Kauft sich der Senat Ruhe bei der GeNo – mindestens bis zur Bürgerschaftswahl?

27.10.2026 14 Von Axel Schuller

Der hohe Senat zu Bremen, hat sich am Dienstag als Wundertüte erwiesen. Die Gesundheit Nord (GeNo) wird nicht nur not-beatmet, nein sie darf geradezu in einem Jungbrunnen baden. In den vergangenen Tagen hieß es, eine Insolvenz der GeNo ließe sich nur mit rund 60 Millionen Euro abwenden. Gestern beschloss der Senat, der GeNo einen weiteren Betriebsmittelkredit in Höhe von sage und schreibe 293 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen – zusätzlich zu den in der Vergangenheit bereitgestellten 233 Millionen Euro. GeNo-Geschäftsführerin Dr. Dorothea Dreizehnter wird ein „Sanierungs-Geschäftsführer“ m/w zur Seite gestellt…

Der Senat verschafft sich damit auch selbst Luft bis zur Bürgerschaftswahl am 30.5.2027. Also, er „schmeißt“ der GeNo soviel Geld vor die Füße, damit diese bis Ende Mai garantiert nicht mehr herumquengeln wird: „Entweder wir kriegen Geld, oder es droht die Insolvenz.“

Wirklich beachtlich ist, dass das Gutachten der Firma WMC, auf dem das Sanierungskonzept, sprich der Kahlschlag im Klinikum Bremen Ost fußt oder fußen soll, weiterhin der Öffentlichkeit vorenthalten wird. 

Und nicht nur uns. Auch nahezu alle KBO-Chefärzte kritisieren in einem Brief, dass sie das Konzept zum Eindampfen ihrer Klinik  nicht zu Gesicht bekommen haben.

Das Gutachten soll – wie ich höre – rund 280 Seiten umfassen. 

Es erscheint als extrem unwahrscheinlich, dass außer Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke) auch nur ein weiteres Senatsmitglied den Inhalt kennt.

Laut Senatsbeschluss wird der GeNo ein weiter Betriebskostenkredit über 293 Millionen gewährt. Allerdings nur unter drei Voraussetzungen:

  1. Ein „unabhängiger Sanierungsgutachter“ muss die Tragfähigkeit des Konzeptes testieren.
  2. Der parlamentarische Haushalts- und Finanzausschuss muss zustimmen.
  3. Die Gesundheitsdeputation der Bremischen Bürgerschaft muss dafür sein.
  4. Der Mega-Kredit – deutlich höher als der bislang gewährte Betriebsmittelkredit – wird bis zum Jahr 2031 gewährt. Spätestens ab 2032 muss die GeNo die 293 Millionen innerhalb von zehn Jahren zurückzahlen.

Liebe Leserschaft, Sie kennen mein Faible für Dokumentationen. Im Anschluss gewähre ich Ihnen einen Blick in ein kritisches Papier zum geplanten Kahlschlag – es „flog“ mir quellenlos zu, strotzt aber vor fachlichem Wissen. Ich stufe es daher als authentisch ein. Zugegebenermaßen liest es sich nicht so, als sei es auf einem Rechner in der Geschäftsführung geschrieben worden… 🙂

Kommen wir aber dennoch kurz zur GeNo-Geschäftsführung. Frau Dr. Dorothea Dreizehnter (Jahresgehalt: über 300.000 Euro plus 40.000 Euro Bonus) traut man im Senat offenbar nicht mehr zu, die Herkules-Aufgabe „Total-Sanierung der GeNo inklusive Reduzierung der Standorte und Kündigungen von über 500 Mitarbeitern“ alleine zu wuppen.

Deshalb hat die Regierung beschlossen, Dreizehnter solle ein Sanierungs-Geschäftsführer zur Seite gestellt werden.

By the way: Dies scheint das neue Bremer Modell zu sein. Flughafen-Chef Dr. Marc Cézanne hat bereits einen Sanierungschef an seine Seite bekommen, um den von einer Insolvenz bedrohten Flughafen zu retten.

Ob und wie sich auf die Schnelle für Dreizehnter ein Co-Pilot  finden lässt, konnte mir gestern niemand beantworten. Ihr Vertrag läuft noch bis 2030.

Soweit meine kurze Einschätzung des Senatsbeschlusses vom Dienstag, 27. Oktober.

DOKUMENTATION:

Nachfolgend das bereits angekündigte Papier aus dem „Inneren der GeNo“ mit Bedenken zum KBO-Kahlschlag: 

Verlagerung der somatischen Medizin aus dem Klinikum Bremen-Ost

Sachliche Zusammenfassung der Kernpunkte

Ausgangslage

  • Geplant ist, die somatische Medizin am Klinikum Bremen-Ost aufzugeben und nach Bremen-Mitte und Bremen-Nord zu verlagern.
  • Die wirtschaftliche Lage des Verbunds ist ernst; Veränderungsbereitschaft ist gegeben.

