Gastkommentar: Ich war einer von vierhundertachtundsechzig…
Liebe Leserschaft, Dieter Winge hat an dieser Stelle vor drei Wochen einen Gastkommentar zur geplanten Alstom-Werkstatt in Oslebshausen veröffentlicht. Er hat sich ferner (mit anderen) um die Wiederentdeckung des „Russenfriedhofs“ auf dem Grundstück verdient gemacht. Heute schreibt er – Achtung, etwas Besonderes – aus Sicht eines der vielen Toten, die an der Reitbrake vergraben und gefunden wurden.
Dieter Winges „Gastkommentar“ erscheint einen Tag vor dem 85. Jahrestag des Deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Am 22. Juni 1941 marschierte die Deutsche Wehrmacht mit 3,3 Millionen Soldaten die Sowjetunion auf breiter Front zwischen Ostsee und Schwarzem Meer ein – obwohl seit 1939 ein „Nichtangriffspakt“ zwischen Berlin und Moskau bestand. Deutschland begann den brutalen Vernichtungskrieg (Deckname „Unternehmen Barbarossa“ ) ohne vorherige Kriegserklärung. Die Sowjetunion verlor im Zweiten Weltkrieg rund 27 Millionen Menschen – davon schätzungsweise 15 bis 19 Millionen Zivilisten. Diese Zahlen mögen Russlands Unverständnis darüber erklären, dass Deutschland mittlerweile Hauptfinanzier und Waffen-Lieferant der Ukraine ist.

Dieter Winge schreibt im Namen eines Toten. Das Foto hat die Bürgerinitiative am Bahndamm erstellt:
„Mein Name war einer von vierhundertachtundsechzig, deren Spur sich noch in Archiven fand. Wir waren mehr. Achthundert, schätzte der Bremer Senat 1947. Namen auf Listen, die niemand mehr liest. Ich war Sowjet. Heute streiten sich Russen und Ukrainer über meine Nationalität. Es soll auch Juden unter uns gegeben haben.
Ich starb im Winter 1941.
Im Juni, vor fünfundachtzig Jahren, hatte die Wehrmacht meine Heimat überfallen. Man deportierte uns in offenen Waggons nach Westen. In den Lagern gruben wir mit bloßen Händen Löcher in die Erde, um vor Kälte und Regen zu überleben. Wir schälten Rinde von Bäumen und aßen sie. In Bremen mussten wir arbeiten: in den Munitionsfabriken der Neustadt, bei Borgward, im Bahn- und Straßenbau. Der Bremer Bausenator wollte uns. Für uns galten weder die Genfer Konvention noch die Haager Landkriegsordnung.
Die anderen bekamen Brot. Wir bekamen Fleckfieber. Bis Dezember waren dreihunderteinundsiebzig tot.
Zu Hause galten wir längst als Verräter. Stalins Befehl Nr. 270 erklärte Kriegsgefangene zu Schuldigen. Unsere Familien wurden geächtet, bekamen nichts und mussten mit der Schande leben. Niemand wusste, wo wir waren. Niemand wusste, wie wir starben.
Sie verscharrten mich im Wesersand an der Reitbrake. Ein Friedhof? Ja. Aber nur Sand, Gleise und Ödland für einen geplanten Hafenbahnhof. Die Zeit sollte uns auslöschen. Aber sie tat es nicht.
1948 kamen Arbeiter des Gartenbauamtes mit Spaten. Ein Arzt des Hauptgesundheitsamtes schrieb an den Senat, die dort begrabenen Russen machten die Arbeit durch ihren Geruch zu einer „wirklich unästhetischen Tätigkeit“. Eine Sonderzulage wurde empfohlen. Das Wort Würde taucht nicht auf.
Beim Herausreißen rissen Hände und Füße der Toten ab. Sie blieben im Boden zurück. Der Rest kam in ein Massengrab nach Osterholz. Niemand schrieb unseren Familien.
Am 16. November 1992 berichtete der Weser-Kurier über achthundert sowjetische Kriegsgefangene in Oslebshausen und darüber, dass noch Tote an der Reitbrake liegen könnten. Einen Monat später unterzeichneten Deutschland und Russland ein Kriegsgräberabkommen. Es versprach uns Würde. Doch an diesem Ort geschah nichts.
Am 22. Juni 2021, achtzig Jahre nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, kamen eine Senatorin und die Landesarchäologin. Ich hoffte, nun würde alles anders.
Sie fanden fünfundsechzig Kameraden und mich. Neunundzwanzig lagen in einem Massengrab. Neun weitere unter einer Rampe in fast vier Metern Tiefe. Ein Zehnter darüber, sein rechtes Bein bereits 1948 mitgenommen.
Doch dreihundert blieben im Boden.
Seit fünf Jahren liege ich nun, verteilt in Plastikbeuteln, in einer Lebensmittelkiste. Ein DNA-Abgleich zur Suche nach meiner Familie sei zu teuer. Statt eines forensischen Anthropologen untersucht ein Archäozoologe meine Knochen, ein Spezialist für Tiere. In Osterholz sucht niemand nach Erkennungsmarken. Niemand sucht nach unseren Namen. So ernst ist es ihnen damit, uns unsere Identität zurückzugeben.
Dort geht es nicht mehr um Identität. Nicht mehr um Würde.
Auf unserem Grabfeld soll nun eine Bahnwerkstatt entstehen. Ausgerechnet für Alstom, dessen Vorgängerbetrieb Linke-Hofmann-Werke in Breslau Zwangsarbeiter aus dem KZ Groß-Rosen einsetzte. Vielleicht kam ich selbst in einem ihrer Waggons hierher.
Derselbe Konzern bezahlte die Grabungen. Baufeldfreimachung.
Und über den Knochen meiner noch immer dort liegenden dreihundert Kameraden sollen künftig Züge gewartet werden. Gedankenloser kann man Geschichte kaum überbauen.
Das Kriegsgräbergesetz galt. Doch die Verfahren nach §§ 6 und 8 Gräbergesetz wurden nach Angaben der Kläger „weder beantragt noch geprüft“. Dabei bleibt die entscheidende Frage: Wenn dort noch Tote liegen, dann ist es eine Kriegsgräberstätte. Und wer dort gräbt, berührt womöglich auch die Totenruhe.
