Fördernavigator“ (Projekt 23) oder die KI-Recherche (Projekt 16) und die visuelle Inhaltsaufbereitung (Projekt 17) als  „Potentialprojekte“ auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben.
  • Innovations-Barriere: Lokale Start-ups und IT-Dienstleister finden in der monolithischen Dataport-Struktur keinen Platz. Das ist aktive Standortschädigung unter dem Deckmantel der Digitalisierung.

7. Politisches Fazit: Wahlkampfmanöver statt Verwaltungsreform

Die zeitliche Diskrepanz der Strategieerstellung spricht Bände: Die wissenschaftliche Arbeit war bereits im April 2026 abgeschlossen. Dass der Senat das Dokument erst im August 2026 veröffentlichte, ist ein durchschaubares Manöver. 

Man wollte das Papier als glänzendes Wahlkampf-Accessoire für das Jahr 2027 warmhalten, statt sofort in die Umsetzung zu gehen. Vier Monate Stillstand sind in der Welt der KI eine Ewigkeit.

Um aus diesem Wahlkampf-Wunschzettel eine seriöse Strategie zu machen, müssen als erstes die folgenden fünf Punkte umgesetzt werden::

  • Kostenwahrheit: Ein verbindlicher Haushaltsplan für alle 39 Projekte.
  • Personalplanung: Konkrete Stellenpläne statt vager Kompetenz-Hoffnungen.
  • Souveränität: Verbindlicher Vorrang für europäische Sprachmodelle.
  • Wirtschafts-Turbo:  Priorisierung der Projekte zur Genehmigungsbeschleunigung und Einbindung lokaler IT-Firmen.
  • Transparenz: Sofortige Einführung eines öffentlichen KI-Registers.

Der Senat muss liefern statt zu lauern. Bremen braucht keine weiteren „Pläne für Pläne“, sondern eine finanzierte und transparente Digitalisierung, die diesen Namen verdient. 

Alles andere ist politisches Blendwerk auf Kosten der Zukunftsfähigkeit unseres Bundeslandes.

Soweit der Text des Digitalexperten Dr. Volker Redder.

Wer mag und sich dazu berufen fühlt, kann Redders fachlich vernichtende Einschätzung nachfolgend gerne kommentieren.

ACHTUNG: Wer die geharnischte Presseerklärung von Jens Eckhoff (CDU) zur Abschaffung einer neuen Software im Finanzressort als Dokumentation lesen möchte, geht einfach auf den Link.

https://bremensogesehen.com/20260902-doku-cdu-software-kritik/

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Freuen Sie sich mit mir auf den Gastkommentar am Sonntag…