Vorab: DER Jobcenter-Mann / Blog: Sozialstaat in Not – Rentner vers. Pensionäre?

04.06.2026 11 Von Axel Schuller

bremensogesehen hatte in Bremen am 17.5. zuerst über Enthüllungen des Jobcenter-Mitarbeiters Fred Göcken im ZDF berichtet. Heute nun (4.6.) kommt auch der WK in die Pötte. Radio Bremen endlich auch – aber nur ein bisschen. Fred Göcken meldet sich bei bsg direkt zu Wort. Anschließend können Sie, liebe Leserschaft, Gedanken zum reparaturbedürftigen Sozialstaat lesen – insbesondere zur Ungleichbehandlung von Rentnern und Beamten im Pflegeheim.

Fred Göcken schreibt:

„Es bedarf nur ein wenig Mut, die Dinge so wie sie sind beim Namen zu nennen. 10 Jahre kämpfe ich im Jobcenter (JC) gegen den organisierten Missbrauch von Transferleistungen im JC. Ordnungspolitik? Ein Fremdwort für das JC mit seiner augenblicklichen Führung. Man sollte neu anfangen und die Leistungen neu gliedern. Vor allem auf aktive Arbeitsvermittlung setzten und nicht auf eine organisierte Trägerlandschaft, die alzu oft keine Ergebnisse liefert. 
Ich habe das Thema öfter mit Carsten Linnemann (Anm. d. Red.: CDU-Generalsekretär) besprochen. Leider bisher ohne Ergebnis. Auch wenn einige Punkte in die neue Grundsicherung einfließen. Die systemischen Probleme kann diese Reform aber nicht lösen, dessen bin ich mir sicher. Ich will aber die Hoffnung nicht aufgeben, oder sollte ich doch mal bei der AFD vorbei schauen? Wird nicht viel bringen, bei dem Haufen.
Wir haben den Karren in den Dreck gefahren, und jetzt sollten wir ihn auch wieder rausholen…
Viele meiner Kollegen wären dazu bereit. Und ich? Wo ich gekündigt bin, schreibe ich ein Buch? Oder mache weiter Stress? Das Leben ist ein ruhiger Fluss;) .“

Nun zum heutigen Blog, Thema Sozialstaat (mit Bremen-Bezug).

Bürgermeister Dr. Andreas Bovenschulte (SPD) kämpft in den sozialen Netzwerken wie ein Löwe. Der Sozialstaat koste gemessen am BIP heute nicht mehr als vor Jahren. Ergo sei der auch nicht in Gefahr. Tatsächlich arbeiten Experten in Berlin fieberhaft daran, die Sozialstaatskosten im Zaum zu halten. Seltsam: Politiker und teilweise beamtete Experten wie Professoren klammern bei ihren Gedanken meist das Beamtentum aus. Nur ein praktisches Beispiel: Während Arbeiter, Angestellte, Selbstständige – eigentlich Alle – beim Einzug ins Pflegeheim bis auf 10.000 Euro notfalls das gesamte Vermögen hergeben müssen, verschont der Staat die meisten seiner Beamten vor diesem Verlust.

Bundeskanzler Friedrich Merz hat jüngst davon gesprochen, auf Dauer sei bloß eine „Basisrente“ bezahlbar.

Aller Empörung zum Trotz, die Rechnung ist einfach: 

Die Zahl der Arbeitnehmer wird nicht nur durch den unbestrittenen demographischen Effekt rasant abnehmen. Ebenso entscheidend: Die Künstliche Intelligenz (KI) macht bereits aktuell unzählige Arbeitsplätze – sogar im denkenden und kreativen Bereich – überflüssig. Erinnert sei bloß an die unzähligen Telefonzentralen, in denen heutzutage KI „einen guten Tag“ wünscht – und fast alles weiß.

Ergo: Die Zahl der Beitragszahler für die Sozialversicherungen – Rente, Gesundheit, Arbeitslosigkeit – wird dramatisch sinken.

Mögliche Folgen: 

1. Immer weniger Arbeitnehmer müssen immer höhere Beiträge zahlen – was natürlich auch die Kosten der Arbeit für Arbeitgeber in die Höhe treibt, also dem Standort Deutschland nicht zuträglich sein wird. 

2. Das Leistungsniveau bei Rente, Arbeitslosigkeit und Krankenversorgung sinkt oder wird durch Anhebung der Rentengrenze etc. beeinflusst.

3. Das Land führt in Anlehnung an die früher diskutierte, aber verworfene Maschinen- jetzt eine KI-Steuer ein. Das würde jedoch dem Standort Deutschland schaden.

4. Der Staat speckt endlich seinen adipösen „Körper“ radikal ab. Die freiwerdenden Steuergelder könnten für höhere Renten und eine gute Krankenversorgung ausgegeben werden.

5. Wir packen die seit Jahren bekannten Probleme des Sozialstaates in seiner Gesamtheit an den Wurzeln an, damit unsere Gesellschaft gut und gesund leben kann.

Schauen wir nach Bremen. Die Arbeitnehmerkammer hat kürzlich zusammen mit der Kammer des Saarlandes und dem DGB Ergebnisse einer Umfrage präsentiert, wonach eine Mehrheit der Menschen bereit sein soll, noch höhere Beiträge in die Rentenkasse einzuzahlen, um die 48 Prozent Untergrenze zu halten.