Wenn niemand einschreitet, wird auf unseren Gräbern gebaut.
Im März 2025 klagten Friedensforum, VVN-BdA und die Bürgerinitiative Oslebshausen und umzu vor dem Verwaltungsgericht Bremen.
Ich kann dazu nichts mehr sagen.
Ich bin tot.
Meine Familie weiß bis heute nichts von mir. Und dort, wo ich geboren wurde, ist wieder Krieg.
Vielleicht ist das das Bitterste: Dass Menschen zweimal verschwinden können. Erst durch Gewalt. Und dann durch Gleichgültigkeit.„
Soweit der Text von Dieter Winge
Es folgen ein paar Erläuterungen zum Autor.
Dieter Winge (63) ist Sprecher der Bürgerinitiative Oslebshausen und Umzu sowie Fraktionssprecher der Linken im Beirat Gröpelingen.
Gemeinsam mit dem inzwischen verstorbenen Ekkehard Lentz hat er auf Grundlage der Forschungen von Harry Winkel und Peter Michael Meiners die in Vergessenheit geratene sowjetische Kriegsgräberstätte, von den Nationalsozialisten despektierlich „Russenfriedhof“ genannt, wiederentdeckt und die archäologischen Grabungen angestoßen.
Diese förderten Einzel- und Massengräber mit 66 vollständigen Skeletten, über 20.000 Knochenfragmenten und mehr als 200 Erkennungsmarken zutage; 468 NS-Opfer wurden von Lentz und Winge namentlich identifiziert. Nach ihrer Auswertung der historischen Befunde sprechen erhebliche Indizien dafür, dass sich noch bis zu 300 weitere Leichname im Boden der Reitbrake befinden könnten.
Winge vertritt die Bürgerinitiative auch in den laufenden rechtlichen Auseinandersetzungen. Gemeinsam mit dem Friedensforum und dem Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) setzt er sich gerichtlich dafür ein, das Bauvorhaben der Bahnwerkstatt an diesem Standort zu stoppen und stattdessen von Amts wegen einen würdevollen, völkerrechtskonformen Gedenkort zu sichern.
Liebe Leserschaft, das war – zum sonntäglichen Frühstück – bestimmt eine ungewohnte Herausforderung.
Ich habe mich gleichwohl für die heutige Veröffentlichung entschieden, weil Nazi-Deutschland morgen vor 85 Jahren die damalige Sowjetunion überfallen hat. Und, weil ich bekanntlich ein unverbesserlicher Träumer bin, der auch weiterhin auf ein Ende des schrecklichen Krieges in der Ukraine am Verhandlungstisch statt auf dem Schlachtfeld setzt.
Munter bleiben!
Herzlichst
Ihr Axel Schuller
Ich bin total erschüttert!
Den Abgeordneten der Stadtbürgerschaft werden die entscheidenden Punkte verschwiegen.
Es geht um die Mitteilung des Senats vom 4. November 2025, Bremische Bürgerschaft (Stadtbürgerschaft), Drucksache 21/661 S, zu Drs. 21/612 S, auf die Kleine Anfrage der FDP-Fraktion vom 2. September 2025.
In Antwort 2 meldet der Senat ein Einvernehmen über die Umbettung der Überreste. Er stützt sich auf zwei Schriftwechsel. Auf den mit dem Generalkonsulat der Russischen Föderation in Hamburg, beantwortet mit Schreiben des Generalkonsuls Andrei Sharashkin vom 17. Januar 2023. Und auf den mit dem Generalkonsulat der Ukraine in Hamburg, beantwortet mit Schreiben der Generalkonsulin Dr. Iryna Tybinka vom 20. Dezember 2022. So weit stimmt es. Weiter trägt es nicht.
Beide Schreiben sind sich in der Kernfrage des Gedenkens uneins. Sharashkin verlangt für Russland ein Gedenken an „sowjetische Bürger“ ohne jede Aufteilung nach nationaler oder ethnischer Herkunft. Tybinka verlangt für die Ukraine das Gegenteil: ein Gedenken an den besonderen Beitrag der Ukrainer, befreit von den Narrativen der sowjetischen und russischen Propaganda. Beide Positionen sind nicht vereinbar. Der Senat benennt dies nicht.
Beide Staaten haben der Umbettung nur unter eigenen Bedingungen zugestimmt. Auch das steht nicht in der Drucksache.
Entscheidend ist der Punkt, der ganz fehlt. Die Schreiben betreffen die Umbettung. Sie betreffen nicht die Bebauung. Für die Errichtung einer Bahnwerkstatt auf dieser Kriegsgräberstätte liegt keine Zustimmung der beiden Länder vor. Dass das Gelände keine Kriegsgräberstätte mehr sei, ist nach Antwort 3 allein die Auffassung des Senats. Die konsultierten Staaten teilen sie nicht.
Die übrigen Nachfolgestaaten der Sowjetunion kommen in den Unterlagen nicht vor. Angefragt wurden offenbar nur zwei.
Ein Datum verdient besondere Aufmerksamkeit. Die Schreiben stammen vom November 2022, Dezember 2022 und Januar 2023. Sie fallen mitten in den russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. In dieser Zeit hatten deutsche Institutionen ihre offiziellen Kontakte zu russischen Staatsstellen weithin ausgesetzt. Die Senatskanzlei hingegen nicht.
Sie suchte das Einvernehmen mit der Russischen Föderation. Und sie erhielt es.
Warum war dem Senat dieses Einvernehmen so wichtig? Warum drängte er gerade in diesen Monaten auf die Zustimmung zur Umbettung und auf die Bergung der Toten? Eine Antwort liegt nahe. Ohne Umbettung bliebe das Gelände eine Kriegsgräberstätte. Mit Umbettung, aber eben auch mit Zustimmung zur Bebauung explizit mit einer Bahnwerkstatt, entfiele das Hindernis für die Bahnwerkstatt. So weit wollten sowohl die Ukraine als auch die Russische Föderation nicht gehen. Damit wäre die Planfeststellung Makulatur. Bleibt zu hoffen, dass das Bremer Oberverwaltungsgericht dies ebenso sieht.
