Dokumentation: WK-Betriebsrat gibt Eigentümern und Radio Bremen Kontra

23.12.2025 4 Von Axel Schuller

Ab Donnerstag kommender Woche wird die Bremer Tageszeitungen AG (Weser-Kurier) vorstandslos, manche sagen: kopflos sein. Mal schauen, ob das Amtsgericht pünktlich zum 1.1.2026 einen „Notvorstand“ einsetzt. Nachfolgend die Doku einer WK-Betriebsratsinformation, in der die Rede des stellvertretenden BR-Vorsitzenden Joerg-Helge Wagner wiedergegeben wird. Bemerkenswert: Hört man in den WK hinein, wird häufiger der Hamburger 50-Prozent Eigentümer Christian Güssow, seltener der Bremer Dr. Ulrich Hackmack als Schuldiger „verkauft“. BR-Vizechef Wagner weist nun ausdrücklich beiden Eigentümern die gleich große Verantwortung für das Desaster zu. Lesen Sie selbst.

Es folgt (auszugsweise) die Rede von Joerg-Helge Wagner während der Betriebsversammlung am 17.12.2025:

Zwischen Seifenoper und Skandal

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Problem besteht darin, dass der Betriebsrat sehr bald keinen Ansprechpartner mehr auf der Arbeitgeberseite haben wird. David Koopmann hat gestern (16.12.) selbst beim sogenannten Townhall Meeting im Café WK Neo verkündet, dass der 31. Dezember sein letzter Arbeitstag als Vorstand der BTAG sein wird. Die beiden Eigentümerfamilien konnten sich weder auf einenneuen Vertrag für ihn noch auf einen anderen Vorstand verständigen. In einer Woche ist dieser Betrieb also im Wortsinn kopflos!

Denn David Koopmann weilt dann bereits im Urlaub. Am 2. Januar wird der Aufsichtsrat erneut tagen. Danach wird voraussichtlich eine der beiden Seiten – Hackmack oder Meyer/ Güssow – das Amtsgericht anrufen, damit es einen Notvorstand bestellt. Wie lange das dauert und wer dafür überhaupt in Frage kommt, ist völlig ungewiss. Rechtsprechung zu solchen Fällen – der vollständige Aufsichtsrat kann sich nicht auf einen Vorstand einigen – gibt es kaum.

Lyrik statt Klartext zur Lage 

Dazu hätte man gerne beim gestrigen Townhall Meeting ein paar Sätze vom anwesenden Dr. Ulrich Hackmack gehört. Doch der verschanzte sich hinter juristischen Bedenken. Immerhin gab es ein Bekenntnis zum Wert der Pressefreiheit, Lob für die Belegschaft und – quasi als Belohnung – auch noch frei vorgetragene Lyrik aus der Feder von Joachim Ringelnatz: „Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Daddeldu. Halleluja!

Ich bin sehr sparsam mit diesem Begriff, aber ich halte das alles für einen Skandal. Würden solche Zustände in irgendeinem anderen bremischen oder niedersächsischen Mittelstandsunternehmen herrschen, würden wir uns die Finger darüber blutig schreiben und das Ganze schärfstens kommentieren.

Gäbe es eine Vorabend-Fernsehserie namens „Das Pressehaus“, und man hätte dafür das gestrige Townhall Meeting gefilmt, würde das Publikum wohl sagen:„Ganz witzig, aber auch ziemlich übertrieben. Erst gibt der Vorstand seine Demission bekannt, und dann rezitiert ein Aufsichtsrat ein Weihnachtsgedicht – so gehts doch in keinem echten Unternehmen zu.

Unsere Eigentümerfamilien jedoch scheinen sich bislang damit zu trösten, dass außer dem ehemaligen Kollegen Axel Schuller und dem Fachdienst Medieninsider noch niemand über die Selbstlähmung der BTAG berichtet. Doch das wird nicht so bleiben – und vielleicht entsteht dann ja endlich bei den entscheidenden Menschen der Druck, der sie zurück zur Vernunft führt.