• Die vorgelegten Pläne gefährden die Versorgung im Bremer Osten, ohne die Ursachen der finanziellen Schieflage zu beheben.

  1. Leistungsfähigkeit und Versorgungsqualität des Standorts
  • Rund 1.200 stationäre Fälle pro Monat, über 14.000 pro Jahr in den somatischen Kliniken.
  • Notaufnahme ist zentrale Anlaufstelle für Osterholz, Hemelingen, Vahr und Oberneuland sowie das angrenzende Umland.
  • In Stadtteilen mit wenigen niedergelassenen Fachärzten häufig erster und einziger Zugang zu fachärztlicher Versorgung.
  • Niedrige Beanstandungs– und Prüfquote durch Medizinischen Dienst und Kostenträger.
  • Geringer und zuletzt deutlich verringerter Beitrag des Standorts zum Verbunddefizit.

2. Transparenz

  • Die Pläne stützen sich auf das Gutachten einer externen Unternehmensberatung. (WMC; Anm. d. Red.)
  • Das Gutachten liegt den Mitarbeitenden nicht vor; die Annahmen sind für Betroffene nicht überprüfbar.
  • Die Entscheidung ist faktisch kaum rückgängig zu machen.

3. Sanierungsstrategie

  • Erwartetes Verbunddefizit: rund 20 Mio. € im laufenden Jahr, möglicherweise 40 Mio. € im Folgejahr.
  • Ursachen: strukturelle Probleme des Gesamtverbunds und veränderte bundespolitische Rahmenbedingungen – nicht die somatischen Kliniken des KBO.
  • Die Aufgabe des Standorts bringt allenfalls kurzfristige Entlastung; strukturelle Defizite und Erlösprobleme an anderer Stelle bleiben.
  • Die Verlagerung verursacht zunächst erhebliche Kosten für Umbau, Flächen und Übergang.
  • Kosten für Gebäude, Infrastruktur und Dienste der verbleibenden Psychiatrie entfallen nicht.
  • Eine Sanierungsrechnung ohne vollständigen Kostenausweis überschätzt die Einsparung.

4. Folgen für die Versorgungssicherheit

• Zeitplan: Bremen-Mitte muss bis 2028 bereits die stationären Bereiche des Klinikums Links der Weser inkl. Herzzentrum aufnehmen. Eine zusätzliche Verlagerung von über 14.000

Fällen pro Jahr in ein bis zwei Jahren ist räumlich und personell nicht abgesichert.

• Abhängige Strukturen: Notaufnahme, Chirurgie, Innere Medizin, Intensivstation und Anästhesie bedingen einander (lt. Gemeinsamer Bundesausschuss-Vorgaben, Leistungsgruppen der Krankenhausreform). Ein schrittweiser Rückbau ist nur bei gesicherten Kapazitäten an den Zielstandorten möglich.

  • Fachpersonal: Erfahrene Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte orientieren sich bei unsicherer Standortzukunft neu und verlassen teils den Verbund. Ungeplante Ausfälle vor Schaffung von Ersatz sind möglich.
  • Psychiatrie und Forensik: Verbleibende psychiatrische und forensische Patientinnen und Patienten verlieren die internistische, chirurgische und notfallmedizinische Mitversorgung vor Ort.
  • Rettungsdienst und Notaufnahmen: Längere Transportwege binden Rettungsmittel; die Notaufnahmen in Bremen-Mitte und Bremen-Nord müssen zusätzliche Patienten aufnehmen.

Forderungen

  • Keine Entscheidung über die Verlagerung, bevor die Versorgung im Bremer Osten nachweislich gesichert ist.
  • Offenlegung des vollständigen Gutachtens einschließlich aller Daten, Berechnungsmethoden und Modellrechnungen.
  • Nachweis vor jeder Verlagerung, dass die Zielstandorte Betten, Flächen, Personal und Notfallkapazitäten tatsächlich bereitstellen können.
  • Vorlage eines Sanierungskonzepts, das die strukturellen Ursachen im gesamten Verbund angeht und eine vollständige Kostenrechnung enthält.
  • Beteiligung der leitenden Ärztinnen und Ärzte sowie der Beschäftigten des Standorts an der Lösungserarbeitung.“

ENDE des Papiers

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Fürs Wochenende kündige ich schon mal einen Gastkommentar an, in dem es heftig gegen einen – vermeintlich unfehlbaren – Berufsstand zur Sache gehen wird. Bleiben Sie dran!