Wann beginnen investigative Journalisten, hier die richtigen Fragen zu stellen?
Es wird Zeit, dass den Abgeordneten der Stadtbürgerschaft reiner Wein eingeschenkt wird.
Vergangenheit und Gegenwart war und ist zum Teil schrecklich. Was vor 85 Jahren geschah, ist historisch relevant und sollte für das Heute aufgearbeitet werden. Die Erkennungsmarken können hierfür geborgen und verwendet werden. Das daraus gewonnene Wissen kann zur Mahnung und zum Gedenken dienen. Aber die Körperfragmente gehören in den natürlichen Kreislauf. Mehrere Generationen später sind die biologischen Überbleibsel nicht mehr relevant. Lasst uns vorankommen und Neues schaffen. Sonst erschweren wir uns die Zukunft zusätzlich.
Ich stelle mir nur die Frage: Wie würden die Mitglieder des Senats wohl entschieden haben, wenn ihre Angehörigen in den Gräbern gelegen hätten?
Wie würde ich mich fühlen, wenn auf dem Grab meines Großvaters eine Werkstatt errichtet würde?
Irgendwie verliert die Politik den Bezug zum Menschen immer dann, wenn vermeintlich wichtige wirtschaftliche Gründe im Vordergrund stehen.
Es wird Zeit, dass wir uns wieder als Menschen wahrnehmen, die die Würde des Nächsten achten.
Lieber Herr Schuller, ich möchte mich in meinem Kommentar nur auf Ihre Einleitung dieses GaKos konzentrieren. Sie schreiben: “ Die Sowjetunion verlor im Zweiten Weltkrieg rund 27 Millionen Menschen – davon schätzungsweise 15 bis 19 Millionen Zivilisten. Diese Zahlen mögen Russlands Unverständnis darüber erklären, dass Deutschland mittlerweile Hauptfinanzier und Waffen-Lieferant der Ukraine ist.“
Und damit übernehmen Sie eine gefährliche Gleichsetzung Russlands mit der Sowjetunion. Denn Fakt ist: Die 27 Millionen Menschen, welche die Sowjetunion im WK2 verlor, waren eben nicht allesamt Russen. Was gerne vergessen wird: Ca. 8 Millionen von Ihnen waren Ukrainer. Fast ein Viertel der damaligen Bevölkerung der Ukraine. Vielleicht erklärt auch das, warum Deutschland eine besondere Verantwortung für die Ukraine hat.
@Herrn Haga: Ja, lieber Herr Haga, die Ukraine hat etwa 8 Millionen Tote zu beklagen: Zivilisten und Militärs. Ein Großteil durch die Nazi-Wehrmacht viele durch Stalins Mörderbanden.
„So fühlt man Absicht, und man ist verstimmt.“ – Goethe
Dieter Winge und seine Bürgerinitiative möchten keine „übergroße Autowerkstatt“ im benachbarten Gewerbegebiet. – Das ist wohl der Punkt, oder?
Dem Autor halte ich seine Aktivitäten im Bremer Friedensforum und die Verbindungen zu „Aufstehen Bremen“ zugute. Damit ist die Emotionalisierung nicht vollkommen unglaubwürdig. Aber scheinbar starteten diese Aktivitäten erst im Februar 2021 genau mit diesem Thema. Also 7 Jahre nach dem Start der „neuen Friedensbewegung“, die sich gegen die westliche Aggression mit Blick auf Russland wendet.
Das russische Regime nennt das amerikanische Regime und seine Satelliten das „Imperium der Lügen“. Gemeint ist unter anderem unsere Obrigkeit. Ich glaube, dass der Anlass dieser wenig diplomatischen Äußerung ein Zeit-Interview von Angela Merkel war, in dem sie berichtet hat, dass die Minsk-1- und Minsk-2-Abkommen nur abgeschlossen wurden, um Russland hinzuhalten und Zeit zu gewinnen, um die Ukraine für einen geplanten Krieg aufzurüsten. Emmanuel Macron hat sich ähnlich geäußert. Das einzig Positive an der Misere ist, dass unsere Politikdarsteller so schlechte Schauspieler sind, dass sie ständig aus der Rolle fallen – und man schon sehr unaufmerksam sein muss, um das nicht zu merken.
Wer sein Wissen über die Genese von WK1 und WK2 nicht nur aus der Schule oder von Guido Knopp hat, wird ein Muster erkennen. Für die anderen ist das natürlich immer alles neu – wie die Familie und Nachbarn für einen schwer Demenzkranken.
Zum „Imperium der Lügen“ passt auch das, was uns @Markus Bremermann über die Machenschaften des Senats in dieser Sache berichtet.
Aber zurück zum Text von Dieter Winge, der uns mit der Perspektive eines fiktiven Ich-Erzählers beglückt. Kam die Idee bei einem Besuch des Auswandererhauses? Wie auch immer: Auf dem Waller Friedhof werden die Überreste der Leichen nach nur 20 Jahren exhumiert und verbrannt, wenn niemand mehr bezahlt. Das sagt etwas über unseren kulturellen Umgang mit den biologischen Überresten ehemaliger Menschen aus. In unserer postrechtsstaatlichen Gesellschaft, die für jedes Event neue Maßstäbe erfindet, möchte man von dieser unangenehmen Wahrheit natürlich nichts hören.
Der Beitrag hat mich bewegt und nachdenklich gemacht.
Nicht deshalb, weil er politische Positionen vertritt oder juristische
Fragen aufwirft, sondern weil er uns daran erinnert, dass hinter
historischen Ereignissen immer einzelne Menschen stehen. Menschen mit
einem Namen, einer Familie, Hoffnungen und einem Leben, das durch Krieg
und Gewalt zerstört wurde.
Die Geschichte der sowjetischen Kriegsgefangenen gehört zu den
dunkelsten Kapiteln des Zweiten Weltkriegs. Viele von ihnen starben fern
ihrer Heimat unter unmenschlichen Bedingungen. Die meisten bekamen kein
Grab, keine Trauerfeier und oft nicht einmal die Gewissheit, dass sich
später noch jemand an sie erinnern würde.