Ich frage mich, ob die Befragten wirklich umfassend informiert waren.

Die Arbeiter- und Angestelltenrente beträgt in Deutschland maximal 48% vom durchschnittlich eingezahlten Kapital. Im Schnitt bedeutet dies aktuell für den Durchschnitt eine Rente von 1.400 Euro (Männer) bzw. 955 Euro (Frauen). Die durchschnittliche Beamten-Pension liegt derzeit bei 3.416 Euro. 

Sind diese 48 Prozent wirklich erstrebenswert? Während Beamte Pensionen von bis fast 72 Prozent des letzten Verdienstes erhalten. Ist das auf Dauer bezahlbar? Ist das vor dem Hintergrund gerecht, dass Beamte keine Beiträge in die Renten- und Arbeitslosenkasse einbezahlt haben? Btw: Politiker werden bei der Altersversorgung ähnlich wie Beamte behandelt. Das erklärt deren Beharrungsvermögen bei Veränderungen.

Ist es gerecht, dass Arbeiter, Angestellte und Freiberufler beim Einzug in einen Alten- und Pflegeheim alle Rückstellungen (Immobilie, Wertpapiere, Ersparnisse) bis auf ein „Schonvermögen“ von 10.000 Euro hergeben müssen, um die immensen Heimkosten zu bezahlen?

Ist es gerecht, dass (Beihilfe-berechtigte, also privat Krankenversicherte) Beamte im Pflegeheim ihr komplettes Vermögen behalten und vererben dürfen, weil der Staat die mögliche Differenz zwischen ohnehin höherer Pension und Heimkosten per „Beihilfe“ ausgleicht?

Zur besseren Einschätzung: Ein Pflegeheimplatz kostet in Bremen nahezu 4.000 Euro. Soviel Rente erhält kein Einzahler in die Sozialkassen. Pensionierte Beamte ab Lehrergehalt bewegen sich in diesen Einkommensregionen.

Wer im Pflegeheim lebt, wird in seiner Abrechnung etwas sehr Seltsames entdecken. Die Kostenaufschlüsselung enthält auch einen Betrag für „Ausbildung“ – Heimbewohner kommen nämlich für die Ausbildung der künftigen Pfleger und Pflegerinnen auf.

Das gleiche auf dem Feld der Investitionen: Heimbewohner werden dafür zur Kasse gebeten, dass der Betreiber der Einrichtung bspw. einen Anbau errichten kann. 

Hat ein Krankenhaus-Patient je für einen neuen OP oder für neue Betten oder Geräte zahlen müssen?

Für Investionen der Kliniken kommen laut Gesetz die Bundesländer auf. In Bremen haben wir die Besonderheit, dass sich der Senat überwiegend auf „seine“ Kliniken der GeNo konzentriert.

Zurück zur Unterbringung im Alten- oder Pflegeheim. Freiberuflern, die nicht vorgesorgt haben, droht wie auch immer mehr Rentnern das Abrutschen ins ehemalige Bürgergeld.

Apropos „vorsorgen“:

Wenn der Bundeskanzler künftig nur „Basisrenten“ in Aussicht stellt, sollte er junge Leuten, die heute – ergänzend zur künftigen Basisrente – privat fürs Alters vorsorgen, reinen Wein einschenken: Wer heute vorsorgt, muss – nach heutiger Systematik – später fast alles fürs Heim hergeben. 

Oder aber: Deutschland schafft jetzt endlich den großen Sprung und stellt das Sozialsystem – Krankheit, Gesundheit, Pflege, Sozialunterhalt – auf völlig neue Beine. 

Dabei sollte bitte nicht vergessen werden, dass aktuell die gesetzlich Krankenversicherten (und nicht die Privat-Versicherten) für einen Großteil (rund 10 Milliarden Euro – zunächst stand hier irrtümlich 1 Milliarde) der Krankenversicherung der Bürgergeld-Bezieher aufkommen. Manche Ungerechtigkeiten, kann man sich nicht ausdenken.

Wie könnte es weitergehen? ALLE zahlen in ein System ein, alle erhalten einen Rentensatz, der Rentnern und Beamten ein ordentliches Leben ermöglicht, alle werden vergleichbar gut von Medizinern behandelt. 

Ein Blick in andere Länder kann hilfreich sein: In Österreich müssen Beamte wie alle anderen in die Rentenkasse einzahlen. Und in der Schweiz sind sogar Selbstständige gehalten, sich an den Rentenlasten zu beteiligen.

Ja, ich weiß, jetzt werden wieder die Beamten sagen, eine gemeinsame Rentenkasse werde mehr und nicht weniger kosten. Könnte sein, aber nur, wenn Beamte weiter 72 Prozent vom letzten Gehalt erhalten. Das geht halt nicht so weiter. 

Munter bleiben!

Herzlichst

Ihr Axel Schuller

P.S.: Liebe Leserschaft, zum Wochenende darf ich Ihnen einen Gastkommentar ankündigen, der Sie garantiert überraschen wird. Aus „alter Tradition“ nenne ich die Autoren vorab nicht, sondern empfehle: Schauen Sie rein, folgen Sie der klaren Analyse, reiben Sie sich am Ende möglicherweise die Augen.