ArcelorMittals grüner Stahl nur aus Dünkirchen / Drohende Frechheiten der Merz-Regierung

15.04.2026 8 Von Axel Schuller

Themenstau nach einem Kurzurlaub: ArcelorMittal hat sich in Bremen wohl endgültig vom grünen Stahl verabschiedet. Die Investitions-Entscheidung ist für Dünkirchen in Frankreich gefallen. Außerdem: Die Bundesregierung will Energie-Hilfs-Zahlungen in Höhe von 1.000 Euro von Steuern und Abgaben befreien – sofern die Unternehmen in der Lage sind, die Gelder für ihre Belegschaften locker zu machen. Und: Gesetzlich Krankenversicherte und deren Arbeitgeber sollen weiterhin Bürgergeld-Empfänger mit Milliarden unterstützen. Privat-Versicherte bleiben hingegen ungeschoren. Jedes Thema ist für sich überraschend bis himmelschreiend.

Stahlwerk an der Weser

Da muss man jetzt schon „Focus online Earth“ – ein Spartenangebot für Klima-Interessierte – lesen, um in Bremen etwas über den vorerst letzten Schlag gegen das Bremer Stahlwerk zu erfahren. Der Mittal-Konzern hatte zwar schon im vorigen Jahr mitgeteilt, dass es mit dem grünen Stahl in Bremen wohl nix werde. Dennoch hielt sich an der Weser eine klitzekleine „Rest-Hoffnung“, dass irgendwann, irgendwie Bremen doch noch eine Rolle beim CO2-freien Stahl spielen könnte.

Dies scheint nun gänzlich vorbei zu sein. Am Dienstag dieser Woche hat „Focus earth“ gemeldet, ArcelorMittal habe sich für Dünnkirchen/Frankreich als Produktionsstandort von grünem Stahl in Europa entschieden.

Die Rahmenbedingungen an diesem Standort seien – anders als in Deutschland – überragend positiv. Das Wichtigste: Frankreich biete einen Strompreis, der um 30 bis 50 Prozent unter dem germanischen liege.

Der Kollege von „Focus online Earth“ hat auch Bürgermeister Dr.Andreas Bovenschulte zu dem Thema interviewt, der seine Enttäuschung nicht schönreden konnte. Mit dem Aus für grünen Stahl von der Weser seien die Klimaziele des Bundeslandes bis 2030 praktisch unerreichbar. (Da kann die Deutsche Umwelthilfe so viele Klagen einreichen wie sie will; Anm. der Red.)

Das ArcelorMittal-Werk in Dünkirchen gehört mit einer jährlichen Stahlproduktion von 7 Millionen Tonnen zu den größten im Konzern der indisch-stämmigen Familie.

Das Unternehmen AM bedankte sich zwar erneut artig für den guten Willen der ehemaligen Ampel-Bundesregierung unter Olaf Scholz mit dem dem WirtschaftsministerRobert Habeck sowie beim Land Bremen für die Bereitschaft, 1,3 Milliarden Euro als Zuschuss zur Dekarbonisierung der Stahlproduktion in Bremen und Eisenhüttenstadt bereitstellen zu wollen, gleichwohl habe sich der viel zu hohe deutsche Strompreis als unüberbrückbare Hürde erwiesen. Außerdem lasse die Bundesrepublik bislang leider größere Anstrengungen vermissen, ausreichende und günstige Mengen an Wasserstoff bereitzustellen.

In Frankreich hat Staatschef Emmanuel Macron persönlich – so Focus earth – günstige Rahmenbedingungen für die nächsten 18 Jahre garantiert.

Die EU hat inzwischen weitere Schutz-Maßnahmen gegen vermeintlich staatlich subventionierten Stahl aus China und Indien beschlossen. Ab einer bestimmten Importmenge aus diesen Ländern greift ein Sonderzoll, um Produzenten in der EU vor der Konkurrenz von Außerhalb zu schützen.

Zu Vorgaben, dass die öffentliche Hand künftig mit grünem Stahl bauen müsse, haben sich bislang weder EU noch Bundesregierung durchgerungen.