Gerade deshalb berührt mich die Geschichte der Reitbrake. Dort geht es
nicht nur um ein Grundstück und nicht nur um die Frage, was baurechtlich
zulässig ist. Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit den
Spuren unserer Geschichte umgehen. Manche Orte erzählen mehr über unsere
Vergangenheit als viele Geschichtsbücher.
Als Christ glaube ich, dass die Würde des Menschen nicht mit dem Tod
endet. Sie gilt auch für diejenigen, die keine Angehörigen mehr haben,
die für sie sprechen können. Sie gilt für Menschen unabhängig von ihrer
Herkunft, ihrer Nationalität oder ihrer Religion. Gerade die Opfer von
Krieg und Gewaltherrschaft verdienen unseren Respekt und unser Erinnern.
Der Beitrag erinnert daran, dass hinter den Zahlen Schicksale stehen.
Hinter jeder Zahl stand ein Mensch. Einer, der gehofft, geliebt,
gelitten und am Ende oft namenlos gestorben ist. Dass viele Familien bis
heute nicht wissen, was aus ihren Angehörigen geworden ist, macht diese
Geschichte umso bedrückender.
Ich finde deshalb, dass wir uns die Zeit nehmen sollten, sorgfältig
darüber nachzudenken, wie wir mit einem solchen Ort umgehen. Nicht
alles, was rechtlich möglich ist, muss auch die beste Lösung sein.
Erinnerungskultur zeigt sich nicht nur an Gedenktagen oder in
Sonntagsreden. Sie zeigt sich vor allem dort, wo wirtschaftliche,
politische oder praktische Interessen mit der Verantwortung gegenüber
der Geschichte zusammentreffen.
Die Reitbrake ist für viele Menschen vielleicht nur ein Ort in einem
Industriegebiet. Für andere ist sie ein Ort des Leidens, des Sterbens
und der Erinnerung. Solche Orte verdienen besondere Aufmerksamkeit und
besondere Sensibilität.
Der Beitrag stellt am Ende die Frage, ob Menschen zweimal verschwinden
können – zuerst durch Gewalt und später durch Gleichgültigkeit. Diese
Frage sollte uns alle nachdenklich machen
@Tim Haga: 27 Millionen Tote, gleich auf welcher Seite, und dazu weitgehend zerbombte deutsche Städte sollten uns veranlassen in Demut zu schweigen statt wieder Grossmachtträumen nachzuhängen und uns in Kriege Dritter einzumischen. Oder ist Deutschland alle 50 Jahre wieder bereit für eine neue Katastrophe?
Bordunt und Mayer ziehen denselben Schluss: Die Gebeine seien „nicht mehr relevant“, gehörten „in den natürlichen Kreislauf“. Das verfehlt den Rechtszustand. Der Schutz von Kriegsgräberstätten steht auf vier Ebenen: Völkerrecht (Genfer Abkommen, Art. 34 ZP I), die Kriegsgräberabkommen mit Russland, der Ukraine und neun weiteren Sowjet-Nachfolgestaaten, das Grundgesetz (Art. 1, Art. 25) und das Gräbergesetz von 1951 mit dem dauernden Ruherecht. Geschützt wird nicht Biologie, sondern Würde.
Selbst die Schreiben, auf die der Senat sich beruft, betreffen die Umbettung, nicht die Bebauung: Eine Bahnwerkstatt auf der Gräberstätte hat keiner der Staaten gebilligt. Dennoch will man es den Abgeordneten glauben machen.
Hätte der Senat seine Pflicht erfüllt, wäre die Reitbrake heute eine gepflegte Kriegsgräberstätte, auf der niemand eine Werkstatt geplant hätte. Erst weil man den Friedhof jahrzehntelang vergessen und aus den Akten verschwinden ließ, wurde die Planung fälschlicherweise denkbar. Sie erschien nicht trotz, sondern wegen dieser Pflichtverletzung möglich. Wer nun Lentz und Winge Instrumentalisierung vorwirft, dreht die Verantwortung perfide um.
Hinzu kommt der politische Fehler des Bürgermeisters: Statt nach dem Fund von über 20.000 Knochenfragmente n und 66 Skelette nach Alternativen zu suchen, hielt er ohne nachvollziehbaren Grund an der Planfeststellung fest.
Wer dieses Ergebnis nicht will, ändert das Gesetz. Aber kann es nicht nach Gutdünken beugen. Wer das als „Oberseminar“ abtut, hat die tragende Säule des Rechtsstaats nicht verstanden und sollte der Exekutive nicht vorstehen.
Hier brechen Staatsvertreter geltendes Recht, und das ist ein Skandal. Opposition und Journalismus sind gefordert, dies aufzuklären, solange ihnen Rechtsstaatlichkeit am Herzen liegt und sie staatlicher Willkür entgegentreten.
Hallo Herr Schuller!
Danke, dass Sie sich dieses traurigen Themas annehmen. Wir haben bereits eine Führung im Bunker Valentin gehabt und befassen uns auch schon lange mit den Geschehnissen an der „Reitbrake“, jetzt ‚An der Kriegsgräberstätte‘ und waren emotional noch einmal angefasst durch Dieter Winges Gastkommentar.
Uns fehlt jeglicher Zugang zu der Denk- uns Handlungsweise des Bremer Senats. Uns graust es bei der Vorstellung, dass dort noch nicht geborgene Gebeine von Menschen liegen, deren Würde man einfach missachtet. Zusätzlich hat uns schockiert, dass Teile der Überreste noch nicht bestattet wurden sondern in Kartons irgendwo gelagert werden.
Wieder einmal zählt nur das Geld. Wir können und wollen uns das nicht gefallen lassen und verurteilen diese Vorgehensweise auf das Schärfste.
Wir sind bemüht, in unserem Freundes- und Nachbarschaftskreis von diesen Geschehnissen zu erzählen, denn es ist so wichtig, dass die Geschichte um diese schrecklichen Kriegsereignisse und den heutigen Umgang damit weitergegangen wird.
Liebe Hermi und Bärbel Wolak,
der wichtigste Satz in Ihrem Kommentar ist:
„Uns fehlt jeglicher Zugang zu der Denk und Handlungsweise des Bremer Senats!“
Diese Aussage ist „Oscar verdächtig“.