Wir Arbeitnehmer, die wir hier sitzen, dürfen uns einstweilen damit trösten, dass nach Aussage des scheidenden Vorstands die Auszahlung unserer Gehälter gesichert sei. Das kann man nur hoffen, denn anderenfalls gäbe es auch keinen Grund mehr, hier noch irgendeine Arbeitsleistung zu erbringen!

Bleierne Flaute und eine Nullrunde

Da stehen wir nun also: Die Zahlen sind schlecht, wie uns vom Vorstand bei wirklich jeder der vergangenen Betriebsversammlungen berichtet wurde. Sämtliche Maßnahmen, dies zu ändern, sind vorerst blockiert, gestoppt, liegen auf Eis. Bleierne Flaute auf dem Kurs 2030. Selbst die angestrebte Verkleinerung der Mannschaft stockt: Die Ü60-Gespräche haben bislang in keinem einzigen Fall zu einem greifbaren oder wenigstens unterschriftsreifen Ergebnis geführt. Ältere Kolleginnen und Kollegen, die zu bestimmten Konditionen durchaus vorzeitig in den Ruhestand gehen würden, werden hingehalten.

(…)

Auf seiner letzten Sitzung dieses Jahres am 11. Dezember war der Aufsichtsrat offenbar nicht in der Lage, auch nur eine einzige Entscheidung zu treffen, die diesem Unternehmen eine Perspektive gibt. So gibt es keinen gebilligten Finanzplan. Der Noch-Vorstand konnte dem BR deshalb am vorigen Freitag auch nicht sagen, ob irgendeine Gehaltserhöhung drin ist. Wir fänden wenigstens einen Inflationsausgleich – also ein Plus von 2,3 Prozent – angemessen. Leider könnten wir aber auch gegen eine Nullrunde nichts machen. Die haben wir faktisch bis auf Weiteres. 

An der Belegschaft liegt es nicht! 

Das aber will ich hier ganz deutlich sagen: Es ist nicht die Schuld der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, dass die BTAG heute dort steht, wo sie steht. Nein, hier sitzen nicht lauter Low-Performer: unmotiviert, uninspiriert, überfordert. Hier sitzen Menschen, die zum größten Teil mit viel Kompetenz, Einsatz, Herzblut und Loyalität zum Erfolg der BTAG beitragen wollen! Das hat auch Aufsichtsrat Dr. Hackmack gestern sehr deutlich benannt. Danke dafür!

Die Lage der BTAG rührt auch nicht daher, dass „die ganze Branche in der Krise“ ist, die deutsche Wirtschaft lahmt, Wladimir Putin einen Vernichtungskrieg führt und Donald Trump eine irre Zollpolitik verfolgt. 

Ja, der Wettbewerb mit Radio Bremen ist zutiefst unfair: Wo wir um jedes Abonnement kämpfen müssen, kann die öffentlich-rechtliche Anstalt auf stetig fließende Rundfunkgebühren bauen, die sie nicht einmal selbst kassieren muss. Bei keinem anderen Thema sind sich Betriebsrat und Vorstand so einig, dass dies ein Missstand ist. Leider einer, der die maßgeblichen Leute in derPolitik nur sehr mäßig interessiert.

Abgesehen davon gibt es durchaus regionale Zeitungsverlage, die sehr erfolgreich agieren. Deren Strategie erschöpft sich allerdings nicht darin, sinkenden Erlösen hinterher zu sparen. Die Neue Osnabrücker Zeitung etwa beliefert kleinere oder schwächere Häuser etwa mit kompletten Mantelseiten. Bundesweit.

Das hätte der WK vor Jahren auch noch tun können, aber hier hat man ja lieber ganze Ressorts wie das Vermischte, Niedersachsen oder die Politik abgewickelt. Als „Tageszeitung für Bremen und Niedersachsen“ – so steht es immer noch stolz in unserem Titelkopf und im Impressum – haben wir seit Jahren nicht einmal mehr einen Korrespondenten in Hannover.

Nicht das böse Radio Bremen, der renitente Betriebsrat oder die „schwierigen Zeiten“ haben diese einst große und bedeutende Regionalzeitung klein gemacht. Nein, es waren immer Entscheidungen des eigenen Managements, mitgetragen von einer unkritischen Schar Leitender Angestellter. Wer doch einmal Widerspruch wagte, war irgendwann draußen – dies allerdings um Preise, die das Unternehmen weiter belasteten.