ArcelorMittal will sein Werk in Dünkirchen nun rasch umbauen und ab 2029 alles bieten, wonach der Markt verlangt: grauen Stahl (mit Kohle-Energie erzeugt) und 2 Millionen Tonnen grünen Stahl (mit Strom-/ Wasserstoff-Energie  hergestellt).

Bundesregierung bestellt „Musik“, zahlen sollen andere

Nächstes Thema: Die Bundesregierung will die Bevölkerung von überhöhten Energiekosten entlasten – und schiebt die Kosten dafür den Unternehmen zu. Jeder Arbeitnehmer darf bis zu 1.000 Euro abgaben- und steuerfrei erhalten – sofern die Unternehmen sich das leisten können. Chefs, die sich aufgrund der wirtschaftlichen Lage dazu nicht in der Lage sehen, dürften den Zorn ihrer Beschäftigten ernten

Man kann es sich kaum ausdenken: Erst versäumt es der Bund, die heimische Wirtschaft durch bessere Rahmenbedingungen zu unterstützen, um den Firmen dann zusätzlich die Bürde aufzuhalsen, den Mitarbeitern gefälligst 1.000 Euro netto zu zahlen

Eine solche Frechheit muss man sich erst mal ausdenken. Vornehmer ausgedrückt: Der Bund plant unzulässigerweise einen Vertrag zu Lasten Dritter. Und das mit einem CDU-Kanzler an der Spitze, der sich auf seine (angeblich) wirtschaftliche Denke etwas einbildet.

Das Tollste wird nach meiner Einschätzung noch kommen. Ich wette darauf, dass Ver:di für den öffentlichen Dienst ebenfalls 1.000 Euro fordern wird. Der Bonus wird dann garantiert auch für die staatlichen Pensionäre gelten – nur halt für die 21 Millionen Rentner nicht. Wie schon bei den zurückliegenden „Inflationshilfen“.

Gesetzlich Versicherte blechen für Bürgergeld-Empfänger

Ein weiteres Stück aus dem Tollhaus: Der Deutsche Staat zahlt für jeden der 5,5 Millionen Bürgergeld-Empfänger (künftig: Grundsicherungs-Empfänger) einen (warum auch immer) stark reduzierten Betrag von nur 144 Euro pro Monat in die gesetzliche Krankenversicherung (GKV) ein. Diese ganz besonderen Mitglieder verursachen laut GKV aber monatliche Kosten von weit über 300 Euro.

Die gesetzlichen Krankenkassen geben das daraus entstehende Defizit mit rund 10 Milliarden Euro pro Jahr an. Zur Erinnerung: Auf Bundesebene wird gerade darum gerungen, das Gesundheitswesen um 20 Milliarden zu entlasten. Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) hatte bereits vor den Koalitionsverhandlungen am vorigen Wochenende mitgeteilt, dass er für höhere Beiträge der Bürgergeld-Empfänger kein zusätzliches Geld übrig habe.

Demzufolge sollen also die Finanziers der Krankenkassen – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – weiter für die Unterdeckung geradestehen.

Besonders unverfroren: Privat-Versicherte werden mit den Kosten der Bürgergeld-Bezieher null Komma null belastet. Nur die gesetzlich Versicherten. Zumindest die CSU hat gegen die Verstetigung dieser ungleichen Regelung Protest angemeldet.

Frage: Sozialdemokraten, wie passt dies zu Ihrer steten Forderung nach Solidarität?

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Freuen Sie sich schon jetzt auf den Gastkommentar am kommenden Sonntag. Das Thema, so viel sei schon jetzt verraten, betrifft uns alle!

P.P.S.: Sehe gerade den WK vom heutigen Donnerstag. Titelseiten-Aufmacher: „Bremen bekommt keinen Cent vom Bund“. Wie schön, liebe Leserschaft, dass Sie durch Ihren Lieblingsblog bremensogesehen bereits seit dem 9.4.26 vorgewarnt waren: „Vorlauter Finanzsenator Fecker / Aus Berlin droht Ungemach…“