Lieber Markus Bremermann, formal mögen Sie vielleicht recht haben – oder auch nicht, weil das Massengrab 1948 offiziell umgebettet wurde. Und das ist ja nicht der erste „Friedhof“, der überbaut wurde. Mir geht es um eine viel grundsätzlichere Kritik: Ich wende mich gegen Doppelstandards, Verlogenheit und die Instrumentalisierung von Kriegsgedenken.
Fakt ist, dass es in Deutschland keine Gedenkkultur, sondern einen Schuldkult gibt, der die tatsächlichen Ursachen für WK1 und WK2 verleugnet. Im Gegensatz zu Russland wo das Gedenken sehr hoch gehalten wird. Und dieser Schuldkult hindert unsere verlogene Regierung leider nicht daran, mit Russland einen neuen Krieg anzufangen, wie ich oben bereits angedeutet habe. Die Propaganda berichtet natürlich etwas anderes.
Die BRD befindet sich nicht formell, aber faktisch und materiell im Krieg mit Russland: durch die Mitverursachung des Konflikts im Jahr 2014, Täuschung mittels Minsk, massive Aufrüstung der Ukraine und hybride Kriegsführung (Sanktionen, Propaganda, Logistik). Das Gewaltverbot der UN-Charta wird hier vom Westen selbst unterlaufen, während man Russland einseitig als Aggressor brandmarkt. Manche Staaten, darunter Russland, Iran oder Venezuela, bezeichnen weitreichende Sanktionen als „Wirtschaftskrieg“ oder „ökonomische Aggression“. Faktisch ein Krieg gegen das jeweilige Volk, welches die sozialen Kosten tragen muss.
Russland hat zudem bereits eine Liste mit Zielen in Deutschland veröffentlicht: DaVinci Avia und Airlogix (Raum München) sowie 3W Professional (Hanau).
…..Plastikbeutel in einer Lebensmittelkiste. So lagern die Knochen von
Menschen, die in Bremen umgekommen sind, weil sie Sowjets waren. Seit
über vier Jahren. Untersucht von einem Tierknochen-Spezialisten, denn
forensischer Anthropologe und ein DNA-Test seien angeblich zu teuer. Was
hat das mit würdevollem Umgang zu tun? Und warum wird nicht auch in
Osterholz archäologisch gegraben, wo das Massengrab von 1948 liegt? Dort
findet man bestimmt noch Erkennungsmarken, mit denen sich Tote
identifizieren lassen. „Wir geben den Toten die Namen zurück.“ Aber
bitte nicht in Osterholz, dieses Privileg bleibt allein den Toten der
Reitbrake vorbehalten. Ach so, in Osterholz macht man das nicht. Dann
ging es ja doch nur um die Baufeldfreimachung für Alstom. Die Alstom
auch bezahlt hat, während die Landesarchäologie die Räumung übernehmen
durfte. Sehr unabhängig das Ganze. Aufschlußreich übrigens, daß Alstom
vom Senat und der Landesarchäologie in dieser Sache laufend besser
informiert war als der Ortsbeirat oder wir Bürgerinnen und Bürger. Ich
will kein Foto mehr von Andreas Bovenschulte sehen, wie er süßlich in
die Kamera glotzt und sein „Nie wieder“-Schild hochhält. Das ist
Heuchelei. Oder ein härteres Wort, das mir gerade nicht einfällt.
Danke Axel Schuller und Danke dass auch dieser Teil des Lebenswerks von Ekkehard Lentz noch einmal in die Offentlichkeit und Erinnerung gebracht wurde. Und meine Abscheu und Verachtung gilt allen jenen die das schreckliche Geschehen und den Umgang mit den Opfern noch immer verharmlosen oder bagatellisieren.
Im Zuge der intensiven Arbeit der Bürgerinitiative, die sich so engagiert für diesen abgehängten Stadtteil Bremens einsetzt, musste man zwangsläufig auch zur Geschichte des Areals kommen. Dass sich dabei diese Missstände auftaten, war nicht zu erwarten. Aber hätte man hier aufhören sollen, nur um sich nicht der „Instrumentalisierung“ von Kriegsverbrechen bezichtigen lassen zu müssen? Hätte man Alstom einfach den Friedhof überbauen lassen sollen? Ziemt es sich nicht, die Frage nach den jüdischen Rotarmisten zu stellen? Doch natürlich! Und umso mehr, je mehr hier getrickst, vertuscht und gebogen wird. Als wir im Juli 2022 Peter Burghardt von der Süddeutschen Zeitung hier hatten, der später den Artikel „Der Friedhof der Vergessenen“ schrieb, berichtete er, er habe in seiner langjährigen Karriere selten ein derartiges Framing durch die Politik und ihre Pressevertreter erlebt wie hier in Bremen.
Liebe Frau Vogelsang, noch nie in meinem Leben habe ich etwas 3 x gemacht!
Noch nie!
Aber dieser Blog von Herrn Schuller zwingt mich dazu.
Mit der Kernaussage „getrickst, vertuscht und umgebogen“ bin ich sowas von dicht bei Ihnen…
Trotzdem bewegt man sich an einer gefährlichen Grenze, wenn in der fiktiven Ich-Perspektive eines Toten Mitarbeitende der Landesarchäologie diskreditiert werden. Der erwähnte Archäozoologe ist ein promovierter Biologe, der seit Jahren auch an der wissenschaftlichen Untersuchung und Identifikation menschlicher Knochen beteiligt ist. Die Beschreibung einer Lagerung in Lebensmittelkisten und Plastiksäcken – ob das im Einzelnen so zutrifft, sei dahingestellt – soll beim Lesenden offenbar Bilder des Abscheus erzeugen, die vor allem den Argumentationslinien von Herrn Winge dienen. Die Mitarbeitenden der Landesarchäologie sind an einer sorgfältigen Aufarbeitung sehr interessiert und bemühen sich seit Jahren um die Identifizierung der Toten, aus Respekt vor ihrem Schicksal. Die Restriktionen, denen sie dabei unterliegen, sind nicht ihre Verantwortung.