Kindische Machtspielchen

Wenn die Eigentümer der BTAG, also die Familien Hackmack und Meyer/Güssow, beim Verkauf der Nordwest-Zeitung mitbieten, mag das strategisch richtig sein. Da will sich der Betriebsrat gar kein Urteil erlauben – zumal in einem sogenannten Tendenz-Betrieb, der nicht einmal einen Wirtschaftsausschuss hat. Aus dieser zwangsläufigen Zuschauerperspektive nehmen wir aber wahr, dass bei den Eigentümern durchaus Mittel vorhanden sind, einen Mitbewerber zu schlucken. Zumindest zu marktüblichen Preisen, und da spricht im Fall der NWZ immerhin von 25 bis 30 Millionen Euro.

Der Betriebsrat respektiert, dass dies private Mittel sind. Wir treten hier nicht zum Klassenkampf an. Das Gremium hat auch überhaupt nichts gegen eine Expansionsstrategie. Allerdings erwarten wir von den Eigentümern, dass zunächst das eigene Verlagshaus mit Ausstattung, Personal und nicht zuletzt Gehältern konkurrenzfähig gehalten wird, bevor man in der Nachbarschaft auf Kaperfahrt geht. Und dass man das eigene Haus in Ordnung hält, indem man Führungsfragen klärt, statt sich zur Gaudi von Schuller und Co. in kindlichen Machtspielchen aufzureiben.

Noch ein Wort zum in jeder Hinsicht bemerkenswerten Auftritt von Herrn Dr. Hackmack beim gestrigen Townhall Meeting: Das war der ebenso durchschaubare wie untaugliche Versuch, die Verantwortung für den Zustand der BTAG allein der anderen Eigentümerfamilie zuzuschieben. Das funktioniert aber nicht: Wenn die Machtverhältnisse 50:50 sind, ist auch die Verantwortung 50:50 verteilt.

Wenn die Hackmack-Seite sieht, dass sie ihren Favoriten für den Vorstand nicht mehr durchsetzen kann, hätte sie ja gemeinsam mit der Meyer-Seite einen anderen Kandidaten suchen und einvernehmlich einsetzen können. Aber auf diese naheliegende Idee sind beide Seiten offenbar gar nicht gekommen.

(…) Eine von vielen ungeklärten Fragen ist etwa, wer die scheidende ChefredakteurinSilke Hellwig im Frühjahr ersetzen wird. Oder stellt man Benjamin Piel einfach ein Feldbett ins Büro? Denn so viel ist bei aller Kritik unbestritten: zu wenig gearbeitet hat Frau Hellwig sicher nicht.

Und während die über 60-Jährigen auf ein seriöses Angebot zum vorzeitigen Ausstieg warten, fragen sich die Jüngeren, welche Perspektiven sie hier haben. Kann das Haus die jungen Talente, die es zweifellos in allen Abteilungen gibt, auch halten?(…)

Wie sozialverträglich wird der geplante Personalabbau, den der Vorstand ja schon im Sommer als unumgänglich bezeichnet hat? Werden weitere Abteilungen in kleinste, völlig von der BTAG abhängige Gesellschaften umgestrickt wie jüngst die Digitalredaktion zur One.Media Bremen GmbH?

Soweit die Ausführung des BR-Vize Joerg Helge Wagner.

Liebe Leserschaft, ich hoffe, dass diese Doku einen Eindruck von den aktuellenZuständen im Hause Weser-Kurier vermitteln konnte. Übrigens: Kollege Wagner irrt, wenn er meint, ich hätte Vergnügen („Gaudi“) bei meinen Berichten zum drohenden Führungs-Chaos beim WK empfunden.

NACHTRAG: Radio Bremen meldet, das Amtsgericht habe dem WK-Aufsichtsrat eine Frist gesetzt: Falls bis zum 8.1.26 kein Vorstand gewählt werde, werde das Gericht einen Notvorstand einsetzen.

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller 

P.S.: Dringend: Lesen Sie die vielen Kommentare zum vorigen Blog „WK-Chefredakteur Piel…“. Es lohnt sich.