Unabhängig davon bleibt die eigentliche Kritik an der Reitbrake berechtigt: Die Aufarbeitung ist insgesamt intransparent, fragmentiert und politisch defensiv. Es gibt zu wenig öffentliche Vermittlung, zu wenig erinnerungskulturell sichtbare Auseinandersetzung und zu viele symbolische Minimallösungen ohne erkennbare Gesamtkonzeption. Punktuell und kurzfristig umgesetzte Maßnahmen – etwa halbherzige Straßenumbenennungen oder die Platzierung von Gedenkelementen ohne öffentliche Ausschreibung – sind Ausdruck eines lahmen Kompromisses zwischen BI und Senat. Sie sind keine konsistente erinnerungspolitischen Strategie. Kaum sind die Toten entfernt, wird das Gelände an der Reitbrake von der Stadtmitte her wieder unter dem Primat einer zügig vorangetriebenen wirtschaftlichen Entwicklung behandelt.
Dass solche Prozesse im innerstädtischen Kontext mit deutlich mehr öffentlicher Aufmerksamkeit und institutioneller Dichte anders verlaufen würden, liegt auf der Hand.
Gerade angesichts der historischen und internationalen Dimension dieses Ortes wäre es in der Verantwortung des Bürgermeisters, hier einen klaren Dialog und eine Zurückhaltung wirtschaftlicher Interessen gegenüber einer würdigen Aufarbeitung zu zeigen. Seiner mangelnden Führung ist es zu verdanken, dass die Situation allmählich zu einer Farce wird.
Liebe Ruth Vogelsang, die Mehrheit der Stadtteile ist abgehängt, weil sich die BRD mit Absicht oder aus Unfähigkeit eine riesige Unterschicht herangezüchtet hat. Mehr als 50 % der Bevölkerung besitzen nichts von Wert oder haben mehr Schulden als Vermögen. Die Deindustrialisierungsbemühungen ihrer Bürgerinitiative tragen dazu bei – herzlichen Glückwunsch!
Wie heißt es so schön: „Der Weg in die Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“ Wenn Sie ein illegales Massengrab als Friedhof bezeichnen, ist das faktisch nicht wahr, weil „Friedhof“ ein definierter Rechtsbegriff ist. Das ist Framing, also Täuschung!
Wer eine echte Erinnerungskultur will, schafft zentrale Orte, die an Kriegsopfer erinnern, und hält dort an entsprechenden Tagen Gedenkveranstaltungen ab. Wie wäre es auf der Altmannshöhe im Park am Osterdeich? Das muss man nicht einmal neu bauen – man braucht sich dort nur regelmäßig zu treffen und an die vergangenen und aktuellen Kriegsopfer deutscher Politiker zu erinnern.
Aber wie wollen Bovenschulte oder Röwekamp das vor ihren Freunden von der Kriegswaffenindustrie rechtfertigen? Die Finanzierung des NATO – Ukraine – Russland Kriegs hat aktuell wohl 1,6 Millionen Menschen das leben gekostet. Wir reden hier über die selben Familien, die auch schon am WK1 oder WK2 verdient haben. Krieg ist auch eine Umverteilung von unten nach oben. Krieg ist ein Geschäft, man sollte immer an die Profiteure erinnern und zwar möglichst namentlich.
Lieber Herr Mayer,
die Reitbrake war keineswegs ein ‚illegales Massengrab‘. Das Gelände wurde bereits 1941 behördlich als Friedhof ausgewiesen und in den Folgejahrzehnten planungsrechtlich als solcher geführt. Eine förmliche Entwidmung ist bislang nicht dokumentiert. Die pauschale Behauptung, es habe sich nicht um einen Friedhof gehandelt, ist daher historisch und rechtlich falsch.
Unabhängig davon ist unstreitig, dass dort zahlreiche sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter bestattet wurden und dass die Umbettung 1948 unvollständig blieb. Genau deshalb geht es hier nicht um eine beliebige Industriebrache, sondern um einen historisch und rechtlich besonders sensiblen Ort.
Gerne lasse ich Ihnen die entsprechenden historischen Dokumente und Karten zukommen, die diese Einschätzung belegen. Das gesamte Material ist zudem in einem öffentlich zugänglichen Dokumentenkonvolut zusammengetragen.
Lieber Dieter Winge, Jetzt kommen wir der Sache doch langsam auf den Grund.
Ich habe Ihre Aussage mal bei Grok eingegeben und gefragt, ob das richtig ist. Wenn die juristische Wirklichkeit so unterschiedlich interpretiert wird, muss das wohl ein Gericht entscheiden. Das ist keine politische Frage. Wenn man das nicht durch ein Gericht, sondern politisch entscheiden will, heißt das: „Ich will Doppelstandards.“
Übrigens finde ich, dass Politikdarsteller und Beamte, die Bürger in ein solches Verwaltungsgerichtsverfahren zwingen und verlieren, einen persönlichen Nachteil hinnehmen müssen – Gehaltskürzungen in Höhe der Gerichtskosten.
Grok sieht die Sache so:
„Teilweise stimmt es, ist aber irreführend und unvollständig.
Was korrekt ist:
Das Gelände an der Reitbrake wurde 1941 von den NS-Behörden als Begräbnisstätte für sowjetische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter eingerichtet und genutzt. Es gab eine Art provisorische Friedhofsanlage mit nummerierten Gräbern (teilweise Holzkreuze) und wurde in zeitgenössischen Dokumenten als „Russenfriedhof“ oder Kriegsgefangenenfriedhof bezeichnet.
Was nicht (oder nur sehr eingeschränkt) stimmt:
Es war kein offiziell gewidmeter, dauerhafter Friedhof im rechtlichen Sinne (siehe vorherige Erklärung zum Friedhofsrecht). Es handelte sich um eine improvisierte, menschenunwürdige Massenbegräbnisstätte auf einem ehemaligen Müll- oder Industriegelände, um Tote schnell zu „entsorgen“ (oft in Teerpappe gewickelt, ohne würdige Bestattung).
1948 wurde der „Friedhof“ offiziell aufgelöst (Exhumierung beschlossen, über 440 Tote auf den Osterholzer Friedhof umgebettet). Die Aktion war jedoch unvollständig – viele Überreste blieben im Boden. Danach geriet das Gelände in Vergessenheit und wurde nicht mehr planungsrechtlich als Friedhof geführt. Es wurde als Industrie- oder Brachenfläche behandelt.
In späteren Flächennutzungsplänen und Bebauungsplänen galt es nicht als aktiver Friedhof. Deshalb waren Bebauungspläne (z. B. für die Bahnwerkstatt) überhaupt möglich. Die aktuelle Debatte dreht sich genau darum, dass es sich um eine ehemalige, unvollständig exhümierte Kriegsgräberstätte handelt, die völkerrechtlich und moralisch besonderen Schutz genießt – aber kein regulärer, fortbestehender Friedhof im Sinne des Bestattungsrechts.“ Zitat Ende.
Der Beitrag von Dieter Winge hat mich nachdenklich gemacht. Nicht weil ich die Erinnerung an die Gräber der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter an der Reitbake infrage stellen möchte. Im Gegenteil: Die Opfer des nationalsozialistischen Terrors verdienen Würde, Erinnerung und, soweit möglich, die Wiederherstellung ihrer Namen und ihrer Geschichte.
Gerade deshalb frage ich mich, weshalb dieser Text genau jetzt erscheint.
Seit Jahren wird öffentlich über die Bahnwerkstatt, die Gräberfunde und die rechtlichen Fragen gestritten. Die Positionen sind bekannt. Die historischen Tatsachen sind weitgehend erforscht. In wenigen Tagen wird das Oberverwaltungsgericht Bremen über die offenen Rechtsfragen beraten.
Vor diesem Hintergrund wirkt der Beitrag weniger wie ein historischer Erinnerungsbeitrag als vielmehr wie ein politischer Interventionsversuch. Nicht die rechtlichen Argumente stehen im Mittelpunkt, sondern die moralische Aufladung des Konflikts.
Der Text lässt einen Toten sprechen. Das ist literarisch eindrucksvoll und emotional bewegend. Zugleich lenkt diese Perspektive den Blick gezielt auf einen Teil der Wirklichkeit. Die offenen juristischen Fragen, die Einschätzungen von Fachbehörden oder die Möglichkeit, dass Erinnerungskultur und gewerbliche Nutzung nebeneinander bestehen könnten, kommen nicht vor.
So entsteht ein Narrativ, in dem am Ende nur zwei Positionen übrig bleiben: hier die Toten und ihre Würde, dort die Bahnwerkstatt. Die tatsächliche Auseinandersetzung ist jedoch komplexer.
Ich schreibe dies auch aus persönlicher Betroffenheit. Ein Verwandter meines Großvaters wurde im KZ Schützenhof in Gröpelingen auf einem Todesmarsch von Nazis ermordet. Deshalb reagiere ich sensibel, wenn das Gedenken an NS-Opfer mit aktuellen politischen Auseinandersetzungen verknüpft wird.
Die Würde der Toten darf nicht Gegenstand politischer Instrumentalisierung sein – von keiner Seite. Wer ihrer gedenkt, sollte dies um ihrer selbst willen tun und nicht, um einer bestimmten Position in einem laufenden juristischen Konflikt zusätzliches moralisches Gewicht zu verleihen.
Gedenken lebt von Wahrhaftigkeit. Und Wahrhaftigkeit verlangt, zwischen Erinnerung, Politik und Recht zu unterscheiden.
Lieber Herr Meyer, übernehmen Sie das Narrativ des Bremer Senats bitte nicht leichter Hand, auch nicht in der Fassung, die Grok daraus rezipiert hat.
Es gibt eine Widmung dieses Friedhofs. Sie liegt im Staatsarchiv Bremen unter der Signatur 4,19/1-1293, zusammen mit einem aussagekräftigen Plan. Der Senat hat diese Widmung nie bezweifelt. Er bestreitet auch in der Drucksache 21/661 S nicht, dass hier ein Kriegsgräberfriedhof bestand. Er behauptet allein, dieser Status sei entfallen, weil das Gelände seit den Exhumierungen von 1948 „formal nicht mehr als Friedhof fungiert“.
Genau hier hält das Argument nicht. Einer formalen Widmung bedarf es für die völkerrechtliche Qualifikation als Kriegsgräberstätte nicht. Maßgeblich ist, dass hier Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft bestattet liegen. Das Ruherecht an solchen Gräbern ist dauerhaft. Ob der Senat eine Entwidmung beschlossen hat, ist rechtlich ohne Belang.
Und einen solchen Beschluss nennt der Senat nicht einmal. Auf die Frage nach Datum und Urheber seiner Bewertung antwortet die Drucksache mit „S.o.“. Kein Dokument, kein Datum, kein Urheber. Ein Entwidmungsdokument hat im wohlsortierten Staatsarchiv bis heute niemand gesehen.
Maßgeblich ist nicht, was in Akten behauptet wird. Maßgeblich ist, was in situ verborgen lag und nun wieder aufgefunden wurde.
Hier hat die Verwaltung versagt. Sie hat versagt, obwohl in regelmäßigen Abständen engagierte Bürger Beweise zusammentrugen und sie den zuständigen Stellen vorlegten. Es interessierte niemanden. Sie hat versagt, weil sie als Land und als Grundstückseigentümerin dafür einzustehen hatte, diese Kriegsgräberstätte von allem Unwürdigen freizuhalten.
Dieselbe Gleichgültigkeit hätte auch Dietrich Winge und Ekkehard Lentz getroffen. Sie traf sie nur deshalb nicht, weil ihr Anliegen zum Risiko für die Planfeststellung wurde.
Dann begann die archäologische Grabung. Im Vertrauen darauf, dass nach so vielen Jahren vollständig verwest sei, was 1948 nicht vollständig exhumiert wurde. Es kam anders. Es gab noch Knochen zu finden. Damit hatte man im Senat nicht gerechnet.
Lieber Markus Bremermann, heute vor 85 Jahren, am 22. Juni 1941, fand der deutsche Überfall auf die Sowjetunion statt (Zufälle gibt’s!). Ich hoffe doch, dass sie heute dort, im Kreise der Bürgerinitiative, einen Kranz niedergelegt haben. Ich hätte das sogar gefilmt und auf Social Media verbreitet, weil das ihre Glaubwürdigkeit sehr untermauert hätte.
Lieber Thomas Schächter,
vielen Dank für den nachdenklichen Kommentar und den persönlichen Bezug.
Allerdings teile ich die Auffassung nicht, dass sich Erinnerung, Politik und Recht in diesem Fall voneinander trennen lassen. Die Auseinandersetzung um die Reitbrake dreht sich gerade um die Frage, wie wir heute mit einem historischen Ort umgehen, an dem Opfer von Krieg, Zwangsarbeit und nationalsozialistischem Terror begraben wurden. Der Umgang mit solchen Orten ist immer auch Ausdruck gesellschaftlicher und politischer Wertentscheidungen.
Mein Beitrag erhebt nicht den Anspruch, die juristischen Fragen zu beantworten oder die Komplexität des Konflikts vollständig abzubilden. Er wählt bewusst einen literarischen Zugang, um den Menschen eine Stimme zu geben, die in den zahlreichen Gutachten, Verwaltungsakten und Gerichtsverfahren zwangsläufig stumm bleiben.
Dass der Beitrag kurz vor der Gerichtsverhandlung erscheint, ist kein Zufall. Er erscheint aber vor allem am Vorabend des 85. Jahrestages des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion. Gerade an einem solchen Tag erscheint es mir angemessen, an das Schicksal der Menschen zu erinnern, die nach Bremen verschleppt wurden, hier starben und jahrzehntelang weitgehend vergessen waren.
Im Übrigen begleitet mich dieses Thema seit mehr als fünf Jahren. Die Forderung nach einem würdigen Umgang mit der Reitbrake entstand lange vor den jetzigen Gerichtsverfahren und wird auch nach deren Abschluss Bestand haben.
Die Würde der Toten darf nicht instrumentalisiert werden. Sie darf aber ebenso wenig hinter aktuellen wirtschaftlichen oder infrastrukturellen Interessen zurücktreten.
@ Thomas Mayer: schauen Sie doch mal hier: https://deutsch-russische-friedenstage.de/2026/05/8-mai-gedenken-an-der-reitbrake/
Rolf Vogelsang (ehemaliger Vorsitzender der SPD Oslebshausen, Bürgerschaftsabgeordneter 2011 bis 2015, SPD-Mitglied von 1963 bis 2023, aus Protest ausgetreten)
Über sechzig Jahre lang war ich Sozialdemokrat. Dass ich 2023 austrat, hatte nicht mit der Programmatik zu tun, sondern mit Menschen. Von Andreas Bovenschulte und einigen Genossen war ich schwer enttäuscht, über manches Verhalten in dieser Sache entsetzt. Die Eisenbahn ist auch Symbol der industriellen Menschenvernichtung. In Yad Vashem steht dafür ein Waggon auf abgebrochenen Schienen über dem Abgrund. Dass ausgerechnet auf den Gräbern sowjetischer Kriegsgefangener eine Bahnwerkstatt errichtet werden soll, hätte ich als Lehrer keiner Schulklasse erklären können. Mir fällt es heute schwer, es überhaupt jemandem zu erklären.
Dieser Text hat mich zutiefst berührt, und er könnte aktueller nicht sein. Schon wieder tobt ein verheerender Krieg in den Bloodlands der Ukraine.
Nach 1989 schien der Weltfrieden zum Greifen nah. Wir hatten unsere Chance. Wir haben sie vertan. Die Menschheit scheint nichts gelernt zu haben. Immer wieder reißen einzelne Potentaten ganze Völker in den blutigen Abgrund, mit Nationalismus und imperialem Größenwahn als Antrieb, in Wahrheit um Macht, Geld und zweifelhaften Ruhm. Die Toten zahlen, die Mächtigen kassieren. Und der Krieg kehrt ausgerechnet dorthin zurück, wo das Morden im 20. Jahrhundert am blutigsten war.
Den Begriff „Bloodlands“ prägte der Yale-Historiker Timothy Snyder. Er beschreibt damit die Region zwischen Berlin und Moskau, in der die Regime Hitlers und Stalins zwischen 1933 und 1945 rund vierzehn Millionen Zivilisten und Wehrlose töteten, die meisten außerhalb der Vernichtungslager. Beide Gewaltherrschaften verstärkten einander dort. Zu Snyders zentralen Opfergruppen zählen die über drei Millionen sowjetischen Kriegsgefangenen, die Deutschland planmäßig dem Hungertod überließ. Etwa 800 bis 1.000 wurden an der Reitbrake beigesetzt.
Gerade deshalb wiegt das Geschehen an der Reitbrake so schwer. Wer die Toten des letzten Vernichtungskriegs achtlos beiseiteräumt, um eine Bahnwerkstatt darüber zu errichten, ist gleichgültig gegenüber der Geschichte. Der authentische Ort, an dem das Verbrechen geschah und die Toten liegen, lässt sich nicht durch ein Gräberfeld andernorts ersetzen. Wird er überbaut, geht genau das verloren, was Erinnerung überhaupt trägt: dass hier, an dieser Stelle, Geschichte wirklich geschehen ist.
Und dann verhandelt der Bremer Senat über das Schicksal dieser Toten ausgerechnet mit dem Regime in Moskau, das gerade selbst einen Angriffskrieg führt und Kriegsverbrechen begeht. Das ist auf perfide Weise verkehrt. Ein Regime, dem die eigenen Gefallenen dieses Krieges erkennbar gleichgültig sind, soll ausgerechnet die Würde der Toten von vor achtzig Jahren verbürgen? Wessen Einvernehmen man da sucht, sagt mehr über die Dringlichkeit der Bahnwerkstatt als über die Sorge um die Opfer.
Der namenlose Sowjetbürger, in dessen Stimme Dieter Winge spricht, hat es bitter genau gefasst: dass Menschen zweimal verschwinden können, erst durch Gewalt, dann durch Gleichgültigkeit. Und gäbe es Menschen wie Dieter Winge nicht wäre das alles hier schon jetzt wieder dem Vergessen anheim gestellt.